NZZ Folio 09/04 - Thema: Erdöl   Inhaltsverzeichnis

Brennende Fragen

Die Abhängigkeit von der Droge Erdöl beherrscht die Welt seit über hundert Jahren. Jetzt beginnt der Entzug – mit Folgen, die noch nicht absehbar sind.

Von Daniel Litvin

Ein «Exkrement des Teufels», fluchte 1975 Juan Pablo Pérez Alfonso, der Ölminister Venezuelas und Mitbegründer der Opec – und meinte damit das Erdöl und die Korruption sowie ein paar andere Übel, die diesen Stoff seit je begleiten. «Droge» wäre die vielleicht noch treffendere Metapher. Denn Erdöl macht abhängig und süchtig. Dank seinen Vorzügen und Verlockungen ist es tief in die Strukturen der industrialisierten Welt eingedrungen. Es hat den Fortschritt geformt, es lenkt die Politik. Und es droht allen, die von ihm loskommen wollen, mit quälendem Schmerz.

Die Ölsucht liegt vielen grossen Problemen dieser Welt zugrunde, allen voran diesen drei: der Abhängigkeit des Westens von der Stabilität des Mittleren Ostens und anderer erdölproduzierender Regionen; der weitverbreiteten Korruption sowie dem Missbrauch des Ölreichtums in ressourcenreichen Staaten; der Bedrohung durch den globalen Klimawandel.

Dabei hat die Geschichte des Erdöls ganz unschuldig angefangen. Zunächst war es die grosse Nachfrage nach einem geeigneten Brennstoff für Lichtquellen, die 1880 in Pennsylvania den Grundstein zum Siegeszug der Erdölindustrie legte. Aus Erdöl gewonnenes Kerosin war eine billige und reichlich vorhandene Alternative, beispielsweise zu Walöl. Ausserdem konnten dank den Kerosinlampen die Arbeitsstunden in der industrialisierten Welt des ausgehenden 19. Jahrhunderts bis in die Nacht verlängert werden.

Es folgte die Erfindung des benzinbetriebenen Verbrennungsmotors, und das anfänglich als nutz- und wertlos belächelte Benzin sollte das Lebenselixier der mobilen Welt werden. Natürlich haben auch andere aus Erdöl gewonnene Produkte wie Kunststoffe die moderne Gesellschaft verändert. Aber keines hat das Leben auf diesem Planeten so tiefgreifend beeinflusst wie das Benzin. Ohne Benzin keine Autos. Und ohne Autos keine Urbanisierung in der zweiten Hälfte des letzten Jahrhunderts, zumindest nicht in dieser Form.

Als Wundermittel der Industrialisierung bekam das Erdöl früh eine militärstrategische Bedeutung. Im Ersten Weltkrieg tauchten benzinbetriebene Panzer auf den Schlachtfeldern Europas auf, und sie entschieden manche Schlacht. Die Alliierten hatten den besseren Zugang zu Erdölvorkommen – etwa in Nordamerika und im damaligen Persien –, und nicht ohne Grund versuchten sie 1916, die rumänischen Ölfelder in Brand zu setzen, bevor die deutschen Truppen die für sie fast einzigen nennenswerten Quellen des schwarzen Saftes erreichten.
Im Zweiten Weltkrieg spitzte sich der Kampf ums Öl zu. 1942 starteten die deutschen Truppen eine wichtige Offensive Richtung Kaukasus, wohlwissend, dass die Ölvorkommen der Region ausschlaggebend sein würden, um ihre benzindürstende Armada aus Fahrzeugen, Schiffen und Flugzeugen am Laufen zu halten. «Wenn wir das Baku-Öl nicht kriegen, ist der Krieg verloren», mahnte Hitler seine Generäle. Ironischerweise stoppte ausgerechnet Benzinknappheit diese Offensive. Ein fataler Fehlschlag, denn während der Krieg eskalierte, gingen die Benzinvorräte der Deutschen zur Neige, Hitlers Kriegsmaschinerie wurde gelähmt. Als der Krieg im Pazifik tobte, waren es die amerikanischen Angriffe auf die japanischen Ölversorgungsrouten, die für den Sieg ausschlaggebend sein sollten.

Nicht nur die Form der Konflikte, auch die Wahl der Brennpunkte hat das Öl massgebend beeinflusst. Für England und später auch für die USA war die Sicherung der Erdölvorkommen treibende Kraft für manche (offene wie geheime) diplomatische und militärische Intervention. In der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts wurden viele Regierungen im Mittleren Osten umgarnt und später bedroht, damit sie westlichen Firmen Förder konzessionen in ihren Regionen erteilten. Wer kooperierte, wurde gestützt, wer bockte, gestürzt – immer mit dem Ziel, das Öl am Fliessen zu halten.

