DIE OFFIZIELLE GESCHICHTE von der Entführung des Millionärs Jan Philipp Reemtsma folgt den bewährten Mustern von Gut und Böse, von Schuld und Sühne und von der Aussichtslosigkeit, der sich dank der Allmacht der Polizei im Grunde jeder noch so gewiefte Gauner gegenübersieht. Es ist eine gelungene, «runde» Geschichte, die einen beruhigenden Ausgang nimmt.
Sie beginnt damit, dass der 43jährige Millionenerbe Jan Philipp Reemtsma am Abend des 25. März 1996 vor seiner Villa im Hamburger Nobelvorort Blankenese niedergeschlagen und verschleppt wird. Die Entführer fordern von seinen Angehörigen zunächst 20, dann 30 Millionen Mark - das höchste jemals in Deutschland für einen Menschen gezahlte Lösegeld. Nach 33 Tagen bekommen sie es, Stunden später ist Reemtsma frei, und Michael Daleki, Chef der Hamburger Sonderkommission, kann das Happy-End als Polizeierfolg feiern.
Es ist nicht der letzte Triumph, den der SoKo-Boss verkündet. Nur einen Monat später greift die spanische Polizei zwei Mitglieder der Reemtsma-Bande auf, die für die Infrastruktur des Kidnappings gesorgt haben. Etwas mehr Zeit vergeht, bis die Fahnder auch den Kopf des Trios festnehmen können: Ende März 1998 stellen argentinische Beamte den 37jährigen Thomas Drach in einem Hotel in Buenos Aires. Bei ihm finden sich ein gefälschter britischer Pass auf den Namen Anthony Lawler sowie 30 000 Dollar in bar. Der Grossteil des Lösegelds bleibt verschwunden.
DAMIT ENDET DIESE GESCHICHTE, und es gäbe keinen Grund, an ihr zu zweifeln - kursierte nicht eine zweite, vielschichtigere Variante, die im Gegensatz zur offiziellen Version eine ganze Reihe beunruhigender Fragen eröffnet. Hauptfigur dieser Erzählung ist ein Kriminalhauptkommissar a. D., ein notorischer Querkopf, der sich zu einem Zeitpunkt auf die Suche nach Reemtsma begab, als die Polizei seinen Tod schon für wahrscheinlich hielt. Dieser Mann, der gerne Rollkragenpullover, dunkle Anzüge und ein Lächeln als Tarnung für seine Eigenwilligkeit trägt, heisst Jürgen R. Jaitner. Beim Wiesbadener Bundeskriminalamt (BKA), dem Jaitner siebzehn Jahre als Zielfahnder und Terroristenjäger diente, beschäftigte er regelmässig die Arbeitsgerichte. Zuletzt, so Jaitner, habe er sich «im Dauerkrieg mit den Vorgesetzten» befunden. 1989 verschaffte ihm schliesslich ein Motorradunfall den gewünschten Ausstieg per Vorruhestand.
«Eigentlich wollte ich damals nach Costa Rica auswandern, endlich mal ausschlafen», erzählt der 46jährige mit seiner leisen Stimme. Neun Jahre später ist Jaitner, dessen Augenringe von zu vielen Nächten mit zu wenig Schlaf berichten, noch immer nicht nach Mittelamerika gelangt. Schuld ist ein Kollege aus Grossbritannien, der ihn zwei Monate vor seiner Frühpensionierung anrief: Er bearbeite gerade einen Fall von Hypothekenbetrug, 40 Millionen seien verschwunden und die Spur führe nach Deutschland - ob er nicht helfen könne? Jaitner konnte, spürte binnen sechs Monaten die Hälfte des Geldes auf und wurde daraufhin mit Aufträgen regelrecht zugeschüttet.
Bald zog er aus dem behelfsmässigen Büro aus, das er im Hinterzimmer seiner Stammkneipe eingerichtet hatte, und eröffnete Dependancen in Hamburg, München, Moskau, New York sowie im österreichischen St. Pölten. Hauptsitz seines insgesamt 40 Mitarbeiter zählenden Unternehmens ist ein Büro in einem unauffälligen Haus am Rande der Wiesbadener Innenstadt. «Espo Security Management» steht auf einem Messingschild am Eingang.
