In der historischen Vorhölle, die während des Interregnums - im Niemandsland - zwischen der Niederlage Spaniens und der Schaffung eines unabhängigen Kuba im Jahre 1902 auf der Insel bestand, gab es viele Vorzeichen und eine einzige Gewissheit: das Ende der grausamen und anachronistischen spanischen Herrschaft, die mehr als drei Jahrhunderte gedauert hatte.
Nach dem Willen der Spanier war Kuba nicht anwesend (der zu operierende Patient findet sich nicht auf dem Operationstisch ein), als 1898 der Vertrag von Paris unterzeichnet wurde, der die spanische Niederlage, den amerikanischen Sieg und die kubanische Unabhängigkeit einräumte. Diese Situation der Anwesenheit durch Abwesenheit brachte einen Wahlspruch, ein Lied und einen Gruss hervor, den ich als Kind in meinem Geburtsort Gibara in der Provinz Oriente oft hörte: «Und was ist mit meinem Kuba?» Gibara ist - ein witziger Einfall der Geographie - 50 Kilometer von Banes entfernt, wo Fulgencio Batista geboren wurde, und 40 Kilometer von Birán, wo Fidel Castro geboren wurde. Die Geschichte, eine recht mässige Schriftstellerin, trug den jungen, aber armen Batista dem Vater Castros, der ein reicher Grossgrundbesitzer war, als Schnitter auf seiner Zuckerrohrplantage an. Offenbar hat die Geschichte Kubas das Schreiben gelernt, als sie die Filme von D. W. Griffith sah, die voller sentimentaler Gewalt und zweckdienlicher Koinzidenzen sind - wie man immer noch in diesem Streifen mit dem (zufälligen?) Titel «Die Geburt einer Nation» sehen kann.
Vor der Geburt meiner Nation pflegten die Kubaner immer wieder jenen Satz zu sagen, der zu einem leicht ironischen Gruss wurde: «Und was ist mit meinem Kuba?» Als Kind hörte ich, wie er immer wieder gesagt und schliesslich zu einer musikalischen Phrase wurde. Da in ihm immer eine gewisse Nostalgie mitschwang, stellte ich mir Kuba, wie Kinder nun mal sind, als eine Art melancholischen Regenbogen vor, der zwar prächtig war, aber jenseits des Horizontes erstrahlte. Das Sprüchlein, der Gruss, das sentimentale Kennwort oder was immer es sein mochte, bezog sich zweifellos auf die gesamte Insel, die wie im Schwebezustand im Meer der Geschichte schwamm.
Um nicht nur die Vergangenheit Kubas, sondern auch seine schreckliche oder glückselige Zukunft und seine elende Gegenwart, die schon mehr als drei Jahrzehnte andauert, verstehen zu können, muss man zunächst einmal die Geographie Kubas verstehen. Vor nunmehr fünfhundert Jahren trat Kuba in die Geschichte ein und, was wichtiger ist, tauchte auf den Landkarten auf. Die Geographie Kubas hat seine vergangene Geschichte bestimmt und wird natürlich auch seine Zukunft bestimmen, die entscheidender ist als die vergangene und die gegenwärtige Geschichte und die neuerliche Vorhölle, die uns manche als schreckliches Fegefeuer anbieten.
Kuba ist - schaut bitte auf die Landkarte - eine lange, schmale Insel. Aber schaut euch vor allem auch die Meere an. Kuba ist die grösste Insel Amerikas, die am Eingang zum Golf von Mexiko liegt. Es ist, und das ist von grösserer Bedeutung, eine Insel, die im Norden vom Atlantischen Ozean bespült und im Süden von der Karibischen See liebkost wird. Diese Lage schafft eine Dichotomie und formt und gestaltet den kubanischen Charakter.
