«Bantu, Bure und Brite» lautet ein klassischer Titel der südafrikanischen Geschichtsschreibung, ein Buch des namhaften Historikers W. M. Macmillan. In diesem Titel drückt sich die noch heute weithin massgebende Auffassung von südafrikanischer Geschichte aus, wonach sie ein episches Drama mit drei Gruppen von Akteuren ist: den einheimischen, Bantu sprechenden Schwarzafrikanern, den Afrikaanern oder Buren, Abkömmlingen der ursprünglichen holländischen Siedler, und den englischsprachigen Nachfahren der Briten, die das Land zuletzt kolonisierten.
Diese Sicht der Landesgeschichte, der «Entstehung Südafrikas», färbt auch das Verständnis der aktuellen sozialen und politischen Dynamik: So betrachtet, besteht die südafrikanische Politik im Konflikt - und heute in der Annäherung und Einigung - zwischen (angloburischen) Weissen und (afrikanischen) Schwarzen. Dass es andere Gruppierungen von politischer Bedeutung gibt, nämlich die sogenannten Coloureds, die Mischlinge, findet selten in dieses Bild Eingang. Weder schwarz noch weiss, noch gelb, sitzen sie zwischen allen Stühlen.
Macmillan verfasste zwar ein weiteres berühmtes südafrikanisches Geschichtswerk, «The Cape Colour Question»; es war 1927 die erste und inzwischen nur um eine Handvoll anderer Werke ergänzte Auseinandersetzung mit der Geschichte eben dieser «Farbigen» in Südafrika. Aber die Spärlichkeit historischer und sonstiger analytischer Arbeiten über diesen Teil der südafrikanischen Bevölkerung spiegelt deren weitgehend peripheren gesellschaftlichen Status wider. Ebenso die Tatsache, dass die Mischlinge in einem Massstäbe setzenden historiographischen Oeuvre wie dem von Macmillan abgetrennt von den Hauptakteuren behandelt wurden.
Zurzeit jedoch ist für die Coloureds einer jener seltenen Augenblicke gekommen, in denen sie landesweit Aufmerksamkeit auf sich ziehen. In den bevorstehenden allgemeinen demokratischen Wahlen werden die Südafrikaner über eine Nationalversammlung und über neun Regionallegislativen abstimmen. Alles deutet darauf hin, dass Nelson Mandelas Afrikanischer Nationalkongress (ANC) die Mehrheit und damit die Macht in der Nationalversammlung und in den meisten Provinzparlamenten erringen wird. Die westliche Kapprovinz, wo die Coloureds 56 Prozent der Bevölkerung und ungefähr 55 Prozent der Wählerschaft stellen, ist eine der ganz wenigen Regionen, in denen dem ANC die Mehrheit nicht sicher ist und die Nationalpartei (NP) von Frederik de Klerk sich Siegeschancen ausrechnet.
Meinungsumfragen, darunter auch vom ANC selbst durchgeführte, haben schon früh erkennen lassen, dass die NP in der Gunst der farbigen Wähler derzeit bei etwa 40 Prozent und der ANC zwischen 20 und 25 Prozent liegt und ein grosser Teil der Wählerschaft unentschlossen ist. Die Weissen, unter denen die NP die Partei mit dem stärksten Rückhalt sein dürfte, machen 27 Prozent der Wählerschaft in der Region aus, die Schwarzafrikaner, deren überwältigende Mehrheit den ANC unterstützt, 17 Prozent. Die politischen Parteien konzentrieren sich daher verständlicherweise darauf, Stimmen unter den Coloureds zu gewinnen, und auf einmal sind alle bemüht, ihre soziale und kulturelle Eigenart, ihren gesellschaftlichen Standort und ihre Ängste und Hoffnungen zu verstehen.