Die Männer und Frauen, die hier arbeiten, sind gutverdienende Spezialisten. Für Tagessätze zwischen 1800 und 3000 Mark beraten sie Industrieunternehmen in Sachen Sicherheit, erstellen Expertisen für Auslandsinvestoren, sammeln «Argumentationshilfen» bei unfreundlichen Unternehmensübernahmen, stellen Wirtschaftsspionen nach oder dokumentieren, wie der entlassene Entwicklungschef eines Pharmariesen gegen sein Konkurrenzverbot verstösst. Als «Schnüffler» sehen sie sich deshalb noch lange nicht. «Wenn ich nur schon höre, was Privatdetektive sich alles anmassen», sagt Jaitner abfällig, «das sind Aufgaben, für die es Spezialisten braucht!» Seine Leute seien «Berater für Sicherheit». Basta. Lächeln.
Diese sieben Spürnasen hat Jaitner allesamt beim BKA abgeworben, was ihn bei seinem ehemaligen Arbeitgeber nur noch unbeliebter machte. Wichtigstes Kapital der Ex-BKA-Beamten sind ihre Kontakte zu Kollegen von Mossad, FBI, KGB und anderen Auslandsdiensten. «Dank diesen Ansprechpartnern können wir Ermittlungen umgehend bis nach New York, Moskau und Bukarest führen», behauptet Jaitner. Und zwar ohne Rechtshilfeersuchen. Man kenne sich eben.
Auch im Fall Reemtsma war es ein Kollege aus Übersee, der den Faden zog. Sean McWeeney, ehemaliger Chef der FBI-Abteilung für Organisierte Kriminalität und Gründer der Sicherheitsfirma Corporate Risk International, zählt zu Jaitners alten Bekannten aus BKA-Tagen. McWeeney ist ein Troubleshooter, den zum Beispiel Entführungsversicherungen einschalten, wenn einer ihrer Klienten gekidnappt wird. Deutschland zählt jedoch nicht zu seinem Arbeitsgebiet. Als Reemtsmas amerikanischer Vermögensverwalter ihn am 18. April 1996 telefonisch um Hilfe bat, verwies McWeeney ihn deshalb an einen erfahrenen deutschen Kollegen: Jürgen Jaitner. ZU DIESEM ZEITPUNKT war Jan Philipp Reemtsma bereits drei Wochen im Keller einer Reetdach-Kate angekettet, und die Briefe, die seine Familie regelmässig erhielt, klangen immer verzweifelter. Einer zweihundertköpfigen Sonderkommission der Hamburger Polizei war es in diesen 23 Tagen weder gelungen, sein Geiselgefängnis ausfindig zu machen, noch die geforderten 20 Millionen Mark Lösegeld zu übergeben.
Beim ersten Übergabeversuch stand das präparierte Polizeifahrzeug nicht bereit. Auf das zweite Zeichen der Kidnapper war zwar der Geldkurier startklar, nicht aber die Beamtin, die ihn begleiten sollte. Die Ersatzbeamtin vergass ihren Reisepass, und bei der Abfahrt lag das Duo schon eine halbe Stunde hinter dem Zeitplan zurück. Um die verlorene Zeit aufzuholen, wichen die beiden vom vorgeschriebenen Weg ab und verfuhren sich. Dabei folgte ihnen ein Mobiles Einsatzkommando so auffällig, dass es selbst die Angestellten des Hotels bemerkten, in dem die Lösegeldkuriere auf Instruktionen warteten. Das Lösegeld blieb unberührt.
Darauf warf Ann Kathrin Scheerer, Reemtsmas Frau, die Beamten aus ihrem Haus und schaltete die Espo ein. Die Entführer erhöhten ihre Lösegeldforderung auf 30 Millionen Mark und nahmen Kontakt zu zwei neuen Vermittlern auf: Der Hamburger Pfarrer Christian Arndt und der Kieler Soziologieprofessor Lars Clausen sollten das Geld überbringen. Reemtsmas Familie entschied, die Polizei über diese Wendung nicht zu informieren. Falsche Fährten wurden gelegt und Mobiltelefone besorgt, deren Nummern die Fahnder nicht kannten. Die Sonderkommission wurde zum Zuschauer.
