NZZ Folio 09/08 - Thema: Traumreisen   Inhaltsverzeichnis

Die Erotik der Luftseilbahn

© Mohini und Amol Akolkar, Mumba...
Das Paar erstellte eine Hitparade der besten Schweizer Städte: 1. Interlaken, 2. Brienz, 3. Lugano. Letzter: Zürich. Linktext
Brienz war toll, der Titlis enttäuschend, in Zürich zu viele Menschen – ein indisches Paar erfüllte sich den Bollywood-Traum: Hochzeitsreise in die Schweiz.

Von Bernard Imhasly

Mohini und Amol waren leicht auszumachen. Sie sassen wie ein Studentenpärchen beim Rendez-vous nahe beisammen und sahen schmächtig aus zwischen den hohen Wänden des «Kobe Sizzler», an denen sich der Rauch von den brutzelnden Servierplatten verlor. Auf dem Tisch stand eine der Spezialitäten des Lokals in Mumbai, mit Reis und Gemüse aufgehäuft und von einer undefinierbaren glänzenden Sauce zusammengehalten. Amol machte sich gleich ans Herausschöpfen, um die Befangenheit zu überbrücken. Mohini lächelte gekonnt scheu, wie es traditionell der indischen Frau beim ersten Kontakt mit Fremden geziemt.

Amol hatte sich freigenommen, um die letzten Reiseangelegenheiten zu erledigen, er war bereits in Ferienkleidung, mit Polohemd und Freizeithose. Mohini trug ein weisses Kurta-Pyjama – enge Baumwollhose, darüber ein langes Hemd –, die Allerweltskleidung der jungen berufstätigen Inderin. Die beiden 29-Jährigen sind das, was man «aspirational Indians» nennt, selbstbewusste Vertreter der aufstrebenden Mittelschicht. Amol arbeitet bei Shoppers Stop, der grössten Warenhauskette Indiens, Mohini ist Sachbearbeiterin in der Abteilung Finanzanalysen der amerikanischen Bank CitiGroup.
Das «Kobe Sizzler» liegt an der Andheri-Kurla Road. «Mohini arbeitet ganz in der Nähe, und sie hat nur eine kurze Mittagspause», hatte Amol am Telefon gesagt. Der Verkehr auf der AK Road bewegt sich zäh zwischen den Bauzäunen in der Mitte der Strasse, neuen glasüberzogenen Bürohäusern und Hütten, auf deren Flickdächern alte Autoreifen und rostige Radgestelle vergammeln. Un­bekümmert legen die Ladeninhaber ihre Waren über die ­Gehsteige bis auf die Fahrbahn aus, Papeterieartikel und ­Metallschränke, Berge glänzend roter Granatäpfel, prall ­behängte Kleiderständer zwischen parkierten Autos, dazwischen einige Ziegen, an eine Telefonstange gehalftert.

Es war der Tag vor ihrer Abreise in die Schweiz, und Mohini sagte, sie würde auch am nächsten Tag noch arbeiten. «Ich gehe dann aber bereits um fünf nach Hause, um noch rasch zu packen.» Handschuhe, Wollmützen, Windjacken für das Abenteuer Schweiz hatte sie schon bereitgelegt. War diese Letzte-Minute-Hektik eine gute Einstimmung für die Hochzeitsreise? «Eigentlich ist es ja schon unsere zweite», meinte Amol etwas verlegen. Die erste vor anderthalb Jahren zähle aber nicht, denn sie hatte nur vier Tage gedauert und war nach Mauritius gegangen. «Und dort ist überall Meer, genau wie hier in Mumbai.»

Die erste Hochzeitsreise hatten sie nach der Hochzeit im Dezember 2006 um ein halbes Jahr verschieben müssen, weil Amol gerade einen neuen Job begonnen hatte. Diesmal war es Mohini, die unter Termindruck stand. Neben ihrem Job studiert sie für ein Managementdiplom. Aber sie konnten mit den Flitterwochen nicht länger warten, Amols Überstunden drohten zu verjähren. «Die Karriere ist für uns sehr wichtig im Moment», sagte Mohini fast entschuldigend. Vom Kinderkriegen wollten sie im Augenblick ohnehin nichts wissen. «Später vielleicht, aber sicher nicht in den nächsten paar Jahren.»