Die Coloureds haben während des vierzigjährigen Apartheidsregimes der NP seit 1948 massive materielle Nachteile, soziale Geringschätzung und politische Entrechtung hinnehmen müssen. Im ganzen Land wurde ihr sozialer Zusammenhalt durch Zwangsumsiedlungen zerstört, bei denen viele in die trostlosesten Wohngebiete getrieben und Familien wegen erniedrigender Rassentests auseinandergerissen wurden. Und in dem wohl zynischsten Verfassungsbetrug in der politischen Geschichte des Landes beraubte die NP die Coloureds der wenigen politischen Rechte, die ihnen aus Kolonialzeiten noch geblieben waren. Wie kommt es dann, dass sie laut Meinungsumfragen heute daran denken, für eben diese Partei zu stimmen? Was für Menschen bilden diese «farbige» Volksgruppe?
Dass alle Gemeinschaften, ob nationaler, rassischer oder ethnischer Art, in höherem oder geringerem Masse «eingebildete» soziale Konstrukte sind, ist heute allgemeiner Konsens; aber selten drängt sich einem diese theoretische Einsicht so klar auf wie beim Versuch, die Coloureds als Gruppe zu definieren. Heterogenität, unsichere Definitionskriterien, das Fehlen offensichtlicher Gemeinschaftssymbole und ein unterentwickeltes Gruppengefühl sind nur einige der Faktoren, die den Betrachter irritieren.
Am einfachsten liesse sich diese Kategorie von Südafrikanern - 3,3 Millionen Menschen insgesamt, 8,5 Prozent der Gesamtbevölkerung - wohl so beschreiben, dass es sich dabei um diejenigen handelt, die in anderen Gesellschaften häufig als Gemischtrassige oder Mulatten bezeichnet werden. Diese Definition wirft allerdings wiederum das Problem auf, dass man festlegen muss, wo angesichts des breiten Spektrums physischer Typen unter den Coloureds «farbig» aufhört und «weiss» oder «schwarz» anfängt.
Es war die NP-Regierung, die 1950 mit dem Erlass des Population Registration Act den Rassenkategorien einen definitiven gesetzlichen Inhalt verlieh und es jedem Südafrikaner zur Pflicht machte, zu einer dieser offiziell vorgeschriebenen Rassengruppen zu gehören, wobei diese Zugehörigkeit weitreichende Auswirkungen auf den privaten und öffentlichen Rechtsstatus der Betreffenden hatte. Coloureds wurden definiert als solche, die weder Schwarzafrikaner (Bantu) noch Weisse waren und auch keine Chinesen oder andere Asiaten.
Es wäre jedoch ein Irrtum zu meinen, die «farbige Bevölkerungsgruppe» sei lediglich das Produkt und die Erfindung der manipulativen Rassengesetzgebung einander lückenlos ablösender NP-Regierungen im Laufe der letzten vierzig Jahre. Die Versuche zur gesetzlichen Festschreibung solcher Gruppenbezeichnungen mit diskriminierendem Inhalt gehen auf die früheste Kolonialzeit der südafrikanischen Geschichte zurück; allerdings gewannen sie unter der Apartheid an Gemeinheit und Brutalität. Und trotz der Heterogenität und grossen Unterschiede der unter diesem Oberbegriff Versammelten kann man in Südafrika einen Menschenschlag erkennen, der sich neben dem herrschenden europäischstämmigen und dem beherrschten schwarzafrikanischen Sektor der Bevölkerung entwickelte und der rechtlich anders als diese Gruppen behandelt wurde.
Man geht allgemein davon aus, dass zur Bildung der heutigen Gruppe der Coloureds vier Bevölkerungsgruppen zusammenkamen, nämlich die ursprünglich das Kap bewohnenden Khoi-Khoin und San («Hottentotten» und «Buschmänner» im gängigen Kolonialjargon), eingeschleppte Sklaven unterschiedlicher Herkunft und die europäischen Kolonisatoren, wobei die Khoi-Khoin und die Sklaven die zahlenmässig stärksten Anteile stellten. Die Vermischung und Akkulturation, die über einen langen Zeitraum hinweg stattfand, war ein komplizierter Prozess, aus dem eine Vielfalt von Unter- und Zwischengruppen resultierte, die sich ihrerseits wieder auf mannigfache Weise vermischten.