Im Irak finanzierte England die dem Westen freundlich gesinnte Haschemiten-Dynastie, dafür durfte die von Amerikanern, Franzosen und Briten beherrschte Irak Petroleum Company das Öl ausbeuten. In Iran nahm die Anglo-Persian Oil Company diese dominante Rolle ein, das Unternehmen wurde später in British Petroleum (BP) umgetauft. Als eine unfolgsame iranische Regierung in den 50er Jahren die Verstaatlichung des Unternehmens anstrebte, wurde sie mit Hilfe von CIA und MI6 gestürzt. In Saudiarabien förderten die USA das Regime von Ibn Saud, der im Gegenzug die Kontrolle der saudischen Ölproduktion vier US-Firmen überliess. Ibn Saud war, wie seine Nachfolger heute, ein Anhänger des sittenstrengen wahhabitischen Islam; aber er erkannte pragmatisch die Vorteile einer Allianz mit einer wohlhabenden westlichen Supermacht.

Erdöl spielte auch eine zentrale Rolle, als sich in den 50er, 60er und 70er Jahren Entwicklungsländer von den Fesseln des Imperialismus befreiten. Schon früh forderten die Befreiungsbewegungen die Vertreibung der ausländischen Energiekonzerne; die Fremdherrschaft über die nationale Ölindustrie war das symbolträchtige Angriffsobjekt für die Antiimperialisten.

Die Gründung der Opec, des Kartells der erdölexportierenden Länder unter Federführung der Staaten des Mittleren Ostens, machte aus den bis dahin überschaubaren Wirtschaftsproblemen des Westens eine stabilitätsbedrohende Gefahr. Denn die Opec hatte eine Waffe von weltweiter Durchschlagskraft entdeckt: Mit der Verknappung des Nachschubs trieb sie den Ölpreis in die Höhe. Der Ölschock von 1973 und die Ölkrise von 1979–81 (beide Male hatte die Opec die Finger im Spiel) führten nicht nur zu kurzfristigen Problemen wie endlosen Warteschlangen an den Tankstellen, sondern auch zu schwerwiegenden, langen Rezessionen im Westen. Diese «Erfolge» weckten Appetit auf mehr: eine neue Weltwirtschaftsordnung, in der die Opec und die Länder des Südens die Führung übernehmen sollten.

Dieser Traum ist bisher nicht in Erfüllung gegangen. Aber der Einfluss des Öls auf Weltpolitik und Weltwirtschaft hat kein bisschen nachgelassen. Die überhastete Militärintervention des Westens zur Befreiung Kuwaits von Saddam Husseins Besetzung 1991 beispielsweise war zu einem grossen Teil von der Angst um den Ölnachschub aus der Region motiviert.

Auch kann man nicht ernsthaft anzweifeln, dass Erdöl bei der jüngsten Intervention der Amerikaner und der Briten im Irak eine Rolle gespielt hat. Ohne den Verschwörungstheoretikern recht zu geben, die behaupten, der Krieg sei direkt auf Geheiss westlicher Ölfirmen angezettelt worden, darf man festhalten, dass der Schutz der Erdölvorkommen zumindest ein Stück weit die militärischen Überlegungen der Alliierten beeinflusst hat. Das Vertrauen in die Verlässlichkeit Saudiarabiens, das über die weltweit grössten Reserven verfügt, ist seit den Anschlägen des 11. September 2001 erheblich gestört; die Mehrzahl der Attentäter waren Saudi. Zudem hat al-Kaida in den letzten Jahren mehrere terroristische Anschläge im Königreich verübt, unter anderem auf Mit arbeiter von Erdölfirmen. Eines der Ziele von Usama bin Ladins Kämpfern ist es, die erdölgetriebene Allianz der Saudi mit dem ungläubigen Amerika zu untergraben, die seit den 30er Jahren mit Ibn Saud besteht.

Für den Westen ist es deshalb umso wichtiger, die Erdöllieferungen aus anderen Staaten des Mittleren Ostens voranzutreiben und zu sichern – und den Irak als Alternative zum Hauptöllieferanten Saudiarabien aufzubauen. Mit Saddam an der Macht gälte nicht nur das UN-Embargo weiterhin, das Land wäre auch immer noch ein Risikofaktor für die Stabilität der erdölexportierenden Nachbarstaaten. Neben der Angst vor Massenvernichtungswaffen war das Öl für Amerikaner und Briten gewiss ein Grund, den Schlächter von Bagdad zu stürzen.

