Aus Berichten über Woodstock im «Rolling Stone»-Magazin vom 20. September 1969: «Eine monströse und herrliche Metapher war lebendig geworden, die sich erst in ihren Widersprüchen enthüllt: Paradies und Konzentration, Teilen und Profit, Himmel und Dreck, Liebe und Tod.» «Wer hat schon je so viele Leute an einem Ort und mit einer Idee gesehen? Nun ja, Hitler, und General Mac Arthur, und Mao - aber hier war denn doch eine etwas bessere Gelegenheit.» «Woodstock war . . . die verwirrende, chaotische Gründung von etwas Neuem, von etwas, mit dem unsere Welt nun umzugehen lernen muss.» «Die wahre Herausforderung ist, zu begreifen, dass Woodstock wirklich das Traumland von Oz war und dass alle, die dabeiwaren, wiederkommen wollen, und alle, die davon hörten, ihnen folgen werden.» «Niemand hat in diesem Land und diesem Jahrhundert je eine -Gesellschaft? gesehen, die so frei war von Repression. Für Menschen, die das intensive Gemeinschaftsgefühl eines militanten Kampfes nie kennengelernt haben - etwa von Paris im Mai oder Kuba -, wird Woodstock immer das Modell bleiben für das gute Gefühl nach der Revolution.»
Aus einem Leserbrief an die «Washington Post» vom 1. Mai 1993: «Als Lehrer hat mich Ihr Artikel über Schüler, die ihren Lehrer beschimpfen, nicht erstaunt. Kann es denn noch jemanden im geringsten überraschen, dass eine Generation, die uns Woodstock gebracht hat, Drogen, die sexuelle Revolution und die Infragestellung von Autorität und nun erwachsen geworden ist, als Eltern ihren Kindern die Werte der Immoralität, der Gewalt und der Respektlosigkeit gegenüber Autorität weitergibt?»
Anne Roberts und King Morgan waren im August 1969 zusammen am Woodstock-Rockfestival. Sie sind beide in einem Dorf in Tennessee aufgewachsen und teilten damals ihre Liebe zu Jazz und Rock. Sie waren kein Paar und sind es auch heute nicht - sie sind zwar verheiratet, aber nicht miteinander. Heute arbeitet Anne als Spezialistin für Gesundheitsfragen in einer Non-profit-Organisation und King bei der Weltgesundheitsorganisation (WHO). Beide leben in Washington D. C., wo Kathrin Meier-Rust sie getroffen hat.
Anne: Wir fuhren in einem roten offenen Wagen hin, am Freitag. King hatte das Auto aus Washington gebracht, und wir trafen uns irgendwo im Staat New York, ich glaube, es war in Springfield. Ich war nämlich beruflich in dieser Gegend in jenem Sommer und hatte noch einige Tage Ferien - Wanderferien - angehängt. Offensichtlich haben wir das damals alles genau geplant. Ich hatte die Eintrittskarten schon in Colorado besorgt, alle wussten damals vom geplanten Festival in Woodstock, und man konnte im ganzen Lande Tickets kaufen, ich glaube, sie kosteten 18 Dollar. Und dann hatte ich sie auch noch zu Hause liegenlassen. Als ich es merkte, war es mir sehr peinlich, wegen King, aber es stellte sich dann heraus, dass ohnehin schon jede Kontrolle zusammengebrochen war. Die Zäune waren schon niedergetrampelt, als wir kamen . . .
King: Als wir in die Gegend von Whitelake kamen, realisierten wir, dass da offenbar etwas Besonderes los war. Der Verkehr staute sich meilenweit, und die Leute, die an der Strasse wohnten, sassen auf Campingstühlen in den Vorgärten, um die Szenerie zu geniessen. Hippies waren eben noch ziemlich ungewöhnlich damals, 1969 . . . Schliesslich liessen wir das Auto irgendwo stehen und gingen die letzten Meilen zu Fuss. Wir hatten noch Lebensmittel eingekauft, und Anne hatte ein kleines Tunnelzelt dabei. Ehrlich gesagt, hatte ich ja gehofft, dass wir ein Hotel finden würden, das Zelten war schon damals nicht mein Stil. Aber das war auch so eine von den Illusionen, die ich bald verlor. Wir schlugen das Zelt in einem Wäldchen auf, und am nächsten Tag, nachdem es die halbe Nacht gegossen hatte, zeigte sich selbstverständlich, dass es in einer Pfütze stand . . . Am Samstag hiess es ja dann eine Zeitlang, das Konzert könne nicht weitergehen, weil die ganzen Elektroanlagen für die Lautsprecher nass waren.
Anne: Ich erinnere mich, dass ich im Army & Navy Store in Springfield noch Jeans gekauft hatte, und du hast dich darüber aufgeregt, weil die so neu aussahen. Wir waren ja sowieso schon keine richtigen Hippies und auch älter als die meisten, ich war gerade 30, und du, wieviel, 33? Also jedenfalls über die gefürchteten 30 hinaus, und dann auch noch nagelneue Jeans - aber zum Glück waren sie dann sehr schnell sehr dreckig.
King: Die Who waren da, The Loving Spoonful, «Blood, Sweat & Tears und The Canned Heat - deren Musik mag ich immer noch. Aber das Grösste war Janis Joplin, die war wirklich stark, ich glaube, sie war die letzte in der Nacht vom Samstag. An Jimi Hendrix erinnere ich mich nicht, vielleicht kam er erst, nachdem wir gegangen waren?
