NZZ Folio 12/01 - Thema: Erinnern und vergessen   Inhaltsverzeichnis

Reise in die Nacht

Wie Alois Alzheimer die Krankheit des Vergessens entdeckte.

Von Michael Jürgs

Die Alzheimer-Krankheit, häufigste Ursache für verwirrende Veränderungen im Alter, die als Demenz bezeichnet werden, ist die schwerste aller durch Nervendisfunktion bedingten organischen Störungen. Sie beginnt mit scheinbar zufälliger Vergesslichkeit und endet nach Jahren mit dem Verlust des Verstandes. Den Erkrankten entgleitet auf einem unaufhaltsamen Absturz ins Nichts die Identität, also ihr Selbst. Sie verstehen die Welt nicht mehr. Nur am Anfang ihres freien Falls merken sie noch, wie ihre eigene Biographie sie verlässt und damit das, was ihr Leben ausgemacht hat. Darum sind die ersten Phasen der Krankheit für die Betroffenen wohl weit schlimmer als kurz vor dem Tod das Endstadium. Diese totale Umnachtung ist für Gesunde aber das eigentliche Schreckensszenario.

Die «Krankheit des Vergessens», die heute seinen Namen trägt, entdeckte der damals 42-jährige Neurologe Alois Alzheimer 1906 bei der Untersuchung des Hirns einer ehemaligen Patientin. Die Verstorbene war nur 51-jährig geworden. Er hatte sie von seiner Tätigkeit in einer Frankfurter Irrenanstalt her gekannt, in die sie 1901 eingeliefert worden war.

Ihre Symptome glichen jenen der senilen Demenz, wie sie Alzheimer an verschiedenen Patienten registriert und in Krankenblättern handschriftlich festgehalten hatte. «Sitzt im Bett mit ratlosem Gesichtsausdruck», stand da etwa mit Datum 26. November 1901. Auf die Frage nach ihrem Vornamen antwortete sie korrekt mit «Auguste», die Frage nach ihrem Familiennamen und die nach dem Namen ihres Mannes beantwortete sie allerdings gleich. Gegenstände wie Bleistift, Stahlfeder, Portemonnaie und Schlüssel bezeichnete sie richtig. Gleichentags, als sie zum Mittagessen Weisskohl und Schweinefleisch ass und man sie fragte, was sie esse, sagte sie: Spinat.

Alzheimer beschrieb das Verhalten der Patientin als von völliger Ratlosigkeit geprägt, als zeitlich und örtlich desorientiert. «Oft schreit sie viele Stunden lang mit grässlicher Stimme. Ihre Merkfähigkeit ist aufs schwerste gestört. Zeigt man ihr Gegenstände, so benennt sie dieselben meist richtig, gleich darauf aber hat sie alles wieder vergessen. Beim Sprechen gebraucht sie häufig Verlegenheitsphrasen, einzelne paraphasische Ausdrücke - Milchgiesser statt Tasse. Den Gebrauch einzelner Gegenstände scheint sie nicht mehr zu wissen.» Das Ende kam nach viereinhalbjähriger Krankheit, in deren Verlauf alles immer schlimmer wurde, wie Alzheimer notierte: «Die Kranke war schliesslich völlig stumpf, mit angezogenen Beinen zu Bett gelegen, hatte unter sich gehen lassen . . .»

Als er Jahre später von Auguste Deters Tod hörte, liess Alzheimer sich das Gehirn der Verstorbenen nach München schicken, wo er seit 1903 das Labor der Königlichen Psychiatrischen Klinik leitete; seine Schüler, unter ihnen Jakob und Creutzfeldt, kamen aus der ganzen Welt. Alzheimer war als Pathologe des Hirns berühmt. Unter dem Mikroskop entdeckte er in Auguste Deters Hirn an den Kontaktstellen, über die die Botenstoffe zwischen den Nervenzellen transportiert werden, sogenannte Plaques, Eiweissablagerungen, umgeben von einem verklumpten Hof von Fasern, toten Nervenzellen. Er setzte den Befund in Zusammenhang mit der merkwürdigen Verhaltensänderung der Patientin, wie er sie aufgezeichnet hatte. Ihr seltsames Verhalten, schloss er, war die Folge der krankhaften Veränderung ihres Gehirns.