ALS JAITNER UND SEIN KOLLEGE Dietmar Jochem am Morgen des 19. April im Hamburger Nobelhotel Vier Jahreszeiten erstmals mit Vertretern von Reemtsmas Familie zusammenkamen, blieben ihnen noch genau zehn Stunden bis zum nächsten Geldübergabetermin. Für die Espo-Männer war diese Entführung ein Ausnahmejob. Erst in zwei Entführungsfällen, sagt der Espo-Chef, sei sein Unternehmen in Anspruch genommen worden.
Am Nachmittag desselben Tages trafen sie sich mit Ann Kathrin Scheerer. Ihr Auftrag: Die Espo-Männer sollten unter allen Umständen dafür sorgen, dass das Lösegeld reibungslos übergeben und ihr Mann freigelassen werde. Jaitner konnte sie davon überzeugen, die Polizei weiterhin über alle wichtigen Schritte auf dem laufenden zu halten.
In mehreren Gesprächen bereiteten die Espo-Männer die neuen Kuriere Arndt und Clausen auf ihre Mission vor. Sie schärften ihnen ein, den Anweisungen der Entführer genau zu folgen und gleichzeitig sicherzustellen, dass die Gangster sich ihrerseits an die Formel «Geld gegen Leben» hielten. Ohne ein erneutes Lebenszeichen, sollte Arndt den Kidnappern klarmachen, werde er gar nicht erst losfahren. «Die Entführer sollten spüren, dass wir sie ernst nehmen», sagt Jaitner, «nichts ist schlimmer als ein nervöser Kidnapper, der sich verschaukelt wähnt.»
Doch die Entführer liessen warten. Erst nach sechs Tagen kam das vereinbarte Zeichen. Am Abend des 24. April nahmen Professor und Pfarrer in der Tiefgarage der Warburg-Bank 30 Millionen in D-Mark und Schweizerfranken entgegen - «ohne Quittung, ohne alles», wie der Geistliche fassungslos bemerkte. Bankangestellte hatten zuvor sämtliche Scheine kopiert. Um 23.10 Uhr übermittelten die Entführer den geforderten Beweis dafür, dass Jan Philipp Reemtsma noch lebte. «Wir sagten den beiden Kurieren, dass sie ganz allein entscheiden würden, was zu tun sei. Es würde kein präpariertes Geld, keine Elektronik im Wagen, keine Verfolger geben. Nur zwei Handys für den Kontakt zu uns», erzählt Jaitner, der mit Jochem im «Vier Jahreszeiten» wartete.
Um 23.30 Uhr brachen die Geldboten in Hamburg auf. Per Mobiltelefon lotsten die Entführer sie gen Süden, zu Raststätten und Autobahnkirchen, bei denen weitere Anweisungen versteckt waren. Die letzte Order der Kidnapper: Auf einem Feldweg unweit Krefelds sollten sie ihren Wagen abstellen und ins nächste Dorf gehen. Um 3.40 Uhr erreichten Arndt und Clausen den Feldweg, liessen Auto und 30 Millionen Mark zurück. Knapp zwei Stunden später meldeten sich die Entführer per Mobiltelefon: Das Geld sei in ihren Händen, Reemtsma binnen 48 Stunden frei. Leider hätten sie den Wagen in den Graben eines Autobahnparkplatzes gefahren. Es tue ihnen leid.
Die Geisel wurde kurz vor Mitternacht desselben Tages in einem Waldstück bei Hamburg freigelassen. Wenige Stunden später trafen Jaitner und sein Kollege Jochem in einem Zimmer des Hamburger Bundeswehrkrankenhauses erstmals mit dem Mann zusammen, dessen Leben zu retten sie geholfen hatten. Ein «ruhiger und gefasster Reemtsma» dankte ihnen. Der Espo-Chef übergab der Polizei Fotokopien mit den Seriennummern der Geldscheine und verabschiedete sich. DER TAG DANACH: Während Reemtsma mit Familie und Vermögensverwalter in die USA flog, begann für Espo die eigentliche Arbeit. Ihr Ziel: der als «Kopf der Entführerbande» identifizierte Thomas Drach - und seine Beute. Wie sich herausstellte, machte der vorbestrafte Autodieb seinem Ruf als «Superhirn» zunächst alle Ehre. Ein paar Spuren in einer Kölner Pension, ein Leihwagen am Flughafen Charles de Gaulle in Paris - das waren für fast zwei Jahre die einzigen heissen Spuren, die Thomas Drach hinterliess. Als die Fahnder auf sie stiessen, waren sie längst erkaltet.
