NZZ Folio 04/98 - Thema: Boomtown Moskau   Inhaltsverzeichnis

Eine Stadt macht die hohle Hand

Wie Väterchen Staat vom Bauboom profitiert.

Von Klaus-Helge Donath

RUSSLANDS METROPOLE kennt kein Mass, und doch hat sie immer ein Ziel. Kleine Brötchen werden hier nicht gebacken. Moskau weigert sich, ein normales Leben zu führen. Es putzt sich heraus und donnert sich auf, ziert sich und möchte doch nur eins: Eindruck schinden und den Fremden die Sinne rauben. Von alters her liebt Moskau den Superlativ. Es beherbergt die grösste Kanone und die gewaltigste Glocke der Welt. Gut, die Kanone hat nie Pulver gesehen, die Glocke nie geläutet. Doch ist das von Belang? Was zählt, ist die Geste, der Wille, dem Undenkbaren Gestalt zu verleihen.

Das neue, das kapitalistische Moskau bleibt sich treu. Einen Steinwurf vom Zentrum entfernt, planen die Stadtherren eine Geschäftsstadt, «Moskwa City». 8,5 Milliarden Dollar soll sie kosten, 2,5 Millionen Quadratmeter und 30 Hochhäuser umspannen. Ein angemessenes Projekt für eine aufstrebende Geschäfts- und Finanzmetropole, die eines Tages New York, London und Tokio den Rang ablaufen möchte.

Als Computersimulation ist es bereits soweit. Den Geldbezirk überragt das Prunkstück des Ensembles, ein 640 Meter hoher Wolkenkratzer mit 115 Stockwerken: Der Turm Rossija ist das «Symbol der russischen Wiedergeburt», meint Architekt Boris Tkchor. Ein Turm mit goldener Blende, der sich nach oben hin verjüngt. Das höchste Gebäude der Welt, das 190 Meter weiter in den Himmel sticht als der Petronas Tower im malaysischen Kuala Lumpur. Noch ist es ein Projekt, aber schon ein Superlativ!

Moskau war immer Schaufenster dessen, was der russische Geist an Ideen ersann. Oftmals Geniales, Ambitioniertes in jedem Fall - die Schwierigkeiten tauchten stets erst bei der Feinausführung auf. Ein Gang durch Moskaus Innenstadt verrät: Der Kapitalismus, ein Import aus dem Westen, wird nicht nur angenommen, er legt sich ein sagenhaft luxuriöses Outfit zu. Die nächste Generation Moskowiter wird felsenfest davon überzeugt sein, ihre Väter seien es gewesen, die die Verwertungslogik des Kapitals erfunden haben.

Zahlen und Statistiken aus offizieller Feder sind mit verhaltener Skepsis zu betrachten. Die Datenverwalter in der Bürgermeisterei lassen sich nur ungern in die Karten schauen. Moskau ist wirtschaftlich eine Erfolgsstory, aber erst die Geheimnisse, die den Boom begleiten, sorgen für die richtige Spannung.

Auf den ersten Blick ist die Entwicklung im Finanzstandort Moskau atemberaubend. Keine andere russische Stadt reicht an sie heran. In den letzten fünf Jahren führten fast alle Geldströme des Landes in die Hauptstadt. Um die zehn Trillionen alte Rubel oder 2,5 Milliarden Franken verschluckte sie im vergangenen Jahr monatlich. Der Aktienmarkt legte 1996 um 130 Prozent zu und hatte sich bis zur Südostasienkrise im letzten November fast noch einmal verdoppelt. Knapp elf Prozent des Bruttoinlandproduktes, das den gigantischen Schwarzmarkt (etwa die Hälfte aller geschäftlichen Aktivitäten) nicht einbezieht, werden in der Neun-Millionen-Metropole erwirtschaftet. Insgesamt lagern an die 80 Prozent des russischen Geldes in Kreml-Nähe, und wie die Weltbank errechnete, blieben 1996 auch vier Fünftel aller russischen Investitionen an der Moskwa. Sechs der fünfhundert reichsten Männer der Welt, vermutet das amerikanische Magazin «Forbes», sind Bürger der Stadt, in deren Mauern sich über dreihunderttausend Dollarmillionäre aufhalten sollen.