Es gibt kein anderes Land in Amerika, das so zwischen der Zivilisation, dem Atlantik, und der Barbarei, der Karibik, gespalten ist. Kuba ist zwischen einem einheimischen Meer und einem europäischen Ozean aufgeteilt - und wird es noch viele Jahre lang bleiben. Das heisst von heute bis in die Ewigkeit, die, wie mir scheint, dauerhafter ist als die Geschichte. Kuba ist auch für immer und ewig 90 Meilen von der amerikanischen Küste entfernt. Die Geopolitik ist, wer möchte das bezweifeln, entscheidender als die Politik. Man möge das bedenken.
So wie es die Kubaner meiner Kindheit bedachten, jene pittoresken Patrioten, die immer wieder sagten und sangen: «Und was ist mit meinem Kuba?» Um ihre Denkart zu variieren oder um einer musikalischen Variation willen, sangen sie in einer alltäglichen Kunst der Fuge manchmal auch: «Und was ist mit welchem Kuba?»
Als ich 1965 nach meinem offiziellen Exil als Diplomat in Belgien zur Beerdigung meiner Mutter nach Havanna zurückkehrte, konnte ich sagen, ich sei gerade in die Zukunft zurückgekehrt - und nichts funktioniere. Diese niederdrückende Beschreibung war die Kehrseite der Erhöhung durch einen Lincoln Steffens, der 1918 nach seiner Rückkehr aus der Sowjetunion sagte: «Ich bin in der Zukunft gewesen - und sie funktioniert!» (Das Lachen, das ihr gerade gehört habt, ist von mir.) Sie trug zu meiner sofortigen Absetzung als chargé d'affaires in Brüssel bei und, was schlimmer ist, zu einer dreimonatigen Einschränkung meiner Bewegungsfreiheit, einer Art Stadtarrest auf Anweisung der Counter-Intelligence, die, wie ihr Name schon sagt, immer wider die Intelligenz arbeitet.
Mein Aufenthalt unter den Zombies in den Ruinen Havannas und in den überaus traurigen Tropen veranlasste mich wenig später, im Jahre 1968, während meiner Flucht aus dem Reich der Toten etwas zu schreiben, was eher eine Abwertung denn eine Bewertung des Castro-Regimes war. «Das Land hat», sagte ich, «mit einer hegelianischen Kapriole ohne Umschweife einen Sprung nach vorn getan, um zurückzufallen.» Freundliche Echos wurden, ohne meinen articulus mortis auch nur zu Ende zu lesen, sofort feindselig und verdammten mich innerhalb und ausserhalb Kubas: Orwell hat einmal gesagt, man brauche nicht in einem totalitären Land zu leben, um totalitär zu sein. Ich hörte Stimmen, die alles andere als biblisch waren: Konterrevolutionär, Agent der CIA, Made.
Der Bannstrahl traf mich nicht so sehr, weil ich die Wahrheit sah (viele andere hatten das schon vor mir getan), sondern weil ich sie sagte. Jetzt ist durch den Niedergang der Wirtschaft, des Kapitals und der Kapitale, des ganzen Landes, das aufgehört hat, Kuba zu sein, um ein Albanien der Karibik zu werden (mit diesem Ausdruck porträtierte ich damals die gesamte Insel), die Nation zerrüttet, zerstört und schliesslich in ein Schicksal getrieben worden, das schlimmer ist als der Tod: das Verfaulen bei lebendigem Leibe.
Havanna ist physisch so zerstört wie Beirut, durch einen Bürgerkrieg, den ein Einzelner führt. Fidel Castro verbringt seine letzten Tage in seinem Regierungsbunker, umgeben von physischen und moralischen Trümmern. Die abscheuliche Gegenwart ist der letzte Bocksprung eines Mannes, der in seiner Machtlüsternheit ein südamerikanischer Caudillo war, aber auch eine tropische Version von Hitler, ein Stalin ohne Stalingrad. Er hat soeben eine Nulloption verkündet, die in der Tat null Option ist.