Zuvor hatten sie beide gesagt, ihre wichtigste Freizeitbeschäftigung sei das Kino. War es also Bollywood, das sie auf die Idee gebracht hat, auf Hochzeitsreise in die Schweiz zu fliegen? «Wohl auch ein bisschen», sagte Amol. In vielen Bollywood-Liebesfilmen sind Szenen zu sehen, die in der Schweiz gedreht wurden. Sie haben in Indien das Bild unerreichbarer Naturschönheiten verbreitet – denn wer konnte sich bis vor kurzem eine Reise in die teure Schweiz leisten? Und im Film verband sich die Schönheit mit dem Spiel der Liebe, die sich in der Natur, beim Tanzen über die Wiesen, frei und offen ausleben konnte, statt sich wie zu Hause hinter Türen verstecken zu müssen. Das leicht erotisch aufgeladene Bild der Schweiz wurde noch angereichert durch die Erotik des Technischen – Luftseilbahnen, Drehrestaurants und Raddampfer machten alles hautnah erlebbar.

Für die Generation Mohinis und Amols ist die Schweiz nicht mehr unerreichbar. Und der Traum von Sauberkeit, Bewegungsfreiheit, Stille ist geblieben – angesichts des Alltags in der lärmigen, schmutzigen, verstopften 18-Millionen-Stadt Mumbai. «Die Schweiz ist ein Land, das der ­Umwelt Sorge trägt», sagte Amol, er hatte im Internet die Wikipedia-Einträge gelesen und für seine Frau ausgedruckt. «Sie ist ein friedliches Land, sauber und hat den besten öffentlichen Verkehr.» Das Gespräch über die Bollywood-Turteleien hatte Amol verlegen gemacht, doch nun wurde er gesprächig und erklärte im Detail die Reise: Sie würde von Zürich nach Interlaken führen, dann nach Luzern, Lugano und zurück nach Zürich. «Ich habe viel über das Transportwesen gelesen, darauf freue ich mich.» Swiss Tourism hatte ihre Reise – Kostenpunkt: 5600 Franken – zusammengestellt, der Swiss-Rail-Pass spielte eine zentrale Rolle darin.

Es war aber nicht nur die Verkehrsinsel der Seligen, die Amol und Mohini in die Schweiz lockte, weg vom Chaos der AK Road. Amol ist bei Shoppers Stop zuständig für die demographischen und sozioökonomischen Abklärungen für den Bau eines neuen Einkaufszentrums. «Die Malls sind das Wahrzeichen des aufstrebenden Indien, das gleichzieht mit den anderen Ländern der Welt. Unser Geschäft ist spezialisiert auf Accessoires, Kleider, Schmuck, Uhren, Kosmetika, Lederwaren – alles Güter, die Status und Prestige verleihen.» Die Schweiz, fügte er hinzu, sei das Paradies für Luxusgüter. Er freue sich, Warenhäuser, Boutiquen und Uhrengeschäfte zu begutachten.

Sind Amol und Mohini noch verliebt? Zumindest zeigten sie es nicht. So etwas wie einen hastigen, verschämten Liebesblick gab es erst, als ich sie nach ihrer Heirat fragte. Auch die waren sie so kühl und überlegt angegangen wie ihre Hochzeitsreise. Sie hatten sich im College kennengelernt, aber sie wussten, dass die Eltern einer Liebesheirat wenig abgewinnen würden, obwohl sie beide Brahmanen sind. Um zu verhindern, dass ihre Eltern, wie in Indien immer noch üblich, die Fühler nach einem Partner für das Kind auszustrecken begannen, heckten sie einen Plan aus. Beide machten mit Zustimmung der Familie ihren Heiratswunsch auf einer der vielen Websites für Heiratsvermittlung im Internet publik.

Auf der Website «Jeevan Sathi» (Gemeinsam leben) konnten sie in heimlicher Absprache und damit relativ leicht durch die vielen Selektionsstufen navigieren, die die soziale und psychische Verträglichkeit von Heiratswilligen gewährleisten sollen. Allein für Partnersuchende aus dem Gliedstaat Maharashtra zählt «Jeevan Sathi» 82 Hindu-Kasten und 17 Brahmanen-Unterkasten (und 19 Christen-Kasten!) auf. Auch die astrologische Konstellation war Amol und Mohini gut gesinnt, und bald schon konnten sie den erfreuten Eltern den idealen Partner aus dem Netz präsentieren. Erst lange nach der Hochzeit gestanden Amol und Mohini ihren Familien die Scharade. Sie hätten es mit Humor quittiert, sagten die beiden lächelnd, und verabschiedeten sich hastig von mir. Am kommenden Tag flogen sie in die Schweiz.

