Hubert Knoblauch ist Soziologe und lehrt - nach Konstanz, Berkeley und Nottingham - an der London School of Economics. Neben der Verbreitung und Nutzung neuer Technologien erforscht er das Phänomen der Religiosität ausserhalb der Kirche. Hier sieht Knoblauch einen epochalen Trend, der seit den fünfziger Jahren dieses Jahrhunderts immer stärker wird. In Europa verliert die kirchliche «Anstaltsreligiosität» zusehends an Einfluss. Manche werden Atheisten, andere wenden sich vermehrt neuen (oder wiederbelebten) Glaubensquellen zu, sei dies nun Esoterik oder christlicher Fundamentalismus. «Das Heilige kehrt in die Welt zurück», sagt Knoblauch. In den neuen Glaubensformen treten persönliche Erfahrungen an die Stelle kirchlicher Dogmen: die Erfahrung des eigenen Todes etwa - einer verlässt im Krankenbett seinen Leib, stattet dem Jenseits einen Besuch ab und kehrt ins irdische Leben zurück. Und berichtet dann nicht selten vor Talkmaster und Publikum über seine Jenseitsreise. In einem Projekt der Universität Konstanz erhebt Knoblauch derzeit solche Todeserfahrungen erstmals grossflächig in Deutschland.
Das Gespräch mit Hubert Knoblauch führte Daniel Di Falco.
Herr Knoblauch, kann man Leuten trauen, die von ihrer Rückkehr aus dem Jenseits berichten?
Ich gehöre nicht zu den Zynikern, die Todeserfahrungen als moderne Legenden abtun. Es handelt sich um sehr individuelle Erfahrungen, die sich den Leuten einbrennen. Sie verschweigen sie häufig - aus Furcht, für verrückt gehalten zu werden. Auch wenn man nicht an Jenseitsreisen glaubt, kann man den Überlebenden ihre Erfahrung nicht streitig machen. Allerdings darf man die Todeserfahrung selbst nicht mit dem verwechseln, was die Leute davon berichten. Dazwischen steht die Vermittlung durch Gedächtnis, Sprache und Kommunikation, durch Modelle, die unsere Kultur für solche Erfahrungen bereithält.
Kann man denn die Erfahrung nicht einfach von der Erzählung entkleiden?
Nein. Den wahren Kern, den es zu enthüllen gilt, gibt es nicht. Ohne Erzählung ist die Erfahrung nicht mitteilbar. Ja, eigentlich bringt erst die Erzählung die Erfahrung zur Existenz.
Also können Sie die Existenz eines Jenseits weder beweisen noch widerlegen?
Das ist nicht unser Geschäft. Wissenschaft kann ja, streng genommen, nicht einmal die Existenz der Dinge im Diesseits beweisen. Todeserfahrungen sagen weniger etwas über die Realität eines Jenseits aus als über die Menschen und ihre Erfahrungswelt. Man würde ja auch nicht mit Träumen die Existenz von etwas beweisen wollen. Allerdings ist für die meisten ihr Jenseitserlebnis weitaus realer als ein Traum: Sie sind davon überzeugt, an der Schwelle des Todes gestanden oder sie gar überschritten zu haben.
Die Medizin erklärt Todeserfahrungen mit blossen physiologischen Fehlfunktionen, etwa mit Sauerstoffarmut im Hirn oder der Ausschüttung von Stresshormonen.
Sicher kann man zeigen, dass zwei von drei Menschen während eines Herzstillstands eine Todeserfahrung machen. Aber unter den Jenseitsreisenden sind nicht wenige, die medizinisch gesehen gar nie an der Schwelle des Todes standen. Die grosse Helligkeit im Jenseits, von der die Leute berichten, kann man auch mit physiologischen Vorgängen erklären - nicht aber, dass viele im Jenseits ganz spezielle Gestalten sehen.
Welche Gestalten?
Klassisch ist eine Führerfigur, welche die temporär Toten durch das Jenseits geleitet. Das kann Gott persönlich sein - mit weissem Rauschebart und weissem Kleid, eine fast kinderbuchartige Gestalt. Das können Verwandte sein, wie sie der Jenseitsreisende zum letztenmal vor seinem Tod gesehen hat; der Sensenmann als vermenschlichtes Gerippe, wie wir ihn vom Basler Totentanz kennen, oder die selige Ulrike. Es treten auch verstorbene Familienangehörige auf, die zur Rückkehr ins Leben anhalten.