Man fragt mich oft nach der Zukunft Castros. Ich antworte immer, dass er keine hat: In seinem Bemühen, sich um jeden Preis an der Macht zu halten, hat er sie gänzlich aufgebraucht: Er kann - alle Menschen sind sterblich - wie Hitler sterben, indem er unter den Trümmern Selbstmord begeht. Er kann wie Stalin an einem Hirnschlag sterben, den damals dessen Günstlinge, aus Angst, den schlummernden Tyrannen zu stören, in einen nie endenden Schlaf verwandelten. Er kann wie Mussolini versuchen, in die Berge zu entkommen, doch der Duce wurde am Ende von seinen Verfolgern an den Füssen aufgehängt. Er kann (und das ist seine häufigste Drohung: wenn der bully stirbt) Kuba durch die Vernichtungskraft der russischen Waffen, die er noch besitzt, zerstören. Diese Endlösung nennt man im Spanischen ein numantinisches Schicksal.
Numantia war eine Stadt im iberischen Spanien. Nach acht Monaten effizienter Belagerung durch die Römer waren ihre keltiberischen Bewohner durch den Hunger dezimiert. Die Überlebenden (nur noch 133) ergaben sich. Die spanische Legende behauptet, die Belagerten hätten lieber die ganze Stadt in die Luft gejagt, als sich zu ergeben. Natürlich haben die Numantiner nie und nimmer das Pulver erfunden. Erfunden haben sie die kollektive Opferung als Akt der Propaganda. Viele erinnern sich noch an die Zerstörung Numantias, doch niemand sagt, dass Augustus, Kaiser der Römer, die Stadt gleich wieder aufbaute.
Es ist kein Zufall, dass der in die Enge getriebene Honecker bei Castro um Asyl gebeten hat. Wie einst Berlin ist ganz Kuba von einer Mauer umgeben, überwacht durch einen Todesstreifen, der wirksamer ist als der von Ulbricht geschaffene und von seinem flüchtigen Nachfolger so erfolgreich fortgeführte. Fidel Castro wurde, Gunst oder Grausamkeit des Schicksals, nicht nur von der Geschichte geholfen, sondern auch von der Geographie: Kuba ist eine Insel. Aber es ist auch eine eindeutige Dystopie: Man sieht dort deutlich das Scheitern der kommunistischen Utopie. Kurioserweise hat die Utopie seit ihrer Erfindung durch Thomas Morus im 16. Jahrhundert allein in der Sowjetunion obsiegt. Utopie heisst, wie jeder weiss, der Ort, der nirgendwo ist. (Gelächter.)
Ein Rundfunkkomiker aus Havanna fragte um 1940 sein unsichtbares Publikum immer: «Und was ist mit meinem Kuba?» Um sich dann selbst zu antworten: «Chévere», was «sehr gut» bedeutet und durchaus nichts mit Schafkäse zu tun hat. Dieser Komiker war ein novus homo. Nicht der Neue Mensch, den Che Guevara forderte, diese besondere Elite innerhalb der Revolution, die am Ende New-Man-Hosen trug. Der Humorist war eigentlich eher ein Parvenu.
Die Republik hatte in der Tat aus uns allen Parvenus gemacht, weil in diesem oder im vorangehenden Jahr eine neue Verfassung Premiere hatte, eine Schöpfung von - trara, trara! - Fulgencio Batista, dem Diktator, der die Macht, die er bereits innehatte, legitimieren wollte. Bei diesem Unterfangen wurde er vor allem von den Kommunisten unterstützt. Im Tausch dafür, dass sie ihn zum Präsidenten wählten, gab ihnen Batista den Kubanischen Gewerkschaftsbund, eine Zeitung und zwei Ministerien. (Ironie der Geschichte: einer dieser Minister, Carlos Rafael Rodríguez, ist heute der dritte Mann in Castros Regierung.)
Derselbe Batista, der (nach seinen eigenen Worten) der lahmen Republik die Krücken ihrer Verfassung spendete, versetzte ihr mit seinem Staatsstreich von 1952 einen tödlichen Degenstich, damit ihr Fidel Castro im Jahr 1959 den Genickstoss geben konnte und wir alle ihm als Ehrenpreis nicht nur Schwanz und Ohren, sondern den ganzen Stier zugestanden. (Die Stierkampfmetaphern sind Kuba so fremd wie der Kommunismus: Seit 1902 sind Stierkämpfe verboten.)