Es lässt sich unmöglich exakt angeben, wann sich der statistische und terminologische Übergang zu einer einzigen, wenn auch heterogenen Gruppe vollzog, aber die erste Hälfte des 19. Jahrhunderts wird allgemein als wichtige Epoche in dieser Entwicklung angesehen: mit der theoretischen rechtlichen Gleichstellung der Khoi-Khoin im Jahre 1828 (nachdem man ihre Hirtenkultur zerstört und sie zu einem besitzlosen Proletariat von Saisonarbeitern und Tagelöhnern gemacht hatte) und der Befreiung der Sklaven 1834 begann sich aus diesen Volksteilen eine einzige «farbige» Gruppe zu bilden.
Die Geschichte der Coloureds in der Kolonialzeit zeigt das Bild von Menschen, die ihrer eigenen Kulturen beraubt wurden und die sich daraufhin aus der Kultur der Sieger Brocken für den Wiederaufbau ihrer zerbrochenen und verwüsteten Identität zu eigen machen mussten. In diesem langen Wiederaufbauprozess wurde ihnen jedoch nur beschränkt Zugang zur herrschenden Kultur gestattet, da ein voller Zugang letztlich an den Besitz von Privateigentum gebunden war, was den Coloureds mit den verschiedensten Mitteln verwehrt wurde. Das Ergebnis dieser selektiven und beschränkten Integration war, dass die Coloureds der «normalen» Kolonialgesellschaft zugleich angehörten und von ihr ausgeschlossen waren.
Die Position der Coloureds in den Auseinandersetzungen zwischen Weissen und Schwarzen trat zum erstenmal deutlich Anfang des 19. Jahrhunderts in den Grenzkriegen zutage, in denen einige Khoi-Khoin-Truppen im Dienste der britischen Kolonialmacht kämpften, während auf der Gegenseite Khoi-Khoin-Rebellen mit den Xhosa ins Feld zogen. Diese Zwischenstellung sollte ein durchgängiger Zug in der Geschichte der Coloureds bleiben, der sich periodisch in Krisenzeiten mit grösserer Heftigkeit bemerkbar machte. Er manifestiert sich als ein ständiger Zwiespalt, ein Hin- und Hergerissensein zwischen dem Streben nach völliger Eingliederung in die herrschende weisse Gesellschaft und der Identifikation mit der übrigen unterdrückten nichtweissen Bevölkerung.
Ebenso durchgängig vom selben Zwiespalt gekennzeichnet ist die Rolle der Coloureds in den gesellschaftspolitischen Entwicklungen der Gegenwart: einerseits streben sie energisch nach Assimilation mit dem Ziel des vollständigen Aufgehens in der weissen Gesellschaft; andererseits enthalten sie sich mürrisch oder apathisch jeder politischen Betätigung oder suchen militant nach einer einheitlichen gemeinsamen Sache aller rassisch Unterdrückten. Bemerkenswerterweise haben politische Bewegungen für spezifische oder ausschliessliche Ziele der Coloureds niemals nennenswerte Unterstützung gefunden. Der Gedanke einer einheitlichen, festgelegten «farbigen Identität» ist immer auf massive Ablehnung gestossen und war keine Basis für eine politische Mobilisierung.
In der extrem polarisierten Situation der achtziger Jahre - als die repressive Politik des Apartheidsstaates auf eine breiter werdende Widerstandsfront stiess - spielten die Coloureds bald eine bis dahin nie gekannte Rolle im organisierten Widerstand. Die Vereinigte Demokratische Front (UDF), in vieler Hinsicht der operierende Flügel des damals verbotenen ANC, wurde in der westlichen Kapprovinz vor allen Dingen von ihnen unterstützt.
Alles in allem jedoch blieben die Coloureds gesellschaftspolitisch eine Gruppe, die sich gegenüber den beiden grossen rivalisierenden Kräften als marginal begriff, weder hierhin noch dorthin gehörig. In der gegenwärtigen Umbruchsituation machen sich die alten Unsicherheiten und Zwiespältigkeiten wieder stärker bemerkbar, und die Wahl zwischen dem ANC und der NP reduziert sich für die Coloureds auf die Entscheidung, sich entweder mit der schwarzafrikanischen Mehrheit oder der bis jetzt herrschenden weissen Schicht zu identifizieren und Anschluss zu suchen.
