Eine Wahnsinnssprache. Auf dem Wegweiser steht neben dem Piktogramm eines Läufers oder Joggers, also kann es höchstens so etwas wie Loipe (oder am Ende Finnenbahn?) bedeuten, Keskusurheilukenttä. Und im Autobus heisst es unter dem Anhalteknopf Pysähtyy für Stopp. Kein Wunder, haben die Finnen das Handy erfunden. Dort wären bei dieser langen Sprache ja sonst alle Telefonkabinen immer besetzt. Gesprochen klingt die Sprache wie Japanisch, bloss nicht so piepsig. Und aussehen tut sie so fremd, als wäre sie in Kyrillisch geschrieben. Will man sich in Nokia anhand eines Stadtplans zurechtfinden, muss der Blick zwischen Strassenschild und Karte hin- und herwechseln, weil er die Namen nicht auf einen Blick aufnehmen kann. Aber sehen Sie selbst: Suomalainen ei einää tuomise lähimmäistään siksi, että tällä on matkapuhelin. Ein Satz aus einem Büchlein mit Benimmregeln für den Umgang mit Handys, das «Etikettikirja» heisst. Ein wenig hat man das Gefühl, als würden bei uns die Handybenützer diese Benimmregeln strikte befolgen. Unübersetzt.
Bloss Ja heisst auch Ja, jedenfalls gesprochen. Aber was für ein Ja! Ein J in Kopfstimme, das übergeht in ein sehr langes, sehr dunkles A, fast eher ein O, das tief hinab in die Kehle sinkt, dort verweilt, sich dann gedehnt zur mittleren Stimmlage hocharbeitet und schliesslich, wenn schon keiner mehr damit rechnet, abrupt endet. Und tönt wie: Ach, ja, so ist es halt eben. Nicht zu ändern. Machen wir das Beste daraus. Davon geht die Welt nicht unter. Das Leben ist nun einmal kein Honigschlecken. Ein Ja mit der ganzen Melancholie der finnischen Landschaft und der Dunkelheit eines nordfinnischen Winters.
Dafür heisst matkapuhelinliittymän auf deutsch sicher «so» und Läähättämättä wahrscheinlich «Ei». Mit dem Nokia (natürlich ist meins dabei, mein erstes!) nach Nokia reisen ist Eulen nach Athen tragen, könnte man meinen. Nokia liegt 183 km nordwestlich von Helsinki, wo auf dem Markt am Hafen alle Leute Erbsen kaufen und sie, wie wir hier im Herbst die Marroni, aus der Hülse klauben und an Ort und Stelle essen und nicht wissen, wohin mit der Schale. Nokia zählt 26 500 Einwohner und wächst immer ein wenig, obwohl zwar mehr Leute wegziehen als zuziehen, aber immer ein paar mehr Leute geboren werden als sterben (vorletztes Jahr 313 zu 232). Im Zentrum ein Platz mit Läden rundherum, beides, Platz wie Läden, ziemlich gesichtslos, in der Mitte des Platzes ein Grillikioski, unter dem man sich doch wenigstens etwas vorstellen kann. Ein Spital, ein Kinderheim, ein Altersheim, Kriegsmuseum, Arbeitermuseum, fünf Kirchen (davon drei lutheranisch), zwei, drei Hotels.
Meins ist etwas ausserhalb und ist zu dreieinhalb Seiten von einem grossen Parkplatz umgeben. Die halbe Seite, die Rückseite des Hotels, die mit den Abluftrohren und den Lüftungsschlitzen, geht zu einem schönen, stillen, von bewaldeten Ufern umgebenen See hinaus. Im Unterschied zu den Parkplätzen, die hier irgendwie schöngeistig angelegt sind und auf die der Blick aus allen Zimmern garantiert ist, hat man die Sicht zum See mit hohen Bäumen verdeckt. In einem Land, von dem man nicht weiss, ob es soeben überschwemmt worden ist oder aber vor kurzem noch Meer war und gerade erst jetzt vertrocknet, und das aus der Luft aussieht wie ein Schwamm, derart viele Seen gibt es (187 888!, und 179 584 Inseln!), und in dem jeder schon das Jahr hindurch seinen See vor der Hütte hat, in so einem Land will man wahrscheinlich nicht auch noch in den Ferien so einen ekligen See anschauen müssen.