Alzheimer hatte eine neue Krankheit entdeckt. Auguste Deter wurde als «Fall Auguste D.» in der Geschichte der Medizin unsterblich. Hirnuntersuchungen an verwirrten alten Menschen post mortem waren damals nicht üblich. Nach seiner ersten Entdeckung verglich Alzheimer dann aber solche Gehirne mit den Hirnschnitten des Falles Auguste Deter. Und stellte fest, dass bei gewöhnlicher Demenz weder Plaques noch verklumpte Fasern vorkamen. Er kam zum Schluss, dass es «ganz zweifellos mehr psychische Krankheiten» geben müsse, «als sie unsere Lehrbücher aufführen».

Senile Demenz war der Medizin bekannt. Aber sie war selten. Wer in Deutschland um 1870 geboren wurde, hatte eine durchschnittliche Lebenserwartung von 37 Jahren. Rein statistisch gesehen waren zu Beginn des 20. Jahrhunderts weltweit nur fünf Prozent der Bevölkerung über 65 Jahre alt (heute sind es über zwanzig Prozent), und wenn Einzelne begannen, in ihrem Verhalten ein wenig seltsam zu werden, galt das als normale Alterserscheinung und nicht als Krankheit. Folgerichtig hielt Alzheimer nach der Untersuchung von Auguste Deters Hirnrinde nicht das Alter an sich für die Ursache des allmählichen Erlöschens ihres Geistes und des Verfalls ihrer Persönlichkeit, sondern die Plaques.

Allerdings wusste er nicht, wie diese Krankheit entstand, was genau sie auslöste. Das weiss man bis heute nicht. Die Wissenschafter sind sich nicht darüber im Klaren, ob amyloide Plaques und neurofibrilläre Bündel die Ursachen des Hirnleidens oder seine Auswirkungen sind. Die Mehrheit der Forscher hält inzwischen die Plaques, die durch die Umwandlung von normalen Zellproteinen in schädliche Endprodukte entstehen, für die Ursache. Darüber, warum sie bei den einen entstehen und bei den anderen nicht, gibt es aber nur Hypothesen. «Nichts spricht wohl gegen die Annahme», hatte Alois Alzheimer in seinem berühmten Referat über «Eigenartige Krankheitsfälle des späteren Alters» geschrieben, dass «der unauflösliche harte Kern seine Entstehung der Ablagerung irgendeines noch unbekannten Stoffwechselprodukts in der Hirnrinde verdankt».

Nicht der Körper stirbt an Alzheimer, sondern der Geist. Der Kabelbrand im Gehirn steht mittlerweile aber nach Herzinfarkt, Krebs und Schlaganfall an vierter Stelle der tödlich verlaufenden Krankheiten. Da dank moderner Medizin die Lebenserwartung massiv gestiegen und das Hauptrisiko für Alzheimer das Alter ist, trifft das Leiden Millionen. Es kann bis zu dreissig Jahre dauern, ehe die ersten Symptome auffällig werden. So lange schlummert die Krankheit unentdeckt im Gehirn.

Die Erkrankung beginnt im sogenannten limbischen System des Zwischenhirns, das aus einem dichtgeknüpften Netzwerk von Nervenzellen und Leitungsbahnen besteht. Hier werden die vegetativen und hormonellen Vorgänge des Körpers gesteuert, hier ist der Sitz der Emotionen, der angeborenen Triebe und Instinkte. Hier entstehen Liebe und Hass, Furcht und Mut - und Erinnerungen. Und genau hier bilden sich, ausserhalb der Nervenzellen, die ersten eiweisshaltigen Ablagerungen, die so verheerende Folgen haben.

Normalerweise werden die unerwünschten Proteine von dafür zuständigen Enzymen vernichtet, ehe sie sich zu Plaques zusammenballen, und die Bruchstücke werden aus dem Gehirn weggeschwemmt. Bei der Alzheimer-Krankheit dagegen springt plötzlich die Produktion dieser Ablagerungen an, worauf die Enzyme ihre Aufgabe der rechtzeitigen Vernichtung nicht mehr bewältigen und die körnigen Eiweissbrocken die gesamte Festplatte Grosshirn besetzen. In der Folge sterben Nervenzellen ab. Eine befallene Zelle zieht die andere mit in den Abgrund, und dies geschieht in einer rasenden Kaskade, einem unaufhörlichen Prozess, schneller und schneller.