Anne: Woodstock war wie ein fremdes Land, es war ein wundervolles Erlebnis. Die Musik war grossartig, alle sangen mit. Das natürliche Amphitheater hatte eine grossartige Akustik. Es wimmelte von Menschen, aber alle waren freundlich, guter Dinge, guter Laune, nichts von klaustrophobischer Stimmung - wenn man das mit einem Fussballstadion vergleicht, wo man heute jeden Moment irgendeine bedrohliche Unruhe oder einen Aufruhr erwartet. Es war chaotisch, aber friedlich, keine Spur von bedrohlich. Wie hatten ja eine wirklich deprimierende Zeit hinter uns, die Ermordung von Robert Kennedy und von Martin Luther King, und dann My Lai - 1968 war ein deprimierendes Jahr gewesen. Vielleicht war es deswegen so aufregend, dass die Stimmung in Woodstock so positiv, so optimistisch war.
King: Nun, vielleicht hatte das ja auch mit den Drogen zu tun, die da in Mengen konsumiert wurden, Hasch und LSD vor allem. Vielleicht wären die Leute sonst mit all dem Regen und dem Dreck doch ausgerastet. Ich erinnere mich, dass ich diese Pillen dabeihatte, Amphetamine, die mich bei guter Laune und vor allem auch wach hielten. Im College in den fünfziger Jahren waren die Amphetaminpillen ziemlich gang und gäbe gewesen, man hatte sie genommen, um wach zu bleiben vor Examen, man hatte sie damals auch ganz leicht bekommen können.
Anne: Die Hog-Farm-Leute hatten ein Zelt aufgestellt für die Leute, die einen schlechten Trip hatten. Es war wunderschön da drin, mit vielen brennenden Kerzen und Räucherstäbchen. Ich half eine Weile mit, die Hog-Farm-Hippies hatten eine Art Dreischritteprogramm für die Kids mit Überdosis. Es begann damit, dass man beruhigend auf sie einredete. Jedermann waren die Hog-Farm-Hippies damals ein Begriff, das war eine richtig ausgeflippte Kommune in New Mexico. Die hatte man als Ordnungshüter nach Woodstock geholt, und sie machten das sehr gut, sie waren ja auch sehr glaubwürdig fürs Publikum. Sie hatten auch jenes grosse Esszelt organisiert, wo man wohl Tonnen von Suppe gekocht hat und von makrobiotischem Reis. Ich weiss gar nicht mehr, was wir alles gegessen haben. Die meisten Leute sassen da und hörten der Musik zu. Aber es gab auch viel Bewegung, man konnte herumlaufen zwischen den Leuten, wie man wollte. Ich erinnere mich an eine Schlammrutsche. Die war wie die Eisrutschen im Winter, man nahm Anlauf, rannte und segelte dann mit ausgebreiteten Armen in den Schlamm.
King: Auf dem Heimweg machten wir Pläne fürs nächste Mal. Für uns war es so toll gewesen, und uns war ganz klar, dass solche Konzerte nun immer wieder stattfänden. Die Minibusse, in denen einige Leute gekommen waren, waren mir so gemütlich erschienen - das nächstemal würden wir also auch einen Bus mieten, grosse Vorräte von Essen und Wasser mitbringen, am Tag vor dem Konzert schon hinfahren, um den Stau zu vermeiden, kurz und gut, das nächstemal würden wir's richtig machen . . . Und dann gab es kein nächstes Mal.
Anne: Danach kamen ja dann die schlimmsten Geschichten auf: dass es kein Wasser gegeben habe, kein Essen, keine Toiletten, dass wir uns gegenseitig gefressen hätten . . . Als ich zurückkam, sagten die Leute: Mein Gott, wie hast du das bloss überlebt? Erst als ich die «New York Times» sah und all die Magazine mit der Woodstock-Geschichte auf dem Titelblatt, realisierte ich, dass da ein Ereignis erster Grösse stattgefunden hatte, dass «wir» berühmt waren . . .
King: Manchmal wird auf Parties unter Leuten meines Alters von den «guten alten Rockbands» geschwärmt. Ich warte dann immer, bis sie fertig sind mit den Erinnerungen und dem Schwärmen, und dann komme ich mit meiner Woodstock-Geschichte. Damit bin ich natürlich unschlagbar.
Anne: Ich liebte diese Musik einfach. «Let it be», «Bridge over troubled water», das waren doch wunderbare Lieder. Ich war auf einer Demo letztes Jahr - ich bin eben immer noch die alte Aktivistin aus den sechziger Jahren -, und als die Polizei uns da gegenüberstand, schlug ich vor, etwas zu singen. Aber niemand kannte auch nur ein einziges Lied. Lauter junge, kompetente Aktivisten - aber sie hatten keine Musik. Musik war damals so wichtig gewesen, auf allen Demos, Sit-ins und Märschen, immer gab es Musik. Ich selbst bin mit meinen Neigungen wieder zum Jazz zurückgekehrt, damit hatte ich ja auch angefangen. Ich mag die heutige Rock- und Popmusik nicht, mein Sohn - er ist 19 - hat natürlich kein bisschen Geduld mit «meiner» Musik, aber ich verstehe die seine eben auch nicht.
King: Mir geht es genauso. Neulich holte ich meine 17jährige Tochter von einem Konzert ab. Die jungen Leute, die da aus dem Konzert kamen, sahen einfach fürchterlich aus, empörend, wie Terroristen - aber dann dachte ich an uns, damals . . .