Und was erleben die Leute bei ihrer Jenseitsreise?
Bei allen Unterschieden gibt es immer wieder ähnliche Elemente. Dazu gehört die Überzeugung, tot zu sein oder an der Grenze zum Tod zu stehen, oft zusammen mit einem Gefühl inneren Friedens. Viele machen eine Out-of-body-Erfahrung, bei welcher sie ihren Körper von aussen, in der Regel von oben, sehen. Die Leute berichten dann, sie hätten einen Tunnel oder ein Dunkel durchquert. An dessen Ende treten sie in ein äusserst intensives Licht und treffen die erwähnten Gestalten. Es folgt eine filmartige Rückschau auf das Leben, dann die oft widerstrebende Rückkehr in die Welt.
Wie sieht es denn aus, das Jenseits?
Viele berichten von einer elysischen Landschaft: mächtiger Berg, rauschender Bach, bunte Blumen, Engelschöre in der Luft - ein Idyll wie aus der Schäferpoesie. Dann gibt es das Jenseits als saftige Wiese mit wunderbarer Atmosphäre. Andere beschreiben es als mystische Erfahrung: ihr überwältigendes Einswerden mit allem, ihr Aufgehen im grossen Einen, ganz ohne bildlich-räumliche Visionen. Die Rückblende auf das Leben findet nicht in einem konkreten Raum statt. Es gibt also keine einheitliche Topographie des Jenseits.
Was haben diese Bilder zu bedeuten?
Man kann sie interpretieren als gelebte Allegorie, in der sich der Prozess des Leidens oder Sterbens versinnbildlicht. Eine Frau, die nach einem Reitunfall in Afrika in tiefe Bewusstlosigkeit fiel und am Rande des Todes schwebte, kämpfte so in einem riesigen Wasserstrudel gegen das Ertrinken. Sie wusste, sie muss oben bleiben. Plötzlich verschwand der Strudel, und sie erwachte im Spitalbett.
Ist es ein bestimmter Menschenschlag, der dem Tod ins Gesicht schaut?
Nein. Allerdings waren weitaus mehr Frauen als Männer bereit, unsere Fragen zu beantworten: Sie sind es eher gewohnt, über Persönliches zu sprechen. Überproportional vertreten waren Leute zwischen 60 und 70.
Und welchen Eindruck haben die Überlebenden auf Sie gemacht?
Alle haben sie keine Angst vor dem Tod und zeigen eine spürbare Lebensfreude. Sie stehen gelassener im Leben. Das gilt auch für Leute, die das Schicksal hart getroffen hat und die zum Beispiel mit einer schweren Amputation weiterleben müssen - wie die Frau im Strudel.
Kann man aus einer Jenseitsreise eine bestimmte Lehre ziehen?
Nein. Aber sie ist Anstoss zur Sinnsuche: Die Überlebenden versuchen das Erlebnis zu deuten. Manche können es mit ihrem Glauben vereinen, anderen bleibt es ein Rätsel. Weil den Leuten keine verbindlichen Deutungsmuster zur Verfügung stehen, sind sie auf sich selber angewiesen. Nur sehr wenige wenden sich an die Kirche.
Wo liegt die gesellschaftliche Bedeutung der Todeserfahrungen?
In ihrer Jenseitsreise erfahren die Leute am eigenen Leib, dass es etwas Transzendentes gibt, etwas jenseits der Alltagswelt. In dem Masse, wie traditionelle, durch die Kirche vermittelte Vorstellungen über die richtige Lebensführung an Einfluss verlieren, wird die subjektive Erfahrung, die eigene Biographie wichtiger. Darin sind Todeserfahrungen mit mystischen Erfahrungen vergleichbar.
Die Todeserfahrung also als Legitimation für eine Privatreligion?
Subjektiv ist nicht gleich privat. Das Erlebnis bleibt nicht in vereinzelten Individuen stecken. Die Überlebenden teilen sich anderen mit, schreiben Bücher und gründen Selbsthilfegruppen. Diese Kultivierung und Vergemeinschaftung ist das Neue an der Sache.