Die Arbeit der Espo erinnerte lange an jene von Tierfilmern, die auf ein seltenes Murmeltier lauern und vor unzähligen Erdlöchern Kameras aufbauen. Weil sie jedoch nicht einmal wissen, in welchem Bau ihre Beute steckt, nützt ihnen ihr gewohntes Arbeitswerkzeug wenig. Normalerweise können Privatdetektive versteckte Kameras und Satellitenortungssysteme einsetzen, Lockvögel aussenden und den Hausmüll des Observierten analysieren (dass diese schmutzige Arbeit legal ist, hat Jaitner sich von Rechtsgutachtern bestätigen lassen). Sie können sich eine Legende zulegen und Anwohner, Verwandte und Freunde aushorchen. «Besonders Nachbarn sind im Prinzip unbegrenzt auskunftsfreudig», sagt Bodo Scholl, Präsident des Bundesverbandes Deutscher Detektive. «Wenn ich die anrufe, habe ich meistens Probleme, überhaupt noch alle Informationen in meinem Bericht unterzubringen.»
Was Nachbarn nicht wissen oder sagen, lässt sich durch Telefon- oder Raumabhörgeräte herausfinden. «Der Einsatz von Wanzen ist zwar verboten, bringt aber beachtliche Ergebnisse», sagt Scholl. Findige Detektive besorgen sich die Kreditkartenunterlagen des Observierten, verfolgen seine Kontobewegungen und spazieren im Computernetz umher, bis sie ein komplettes Bild ihrer Zielperson haben. Legal ist das alles nicht, aber erfolgreich. «Erfahrungsgemäss dauert es zwei, drei Monate», so Jaitner, «dann wissen wir alles.»
Voraussetzung ist, dass die Jäger ihre Beute im Visier haben. Thomas Drach aber blieb ein Phantom. Monatelang verfolgten Jaitner & Co. Spuren nach Australien und in den Nahen Osten, nach Nordafrika und Südamerika, nach Schweden und Bulgarien. Vergeblich. Auch die Hinweise, die fast jeden Tag im Espo-Büro, bei Reemtsmas Hamburger Anwalt und sogar in Reemtsmas «Institut für Sozialforschung» eingingen, waren sämtlich Blindgänger. Es meldeten sich Esoteriker, die Drachs Kontonummer durch Pendeln erfahren haben wollten; Konkurrenten aus der Schnüfflerbranche, die sich einen Auftrag von Reemtsma erhofften; Journalisten, die durch falsche Informationen an die richtigen gelangen wollten. «Eine Menge Spinner und Wichtigtuer waren dabei», erinnert sich Klaus Hermening, ein BKA-Veteran, der für Espo die Drach-Fahndung leitete.
Die Espo machte sich deshalb daran, das Umfeld des Flüchtlings zu «sensibilisieren», also überall dort Leimruten auszulegen, wo der vorbestrafte Kriminelle hineintappen könnte. Sie überprüften Drachs Freundin in Sydney und besuchten seine Mutter in Erftstadt. Sie klapperten alte Knastkumpane ab. Sie wühlten in seiner Vergangenheit, um Hinweise auf seine Gegenwart zu bekommen. Sie fragten sich: Welche Fähigkeiten, welchen Hintergrund hat Drach? Welche Kontakte könnte er nutzen? Wo fühlt er sich wohl? Die Zahl der Antworten war verwirrend vielfältig. Drei mögliche lauteten: Drach verfügt über Kontakte nach England - also wurden die dortigen Kumpel überprüft. Drachs Vater war häufig in Osteuropa unterwegs - also streckten die Häscher ihre Fühler nach Bulgarien und Rumänien aus. Drach spricht leidlich gut Spanisch - also flog Klaus Hermening nach Marbella. In Bars, Supermercados und Zeitungskiosken an der Costa del Sol verteilte der Espo-Mann Bilder des Gesuchten. «Von Marbella aus sind die Fluchtmöglichkeiten nach Nordafrika und Gibraltar optimal», sagt der 58jährige, «ausserdem sind dort günstig gute Ausweispapiere zu haben.» Resonanz der drei Recherchen: Null.
