NZZ Folio 01/08 - Thema: Jung und jüdisch   Inhaltsverzeichnis

Exclusiv im Internet: Der Chassid von Monstein

© Suzanne Schwiertz
Jechezkel Mandelbaum lebt mit Frau und fünf Kindern als Orthodoxer in der Westbank; aufgewachsen ist er als Thomas Ambühl in Davos Monstein. Linktext
Thomas Ambühl aus Monstein bei Davos alias Jechezkel Mandelbaum lebt mit seiner Frau und seinen fünf Kindern unter Ultraorthodoxen in der Westbank.

Von Daniel Ganzfried und Sebastian Hefti

«Schmah Jisrael, Adonai elohenu, Adonai echad – Höre, Israel, Gott ist unser, Gott ist eins.» Mit diesem Gebet aus dem fünften Buch Mose, 6, 4 begrüsst der 33-jährige Jechezkel Mandelbaum wie alle frommen Juden jeden neuen Tag. Zu Hause in der Siedlerstadt auf der Westbank macht sich Jechezkel nach dem rituellen Händewaschen und diversen Segenssprüchen bereit für den Gang zur Synagoge. Dort unterzieht er sich dem rituellen Tauchbad, der Mikwe, legt sich im Vorraum des Bethauses den Gebetsmantel um, bindet auf Stirn und um den linken Arm die Gebetsriemen und begibt sich an seinen angestammten Platz im Betraum. Er versinkt für etwa zwanzig bis dreissig Minuten im Morgengebet, bevor er sich mit den anderen Frommen für den Rest des Tages in den Lernraum nebenan zurückzieht, um, unterbrochen nur durch das Mittagessen, das Studium des Talmuds wiederaufzunehmen. «So geht das Seite für Seite, Tag für Tag, bis man nach siebeneinhalb Jahren durch ist und wieder von vorne beginnt», erzählt Jechezkel. Er zählt sich zu den zum «Lernen» Berufenen, die keiner regelmässigen Berufsarbeit nachgehen.

Mit ihren fünf Kindern im Alter von eins bis fünf Jahren weilen Jechezkel und Shulamith Mandelbaum zurzeit ferienhalber im verschneiten Monstein. Das schmucke Bergdorf in der protestantischen Landschaft Davos ist Jechezkels Kindheitsort. Hier ist er als Thomas Ambühl aufgewachsen, hier hat er seine Wurzeln. Obwohl die modern-rustikale Ferienwohnung ohne die für jüdische Behausungen typischen Gebetskapseln an den Türrahmen auskommt – «man muss sie erst nach 30 Tagen Aufenthalt anbringen» –, deutet doch alles auf einen streng frommen, jüdischen Haushalt hin: lange Schläfenhaare selbst bei den zwei kleinen Buben, Kopfbedeckungen, hebräische Folianten, viel Grau und Schwarz, kaum Zierat, dafür die Spuren des kinderreichen Chaos. Doch mit jedem Schritt durch die Wohnung kommt mehr Farbe ins Spiel: Mandelbaums Ölbilder an den Wänden. Musik: Bachs Goldbergvariationen neben dem Talmud auf dem Esstisch. Literatur: eine Biographie des jüdischen Aufklärers Moses Mendelssohn. Und in Griffweite liegt Ernst Ludwig Kirchners «Davoser Tagebuch».

Das Bekenntnis «Schmah Jisrael» ist für Jechezkel eine Liebeserklärung an Gott. Er und seine Frau Shulamith gehören seit 2001 dem Thora-Judentum an. Besiegelt, zertifiziert und auf alle Zeiten unanfechtbar beurkundet durch das strengste Rabbinatsgericht, das sie in Jerusalem finden konnten: die Eda Ha Charedit. Schon als Jugendlicher fühlte er sich zum Judentum hingezogen. Anders als bei anderen setzte er sein Liebäugeln konsequent in die Tat um.

Seit einem Jahr wohnen sie in Modi‘in Illit, einer orthodoxen Siedlung auf der Westbank, nahe der Grenze zum israelischen Staatsgebiet. Hinter dem Haus wird zurzeit am «Grenzzaun» gebaut. Dieses Siedlerdasein ist eine Notlösung, finden sie. Es bietet ihnen reichlich jüdische Infrastruktur: Koscher-Essen, Bethäuser, Tauchbäder, Kindergärten, Schulen, genug Juden, um jederzeit einen Gottesdienst abhalten zu können. Doch der Preis, den sie dafür zahlen, ist ihnen zu hoch: die Anpassung an die orthodoxe Gesellschaft um sie herum. Shulamith sagt: «Es ist mir nicht einmal erlaubt, in der Öffentlichkeit mit einem anderen Mann ein Wort zu wechseln!»