Die dramatische Verklumpung ist nicht zu stoppen. Die Wege im Gehirn werden blockiert. Der Transport von Botenstoffen, die normalerweise für den blitzschnellen Austausch von Informationen sorgen und in Milliarden von Schaltungen die Signale zwischen den Nervenzellen mit einer Geschwindigkeit von hundert Metern pro Sekunde hin- und herjagen, wird mit wachsender Zahl solcher Proteinklumpen zusehends schwieriger. Ab einem bestimmten Punkt wird die Verbindung unterbrochen. Und von da an können neue Wahrnehmungen nicht mehr verarbeitet und nicht mehr mit den gespeicherten Erfahrungen verglichen werden. Keine ärztliche Kunst vermag den Zerfall jenes Gehirnteils zu stoppen, der für die Emotionen zuständig ist, für die Bilder aus dem Album einer unverwechselbaren Biographie, für die eigene Persönlichkeit. Das Gedächtnis erlischt, und eine Reparatur ist nicht möglich. Fachärzte können inzwischen anhand von Tests mit ziemlicher Sicherheit feststellen, ob Ausfallerscheinungen - wo ist meine Brille? wo sind die Schlüssel? wie heisst der Nachbar schon wieder? - normal sind oder die Vorboten jener Gespenster, die den Absturz in die ewige Nacht begleiten werden. Und man weiss inzwischen auch mehr darüber, was da oben im Kopf bei den Kranken genau passiert.

Aber man weiss nicht, warum es passiert, obwohl weltweit etwa 25 000 Neurowissenschafter nach den Ursachen von Gehirnerkrankungen suchen, von denen rund die Hälfte auf Alzheimer spezialisiert sind. Man kennt einige Ursachen, die den Ausbruch der Krankheit begünstigen, etwa Vererbung, defekte Gene, bestimmte traumatische Hirnverletzungen nach Unfällen oder auch nach Boxkämpfen.

Alois Alzheimer betrieb seine «Psychiatrie mit dem Mikroskop» auf eigene Kosten, er hatte in München keine Planstelle. Er konnte sich seine Forschungen leisten, weil seine Frau Cäcilie, die nach der Geburt des dritten Kindes früh starb, ihm ein Vermögen hinterlassen hatte. Ihren Tod überwand er nie, sie war seine grosse, seine einzige Liebe gewesen. Er lebte mit seinen Kindern in München, seine Schwester führte den Haushalt.

Alzheimer war für seine Zeit, die geprägt war von strenger Ordnung, von Gott und Vaterland, ein atypischer Wissenschafter - ein Freigeist mit Sinn für das, was wir heute practical jokes nennen würden: Verkleidet als Hausierer etwa, verlangte er in seiner Klinik den berühmten Professor Alzheimer zu sprechen und gab sich erst zu erkennen, als seine Mitarbeiter die Polizei rufen wollten. Er sang gern, rauchte dicke Zigarren, hatte nichts gegen einen guten Schluck Wein und gab in seiner Villa an einem bayrischen See grosszügige Sommerfeste. 1912 wurde er an die Universität Breslau berufen. Dort starb er, erst 51-jährig, im Dezember 1915 an den Folgen einer verschleppten Grippe, einer Entzündung der Herzmuskeln. Er wurde in Frankfurt begraben.

Die Zahl derer, die an der «Krankheit des Vergessens» leiden, wird fast hundert Jahre nach Alois Alzheimers Entdeckung auf weltweit 15 Millionen geschätzt. Es gibt nur Schätzungen, weil die meisten Kranken zu Hause gepflegt werden, die Krankheit von ihren Angehörigen hilflos mitleidend erlitten wird. Da der Anteil der über 65-Jährigen in den reichen Staaten des Westens weiterhin wächst, rechnet man bis zum Jahr 2040 mit einer Steigerung der Alzheimer-Erkrankungen um fünfzig Prozent. Dann wird, sagen kühle Statistiker, jeder Sechzehnte über fünfundsiebzig und jeder Fünfte über achtzig an dem von Alzheimer erkannten Hirnschwund verkümmern.