In Rumänien erlebten die Fahnder mit eigenen Augen, wie sehr sich Tipgeber täuschen können. Beim Mittagessen in einem Bukarester Restaurant fiel Jaitner und Hermening zufällig eine junge Dame ins Auge - im Gespräch mit Thomas Drach! «Uns sind fast die Gabeln aus der Hand gefallen», erinnern sich die Espo-Männer, «die Ähnlichkeit war verblüffend! Wir haben ihn sofort mit der Digitalkamera rangezoomt, um ihn von nahem zu überprüfen, Thomas Drach hat nämlich eine Zahnlücke.» Der Restaurantgast aber hatte perfekte Zähne. Wie sich herausstellte, handelte es sich um einen unbescholtenen rumänischen Künstler.
SCHLIESSLICH WAR ES EIN SINGVOGEL, der die erste brauchbare Spur brachte. Angelockt hatte ihn der «Reptilienfonds», ein Konto, das die Familie Reemtsma für Auskunftswillige zur Verfügung gestellt hatte. Der Informant, einst Mithäftling Drachs in der Justizvollzugsanstalt Rheinbach, verlangte zunächst 37 500 Mark Informationshonorar, liess sich aber mit 5000 Mark abspeisen und begann zu plaudern. Es wundere ihn, dass man Drach nicht längst auf Grund seiner Neigungen verhaftet habe. Die Espo-Leute wurden hellhörig. Homosexualität? Pädophilie? Nein: Formel 1 und teure Autos seien die grosse Passion des eitlen Drach, wusste der ehemalige Mithäftling zu berichten.
Weil vielversprechende Hinweise nach Spanien und Belgien deuteten, entschieden sich die Fahnder schliesslich, beim Grossen Preis von Spa und beim Grossen Preis von Barcelona die Augen offenzuhalten. Doch die Fahndung am Ring blieb Hermening erspart. Denn bevor überhaupt in Spa die Boliden starteten, tappte Drach in eine Falle der Fahnder.
Als Köder diente das Lösegeld. Wenn es für den Entführer jetzt schon schwierig sein musste, die registrierten Scheine unters Volk zu bringen, so die Überlegung von Hermening und Jaitner, würde es mit der Einführung des Euro so gut wie unmöglich werden. Sie schlugen Drach deshalb einen Deal vor: Umtausch des registrierten Lösegeldes gegen 10 bis 15 Prozent der Summe in «sauberen» Scheinen. Hermening: «Unser Angebot war durchaus ernst gemeint, das war schliesslich die einzige Chance, Drach aus seinem Schneckenhaus zu locken. Das Geld stand zur Verfügung. Und es war sauber.»
Wie aber überbringt man einem Phantom ein Angebot? Ganz einfach: über seine Mutter. Hermening reiste also erneut zu Drachs Mama im rheinischen Erftstadt. Und danach zu Bernd Kramer, einem weiteren Knastbruder Drachs, den die Espo erstmals im Mai 1997 im niederländischen Vaals aufgetan hatte. Erst sieben Monate später, so Jaitner, sei dann auch das BKA auf den Mann aufmerksam geworden und habe ihn unter Telefonüberwachung gestellt.
Als Hermening im März 1998 bei Kramer klingelte, öffnete der Drach-Freund im Morgenmantel. Die Männer verabredeten sich im Café eines nahegelegenen Supermarktes. Dort legte der Espo-Emissär die Karten auf den Tisch: Ihnen gehe es in erster Linie um Rückführung des Lösegeldes, die Festnahme seines Freundes sei gar nicht so wichtig.
Exakt zwei Jahre nach Reemtsmas Verschleppung, am 25. März 1998, schnappte die Falle zu. Drach meldete sich bei Kramer - mit einem Mobiltelefon aus der Stadtmitte von Buenos Aires, wie Polizeitechniker ermittelten. Am nächsten Tag rief Drach erneut an, diesmal noch unvorsichtiger, nämlich vom Apparat in seinem Zimmer im Fünf-Sterne-Hotel Caesar Park aus. Laut Jaitner erwähnte Kramer in diesem Gespräch «das Lösegeldangebot der Privaten». Drach habe positiv reagiert. In derselben Nacht weckte ein argentinisches Polizeikommando das «Superhirn».