Zynischerweise (oder vielleicht war es Sarkasmus) hielt Castro nach seiner Machtübernahme eine Rede, die mit etwas begann, was zu einem Ritornell des falschen Pazifismus wurde: «Waffen, wofür?» Der unaussprechliche Ausspruch eines Führers, Maximus auf einer Miniinsel, der schon 1959 Expeditionen in die Dominikanische Republik exportierte und später dann Guerillas nach Venezuela, Kolumbien, Bolivien, Argentinien, Uruguay, Nicaragua und El Salvador und der ganze Heeresverbände nach Angola und Äthiopien entsandte und dort seit den siebziger Jahren mehr als 300 000 Soldaten stationierte, um Afrikaner zu töten. Waffen - das liegt auf der Hand - für alle.
Und was ist mit meiner Insel Kuba? Das Kuba der Kubaner meine ich. Père Ubu verkündete ein zukunftsweisendes Edikt, das verhiess: «Ohne die Polen kein Polen.» Ohne Kuba, würde ein Père Ubu des 21. Jahrhunderts sagen, keine Kubaner. Doch, füge ich hinzu, sagt mir, wie diese Kubaner sein werden, und ich will euch sagen, wie Kuba sein wird.
Zunächst einmal wird es keine Kommunisten geben. Es gibt ja auch jetzt keine. Ein Graffito, der letztes Jahr in Havanna mehrfach gesehen wurde, verkündete «Kommunismus oder Tod!» Alsbald tauchte daneben eine logische und graphische Aussage auf: «Wo ist da der Widerspruch?» Wenn der Widerspruch beseitigt ist, wird auch der Kommunismus in Kuba beseitigt sein. Wenn der Kommunismus beseitigt ist, wird ihn wie überall die freie Marktwirtschaft und die Demokratie ersetzen.
Im Gegensatz zu Russland wird man nicht in einer politischen Zeitmaschine mit Vollgas 70 Jahre der Irrtümer zurückfahren müssen. Das wird kein Experiment in anima vili sein, denn es gab vor Castro in Kuba bereits einen erfolgreichen Kapitalismus. Die kubanische Wirtschaft war dem Kubaner gewogener als fast allen anderen in Hispanoamerika die ihrige und sogar die spanische den Spaniern - ganz zu schweigen von Irland. Die kubanische Wirtschaft florierte auch unter Batista, einem unstetigen Tyrannen, der stehlen wollte und wie manche Strassenräuber töten musste: es gibt kein perfektes Verbrechen. Ausserdem erzeugte er durch die fortwährende Missachtung einer Verfassungsordnung, die er selbst geschaffen hatte, ein unerträgliches Klima und ein politisches Vakuum.
Fidel Castro verstand es, mit Brachialgewalt dieses Vakuum auszufüllen. Wir alle baten ihn, uns wie auch immer von Batista zu befreien, aber niemand hat ihn gebeten, für dreiunddreissig Jahre mit Hilfe der vom Staat ausgeübten Gewalt dessen Stelle einzunehmen und nebenbei ein wirtschaftliches und menschliches Chaos anzurichten, das zu menschenunwürdigen, in Amerika nur noch aus Haiti bekannten Lebensbedingungen führte. Doktor Castro (wie ihn die «Times» nennt) wurde für uns zuerst zu einem Doktor Jekyll mit seinem (bisweilen von Raúl Castro verkörperten) Hyde im Rücken, und dann zu einer eigentlich undenkbaren Version des haitischen Papa Doc - Papa Doc Fidel. (Das ist keine Erfindung von mir. Vor kurzem tauchten in Havanna grosse Plakatwände auf - offizielle Graffiti -, die erklärten: «Fidel ist unser Papa» oder «Fidel ist der Papa aller Kubaner». Fast ein «Papa unser, der du bist im Palaste».) Aber Castro ist näher bei Väterchen Stalin als bei Papa Doc. Mit einem galicischen Vater und einer libanesischen Mutter ist er so kubanisch wie Stalin russisch war.
