Dass grosse Männer oft ziemlich kleine Männer waren, wissen wir ja: Napoleon 1,62 Meter, Gottfried Keller ein Gnom von 1,40, Franz Schubert mit 1,52 im unteren Mittelfeld. Aber dass ein grosser Mann bescheiden war, nicht von verletzender Arroganz wie Goethe oder Thomas Mann, nicht von Ehrgeiz zerfressen wie Schiller oder Kleist, nicht vom Wahnsinn gebeutelt wie Nietzsche oder Hölderlin, nicht einmal ein Rüpel wie Beethoven oder Schopenhauer – sondern einfach der nette Kerl von nebenan, der abends mit guten Freunden fröhlich zechte: Das macht diesen Franz Schubert unter allen Sternen erster Grösse zu einem Unikum.
Sein Leben war eines der armseligsten, das ein Grosser je geführt hat. Als er mit 31 Jahren starb, hinterliess er eine Matratze, eine Decke, vier schmuddelige Hemden, ein Klavier – und die Noten für
7 Messen, 8 Sinfonien, 10 Opern und Singspiele, 18 Streichquartette, 19 Ouvertüren, 70 Chorwerke, 93 Stücke für Klavier (die 348 Tänze gar nicht gerechnet) und mehr als 600 Lieder; entstanden in einem Schaffensrausch, der fünfzehn Jahre währte und in der Geschichte ohne Beispiel ist. Dabei fehlte ihm jede Vorstellung, dass er ein Genie sei oder von der Nachwelt bewundert werden könnte – er war, nach Nietzsche, ein Riese, «der im Grase liegt, mit Kindern spielt und sich selbst für ein Kind hält».
Wien war die Welthauptstadt der Musik, als der Franz in einer Vorstadt 1797 geboren wurde, als zwölftes Kind eines Lehrers und einer Köchin. Haydn lebte noch, Mozart war sechs Jahre zuvor gestorben, Beethoven vor fünf Jahren zugezogen. Mit 11 wurde Schubert Chorsänger in der Hofburg, mit 16 besuchte er ein Jahr lang ein Lehrerseminar und schrieb seine erste Sinfonie – heimlich, denn das Komponieren hatte der Vater ihm verboten, Lehrer sollte er werden.
Doch schon ein Jahr später konnte der 17-Jährige in der Vorstadtkirche seine ers te Messe dirigieren, in der Wiener Augustinerkirche noch einmal – Franz heimste den ersten (und vorletzten) Beifall seines Lebens ein, und der Vater verzieh ihm. Zwar wurden später drei Singspiele von ihm aufgeführt, doch mit so schlaffem Applaus, dass der Komponist es vorzog, sich nicht auf der Bühne zu zeigen.
Die Sopranpartie der Messe hatte Schubert für die 16-jährige Sängerin The rese Grob geschrieben, die erste Liebe sei nes Lebens (und die vorletzte zugleich). Drei Jahre lang träumte er vom Heiraten, doch ihre Eltern hielten den Hilfslehrer nicht für eine geeignete Partie und vermählten sie mit einem Bäckermeister.
Wie Schubert mit 18 Jahren Goethes «Erlkönig» in einer Art schöpferischer Raserei vertonte, haben zwei Freunde überliefert: «Wir fanden ihn ganz glühend, den Erlkönig aus einem Buche laut lesend. Er ging mehrmals mit dem Buche auf und ab, plötzlich setzte er sich, und in kürzester Zeit, so schnell man nur schreiben kann, stand die herrliche Ballade auf dem Papier. Wir liefen damit, da Schubert kein Klavier besass, in das Konvikt, und dort wurde der Erlkönig noch denselben Abend gesungen und mit Begeisterung aufgenommen.» Bis zu zehn Lieder komponierte Schubert in 24 Stunden. «Wie’s in mir ist, so geb ich’s heraus», sagte er, «und damit Punktum.» Den «Erlkönig» und 23 weitere Goethe-Vertonungen schickten die Freunde an den 67-jährigen Geheimrat in Weimar; der reagierte nie.
Eine sorgenarme Zeit verlebte Schubert von 1818 bis 1822 in Ungarn als Musiklehrer der beiden Töchter eines der zahlreichen Grafen von Esterházy. 1823 lag er wochenlang im Wiener Allgemeinen Krankenhaus, mit geschorenem Kopf wegen syphilitischer Geschwüre, die mit Quecksilber behandelt wurden: einem Mittel von mässiger Heilkraft und üblen Nebenwirkungen wie Durchfall, Erbrechen und fauligen Entzündungen der Mundschleimhaut. Im Schlafsaal komponierte er die 20 Lieder der «Schönen Müllerin». 1824 noch einmal bei den Esterházys, verliebte er sich in die jüngere der beiden Töchter, die Komtesse Caroline – tief, nicht unerwidert und völlig hoffnungslos; Schubert speiste in der Küche mit dem Personal.
Die letzten vier Jahre seines Lebens verbrachte er in Wien, teils bei Freunden, zuletzt in einer feuchten Kammer – rauchend, zu viel trinkend, aufgeschwemmt, schliesslich völlig verwahrlost, mit chronischen Kopfschmerzen und häufigen Schwindelanfällen. Mehr und mehr komponierte er im Bett – nach wie vor in einem Tempo, mit dem professionelle Notenkopisten nicht Schritt halten konnten. Die postume Gesamtausgabe seiner Noten umfasst 41 Bände, und dabei ist zu fürchten, dass er im Komponieren fleissiger als im Aufbewahren war.
Franz Schubert starb am 19. November 1828, an Typhus und Erschöpfung. Sein Tod, sein Begräbnis waren keiner Zeitung eine Zeile wert. Seine letzte Sinfonie, «die Grosse» in C-Dur, entdeckte Robert Schumann 1838 in einer Schublade bei Schuberts Bruder; die «Unvollendete» wurde 37 Jahre nach Schuberts Tod uraufgeführt.
So lebte er, so starb er, so lebt er weiter – einer jener armen Teufel, die in Flammen standen, damit die Menschen es warm haben sollten.