Ihre erste jüdische Existenz lebten sie in Lugano unter den Fittichen des chassidischen Führers Rabbi Ben Zion Rabinowitz aus der weissrussischen Bialer Dynastie. Aber hier wurde ihr Streben nach einem gottgefälligen Dasein zum täglichen Kampf, jedes koschere Joghurt ein Sieg. Das wollten sie nicht mehr länger hinnehmen. Deshalb riet der Rabbi der jungen Familie zur Übersiedlung nach Israel. Dort hätten sie alles, was sie brauchten. Er nahm sein Telefonbüchlein mit Adressen auf der ganzen Welt. In lebenspraktischen Dingen funktioniere der Chassidismus wie das Militär, meint Jechezkel. Der Rebbe tätigte ein paar Anrufe, dann stand fest, wohin die Mandelbaums ziehen.

Sie bekamen, was sie suchten: ein hundertprozentig jüdisches Leben; reglementiert, kontrolliert, abgeschieden. «Apolitisch und sehr friedlich, ein wenig wie auf dem Mond», sagen sie. Diese ultraorthodoxe Siedlergesellschaft habe mit der Welt nichts zu tun, wolle mit ihr nichts zu tun haben. Man sei nur an der Religion interessiert.

Heute, nach einem Jahr ultraorthodoxem Siedlerleben, haben die Mandelbaums genug. Sie wollen weg, das Leben wieder in die eigenen Hände nehmen. Sie planen ihre Übersiedlung nach Oxford bei London, wo Shulamith ihr unterbrochenes Mathematikstudium fortzusetzen beabsichtigt. Jechezkel, der sich auf sein Hausmanndasein vorbereitet, freut sich darauf, Neujahr wieder mehr als nur einmal zu feiern. Die junge Frau mit Kopfbedeckung büffelt für die schwierige Aufnahmeprüfung. Sie wollen nicht mehr auf dem Mond leben, sondern mitten in der Welt, verliebt in Gott, der sie erschaffen hat.

Am liebsten würde Jechezkel wieder in seinem Monstein leben. Aber der Aufwand für ihre fromme Lebensführung wäre hier enorm. Die Familie lebt im wesentlichen mehr schlecht als recht von den Mieteinnahmen, die seine von den Eltern verwaltete Eigentumswohnung in den Touristensaisons generiert. Den Rest kratzt Jechezkel zusammen: Klavierstunden, kammermusikalische Engagements, ab und zu ein Bilderverkauf. Der 33-Jährige ist als Kunstschaffender praktisch brotlos. Ja, Jechezkel räumt es ein, sie sind von ihren Eltern materiell abhängig geblieben. Ihre Suche nach dem guten Leben macht sie zu erwachsenen Kindern.

Die Mandelbaums scheinen eine Art multikulturelle Flüchtlingsfamilie zu sein. Lugano war ihnen nicht orthodox genug, die Westbank wiederum zu sehr. In Monstein würde es ihnen gefallen, hier aber ist ein religiöses Leben praktisch unmöglich. Von Ort zu Ort fliehen sie vor den Konsequenzen ihres religiösen Lebens. Die chassidische Familie will ihren eigenen Weg finden. Und diese Pfadfinderei macht sichtlich Spass, wie man Eltern und Kindern ansieht. Die Kinder beten unverkrampft und fröhlich die Segenssprüche zu ihrem Mittagessen und sind ansonsten ruhig und sanftmütig.

Die Leute in Davos haben ihren Monsteiner Jechezkel gern, obwohl er ihnen als frommer Jude schon fremder geworden ist. Trotzdem wird er angefragt, in der Kirche Orgel zu spielen. Schliesslich hat er das ja einst gelernt, hier im Dorf. Als die Pfarrerin ihn einlädt, die Kinder doch auch mitzubringen, lehnt Jechezkel ab. Es sind zu verschiedene Welten. Seine Kleinen müssen wissen, wo ihr Ort ist. Die religiöse Verantwortung gipfelt für die Mandelbaums darin, ihren fünf Kindern einen «Rahmen» zu geben. Der fünfjährige Ruben vermisse zum Beispiel etwas, ganz ohne Zwang, wenn er sein Käppi einmal nicht auf dem Kopf habe. Der religiös-sittliche Rahmen soll die Kinder schützen vor den Gefahren und Schädigungen der Orientierungslosigkeit.