Castro, der in Kuba manchmal der teuerste Agronom der Welt genannt wird, hat mit aller Gründlichkeit nicht nur die Landwirtschaft, sondern die gesamte Wirtschaft Kubas zerstört. Seit er im Namen einer fremden Wirtschaftsideologie die Macht übernommen hat, ist er nie, nicht einmal in seinen besten Zeiten, so effizient gewesen wie das frühere System, das eine nationale Auswirkung nicht nur der kubanischen Geschichte, sondern auch der Geopolitik war. Die kubanische Wirtschaft floriert in jüngster Zeit in Miami mit anderen Mitteln, aber mit demselben System.
Castro, ein Meister der Propaganda, hat zwei perverse Mythen geschaffen: Havanna, das heisst Kuba, sei ein einziges Bordell und Spielcasino für die Amerikaner gewesen. Miami ist auf amerikanischem Territorium ein Havanna mit anderen Mitteln (und man nennt es sogar Little Havanna), aber dort gibt es weder Casinos noch Bordelle, und gerade die kubanische Bevölkerung hat massiv gegen die Einführung des Glücksspiels in Florida gestimmt. Unterdessen weiss jeder Tourist in Havanna, dass die Castro-Regierung in immer grösserem Umfang weibliche und männliche Prostitution in der Stadt zulässt.
Ausserdem hat sie in ganz Kuba eine neue Form des Rassismus geschaffen: Sie verweigert Kubanern den Zutritt zu Hotels, Restaurants, Stränden, Resorts und Nightclubs - es sei denn, sie kämen in Begleitung von Ausländern -, was eine hundsgemeine Form der Apartheid ist. In einem ob seiner Perfektion unmenschlichen Catch 22 dürfen die Kubaner alle Einrichtungen für Touristen besuchen, wenn sie wie die Besucher Dollars haben, doch es darf kein Kubaner Dollars haben, weil ihr Besitz ein schweres Delikt ist. Man hat es hier mit Anhängern nicht von Karl Marx, sondern von seinem Bruder Chico zu tun, der ein Experte in Wechseltricks war.
Nie hat es - das nur nebenbei - in der Geschichte Kubas so viele kubanische Millionäre gegeben wie jetzt in Miami. Die Statistik beschränkt sich dabei nicht auf die republikanische Zeit, sie schliesst auch das koloniale Kuba des 19. Jahrhunderts ein. Ausserdem gibt es unter den anderthalb Millionen in den USA exilierten Kubanern mehr Hochschulabsolventen, als es in Kuba je zuvor gegeben hat. Castro verbreitet seinerseits die eines Goebbels würdige Lüge, vor seiner Alleinherrschaft habe es in Kuba 95 Prozent Analphabeten gegeben. Warum denn nicht gleich, damit es noch glaubhafter wird, 99,99 Prozent? Vor der Machtübernahme durch Fidel Castro gab es in Kuba vergleichsweise mehr graduierte Frauen als in den USA. Heute ist die Zahl der Frauen, die im Exil ein Universitätsstudium absolviert haben, höher als in allen früheren Statistiken.
Fidel Castro hat die Vergangenheit verunglimpft, um sein Regime als Ausbund der Tugend darzustellen (und er hat dabei nicht wenige freiwillige Helfer gehabt, in der demokratischen Welt mehr noch als im kommunistischen Europa), um sich selbst als Förderer der kostenlosen Erziehung und des öffentlichen Gesundheitswesens hochzuloben, doch sein Sturz, sei er nun à la Ceausescu oder à la Honecker, wird offenbaren, dass diese Parolen so falsch sind wie die Behauptung, unter Mussolini seien erstmals die italienischen Züge pünktlich angekommen, oder die, Hitler habe Deutschland gerade noch rechtzeitig aus dem Weimarer Marasmus errettet.
