NZZ Folio 12/06 - Thema: Freiheit   Inhaltsverzeichnis

Sportmärchen -- Pechmarie

© Markus Roost
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Von Richard Reich
Ein Land hatte zwei ungleiche Töchter. Die eine war schön, berühmt und reich, darum nannte man sie Goldmarie. Sie hatte ein ansteckendes Lachen, schneeweisse Zähne und eine starke Rückhand; Goldmarie war eine tolle Tennisspielerin. Auch ihre Stiefschwester spielte ordentlich Tennis, sah auch ganz apart aus mit ihren Locken – allein, so berühmt und beliebt wie Goldmarie war sie beileibe nicht. Was immer sie anfing, stets ging etwas schief. Mal hatte sie Pech mit den Bällen, mal Pech mit den Männern; männiglich nannte sie Pechmarie.

Nun trug es sich zu, dass Goldmarie vom vielen Siegen wunde Füsse bekam. «Guru, guru, Blut ist im Schuh!» schrie eine Taube, die über den Tennisplatz flog. Goldmarie konnte weder rennen noch hüpfen noch Bälle schlagen, und das Schlimmste: Sie konnte nicht mehr lachen! Verzweifelt hinkte sie hinfort, vorbei an Familie und Freunden, vorbei auch an Pechmarie, die sich insgeheim dachte: «Jetzt bin ich dran!»

Goldmarie ging bis zum Brunnen vor dem Tor, setzte sich unter den Lindenbaum und tat sich von Herzen leid. Da ächzte die alte Linde: «Spring in den Brunnen, und es soll dir geholfen werden!» – «Das ist ein seltsamer Ratschlag», murmelte Goldmarie, doch fiel ihr auch nichts Besseres ein. Kaum war sie im Brunnen, verlor sie die Besinnung, und wie sie zu sich kam, war sie auf einer Wiese, wo ein Ofen stand. Darin schmorten gelbglühende Tennisbälle und jammerten: «Hilf uns, sonst verbrennen wir!» Goldmarie trat hinzu und klaubte mit ihrem Goldhändchen Ball um Ball heraus. Da jubelten die Geretteten und riefen: «Spiel mit uns!» Doch Goldmarie hinkte weiter.

Am Abend kam sie zu einem Haus, dort guckte ein Mann zum Fenster heraus. Er sprach: «Was hinkst du, Kind?» Da antwortete das Mädchen: «Ich bin Goldmarie, hab aber ein blutiges Füsschen, und wer bist du?» – «Ich bin Herr Holle und hier unten für das Federn der Federbetten zuständig. Wenn ich sie kräftig schüttle, schneit es Schneebälle auf der Welt.» Das fand Goldmarie lustig, also blieb sie bei Herrn Holle und half im Haushalt.

Es dauerte indes nicht lange, da ging ihr das ewige Schütteln auf die Nerven, darum schaffte sie eine Waschmaschine an. Diese pflegte die Federbetten derart schonend, dass es auf Erden noch heftiger schneite. «Sagenhaft!» rief Herr Holle begeistert. Er überschüttete Goldmarie mit Schneekristallen, welche ihrem wunden Füsschen wohltaten, und alsbald machte er ihr einen Heiratsantrag. Allein, das Mädchen schüttelte den Kopf, denn es hatte Heimweh nach seinem Tennisplatz. «Schade», seufzte Herr Holle, «aber weil du so getreulich gearbeitet hast, sollen dir diese schneeweissen Tennisschuhe die Rückkehr erleichtern. Ich hab sie von Aschenputtel, die kennt sich da aus.»

Kaum hatte Goldmarie die weissen Schuhe geschnürt, spürte sie wieder roten Sand unter den Füssen, und sie siegte, als wäre sie nie fort gewesen. Dies sah ihre Stiefschwester und wurde wütend, denn ohne Goldmarie war ihr das viele Pech weniger schlimm vorgekommen. Aus Gram sprang Pechmarie selber in den Brunnen, doch statt auf die Wiese geriet sie in eine Schneewehe, und statt Herrn Holle traf sie einen alten Eisbären, der brummte: «Wer da?» – «Ich bin die Pechmarie, möchte aber auch schneeweisse Schuhe!» Da antwortete der Bär: «Ich habe nur weisse Tatzen, und die geb ich nicht her. Doch weil deine Augen noch trauriger sind als meine, sollst du nicht mit leeren Pfoten fortgehen.» Er trottete zum Kühlschrank und nahm ein paar Schneebälle heraus. «Auch das noch!» dachte Pechmarie, aber kaum hatte sie die kalten Kugeln berührt, fand sie sich daheim in ihrer Stube wieder. Dort stand ein Weisstännchen im Eck, an dem wundersam glitzernd die Schneebälle baumelten. Aus der Küche duftete es nach Weihnachtsgebäck, und vor dem Fenster schneite es faustdicke Flocken.

Da wurde es Pechmarie plötzlich ganz warm ums Herz. Sie vergass Goldmarie und war zum ersten Mal beinahe glücklich.

Anno 2006 verdrängte die frühere Weltranglistenerste Martina Hingis nach langer Fussverletzung ihre Kolle gin Patty Schnyder mit einem überraschenden Come back als Nummer eins des Schweizer Tennis.

Richard Reich ist Autor und lebt in Zürich.

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