Dass den Mandelbaums die Lebensfreude bei aller Demut nicht abhanden kommt, dafür haben sie ja bei den vielen Zweifelsfällen auf ihrem Lebensweg den Rebbe in Lugano, einen grossen Freigeist. Praktisch wöchentlich spricht Jechezkel mit Rabbi Ben Zion Rabinowitz, zumindest am Telefon. Und beileibe nicht nur dann, wenn es bei Mandelbaums wieder einmal Probleme gibt. Zu den vornehmen Bestrebungen eines Chassiden gehört es, seinen Rebbe glücklich zu machen, stolz wie ein Vater auf seinen Sohn.

Was aber rät der? «Er ist zum Beispiel gegen den Rollenzwang zwischen Mann und Frau. Sollten wir nach Oxford gehen, werde ich Hausmann, damit Shulamith studieren kann – dann findet der Rebbe das wichtiger als dass ich jeden Tag ins Bethaus gehe. Und er lehnt die Ausübung von religionserzieherischem Zwang gegen Jugendliche ab.»

Wollen die Mandelbaums noch mehr Kinder bekommen? «Nein, es reicht!» Die Antwort von Jechezkel und Shulamith kommt wie aus einem Munde. Orthodoxe halten das Kinderkriegen für ein religiöses Gebot. «Besonders nach dem Nazi-Massenmord an den europäischen Juden», pflichten ihnen viele Gutmeinende bei. Aber die Familienplanung zu vernachlässigen, ist für die Mandelbaums ein Irrglauben. Und er führt ins Desaster. Denn die heutige jüdische Welt sei gar nicht eingerichtet, um so viele fromme Junge verantwortungsvoll zu absorbieren. Das orthodoxe Leben mache viele zu erwachsenen Kindern, weil sie am Tropf von Eltern und Grosselten hängen. Das führe zu Depressionen und zum «inneren Ausstieg aus der Religion». Die Geburtenrate mag noch so hoch sein, «sechs von acht Jungen steigen aus und bleiben bloss äusserlich der Orthodoxie erhalten. Dahinter macht sich eine geistige Leere breit. Die Orthodoxen sind weltweit in Verarmung begriffen, die noch aus eigener Wirtschaftskraft erworbenen Leistungsvorschüsse der grosselterlichen Generation gehen zur Neige, und die Jungen können in diesem Käfig kein selbständiges Leben aufbauen.»

Eine Abkehr von diesem Irrweg sei nötig. Man habe in den letzten zwanzig Jahren zu viel Gewicht auf das geistige Leben gelegt, sich abgeschottet und das Leben draussen in der Welt verachtet. Jechezkels Vision besteht aus der Rückkehr der religiösen Juden in die Welt der aktiv Berufstätigen. «Der Mensch kann sich bei der Arbeit genau gleich Gott widmen und ihm dienen wie im Betraum.»

Ihr Rebbe zum Beispiel habe ihnen nach dem dritten Kind zur Verhütung geraten. Weil Shulamith sonst nicht ein Leben als Wissenschafterin führen könne. Trotzdem sind das vierte und das fünfte auch noch auf die Welt gekommen. Ja, Familienplanung ist für die Frau erlaubt. Aber ihre selbstgewählte Verhütung hat versagt. Zwar lehre der Talmud Verhütungsmethoden wie die Ausspülung der Vagina oder den Gebrauch von Watte, aber diese Techniken müssten auf die heutige Zeit übertragen werden. Der Rebbe empfiehlt Shulamith die Kupferspirale. Von hormonell wirkenden Mitteln rät er aus gesundheitlichen Gründen ab. Nach der chassidischen Auslegung des Talmuds steht das Wohl der Frau über dem Schutz des ungeborenen Lebens. Und zum Wohl gehört auch ihr sexueller Genuss. Was der Frau zu schaden droht, muss bekämpft werden. Daher ist selbst die Abtreibung im Extremfall erlaubt. Anders steht es um die Verhütung beim Mann. «Du sollst deinen Samen nicht vergeuden», heisst es in der Thora. Entsprechend ist das Kondom verboten. Der Samen muss in jedem Fall in die Vagina fliessen, selbst wenn keine Befruchtung stattfinden soll. Dass dies die männliche Homosexualität ausschliesst, versteht sich von selbst. Aber auch hier hält sich Jechezkel an den Talmud: «Ein Schwuler verletzt nur ein einziges Gebot. Aber ein Orthodoxer, der üble Gerüchte in die Welt setzt, kann sich 36 talmudischer Übertretungen schuldig machen.» Will sagen: Nicht die Religion hinkt hinter der Moderne her, sondern die religiöse Gesellschaft. Und wie gut es einem frommen Juden gelingt, mit seiner Zeit zu gehen, hängt wesentlich von der Fortschrittlichkeit seines Rabbis ab. Aber gerade daran mangelt es.