Castro vereint, zum Schaden Kubas, die grenzenlose Infamie des Dr. Goebbels mit dem oratorischen Schmierenkomödiantentum Hitlers oder eher noch Mussolinis. Es war das Los dieser Vorgänger, das Leitbild für Lüge und Angst als Projektion des Staates abzugeben. Eine der Lieblingslektüren des jungen Castro war die «Technik des Staatsstreiches» von dem mussolinesken Curzio Malaparte. Sein Lieblingssatz, «Die Geschichte wird mich freisprechen», den er 1953 vor einem Gericht äusserte, wurde zuvor schon von Hitler gesagt, im Münchner Putschprozess von 1924. Vorstrafen, ganz offensichtlich.
Die Lüge vom Rassismus, aus dem Fidel Castro Kuba errettet haben soll, hält wie alle Äusserungen derer, die im Namen der Geschichte sprechen, nicht einmal der oberflächlichsten historischen Analyse stand. Batista war Mulatte, und Mulatten waren auch der Chef seines Heeres und mehrere Generale und führende Politiker. Seine Armee bestand zu 75 Prozent aus Mulatten und Schwarzen. Bei seiner letzten Rekrutierungskampagne zur Bildung einer Berufsarmee im Jahre 1958 kamen auf hundert angeworbene Soldaten neunzig Schwarze.
Die beste Verteidigung ist bekanntlich der Angriff, und Castro hat das auf meisterhafte Weise praktiziert. Der Anteil der Schwarzen und Mulatten an der kubanischen Bevölkerung liegt heute bei siebzig Prozent. In der Regierung Castros, dessen Regime wie eine Dynastie funktioniert (in der Führungsspitze gibt es vier Castros), ist jedoch nur ein nomineller Schwarzer zu finden, ein alter Comandante, der, ohne eine Schlacht gewonnen zu haben, zum General befördert wurde. Das Oberkommando der Armee mit seinem Bruder Raúl an der Spitze und der Führungsstab der Partei zeichnen sich durch die unübersehbare Abwesenheit von Schwarzen aus. Weiss ist sein Aussenminister, ebenso wie sein Botschafter bei den Vereinten Nationen. Weiss ist sein Kulturminister, weiss auch der dem Propagandaminister entsprechende Leiter des Filminstituts. Wer ist denn nun der Rassist - der Schwarze Batista oder der Weisse Castro, der so stolz auf seine galicische Herkunft ist? Durch eine unerträglich rassistische Anordnung verweigerte das Regime von Anfang an den Schwarzen die Ausreise aus Kuba. Ein Schwarzer, der einen Pass verlangte, war ein Ketzer, ein Schwarzer, der ein Ausreisevisum beantragte, war ein Verräter. Ein paar prachtvolle Mulattinnen verliessen Kuba zwar, aber nur, weil sie einen Europäer heirateten, und erst 1980, beim Massenexodus von Mariel, konnten grössere Gruppen von Schwarzen Kuba verlassen.
Doch das physische Gottesurteil, dem sie unterworfen wurden und zu dem auch der Einsatz von Spürhunden gehörte, die man an den Stränden auf die Flüchtlinge hetzte, ist ein beschämendes, aber für das Regime durchaus typisches Kapitel. Erst wenn diese Jahrzehnte des Hasses zu Ende sind, werden die Kubaner, Weisse wie Schwarze, wieder so einträchtig zusammenleben können, wie sie es vor Castro getan haben.
Eine der ersten Aufgaben des nächsten Generalstaatsanwaltes der Republik (die mit Sicherheit die Zweite Kubanische Republik heissen wird) wird darin bestehen, mit dem moralischen Gewicht einer kleinen, aber zur Demokratie zurückgekehrten Nation verschiedene ausländische Institutionen, Organismen und Organisationen anzuklagen, die dazu beigetragen haben und immer noch dazu beitragen, die luftverpestenden Äusserungen Castros zu verbreiten, mit denen er versucht hat, ein ganzes Volk zu beschimpfen, zu beleidigen und zu verleumden. Eine dieser Ausdünstungen ist die bereits erwähnte Beschreibung Havannas als eines einzigen Bordells und Casinos. Eine andere ist die unverschämte Beschuldigung, alle Kubanerinnen seien, bevor Castro sie mit dem glühenden Eisen läuterte, «Amerikanerhuren» gewesen. Eine weitere die, Batista habe Kuba der Mafia ausgeliefert.