DAMIT ENDET auch diese Reemtsma-Geschichte, die natürlich nur eine Variante unter vielen ist. Was fehlt, sind ein Epilog - Prozess gegen Thomas Drach, Suche nach dem Lösegeld - und ein paar Antworten. Ist es möglich, dass zwei Männer genausoviel leisten wie ein ganzer Polizeiapparat? Wer ist der erfolgreichere Jäger? Um diese Frage setzte in Drachs Heimat sofort eine Rangelei unter den Vätern des Fangs ein. «Auffindung und Festnahme waren allein Sache des BKA», lobte der BKA-Sprecher Dirk Büchner, während Michael Daleki den Erfolg als «grossen Verdienst der Beamten in Hamburg» sah. Kein Wort von der Espo. «Dieses Gerede hat uns allen gestunken», schimpft Jaitner. «Was nützt die schönste Mausefalle, wenn man keinen Köder hat? Und den Köder, den haben wir ausgelegt.» Zwischen Espo und BKA, die in Wiesbaden keine zwei Kilometer voneinander arbeiten, herrscht jetzt jedenfalls Funkstille.
Nicht allein die Begleitumstände der Festnahme stimmen die Espo-Leute trübsinnig. «Erst das Geld, dann Drach - diese Reihenfolge wäre uns lieber gewesen», klagt Hermening, «jetzt müssen wir unter erschwerten Bedingungen an die 30 Millionen ran.» Gut möglich, dass die Espo dem inhaftierten Drach deshalb erneut eine Tauschaktion vorschlagen wird. «Diese Offerte», so Hermening, «ist für uns nicht vom Tisch.»
Glaubt man Jürgen Jaitner, dann steht die Polizei bei Entführungen vor allem sich selbst im Weg. Staatliche Ermittler schwankten grundsätzlich zwischen Opferschutz und Strafverfolgung, kritisiert Jaitner, das liege nun einmal in ihrem Auftrag. «Es ist immer das gleiche: Die Polizei jagt Opfer und Täter, die würde am liebsten auch noch die Lösegeldtasche mit einem Satellitenortungssystem ausstatten. Dieses Doppelspiel geht leider häufig zulasten der Geisel.»
Unklar ist auch, wer eigentlich Befreiter, wer der Gefangene ist. Ist es Thomas Drach, der - wenn er Glück hat und Argentinien ihn nicht ausliefert - mit einer milden Gefängnisstrafe wegen seiner gefälschten Papiere davonkommen könnte? Oder sein Opfer, das zwar wieder auf freiem Fuss, aber doch keine Sekunde mehr ohne Aufpasser ist?
«Reemtsma ist auch künftig gefährdet», glaubt Jürgen Jaitner, «es gibt viel zu viele Kriminelle, die sich ausrechnen: Der hat einmal 30 Millionen gezahlt, dann wird er es auch ein zweitesmal tun.» Selbst der Abschluss einer Police gegen Entführungen, wie sie beispielsweise unter den Reichen Südamerikas verbreitet ist, kommt für den Blankeneser Mäzen schwerlich in Frage. «Herr Reemtsma ist kaum noch versicherbar», sagt Robert Davies, Geschäftsführer des Londoner Spezialversicherers Hiscox, «er hat zu schnell und zu viel gezahlt.»
Der Entführte hat sein Leben deshalb mit einem feinen, luftdichten Schutzkokon umgeben lassen. Seine Villa wird überwacht, sein Sohn zur Schule eskortiert, und in den Vorlesungen, die der Sozialwissenschafter an der Hamburger Uni hält, mischen sich Espo-Bewacher unter die Studenten. «Offenen Personenschutz» nennt Jaitner dieses Konzept der fürsorglichen Belagerung.
Manchmal treffen sich Bewachter und Bewacher, manchmal gehen sie gemeinsam Essen, doch generell bemüht sich der Espo-Chef, im Leben seines Schützlings eine möglichst geringe Rolle zu spielen. «Diese Geschichte», meint Jaitner und deutet auf einen Stapel mit Drach-Fahndungsakten, «ist für Reemtsma noch lange nicht beendet.»
Harald Willenbrock ist freier Journalist in Hamburg.