Viele Orthodoxe pflegen einen verängstigten Umgang mit Nichtjuden. Wenn eine jüdische Mutter ihre Kinder vom Spielplatz wegholt, sobald sie sich mit nichtjüdischen Kindern einlassen, glaubt sie ihre Kleinen vor schädlichen Einflüssen der nichtreligiösen Umwelt schützen zu müssen, mutmasst Jechezkel. Auch dass solche Eltern es ihren Kindern verbieten, Einladungen nichtjüdischer Freunde nach Hause zu folgen, geschehe wohl aus Angst vor dem sittlich-religiösen Kontrollverlust. Letztlich sind laut Mandelbaum auch die Koscher-Gebote einzig und allein als Barrikaden für den abgegrenzten und somit geschützten Bezirk der liebenden Gottesbeziehung zu verstehen. Ohne diesen Schutz wäre das gute, also religiöse Leben dem Tod geweiht.

Alle Eltern wollen ihre Kinder vor Gefahren schützen. Aber die Übertreibung, das regelrechte Abschotten, entstammt nach Jechezkels Ansicht nicht dem Religionsgesetz selbst, sondern der orthodoxen Gesellschaft. Zu ihrer Hermetik trage auch die weitverbreitete Praxis der professionell vermittelten Ehe bei. Dabei gründen die Heiratschancen, der Marktwert eines jungen Menschen, auf dem sozialen Status seiner Familie. Dieser Status werde in erster Linie am Grad der religiösen Reinheit und Gelehrsamkeit gemessen. Erst an zweiter Stelle kommen Reichtum und Macht. Deshalb muss sich die Familie ja so gut wie möglich und äusserlich sichtbar von der weltlichen Umgebung abgrenzen. Das Heiratsalter liegt zwischen 18 und 20 Jahren. Wer mit 25 Jahren noch nicht vergeben ist, gilt als einigermassen verzweifelt.

Jechezkel mag zwar altmodisch wirken mit seinem schwarzen «Deckel» oder dem englischen Béret. Aber er findet, dass man besser «in Jeans und aus freien Stücken den Schabbat heiligt als unter Zwang und dafür mit dem schweren Kaftan bekleidet». Er und Shulamith erproben ihren eigenen Stil. Zum Beispiel sein Bart: «Er müsste nicht sein. Er kann ihn wegmachen, wenn er will. Aber ich finde ihn einfach erotischer mit», sagt sie. Auch beim Schmuck sieht sie sich keinen Einschränkungen ausgesetzt. Ausser der Tätowierung, die sei religionsgesetzlich verboten, das Ohrendurchstechen oder sogar Piercing aber wohl erlaubt, selbstverständlich nur im Rahmen des Sittsamen.

Dann fragt sich für Aussenstehende nur, warum die Welt der jüdischen Orthodoxie so hässlich wirkt. Jechezkel glaubt, das liege an der pragmatischen Tradition. Was Gott in der Thora nicht vorschreibt, ist nicht wichtig genug, um Geld oder Energie darauf zu verwenden. Schön ist, was nützt. Schönheit um ihrer selbst willen galt in früheren Zeiten als Gefahr. Da bricht der Musiker aus ihm hervor: «Wer von einer Bach-Kantate hingerissen wird, könnte ein Gebot Gottes verpassen.» Heute gebe es für diese Genussfeindschaft keinen Anlass mehr, findet er. Sie werde nur noch von der Propagandamaschinerie der Fundamentalisten genährt. Ihre mythisierende Verklärung einer bestimmten geschichtlichen Phase des osteuropäischen Judentums zum orthodox-jüdischen Armutsideal sei auch eine Ursache des sozialen Desasters, in das die Orthodoxie heute weltweit schlittere. Im Talmud jedenfalls finde man keine Spur von Askese. Jechezkels Augen blitzen unter den feinen, hochgezogenen Brauen: «Das Übel kommt von der orthodoxen Propagandamaschinerie! Gegen sie richtet sich mein Befreiungskampf. Ich will den Fundamentalisten das Handwerk legen!»

Gegen halb neun bringen die Mandelbaums ihre Kinder ins Bett. Jetzt widmen sie sich bis in die späte Nacht ihrem Leben des Geistes. Sie berichtet ihm über surreale Zahlen, führt ihn in die Spieltheorie ein. Oder sie reden über theologische Themen. Vielleicht schauen sie auch noch einen Film zusammen. Aber nichts davon und von allem, was die Menschen je erfinden, ist so genial wie die Thora: «Sie ist wahrhaftig grandios. Mit ihr kann man alles tun und werden, denn es kann nicht sein, dass Gott den Menschen, die er geschaffen hat, im Wege steht.»

Daniel Ganzfried und Sebastian Hefti sind freie Journalisten in Zürich.

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