Es gab, das kann ich beschwören, in Havanna nicht mehr Spielcasinos, als es heute in London gibt. Allein in dem Viertel, in dem ich wohne, in South Kensington, existieren fünf Casinos. Es gibt Länder wie Monaco und den amerikanischen Staat Nevada, in denen das Glücksspiel legal ist und dem Gemeinnutz dient. Niemand käme auf die Idee, Las Vegas militärisch zu besetzen oder gegen Rainier zu putschen, weil sie Roulette, Black Jack und Chemin de fer zulassen. Berlin war in den zwanziger Jahren bekanntlich eine Stadt der Dekadenz (Bordelle, Transvestiten, Drogen), aber nach 1945 kann niemand glauben, Hitler sei das einzige mögliche Mittel gegen diese Übel gewesen.
Wie soll man nun das Land nach einer dreiunddreissig Jahre währenden Saison in der Hölle ins Paradies zurückführen? Wie viele sind bei der langen Überfahrt umgekommen? Man weiss es nicht, man wird es nie wissen. Wie viele haben bei dem Versuch, von der Insel zu entkommen, ihr Leben gelassen? Hundertmal mehr, das steht fest, als jene, die bei dem Versuch starben, aus dem kommunistischen Deutschland zu entkommen. Viele wurden, wie es die Politik des gezielten Todesschusses vorschrieb, auf der Flucht ermordet. Andere sind im Golfstrom ertrunken. Wieder andere waren ein Festmahl für die Haie. Noch viel mehr sind auf das offene Meer hinausgetrieben und haben dort den Tod gefunden. Sie sind verdurstet, sie sind vor Angst gestorben, sie haben Selbstmord begangen. Aber allesamt hat sie der Maximo Lider mit seiner maxima culpa umgebracht. Wie viele sind erschossen worden? Wie viele sind im Gefängnis gestorben und in den Konzentrationslagern, die man speziell für Homosexuelle geschaffen hatte und die an einem Schild über dem Eingangstor mit der Aufschrift - Machismus maximus - «Die Arbeit wird Männer aus euch machen» zu erkennen waren? Man weiss es nicht, aber man wird es wissen.
Dreiunddreissig Jahre der Tyrannei sind eine lange Zeit, eine zu lange. In der Zeit der Trauer, die die schlimmste aller Zeiten war, hat Castro das kubanische Volk gezwungen, zu Spitzeln, zu seinen Komplizen, seinesgleichen zu werden. Er hat eine kubanische Version des Nazi-Blockwartsystems geschaffen, die Komitees zur Verteidigung der Revolution, in denen jeder Kubaner seinen Nachbarn bespitzeln muss, die Kinder ihre Eltern, jeder seinen Nächsten. Es müssen Parteifeste an Stelle der traditionellen Feste gefeiert werden, und auf dem Höhepunkt des historischen Wahnsinns verlegte Castro Weihnachten auf den 26. Juli, und den 1. Januar machte er vom Neujahrsfest zu einem Festtag, an dem seine Machtübernahme gefeiert wird. Wie sollte man so viel Unrecht verzeihen?
