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Editorial -- Die Leute von Wislig
© Markus Bühler-Rasom
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| Fest auf dem Nägelihof (Schlaue Bauern). |
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Von Andreas Heller
Es waren andere Zeiten, als Gottfried Keller seine bittersüssen Novellen über die Leute von Seldwyla verfasste. Das Leben war zwar nicht unbedingt friedlicher, aber doch beschaulicher. Im von Türmen und Ringmauern bewehrten Dorf gab es noch Tuchscherer, Kammmacher und schwarze Geiger, man schrieb noch Liebesbriefe und erledigte an seinem Wohnort die «krabbelige Arbeit von tausend kleinen Dingen». Noch fuhren bloss Pferdekutschen. Man war unter sich, und die Stadt war fern.
Heute sind die meisten Schweizer Dörfer nicht mehr eine kleine Welt für sich, sondern Teil einer städtischen Agglomeration oder eines amorphen Siedlungsbreis, der sich in den letzten Jahrzehnten über das Schweizer Mittelland ergossen hat. Oder sie sind weit in die Landschaft hinein ausgefranst, Häuschen für Häuschen die Hügel emporgewachsen, mit Einkaufszentren und anderen Zweckbauten entlang den Hauptverkehrsachsen. Weit mehr als die Städte haben sich im Zeitalter des Baubooms und der Mobilität die Dörfer verändert. Aber noch immer gibt es feine Unterschiede zwischen dem Leben in der Stadt und dem Leben auf dem Land – wie dieses Heft über Weisslingen zeigt.
Anders als Seldwyla ist Weisslingen – oder «Wislig», wie seine Bewohner liebevoll sagen – kein fiktiver Ort. Das Dorf liegt am Rand des Zürcher Oberlands, hübsch eingebettet in grünes Hügelland. Ein typisches Dorf mit markantem Kirchturm und einigen schmucken Fachwerkbauten im historischen Dorfkern. Unübersehbar sind in Weisslingen aber auch die Entwicklungen der neueren Zeit: die überbordende Bautätigkeit der letzten Jahrzehnte mit Einfamilienhaussiedlungen am Sonnenhang und dem ganzen übrigen Inventar heutiger Dörfer – inklusive Pizzakurier.
Ein durchschnittliches Schweizer Dorf, keine halbe Autostunde von Zürich entfernt, eine sogenannte Schlafgemeinde für Pendler, die sich ein Haus im Grünen leisten, haben wir uns also vorgenommen. Wir fuhren hin, in ein Dorf, das keiner von uns zuvor gekannt hatte. Und wir stiessen auf Geschichten, in denen sich Schweizer Alltag in all seinen Facetten spiegelt – meist charmant, manchmal behäbig, bisweilen auch ziemlich skurril und irritierend. Dorfgeschichten, wie sie das 21. Jahrhundert schreibt.
Markus Bühler-Rasom Drei Wochen lang fuhr der Zürcher Fotograf regelmässig nach Weisslingen. Entgegen der Annahme des Städters liessen sich die freundlichen Wisliger ausgesprochen gern fotografieren.
Leserbriefe:
Zu Editorial -- Die Leute von Wislig - NZZ-Folio Das Dorf (05/07)
Weisslingen zum Beispiel, das wird nicht einmal jeder in der Schweiz kennen. Und hierzulande muss man sich daher wohl auch nicht schämen? Die trauen sich was, war mein erster Eindruck, eine Beilage über ein solch unbekanntes Dorf zu machen. Aber dann wurde ich von Seite zu Seite mehr gefesselt. Sie werden's vielleicht nicht glauben, am Abend auf dem Balkon, habe ich alle Sätze über "Wislig" und seine Bewohner aufmerksam und interessiert gelesen, mitunter wurde es richtig "spannend". Das hätte ich auch nicht von mir erwartet. Vielen Dank für diese intelligente, vielseitige Arbeit, die auch noch in der fernen Grossstadt mit Genuss zu lesen war. Jürgen W. Fritz, Frankfurt am Main
Zu Editorial -- Die Leute von Wislig - NZZ-Folio Das Dorf (05/07)
Ihr Folio war wieder einmal Spitze. Die Redaktoren haben toll recherchiert und die Situation auch amüsant wiedergegeben. Weisslingen, war für mich noch ein fröhliches Landdorf, als ich dort 1964 einen (von vielen) militärischen Wiederholungskurs absolvierte. Ungeklärt blieb einfach, warum die Eisenbahn im wahrsten Sinne des Wortes versandete. Niemand konnte darüber Auskunft geben, und das fehlt leider auch in Ihren Beiträgen über Weisslingen. Haben sich die Zürcheroberländer in der Eisenbahneuphorie einfach übertan ? Wir Soldaten wanderten frühmorgens und nach getanem Einsatz abends immer dieser stillgelegten Eisenbahnspur nach, bis sie aufhörte; dort war unsere Unterkunft. Die Beizen waren damals natürlich toll frequentiert, ich erinnere mich an die "Jägersburg", da alle paar Wochen wieder WK-Truppen aufmarschierten. Wo anders, als in einer Beiz, konnte man sich "verlustieren" ! Danke für Ihre Dorf-Erzählungen, die auch im deutschreiburgischen Umfeld beheimatet sein könnten. Peter Weisser, Brünisried
Zu Editorial -- Die Leute von Wislig - NZZ-Folio Das Dorf (05/07)
Von den meisten bisherigen Folio-Ausgaben war ich wegen deren sprachlichen Brillanz begeistert. Dieses Folio ist auch vom Thema her schlicht müder Dorfklatsch. Warum dieser Absturz? Sparmassnahmen? Fridolin Stutz, Wolfhausen
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