Eintausend Banken haben dem einst arg ramponierten Stadtbild wieder zu einer ansehnlichen Fassade verholfen. Freilich liessen sich die Bauherren dabei nicht von gediegenem angelsächsischem Understatement leiten. Sie kauften Filetstücke in der Altstadt oder zogen einschüchternde Zitadellen in der City hoch. Bürgermeister Juri Luschkow, kein Mensch von falscher Bescheidenheit, rechnet den Andrang der Bankhäuser seiner ökonomischen Weitsicht zu. Ähnlich sehen es auch die Bürger, die sich an den frisch asphaltierten Strassen und beleuchteten Gassen erfreuen.

Indes beruht der Erfolg nicht nur auf dem Können des omnipräsenten Stadtvaters. Die klassische zentralistische Bürokratie zwingt jeden, der etwas leisten oder zumindest verdienen möchte, sich dort niederzulassen, wo die politische Macht sitzt. Weniger Genialität als die inzestuösen Beziehungen zwischen politischer Führung und Geldadel erklären das Phänomen Boomtown. Warum sonst sollten 80 Prozent aller wichtigen Gewerbe in Moskau residieren oder zumindest eine Vertretung unterhalten?

Vorteilhaft wirken sich die traditionellen Bande auch auf den Immobilienmarkt aus, der hinsichtlich Miet- und Grundstückspreisen den Metropolen London, Tokio oder New York kaum noch nachsteht. Insgesamt verfügt die Stadt über zehn Millionen Quadratmeter Bürofläche, wovon etwa eine Million westlichem Standard entspricht. Zu mieten oder zu leasen sind davon nach Schätzungen eines westlichen Maklers aber höchstens fünf Prozent.

Der Eindruck, das Baufieber stille die Nachfrage, täuscht. Die meisten Neubauten werden inzwischen von russischen Firmen erstellt, damit sie ihren Eigenbedarf decken können. Nach wie vor fehlen eine Million Quadratmeter Bürofläche. Dem Moscow Business Directory ist zu entnehmen, dass sich monatlich um die zweihundert neue Firmen in der Stadt ansiedeln. Die Hälfte der 16 000 in Russland ansässigen ausländischen Unternehmen und Joint ventures sind offiziell in der Hauptstadt registriert. Gleichwohl ist von den 500 grössten multinationalen Konzernen erst etwas mehr als ein Drittel in Moskau vertreten.

Der Jahresmietpreis für einen Quadratmeter bewegt sich mittlerweile um die 750 Dollar. Und die Stadtregierung als wichtigste Eigentümerin setzt alles daran, die Mieten künstlich hoch zu halten. Bietet es sich da nicht an, eine Immobilie zu erwerben oder selbst zu bauen? Auch in diesem Fall stellt die stolze Kapitale wieder einen Sonderfall dar. Kostet im Westen ein Quadratmeter Neubau 2500 Dollar, müssen ausländische Bauherren in Russland mindestens das Doppelte veranschlagen. Der Spiessrutenlauf nach Genehmigungen, Stempeln, Unbedenklichkeitsbescheinigungen, doppelt gezeichneten notariellen Beglaubigungen und was sich die russische Bürokratie nicht noch alles einfallen lässt, treibt Interessenten in die Arme eines «Planers». Seine Qualifikation besteht vornehmlich in langjährig gepflegten Beziehungen zum Rathaus, und seine Dienste lassen sich als «Komplexitätsreduktion» umschreiben. 1500 Dollar pro Quadratmeter sind einem solchen Planer in der Regel zu vergüten; und schliesslich verdient auch die Stadt an jedem Objekt noch mit.

Nur wenige Firmen haben sich auf derlei kostspielige Abenteuer eingelassen. McDonald's war Vorreiter in einem Joint venture mit der Stadtregierung und stiess auf eine weitere landesspezifische Eigentümlichkeit: Grund und Boden musste die amerikanische Fast-food-Kette von der Stadt leasen; der Pachtvertrag läuft 49 Jahre, und die jährliche Miete pro Quadratmeter beträgt 1200 Dollar. Es ist möglich, ein Haus zu bauen, nur gehören Grund und Boden nicht dem Bauträger. Die Stadt behält sich sogar am Gebäude noch Eigentumsrechte vor. «Was man am Ende wirklich besitzt», gesteht ein «Planer», «sind die Tapete und die Luft zwischen ihr und der Mauer.»