Und nicht eine einzige Handyfabrik. Überhaupt keine Telefonfabrik. Dafür eine Autoreifenfabrik und eine Gummistiefelfabrik, schöne, alte Backsteinfabriken mit Schloten, die schönsten Bauten von ganz Nokia. Als der Ort noch nicht so hiess, oder, besser: als es ihn noch gar nicht gab, 1868, nutzte einer das geringe Gefälle des Emäkoski aus (eines Flusses, Flüsse gibt es nämlich auch noch jede Menge!) und begann eine Papiermühle zu betreiben, die er Nokia nannte. Das Unternehmen gedieh und zog weitere Leute an den Fluss, die hier Fabriken bauten und um die Fabriken herum einen Ort, der den Namen Nokia bekam, nach der Papierfabrik.
1898 begannen die Finnischen Gummiwerke in Nokia, wo es den Fluss mit dem Gefälle gab, Gummistiefel und Gummischuhe zu produzieren, ab 1920 brauchten sie Nokia als Markennamen für ihre Produkte. Jahrzehnte später, nach dem Zweiten Weltkrieg, kauften die Finnischen Gummiwerke die Mehrheit an den Finnischen Kabelwerken, die 1912 in Helsinki Kabel herzustellen begonnen hatten, für die man Gummihüllen brauchte und die ihrerseits für den wachsenden Bedarf an Stromtransport und das Telegrafen- und Telefonnetz gebraucht wurden. Spät, erst 1960, stieg das Unternehmen selber in den Telekommunikationsmarkt ein, begann Telefone und Fernsehapparate zu produzieren. 1967 fusionierten die beiden Unternehmen zur Nokia-Gruppe, die Ende der achtziger Jahre die grösste europäische Fernsehapparateherstellerin war.
In der Rezession der neunziger Jahre, 1992, beschloss Nokia dann, sich auf das Telefongeschäft zu konzentrieren. Anders als in den meisten anderen europäischen Ländern hatte es in Finnland, seit 1880 die erste Telefonleitung gelegt worden war, immer mehrere Anbieter auf dem Telefonmarkt gegeben, ein Monopol gab es nie. Und weder die staatliche Post noch die privaten Betreiber haben sich je auf einheimische Ware beschränkt.
Wer da mithalten wollte, musste von jeher tough sein. Nokia war's. Der Besuch an diesem regnerischen Julitag in der Gummistiefelfabrik am Emäkoski in Nokia, Finnland, ist für mein Nokia also eine Reise zu seinen Wurzeln, auch wenn es nicht hier hergestellt worden ist, sondern in FIN-00045 Nokia Group (das ist Ehrenwort die Adresse!) oder in einem der sieben nichtfinnischen Produktionsländer in aller Welt. Von einem der weltweit fast 45 000 Mitarbeiter. Eins von (aber das darf es nicht hören), eins von 40,8 Millionen Nokias allein letztes Jahr. Aber meins. Mein einziges.
Ich hatte es auf der Fahrt im Bus von Helsinki hierher zum erstenmal benutzt und bin ihm sofort verfallen, bin augenblicklich vom Krethi zum Plethi geworden. Hatte bis dahin alle verachtet, die auf offener Strasse oder im Restaurant oder im Strandbad oder im Zug ihre Telefongespräche führten und vor lauter Angst, man könnte sie und ihr blödes Handy nicht bewundern, sich gar nicht aufs Sprechen konzentrieren konnten. Hatte das Handy für das Ende aller Intimität gehalten. Dann habe ich aus dem Bus, der da über die finnische Pampa zog, meiner Schwester nach Hedingen im Knonauer Amt zum Geburtstag gratuliert und fand's wahnsinnig. Sie auch.
Und habe festgestellt, dass das Gerät selber, die für niemanden hörbare Stimme, die einem da ins Ohr rinnt, die Intimität schafft und nicht die abwesende Menschheit. Da ist es völlig egal, ob man in den eigenen vier Wänden oder in aller Öffentlichkeit telefoniert. So wie sich die Intimität einstellt, ob man nun mit dem heimlichen Geliebten oder mit dem Fräulein vom Steueramt spricht.
Die Leute im Bus haben alle geschaut, aber das habe ich natürlich erst gemerkt, wie ich das Gespräch beendet hatte und sie sich wieder nach vorne drehten. Daran, dass sie noch nie ein Handy gesehen hatten, konnte es nicht liegen, Finnland hat nämlich weltweit die mit Abstand höchste «Mobilfunkdurchdringung», und die Finnen sagen ihrem Handy sogar Kännykää, was auf deutsch Verlängerung des Arms heisst, oder kurz und liebevoll Känny. 58 von 100 Finnen besitzen ein Handy, und man rechnet damit, dass über kurz oder lang 110 von 100 Finnen eins haben werden. Im Vergleich damit: 100 Schweizer haben 23 Handys und 100 Italiener, obwohl die dort von überall her unablässig die Mamma anrufen, um zu fragen, was es zu essen gibt, auch nur 38. Mag also sein, dass ich etwas lauter gesprochen habe als unbedingt nötig. Oder es lag daran, dass Schweizerdeutsch ein bisschen so tönt wie Finnisch aussieht.