Von den 3 354 200 Personen, die offiziell zu den Coloureds gezählt werden, wohnen 83 Prozent (2 813 600) in der gegenwärtigen Kapprovinz, die überwältigende Mehrheit von ihnen (2 102 400) am westlichen Kap. Darin spiegelt sich der Ursprung und die Geschichte dieser Gruppe wider: Am Kap war es, wo die Europäer sich zuerst niederliessen und auf die einheimischen Khoi-Khoin und San stiessen und wohin Sklaven importiert wurden. Am Kap ist man in Rassenfragen traditionell liberaler als im übrigen Land, und dies dürfte sicher zur Ambivalenz der farbigen Bevölkerung gegenüber der herrschenden weissen Gesellschaft beigetragen haben.
Die Coloureds sind überwiegend Städter. Über zwei Millionen leben in den grossen Ballungszentren des Landes und weitere 800 000 in städtischer Umgebung. Wie die schwarzafrikanische Bevölkerung (wenn auch etwas weniger krass) sind die Coloureds in den höheren und mittleren Positionen des südafrikanischen Wirtschafts- und Erwerbslebens deutlich unterrepräsentiert.
Da es niemals eine breite farbige Bauernschaft gegeben hat, finden sich unter den Coloureds nur ganz wenige Landbesitzer. Sie waren entweder Landarbeiter oder bildeten das städtische Proletariat. Da die Wirtschaft am westlichen Kap im Vergleich zu den anderen Landesteilen lange Zeit ziemlich stagnierte, ist die Arbeitslosigkeit unter der farbigen Arbeiterklasse eine weit verbreitete Erscheinung. Dies erklärt weitgehend die sehr hohen Verbrechensrate am Kap, das Bandenunwesen und kriminelle Gewalt in vielen Gegenden.
Eine handeltreibende Klasse ist in dieser Bevölkerungsgruppe praktisch nicht existent, und eine Kapitalistenklasse gibt es überhaupt nicht. Am stärksten vertreten sind die Coloureds heute im Dienstleistungssektor, etwa in den Geldinstituten, im Staatsdienst, im Hotelgewerbe, im Schuldienst, in der Krankenpflege und ähnlichen Bereichen.
Man schätzt, dass eine halbe Million Coloureds unter dem Existenzminimum leben. Zwar haben die letzten zehn Jahre eine stetige Verbesserung der Bildungschancen gebracht und einen Mittelstand geschaffen, aber im grossen und ganzen sind die Coloureds nach wie vor eine Gruppe, die unter der Vernachlässigung durch die Apartheid zu leiden hat. Man scheint skeptisch zu sein, ob eine neue soziale und politische Ordnung die Bedingungen verbessern wird oder ob man nicht am Ende die geringen sozialen und materiellen Fortschritte verliert, die man erzielt hat.
Die Coloureds, diese heterogene Gruppe von Südafrikanern, sind für die neu entstehende Nation eine besondere Herausforderung. Sie gehören historisch zu den Unterdrückten im Lande, während sie in anderer Beziehung durch traditionelle Bande mit den herrschenden Weissen verknüpft sind. Beispielsweise sprechen die Coloureds hauptsächlich Afrikaans und Englisch, wobei das Afrikaans überwiegt. Tatsächlich leisteten sie den wesentlichen Beitrag zur Entwicklung und zeitweise zur Bewahrung des Afrikaans.
Das bisher geltende Bild der südafrikanischen Gesellschaft wird derzeit in Frage gestellt. Die NP, die so lange fanatisch auf der Rassentrennung beharrte, geht jetzt unter den Coloureds eifrig auf Stimmenfang. Die Forderung des ANC nach einer einigen, rassenneutralen Gesellschaft, in der ethnische Zugehörigkeit keine Rolle spielen darf, zwingt dazu, die besonderen Belange anderer ernst zu nehmen. Das betrifft derzeit insbesondere die Coloureds.
Jakes Gerwel ist Rektor der University of the Western Cape, einer ursprünglich Coloureds vorbehaltenen Universität.