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NZZ Folio 05/09 - Thema: Do it yourself   Inhaltsverzeichnis

Zerlegt -- Die Hose des absoluten Mittelmasses

© Patrick Rohner, Zürich
Hose, Baumwolle, Dockers Regular D 2, 139 Franken. Linktext
Es gibt sie seit der Kolonialzeit, ihren Namen erhielt sie aber erst vor gut zwanzig Jahren: Dockers, die Khakihose, die garantiert keine modischen Ambitionen hat.

Von Jeroen van Rooijen

Die Schweizer lieben das Dauerhafte und Gute. Aber es darf nicht danach aussehen, mittelmässig chic ist den Helvetiern schon elegant genug. Darum passen «Khakis» gut zu diesem Land: Sie sind die Hose des absoluten Mittelmasses. Kein Kleidungsstück ist modisch so ambitionslos wie die sandfarbene Baumwollhose. Andere Klassiker, etwa das Kapuzenshirt, das Polohemd oder der Parka, drängen von Zeit zu Zeit ins modische Rampenlicht – nicht so die Khakihose. Es gibt sie seit 163 Jahren, und niemals hat sie in dieser Zeit einen Stilanspruch angemeldet.

Geboren wurde sie während der englischen Kolonialzeit in Indien, Anfang des 20. Jahrhunderts ging sie mit Teddy Roosevelt auf die grossen Safaris, und nach dem Zweiten Weltkrieg wurde sie zum Standard der aufstrebenden Gattung der Freizeitbekleidung. James Dean trug sie, Steve McQueen und John F. Kennedy. Aber keiner wollte mit der Hose Modemut zeigen, sondern eher das Gegenteil: Nonchalance und Beiläufigkeit.

1986 gelang dem US-Jeanskonzern Levi Strauss mit einem Marketing-Geniestreich, dem namenlosen Stück einen griffigen Markennamen zu verpassen: Aus Khakihosen wurden Dockers, in Anlehnung an die robuste Arbeitsbekleidung der Hafenarbeiter. Acht Jahre später machte die Marke damit schon eine Milliarde Dollar Umsatz, «Dockers» wurde zum Synonym für den Hosentypus. Heute haben laut Erhebungen von Levi Strauss acht von zehn Amerikanern eine Dockers im Schrank – wahrscheinlich auch acht von zehn Schweizern.

Gefertigt werden Dockers, die es in Dutzenden von Passformen gibt und von denen wir eine Regular D 2 (mit gerade geschnittenem Bein) zerlegt haben, aus 100 Prozent Baumwolltwill. Der Stoff hat eine ausgeprägte Diagonalrippe, die entsteht, weil der Schussfaden beim Weben versetzt wird und einen oder mehrere Kettfäden überspringt. Dies macht den Baumwollstoff weich und geschmeidig. Genäht wurde unser Exemplar in einem türkischen Betrieb, der im Auftrag von Levi Strauss Europa produziert.

Dank verschiedenen Bundweiten und Beinlängen findet auch die unmöglichste Bauchform eine passende Grösse. Die Details sind sorgfältig ausgeführt: Vom soliden Reissverschluss mit Metallzähnen über den doppelten Hosenlatz, dessen Kanten mit Schrägband eingefasst sind, bis zu den tief ins Hosenbein reichenden, mit einem angenehmen Baumwollfutter gearbeiteten Hosentaschen ist alles picobello. In der rechten vorderen Hosentasche ist übrigens ein kleines «Münzfach» eingearbeitet, das auch Handybesitzer sehr schätzen.

Mit Markenzeichen wird bei Dockers zurückhaltend umgegangen: Das im ­gleichen Farbton aufgestickte Logo ­unterhalb des Tascheneingriffs vorne links, die mit dem Markennamen gravierten Kunststoffknöpfe und das winzige Etikett rechts hinten über dem Gesäss zeigen dem Kenner, dass es sich hier um eine echte Dockers und nicht um millionenfach produzierte und namenlose Ware handelt.

Jeroen van Rooijen ist Moderedaktor bei der NZZ.



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