Die Gummistiefelfabrik, in der 250 Leute arbeiten, in erster Linie Frauen (nur die schwere Arbeit wird von Männern gemacht), hat leider zu, Betriebsferien, und lässt sich auch mit List und Tücke nicht knacken. Noch viel lieber, als wie man Handys herstellt, hätte ich sehen mögen, wie man Gummistiefel macht. Leute meiner Herkunft wissen da noch zu werten. Aber nichts zu machen, die beiden Frauen im Empfangsbüro würden noch so gern, aber sie haben nicht die Befugnis und sowieso keine Schlüssel. Dafür sind sie nett. Nicht wie die Kolleginnen in der Autoreifenfabrik nebenan, die chic und unfreundlich sind und einen auch nicht in die Fabrik lassen wollen, obwohl die keine Betriebsferien hat. Beide zusammen waren sie, Nokian Jalkineet und Nokia Tyres, früher die Finnischen Gummiwerke, Nokias Vorfahren. Dort das stolze jagd- und fischereigrüne Stiefelpaar auf dem hölzernen Aktenschrank im Büro mit dem geflammten Linoleumboden. Und hier Designermöbel und in Plexiglaskuben eingelassene Autopneus und Kunst in Öl an der Wand (Autopneus) und klimatisierte Empfangsdamen. Dem Menschen lag schon immer daran, Gummi um seine entlegeneren Extremitäten zu legen: um die Autoräder, um die Füsse, usw. Leicht zu erkennen, welche ihm die wichtigeren sind. Jedenfalls von diesen zwei.
Es nimmt einen ja wunder, wo diese 58 von 100 Finnen telefonieren. In der Öffentlichkeit jedenfalls nicht, da war ich fast immer die einzige. Man hatte mich vor zweierlei gewarnt: vor den vielen Stechmücken und vor den vielen Handys, ich nahm gegen beides Antibrumm mit. Aber entweder ist bei den Handys so wie auch bei den Mücken dieses Jahr bei einem späten Frost die Brut erfroren, oder aber der Finne telefoniert mit dem Handy dort, wo er genausogut auch an der Schnur telefonieren könnte, zu Hause. Allerdings kommen gewisse Vorzüge des Handys auch erst dort zur Geltung, indem man, wenn man ein Gespräch beenden möchte und weiss nicht wie, an der Tür klingeln gehen kann. Dazu sind die heutigen Telefonschnüre ja alle zu kurz.
Anderseits hat das Handy auch seine Nachteile. Folgende wahre Geschichte: Der Sohn einer Freundin, heftigst verliebt, wartet auf den Anruf seiner Freundin, die für vier Wochen in Frankreich in der Sprachschule ist. Er geht schon selber kaum vom Telefon weg, um ihren Anruf nicht zu verpassen. Mamma hat ein Handy, dessen Nummer die Freundin auch kennt. Die Oma weicht der Mamma nicht von der Seite, damit die Mamma sicher nicht überhört, wenn die Freundin anruft. Papa hat auch ein Handy, der Götti, zu dem der Bub für ein paar Tage in die Ferien geht, auch. Und alle Handys sind Tag und Nacht auf Empfang gestellt, und wäre eins das nicht, dann könnte die Freundin auf der Combox hinterlassen, dass sie angerufen hat.
Und dann ruft sie nicht an. Einfach nicht. Keine Hoffnung, sie könnte angerufen haben, wenn man gerade nicht da war. Mit gnadenloser Gewissheit: nicht.
Mittagessen gibt's bei Pizza Koti, das «o» eine Uhr, auf der 5 vor 12 ist, an der Strasse nahe beim Marktplatz und den Einkaufszentren. Hatte am Vorabend etwas zugeschlagen am Buffettii im Hotelrestaurant, es gab Tomaatti-Sipulikeittoa und Punaviinikastiketta, was man halt einfach für sein Leben gern isst, da verliert man leicht das Mass.
