NZZ Folio 09/93 - Thema: Arbeit   Inhaltsverzeichnis

Werktätige -- Hans Jakob Buff, Zeughausangestellter

Von  Andreas Heller

ICH ARBEITE 1936,5 Stunden im Jahr. Diese Zahl habe ich so genau im Kopf, weil die Nettojahresarbeitszeit eine wichtige Grösse unserer Planung ist. 164 Tonnen - Kampfanzüge, Schlafsäcke, Regenschütze, Arbeitskleider - hat die Wäscherei des St. Galler Zeughauses im letzten Jahr bewältigt. Über 20000 Schutzmasken sind instandgestellt geworden. Bei solchen Mengen ist eine sorgfältige Planung das A und O einer speditiven Arbeitsabwicklung.Um die Arbeit möglichst gleichmässig auf das Jahr und die verschiedenen Abteilungen - Wäscherei, Schneiderei, Sattlerei - zu verteilen, erstelle ich jeweils Anfang Jahr gemeinsam mit meinem Chef die Waschgutplanung. Grundlagen dazu sind der Präsenzzeitenkalender der zwölf Mitarbeiter unserer Abteilung sowie der Aufgebotskalender, der uns Aufschluss darüber gibt, wann wie viele Kompanien im Dienst weilen und wann sie ihr Material beziehen und wieder abgeben werden. Insgesamt bearbeiten wir gegen 100 Artikel, und für jeden einzelnen ist uns ein Durchschnittswert der zu erwartenden Arbeitszeit vorgegeben: für das Instandstellen eines kompletten Cesarex-AC-Schutzanzuges beträgt er zum Beispiel 18 Minuten, für das Retablieren einer Schutzmaske 15,3. Wenn wir nun diese Durchschnittswerte mit der uns zugeteilten Arbeitsmenge aufrechnen, erhalten wir den uns erwartenden Arbeitsanfall in Stunden. Eine gewisse Systematik ist bei der Arbeit im Zeughaus Pflicht. Jeder Artikel, der bei uns an Lager ist, trägt eine Nummer, eine sogenannte ALN (laut Detail-Etat), und wird in numerierten Schubladenstöcken (von links nach rechts in aufsteigender Reihenfolge) eingeordnet. Diese Ordnung, die für alle Zeughäuser der Schweiz gilt, garantiert, dass ein Mitarbeiter das Gesuchte sofort findet, auch im Ernstfall, wenn der zuständige Zeughausangestellte im Feld weilen sollte. Seit gut drei Jahren arbeite ich nun als kantonaler Angestellter im St. Galler Zeughaus. Ich bin Stellvertreter des Chefs der Wäschereiabteilung - eine Karriere, an die ich früher nicht im Traum gedacht hätte. Von Haus aus bin ich nämlich ausgebildeter Bauschreiner; 19 Jahre und 9 Monate arbeitete ich für dieselbe Firma. Mein Beruf erfüllte mich lange Zeit mit Befriedigung. Aber je älter ich wurde - ich bin jetzt 40 geworden -, um so weniger ertrug ich die Hektik auf den Baustellen. Im Sommer arbeiteten wir manchmal von fünf Uhr morgens bis abends um sieben. Und am nächsten Morgen war ich bereits wieder kribbelig, weil ich fürchtete, mit der Arbeit nicht rechtzeitig fertig zu werden.

Ich bin nun einmal nicht der Typ, der sich von der Arbeit auffressen lassen will. Der Beruf ist mir zwar wichtig, ja, ich könnte mir ein Leben ohne Arbeit nicht vorstellen. Trotzdem meine ich, dass die Arbeit nicht einziger Lebensinhalt ist. Es gibt noch wichtigeres: die Gesundheit, die Zeit, die man mit der Familie verbringen kann. Vielleicht bin ich auch ein Mensch mit einem ausgeprägten Sicherheits- und Harmoniebedürfnis. Beides habe ich im Zeughaus gefunden: eine gesicherte Existenz und ein Berufs- und Privatleben, das in Einklang ist.

Die Arbeit im Zeughaus ist anspruchsvoller, als viele denken. Auch ich war zunächst überrascht, was es braucht, bis die vom Wehrmann abgegebenen Effekten wieder tipptopp an ihrem Platz sind. Der Personalstopp zwingt uns ausserdem zu einer Flexibilität, wie sie früher wohl undenkbar gewesen wäre. Ich arbeite mit, wo man mich braucht: Büroarbeiten wechseln sich so ab mit manuellen Tätigkeiten.

Die Arbeit im Zeughaus kommt mir bisweilen wie ein unendlicher Kreislauf vor. Alles beginnt stets von neuem von vorne. Leistung wird hier in Zahlen gemessen, in einem Handwerksberuf hingegen steht am Schluss einer Arbeit ein fassbares Endprodukt. Diesen Unterschied zu akzeptieren fiel mir nicht ganz leicht. Inzwischen habe ich mich daran gewöhnt - zumal ich in der glücklichen Lage bin, ein eigenes Haus zu besitzen. Dort kann ich renovieren, umbauen, meine Schreinerseele ausleben. Und keiner redet mir drein. So habe ich halt meinen früheren Beruf ein bisschen zum Hobby gemacht.




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