Leví Marrero, ein kubanischer Wirtschaftswissenschafter und Geograph, der in Puerto Rico im Exil lebt und mit seinen neunzig Jahren noch recht lebendig ist, erzählte in einer Rede, die ich in Miami hören durfte (und die er mit der gewohnten, deshalb aber nicht minder vornehmen Hochherzigkeit vortrug), wie sich Kuba nach dem Zehnjährigen Krieg gegen das spanische Joch, der 1878 zu Ende ging und die Insel völlig ruinierte, in weniger als zehn Jahren wieder erholte. Auch wie sich Kuba nach dem Ende des Dreijährigen Krieges von 1895 bis 1898 - immer noch gegen die Spanier, doch mit der Intervention der Amerikaner - trotz der diesmal noch schlimmeren Zerstörung bei der Erlangung seiner Unabhängigkeit im Jahre 1902 mit Hilfe der Amerikaner schon wieder erholt hatte. Nach der kostspieligen Diktatur Machados, die 1933 in Ruin und Hungersnot endete, obwohl Machado nur neun Jahre an der Macht war, hatte sich die Republik bereits 1940 wieder erholt. «Das ist dreimal geschehen», schloss Professor Marrero, «und es wird noch ein weiteres Mal geschehen!»
Diesmal, so versicherte Leví Marrero abschliessend, wird Kuba mit dem in Miami und andernorts in den USA akkumulierten Kapital in kürzerer Zeit, als man braucht, um seinen Namen auszusprechen, wieder prosperieren. Die Besten werden ganz ohne Zweifel auf die Insel zurückkehren - wenn erst einmal die Schlechtesten geflohen sind.
Oder sobald Castro gefallen sein wird (durch das Gesetz der Schwerkraft, das in Kuba noch immer mehr Gewicht hat als in Osteuropa, wird er fallen, wie bei Dante die Körper fallen), wenn einmal alle jene geflohen sein werden, die Castro selbst in seiner Rede als die Ratten bezeichnet hat, die das sinkende Schiff verlassen, um damit seine fliehenden Komplizen zu schmähen. Wohin werden sie nach dem Schiffbruch gehen? Nach China, nach Vietnam, nach Nordkorea? Nein, sie werden in die USA, nach Südamerika, nach Europa gehen, sie tun es jetzt schon. Bekanntlich haben Tyranneien, wenn sie scheitern, einen Hang zur Demokratie.
Um das bekannte Gesetz von Laplace zu paraphrasieren: Wenn man nur den Zustand Kubas nach Castro in allen Einzelheiten und zu jedem gegebenen Zeitpunkt kennen würde (oder die Unendlichkeit in der Gegenwart), dann wäre man, wären Sie, wir alle imstande, die Zukunft der Insel zu entziffern, so undurchdringlich sie uns im Augenblick auch erscheinen mag. Da diese Erkenntnis aber praktisch - das heisst physisch - unmöglich ist, müssen meine Vorhersagen als Szenario von Möglichkeiten gelesen werden.
Ich muss den Leser daran erinnern, dass Pierre-Simon Marquis de Laplace ein Bauernsohn war und die blutigen Jahre der Französischen Revolution überlebte, weil diese kein System, sondern ein Chaos mit einem einzigen Zentrum war, der Guillotine. Laplace, der viel Sinn für Humor hatte, war der Mann, der unter Napoleon ein willkürliches Überbleibsel aus der Zeit der Jakobiner ausmerzen konnte, ihren komischen Kalender: Er liess Brumaire verdunsten und machte Schluss mit Termidor. Ausserdem vervollständigte Laplace seine Theorie vom beständigen Werden des Lebens mit einem Satz, der Nietzsches Theorie von der ewigen Wiederkehr avant la lettre ist - und vice versa vor dem Spiegel: «. . . und die Zukunft wird wie die Vergangenheit vor deinen Augen immer gegenwärtig sein.»
Nach der wissenschaftlichen Analyse bleibt, meine ich, nur noch die Prophetie. Wenn Tyranneien untergehen, lassen sie die enorme Last der Vergangenheit zurück und keine sichtbare, vorhersehbare Zukunft. Dann kann nur die Gegenwart schöpferisch sein. Also wird man die Gegenwart aller Kubaner auf eine unmittelbare Zukunft ausdehnen müssen, auf das Morgen, um sich zu fragen: Und was ist mit meinem Kuba? und dem Echo zu lauschen, das wie ein klingender Zerrspiegel antwortet: «Welches Kuba?»
Guillermo Cabrera Infante, geboren 1929 in Gibara (Kuba), lebt als Schriftsteller in London.