Das ist schlecht für die Kirchen.
Diese Menschen entziehen sich tatsächlich dem Zugriff der Kirchen.
Wie häufig sind denn Todeserlebnisse?
Vor über zehn Jahren ergab eine Erhebung in den USA eine Quote von rund 15 Prozent der Bevölkerung. Bei uns dürften es 5 bis 10 Prozent sein. Genaueres - zumindest für Deutschland - soll unsere Erhebung liefern. Offensichtlich ist, dass Todeserfahrungen viel verbreiteter sind als früher.
Hängt das mit dem medizinischen Fortschritt in der Wiederbelebungstechnik zusammen?
Er mag dazu beitragen. Nicht vergessen darf man aber die Medien, welche die Todeserfahrungen verbreiten und auf die Agenda setzen.
Sind denn die Talkshows der Grund, dass in den USA mehr Todeserfahrungen gemacht werden als hier?
Religiöse Themen werden in den USA stärker öffentlich verhandelt als in Europa. Und die Medien beeinflussen sicher stark, wie von den Erfahrungen berichtet wird: Sie vertreten vor allem jenes abstrakte New-Age-Modell mit dem Tunnel und dem Licht. Dann berufen sich die amerikanischen Mormonen auf Todeserfahrungen. Und aus den USA kommt schliesslich auch die Todeserfahrungsforschung. Es gibt dort eine richtige Bewegung mit Vereinen und Zeitschriften - oft innerhalb oder nahe der New-Age-Bewegung.
Sind Todeserfahrungen also ein US-Import?
In Europa gibt es Todeserfahrungen seit je - schon Plato berichtete von der Jenseitsreise eines Soldaten. Oder denken Sie an die berühmten Dialoge Gregors des Grossen: Er wollte anhand von Sterbebettvisionen beweisen, wie unser Tun im Jenseits bestraft und belohnt wird. Todeserfahrungsberichte waren im Mittelalter eine der populärsten Literaturgattungen. Die heutige Aktualität des Themas hierzulande kommt allerdings tatsächlich aus den Staaten; ebenso die Tendenz zur Standardisierung der Berichte nach dem New-Age-Modell. Bei uns kann man noch originellere Arten von Erfahrungen hören.
Zum Beispiel?
Eine ältere, chronisch kranke Frau erzählte mir ihre wiederholte Todeserfahrung: Sie war auf einer ausgelassenen Stehparty. Ein Sensenmann mit traurigem Gesicht habe sie bei der Hand genommen und zur Tür geführt. Sie aber schubste ihn hinaus, kehrte einmal mehr ins Leben zurück - und machte sich aus Mitleid mit Gevatter Tod ein schlechtes Gewissen. Was es in den USA kaum gibt, sind Begegnungen mit Heiligen im Jenseits, ein katholisch-volksreligiöses Motiv.
Spricht nicht diese Wandelbarkeit gegen die Glaubwürdigkeit solcher Erfahrungen?
Nein. Die Todeserfahrungen waren immer schon historisch-kulturell geprägt. Ist es in Indien eine Kuh, die den Toten ins Jenseits bringt, so ist es in den USA das Taxi. In Europa wird der Tod heute eher als eine erfreuliche, lehrreiche Erfahrung erlebt; im Mittelalter war er eine fürchterliche Prüfung im Angesicht der Hölle. Das zeigt: Todeserfahrungen gibt es in allen Kulturen und Zeiten, immer werden sie jedoch eingearbeitet in den vertrauten kulturellen Hintergrund.
Können Atheisten ins Jenseits reisen?
Zweifellos. Ich bin einer Frau begegnet, die ihre Todeserfahrung vor der Wende in der DDR gemacht hat. Sie war nicht nur ausgesprochen areligiös, ihr fehlte auch jedes Wissen über Erfahrungen dieser Art. Und trotzdem hat sie ein solches Erlebnis gehabt und es ohne Schwierigkeiten identifiziert. Auch Atheisten können Transzendenz erfahren, führen sie aber nicht auf einen Gott zurück. Ohne ausseralltägliche Erfahrungen, in denen wir Menschen uns über eine höhere Bedeutung unseres Daseins verständigen, wären wir nur traurige Tiere.