Doch gemäss heutigem Stand ist dieser Schuss nach hinten losgegangen: Ethnische und antiamerikanische Spannungen haben den Irak zum Pulverfass gemacht. Mit Hilfe westlicher Investoren hat die irakische Erdölindustrie langfristig durchaus ein bedeutendes Wachstumspotential. Aber die terroristischen Anschläge auf Pipelines und Raffinerien zeigen, wie leicht die Konflikte im Land auch weiterhin den Erdölexport behindern können.

Schon lange ist die Abhängigkeit vom unsicheren Mittleren Osten, der über zwei Drittel der weltweiten Erdölreserven verfügt, eine potentielle Bedrohung für die Abnehmerländer des Westens. Doch dieses, durch einen geologischen Zufall gegebene Risiko wird in den nächsten Jahrzehnten vermutlich noch steigen, wenn die Ölförderung in jenen Regionen zurückgeht, die ausserhalb des Mittleren Ostens liegen und nicht von der Opec kontrolliert werden. In den Achtzigern und Neunzigern schmälerten die Vorkommen in der Nordsee und vor Alaska den Marktanteil der Opec. Aber viele dieser Felder haben ihren Zenit überschritten. Auch deshalb ist mit einer Verschiebung des Weltmarktanteils zugunsten der Opec-Länder zu rechnen; laut US-Regierung könnte er von rund 40 auf 46 Prozent im Jahr 2025 stei gen. Ein solcher Zuwachs würde es der Opec und anderen Ölstaaten wieder leichter machen, die Muskeln spielen zu lassen und den Preis hochzuschrauben.

Ein weiterer Pfeiler der Sicherungsstrategie des Westens ist deshalb die forcierte Ölgewinnung ausserhalb des Mittleren Ostens. In Westafrika, am Kaspischen Meer und in Russland versuchen westliche Energiekonzerne mit diplomatischer Unterstützung, Förderrechte zu erhalten, um an die grössten unerschlossenen Ölfelder ausserhalb der Opec heranzukommen.

Aber auch hier gibt es Unruheherde. Die erdölproduzierenden Staaten Westafrikas wie Angola und Nigeria haben eine lange Tradition korrupter Regierungen und bürgerkriegsähnlicher Zustände; in Nigeria verhinderten ethnische Kämpfe letztes Jahr den Export ei ner beträchtlichen Menge Erdöls. Russlands Zuverlässig keit als Öllieferant und seine langsame Öffnung für westliche Investoren bleiben überschattet von den Machtkämpfen zwischen Regierung und Oligarchen. Und die Staaten rund um das Kaspische Meer, wie Aserbeidschan oder Georgien, haben seit 15 Jahren mit Staatsstreichen und inneren Unruhen zu kämpfen.

Erschwerend kommt hinzu, dass das hier gewonnene Erdöl erst mit dem Bau langer Pipelines dem Weltmarkt zugänglich gemacht werden kann. Die Streckenführung quer durch mehrere Länder ist häufige Ursache diplomatischer Spannungen, und ihre schiere Länge macht Pipelines anfällig gegen terroristische Anschläge.

Gross ist der Durst nach einer sicheren Erdölzufuhr, die nicht aus dem Mittleren Osten kommt. Und mit etwas Glück können die Anstrengungen die Abhängigkeit der erdölkonsumierenden Staaten vom instabilen Mittleren Osten lindern. Aber ohne Zweifel wird sich der Westen auch in den neuen Erdölgebieten in politische Probleme ganz eigener Art verwickeln.

Die zweite globale Herausforderung hängt verzwickt mit der ersten zusammen: Seit ein paar Jahren setzt sich die Erkenntnis durch, dass grosse Ölvorkommen für viele Länder alles andere als ein Segen sind. Die in Hunderten von akademischen Veröffentlichungen ausgebreitete Theorie des «Ölfluchs» besagt, dass Erdöl eine Vielzahl von Problemen in der Entwicklung eines Landes verursachen kann. Oft schrauben Erdölexporte den Wechselkurs der Landeswährung in die Höhe, womit die Wettbewerbsfähigkeit anderer wichtiger Exportsektoren wie Fertigungsindustrie oder Landwirtschaft geschwächt wird. Erdöl verführt zu Korruption, verlockt die wohlhabenden Eliten, die Gewinne auf ihre Privatkonten umzuleiten. Erdöl sichert auch, so wird gefolgert, den Machterhalt undemokratischer Regime. Dank den Einnahmen aus dem Erdölgeschäft kann eine grosse Klientel alimentiert werden, und das Volk wird mit tiefen Steuern bei Laune gehalten. Ohne Erdöl sähen sich diese Regime zu massiven Steuererhöhungen gezwungen, was sie dem Druck der Bevölkerung aussetzen würde.