Im Hotelrestaurant sagte die Kellnerin etwas zu mir, was ich im ganzen Leben noch nie jemanden habe sagen hören ausser mich selbst: Have a good appetite! Und hier stellt nun ein hellblonder junger Mann die Pizza mit einem aufmunternden älahup! (allez hopp?) vor mich hin. Ich esse vorsichtshalber mal jedenfalls schnell. Auch in der Pizzeria Koti ausser jenem zwischen dem Ohr und der Schulter der hellblonden Kellnerin kein Handy, und auch das nimmt man fast nicht wahr, weil sie das Telefonieren in ihren flinken Bewegungen nicht stört. Das wird es sein: man sieht die Handys hier einfach nicht mehr! Sie sind an die Finnen angewachsen.
Was in Nokia anders ist als bei uns: Die Türen gehen alle nach aussen auf. Bei uns braucht es sehr gute Gründe, damit eine Tür nach aussen aufgeht, sie tut es fast nie. Und hier tun's alle, vielleicht, damit der viele Schnee nicht immer gleich in die Zimmer quillt. Man ist fast ein bisschen froh darüber, dass Leute, die dermassen anders reden als wir, obwohl sie eigentlich ziemlich gleich aussehen, bloss blonder, wenigstens die Türen anders aufmachen als wir. (Ein Jammer, kann ich hier meinen Handy-Blondinenwitz nicht erzählen, weil sie mich nicht verstehen, aber vielleicht gibt es in einem Land, wo sowieso alle blond sind, gar keine Blondinen: Blondine ist in der Migros, Handy läutet. Blondine nimmt ab und sagt: Hallo Schatz, warum weisst du, dass ich in der Migros bin? Muss allerdings sagen, dass ich lange nicht gemerkt habe, wo da der Witz sein soll.)
Und was in Nokia auch noch anders ist: Sie lassen die Hunde sich vor aller Augen auf das Trottoir und in die Rasenrabatten versäubern! Und keiner sagt etwas, und Robidog haben sie nicht. Und sie haben nicht etwa wenige Hunde, im Gegenteil. Eigentlich kein Finne ohne Hund. Dafür in ganz Finnland nicht eine einzige Katze. Also mein Land wäre das nicht.
Im Fabrikladen der Gummistiefelfabrik an der Ecke Souranderintie/Nokianvaltatie im Zentrum von Nokia weiss ich nicht, welche Schuhgrösse das Baby des Kollegen hat, für das ich Original-Nokia-Gummistiefelchen heimnehmen will. Also rufe ich an, mitten aus dem Gummistiefelladen in Nokia mitten ins Büro in Zürich, und erfahre, dass das Baby Schuhgrösse 24 hat. Ist doch toll. Am Nachmittag rette ich mich dann vor dem neuerlichen Niederschlag (ziemlich wörtlich zu nehmen) ins Esso-Tankstellencafe, wo sich tout Nokia trifft, und telefoniere dort wieder ein bisschen in der Weltgeschichte herum.
Unterdessen fühle ich mich in Nokias Zentrum wie zu Hause, war schon zweimal im Kleidergeschäft, wo gerade Ale ist (was Sale heisst), bin immer wieder bei Nokiadent vorbeigekommen (einem Hammaslääkarikeskusladen, der gar nicht mal so schlecht ist!) und am Teutogrilli (Wurstel mit Krauti), und in der Apteekki kennen sie mich auch schon. Dann am Denkmal von A. Lappalainen (unbekannter Krieger? Revolutionär? Reformator? Olympiasieger?) und an der leider geschlossenen «Pepperymilli», der besten gastronomischen Adresse Nokias, die von aussen aussieht wie ein Autoersatzteilladen.
Und bin auch schon dreimal mit dem Bus vom Zentrum zum Hotel zurückgefahren, das ein wenig ausserhalb liegt, und ausserhalb ist Nokia dann auch wirklich schön. Schön still, viel Grün, viel Wasser. Da draussen sitzt man gern nachts noch ein wenig an der Sonne, die hier tatsächlich nicht untergehen will, sondern sich höchstens ein bisschen seitlich verschiebt.
Eigentlich müsste es in diesem Nokia ja auch Nokias geben, aber das, was ich auf den ersten Blick dafür halte und dessentwegen ich extra einen Laden betrete, sind Rasierapparate. Dabei sieht schon ein Nokia selbst nicht mehr wie ein Telefon aus.
Da habe ich also mein Nokia nach Nokia getragen, von dem man nun weiss, dass es in Finnland und nicht in Japan liegt (acht von zehn Leuten würden auf Japan tippen, wenn man sie fragte), und stelle was fest? Dass es das einzige ist.