Während der Neurologe mit dem Zwicker über gütigen Augen täglich bestenfalls fünf mikroskopische Untersuchungen schaffte, werden mit Hilfe hochgerüsteter Computer heute Tag für Tag weltweit in zahlreichen Labors an Zellkulturen Tausende von Substanzen geprüft. Genforschung ist die einzige Hoffnung. Man wird die Krankheit erst bekämpfen können, wenn die Gene entschlüsselt sind, die sie ausbrechen lassen, oder wenn Gene gefunden werden, mit deren Fähigkeiten man sie heilen kann. Die Möglichkeit, mit embryonalen oder adulten Stammzellen neue Nervenzellen zu züchten, ist heftig umstritten, Versuche gab es bisher nur mit Mäusen.

Die erzielten Fortschritte mit künstlichen Nervenzellen in deren Gehirnen sind zwar wissenschaftlich interessant, aber für den Menschen noch von geringer Bedeutung. Forscher haben immerhin an den sogenannten transgenen Nagern einen Impfstoff getestet, der den Ausbruch von Alzheimer um sechs Monate verzögert, was beim Menschen einem Aufschub um 12,5 Jahre gleichkäme. Verheissungsvoll sind auch die Resultate von Versuchen, in denen Alzheimer-Mäusen künstlich erzeugte Eiweissbruchstücke mit genau festgelegter Struktur ins Gehirn eingeschleust wurden. Sie schafften es, sich an die bestehenden Ablagerungen anzudocken und diese aufzulösen.

Geforscht wird auch an sogenannten Alzheimer-Familien, in denen die Alzheimer-Demenz vererbt worden ist. Vier Risikogene sind dabei bestimmt worden - doch sie sind zusammen nur für rund fünf Prozent aller Erkrankungen verantwortlich. Entscheidend für den Friedhof im Gehirn ist allein die Anzahl der Grabsteine, der Plaques. Amyloid-Plaques entstehen nach Milliarden winzigster Zusammenballungen, den sogenannten Aggregationen. Ein Verlangsamen dieses Prozesses um täglich nur Bruchteile von Sekunden bedeutete einen entscheidenden Zeitgewinn. Da die Alzheimer'sche Erkrankung meist nach 65 ausbricht, wäre eine Verzögerung von zwanzig, dreissig Jahren ausreichend. Dann wäre es egal, ob die Demenz die Seele verschlingt. Die, die es möglicherweise erwischt hätte, wären längst unter der Erde.

Das ist nicht Zynismus, sondern realer Therapieansatz. «Unsere einzige Chance bei manchen Krankheiten, die man noch lange nicht wird heilen können, ist eine Verzögerung des Ausbruchs», sagt der Heidelberger Konrad Beyreuther, Alzheimer-Forscher von Weltruf. Logisches Ziel aller Anstrengungen: die Patienten möglichst lange im frühen Stadium eins zu halten, in dem die kognitiven Verstörungen noch gering sind, und zu hoffen, ein Medikament parat zu haben, bevor sie dann ins Stadium zwei abgleiten.

In allen bisher bekannten Mitteln, die gegen Alzheimer eingesetzt werden und die einen temporären Stillstand der Krankheit erreichen, sind Wirkstoffe wie Tacrin und Donepezil enthalten. Sie sollen das Enzym Acetylcholinesterase daran hindern, den für die Übertragung von Signalen zwischen den Nervenzellen nötigen Botenstoff namens Acetylcholin zu stoppen. Acetylcholin ist eine chemische Substanz, die von Nervenzellen abgegeben wird. Wenn nicht mehr genügend davon hergestellt wird im Körper, wenn die nötigen Impulse nicht mehr an die richtige Stelle, an die Nervenzellen, weitergegeben werden können, beginnt das Gehirn zu sterben.

Die Spezialisten, die sich mit diesem Leiden beschäftigen und nach Ursachen suchen, wissen, dass ein Erfolg ihnen nicht nur Ruhm und Reichtum eintragen, sondern vielleicht auch sie selber retten wird. Denn Alzheimer kann jeden treffen.

Michael Jürgs, Autor, lebt in Hamburg. 1999 erschien im List Verlag, München, sein Buch «Alzheimer. Spurensuche im Niemandsland.»


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