Saudiarabien, der Irak unter Saddam Hussein, Angola, Nigeria, Venezuela, allenfalls auch Russland – auf sie trifft die Theorie des «Ölfluchs» zu. Ausnahmen wie Norwegen und Indonesien, die ihren Ölreichtum zumindest teilweise sinnvoll nutzen, bestätigen die Regel. Auch Amerika verdankt seinen Aufstieg zur Supermacht im 19. und 20. Jahrhundert den Erdölreserven im eige nen Land. Daraus kann man schliessen, dass Ölreichtum nicht per se ausschlaggebend ist für Erfolg oder Scheitern eines Landes – er kann sinnvoll genutzt oder eben verschwendet werden.

Es ist offensichtlich, dass vernünftige Staatsführung just in jenen Regionen ein Problem ist, denen sich der Westen in der Hoffnung auf gesicherten Erdölnachschub nun zuwendet. Viele der Staaten ums Kaspische Meer und in Westafrika sind korrupte Diktaturen oder Oligarchien. Einer der ältesten afrikanischen Erdöllieferanten, Nigeria (obwohl inzwischen demokratisch), ist ein Beispiel dafür, wie es vielen dieser Länder ergehen kann: Seit den 50er Jahren verdiente das Land mit Ölexporten ungefähr 300 Milliarden US-Dollar, das jährliche Bruttoeinkommen liegt mit rund 300 Dollar pro Kopf dennoch unter dem Durchschnitt des subsaharischen Afrika; die grosse Mehrheit der nigerianischen Bevölkerung versinkt in Armut.

Sollte der «Ölfluch» auch auf einige der neuen Erdölstaaten zutreffen, litte darunter nicht nur die Bevölkerung dieser Länder, sondern auch der Westen. Der Groll gegen die herrschenden Schichten würde die politische Instabilität dieser Staaten verstärken und damit auch die Erdölförderung gefährden. Die Feindseligkeiten könnten sich auch gegen die westlichen Mächte richten, die diese Regime unterstützen.

Über diesen Problemen schwebt die dritte grosse Herausforderung, vor die uns das Erdöl stellt: der globale Klimawandel. Das Thema ist noch kontroverser als der «Ölfluch», aber einige Fakten sind klar. Es wird kaum mehr bestritten, dass das Verbrennen fossiler Brennstoffe schon heute Auswirkungen auf das Klima hat. Obschon auch andere Substanzen am Treibhauseffekt beteiligt sind, leistet Erdöl mit Sicherheit einen bedeutenden Beitrag zur Klimaerwärmung. Selbst aus der Ölindustrie sind mittlerweile kritische Töne zu vernehmen. So bekannte kürzlich Ron Oxburgh, der britische Vorsitzende von Shell, im «Guardian», dass er sich wegen der Klimaveränderung «wirklich grösste Sorgen um unseren Planeten» mache. Sicher ist auch, dass der weltweite Verbrauch von Erdöl weiter steigen wird, laut Schätzungen der amerikanischen Regierung sogar um 50 Prozent bis im Jahr 2025.

Die Ursache dafür ist der zunehmende Appetit Asiens auf Öl, der Drang nach einer industriellen Entwicklung nach westlichem Vorbild – und die ist vorerst nur mit Öl zu haben. Die fortschreitende Industrialisierung und Urbanisierung von Ländern wie China führt nicht nur kurzfristig zu einem steigenden Erdölverbrauch; der Aufbau einer Infrastruktur mit Verkehrsnetzen und erd ölabhängigen Industrieanlagen wird das Verlangen nach dem umkämpften Stoff über die Jahrzehnte massiv erhöhen. Und diese Entwicklung steht vermutlich erst am Anfang: China verbraucht heute zwei Drittel weniger Erdöl als die USA, hat aber mehr als viermal so viele Einwohner.

Kann man von Entwicklungsländern erwarten, dass sie zugunsten des Weltklimas auf das Erdöl verzichten? Auch dann noch, wenn man bedenkt, dass die reichen Länder verantwortlich sind für den Grossteil der menschlich verursachten Treibhausgasemissionen? Die Komplexität dieser Fragen – aber auch George W. Bushs generelle Taubheit gegenüber Umweltanliegen – hat dazu geführt, dass sämtliche Versuche, eine internationale Kontrolle der Treibhausgase durchzusetzen, noch nicht sehr weit gediehen sind. Dabei ist eines gewiss: Der Klimawandel ist eine weitere potentielle Weltbedrohung, die von der Droge Erdöl ausgeht.