Zehn Tage später waren Amol und Mohini aus den Flitterwochen in der Schweiz zurück. Ebenso unvermittelt, wie sie sich aus der Arbeitswelt katapultiert hatten, waren sie dort wieder gelandet. «Die Schweiz hat mir gutgetan. Ich bin mit 500 Prozent Energie geladen, sagte ich meinem Chef, als ich ihn am ersten Tag traf», erzählte Amol. Die Ladung war offenbar so explosiv, dass er sich eine Bänderzerrung holte, als er die Treppe hinunterrannte. Wir trafen uns bei den beiden zu Hause, im 7. Stock eines Hochhauses im Kandivli-Quartier, dreissig Kilometer jenseits des Flughafens. Amol hatte die erzwungene Musse genutzt, um sich auf das Gespräch vorzubereiten.

Es glich eher einem Debriefing als einer nostalgischen Rückschau. Für jede Stadt und jeden Berg und jede Fahrstrecke hatte Amol Ranglisten erstellt, als wolle er mit seinen Beobachtungen der Marketingabteilung von Swiss Tourism zur Hand gehen. Zuerst die Städte: «Interlaken, Brienz, Engelberg und Lugano – in dieser Reihenfolge – waren schlicht brillant.» Unter den Transportmitteln habe die Pilatusbahn alles geschlagen – was sich an den unzähligen Fotos zeigte, die er in einer Diaschau abspulte. «Bei den Bergen waren es Jungfraujoch, Schilthorn und Pilatus.» Vom Titlis waren sie enttäuscht: Die Scheiben der Luftseilbahn waren völlig zerkratzt und erlaubten keine schönen Bilder. Er zeigte trotzdem ein paar als Beweisstücke. Auch von Luzern und Zürich waren sie nicht begeistert. «Grossartige Einkaufsstrassen, aber zu viele Leute.»

Zu viele Leute? Für ein Paar aus Mumbai? Statt einer Antwort begann Amol von Interlaken zu schwärmen. Dort hatte auch das Hotel den ersten Platz errungen, gleich vor Lugano. Aber was ihn am meisten beeindruckt hatte, erschien in keiner Liste: «Es hatte fast keine Autos, und es war so still.» Das Gefühl, allein auf der Strasse zu sein, muss überwältigend gewesen sein. Die Fotos zeigten Mohini auf dem Fahrrad, auf einer langgezogenen leeren Strasse neben dem Fahrrad stehend, auf dem Randstein sitzend, auf einem Mäuerchen, vor einem blumenreichen Verkehrskreisel – Mohini in einem Land ohne Menschen.

Und was wurde aus Amols Plänen, Einkaufszentren und Läden einer Inspektion zu unterziehen? Es war weniger aufregend, als er gehofft hatte: «Vor zwanzig Jahren war das sicher noch etwas Besonderes. Aber heute sieht man Versace und Mango auch in Mumbai.» Dem aufstrebenden Inder Amol war zudem die Kauf- und Verkaufslust vergangen. Beim Gespräch vor der Hochzeitsreise hatte er Mohini noch gesagt, die nächste Reise würde nach Dubai gehen, ins grösste Shoppingparadies der Welt. Aber dieser Traum wurde von der Dorfstrasse in Brienz und ihrem Milchladen beiseite gefegt: «Ich glaube, Dubai ist langweilig.» Deshalb hätten ihm auch Zürich und Luzern nicht so gefallen.

Hatten sie Kontakt zu Schweizern? «Nein, wir waren aber gern allein.» Niemand drängte sich auf, und das war eine Wohltat, wenn man aus einem Land kam, in dem Raumnot und Menschendichte ein permanentes soziales Navigieren verlangten. Wo Wortwechsel nötig waren, in Hotels und Restaurants, gab es keinen Anlass zum Klagen. Mohini sagte: «Alle waren hilfreich, als es um die Wahl vegetarischer Speisen ging.» Die beiden hatten befürchtet, dass sie in einem Land der Fleischfresser landen würden, und hatten sich deshalb zu Hause mit Instant Soup von Nestlé India eingedeckt. «Am Abend assen wir im Zimmer eine Suppe.»

Die einzige Konversation in den zehn Tagen Schweiz hatten sie mit einer Touristin aus den Niederlanden – einer Schweizerin, die jedes Jahr einige Wochen in ihrer alten Heimat verbringt. «Sie sagte uns, die Schweiz sei ideal für Ferien, aber sie wohne lieber in Holland. Sie hatte recht. Die Schweiz war phantastisch, aber wir leben lieber in Mumbai.» Im Paradies lebt man schliesslich nicht. Dorthin flüchtet man von Zeit zu Zeit, um dann wieder Heimweh nach dem Alltag zu haben. An seine Frau gewandt, fügte er hinzu: «Nächstes Jahr gehen wir nach Amsterdam.»

Bernard Imhasly war NZZ-Korrespondent in Indien; er lebt in Mumbai.

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