Ist es also an der Zeit, die Welt – oder zumindest ihren industrialisierten Teil – in die Entziehungskur zu schicken? So einfach kann man es sich nicht machen. Denn würde dieser Traum der Umweltaktivisten ungestüm in die Wirklichkeit umgesetzt, könnten die Folgen mindestens so verheerend sein wie all das Unheil, das das Erdöl mit sich bringt.

Die hohen Kosten alternativer Energiegewinnung sind nur eines von vielen Problemen (abgesehen davon, dass der Benzinmotor für das Transportwesen nach wie vor die kostengünstigste und praktischste Lösung ist, trotz den Milliarden Franken, die in die Entwicklung von Elektro- und Wasserstoffautos gesteckt werden). Hinzu kommen die Investitionen der industrialisierten Wirtschaft in die erdölbedingte Infrastruktur, die über die Jahre abgeschrieben sein wollen. Auch darf die Re aktion der Bevölkerung nicht unterschätzt werden, wenn man nur ein bisschen versucht, sich von den Fesseln des Öls zu lösen: Bei jeder Erhöhung des Benzinpreises jault das Volk auf, im Jahr 2000 kam es deswegen zu wütenden Protesten; aufgebrachte Autofahrer blockierten Strassen und brachten zum Beispiel fast ganz England zum Stillstand.

Genauso wie die Ölfunde für viele Länder zum Fluch geworden sind, würde ein plötzlicher Rückgang der Nachfrage all jene Staaten destabilisieren, deren Machtstrukturen auf Öl gebaut sind. Ausserdem wäre es naiv zu erwarten, künftige Alternativen zum Erdöl seien frei von politischen und ökologischen Verstrickungen.

Gegenüber Wasserstoff, häufig als glaubwürdigster Nachfolger des Erdöls im Transportsektor gepriesen, herrscht vielerorts grosses Misstrauen; protestierende Anwohner stoppten ein Pilotprojekt zum Bau einer Wasserstofftankstelle in London, weil sie eine Explosion befürchteten. Erdgas wiederum, eine andere, gern propagierte Alternative zum Erdöl, ist mit geopolitischen Mängeln behaftet: Russland sitzt auf über einem Viertel der nachgewiesenen Weltreserven, 30 Prozent liegen in Iran und in Katar.

Künftig werden Regierungen, Unternehmen und internationale Organisationen vorsichtiger abzuwägen haben zwischen den langfristigen Kosten des Erdöls und dem kurzfristigen Nutzen – besonders wenn es um die Erschliessung neuer Erdölgebiete geht. Idealerweise sollten neue Vorkommen wie etwa in Westafrika oder im Kaspischen Meer nur langsam gefördert werden, damit die politischen Systeme jener Länder Zeit haben, zu reifen und zu lernen, wie mit dem neuen Ölreichtum weise umgegangen werden kann. Gleichzeitig sollten die westlichen Staaten einen ebenso grossen Aufwand für Forschung und Entwicklung vielversprechender alternativer Energien betreiben, wie sie ihn derzeit in die Suche nach alternativen Ölquellen stecken, die möglichst weit vom Mittleren Osten entfernt sind.

Internationale Initiativen, die sich dieser Fragen angenommen haben, gibt es wie Sand in der Wüste. Tony Blair etwa hat 2002 einen Vorstoss unternommen, der erdölproduzierende Länder dazu zu bewegen versucht, ihre Gewinne aus dem Erdölgeschäft zu veröffentlichen und so der Korruption vorzubeugen. In Nordamerika, Europa und in anderen Teilen der Welt unterstützen Regierungen die Suche nach erneuerbaren Energien; und diese Bemühungen müssen – schon nur deshalb, weil es so viele sind – ja irgendwann einmal auch Früchte tragen. Bisher allerdings haben sie am Klammergriff des Erdöls nur ein bisschen gekitzelt.

Die Erklärung ist einfach: Verglichen mit der akuten Notwendigkeit, eine bevorstehende Ölkrise abzuwenden, oder mit der Verlockung profitabler neuer Erdölvorkommen, erscheint die langfristige Lösung des Problems für Regierungen und Industrie weit weniger dringlich. Wie alle harten Drogen verspricht Erdöl den sofortigen, unwiderstehlichen Kick. Jetzt aufhören damit? Ach, morgen ist auch noch ein Tag.

Daniel Litvin war bei der englischen Zeitschrift «The Economist» der Spezialist für Energie- und Umweltfragen, heute ist er als Berater und Autor tätig. Zuletzt von ihm erschienen ist das Buch «Weltreiche des Profits» (Gerling Akademie Verlag, 2003). Er lebt in London.


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