Die Bauexplosion zeigt am augenfälligsten, in wieviel Geld die Metropole schwimmt. Rund 700 000 Arbeiter verwandeln das Antlitz der Stadt. Dreiundfünfzig Kilogramm frisch aufgetragenes Blattgold strahlen von der Kuppel der wiedererrichteten Christ-Erlöser-Kathedrale im Zentrum, die verglaste Fassade des Rohstoffgiganten Gazprom pariert neugierige Blicke der Aussenwelt. Blendwerk, wohin das Auge schaut.

Bürgermeister Luschkow versucht unterdessen, die munizipalen Anteile an Baufirmen zu erweitern. Wie immer geht er mit Sammlerverstand und Leidenschaft zur Sache. Wer im «Ruskoje bistro», einer einheimischen Fast-food-Kette, eine Pirogge verzehrt, als Gast im Hotel National absteigt, am äusseren Autobahnring den Tank füllt oder am Roten Platz in ein Taxi steigt, der stopft - oftmals ohne es zu ahnen - Geld in den Stadtsäckel. Die Liste der städtischen Firmen ist lang, und darauf finden sich ein Fernsehkanal, ein Investmentfonds, eine Grossbäckerei, die ein Fünftel des hauptstädtischen Brotbedarfs deckt, und eine Arbeitsvermittlungsfirma. Über zwei Millionen Moskowiter sind in Unternehmen beschäftigt, die entweder ganz der Administration unterstehen oder an denen sie nennenswerte Anteile besitzt. Die Luschkow AG avancierte zum unbezwingbaren Monopolisten. Sobald es ein zehnprozentiges Aktienpaket erworben hat, schickt die Stadt einen Vertreter in den Aufsichtsrat.

Politik und Geschäft sind nur noch schwer auseinanderzuhalten. Natürlich können stadteigene Firmen mit günstigeren Konditionen rechnen, sie erhalten bessere Geschäftslagen für geringere Mieten und verlockende Kredite zur Hälfte des üblichen Zinssatzes. Mit Marktwirtschaft hat dies alles wenig zu tun. Wollen Interessenten von aussen ins Geschäft kommen, haben sie sich dem Diktat des Syndikats zu fügen: Wer sich weigert, erleidet über kurz oder lang Schiffbruch. Die Laborbedingungen, die der Stadtpatron den Auserwählten garantiert, untergraben den Wettbewerb, worunter die Qualität der Dienstleistungen leidet, vor allem aber beflügeln sie die Korruption. Heute vergeudet ein russischer Unternehmer in Moskau mehr als doppelt so viel Zeit in Verhandlungen mit der städtischen Bürokratie wie sein polnischer Kollege in Warschau.

Selbst den Toten bleibt keine Wahl. Das konjunkturunabhängige Bestattungswesen wurde per Gesetz zur Hälfte von der Stadt usurpiert: «Ritual Servis» fungiert inzwischen als einziges rechtmässiges Beerdigungsinstitut. Nach dem Profit mit der Trauer kommt nun das Glücksspiel an die Reihe. Moskaus Casinos sind dem «Mer», dem Bürgermeister, schon lange ein Dorn im Auge. Nicht etwa, weil sich dort die weniger gesetzeshörigen Mitbürger konzentrieren, sondern weil die Stadt das lukrative Business selbst vereinnahmen möchte. Im Jahre 2003 entsteht am Südhafen auf 120 Hektaren ein Vergnügungsviertel, dessen Aktienpaket zu hundert Prozent der Stadt gehört. Sobald die Arbeiten abgeschlossen sind, müssen alle anderen Spielhöllen ihre Tore schliessen. Die beunruhigten Casinobesitzer reagierten sofort. 250 Millionen Dollar Einstiegskapital boten sie dem Rathaus, wenn sie als Gegenleistung wenigstens Mietrecht erhielten.

Dass mit der Stadt nicht zu spassen ist, das haben die eher hartgesottenen Casinoeigner schon häufiger feststellen müssen. In den letzten Jahren flatterten ihnen Zahlungsaufforderungen ins Haus, die nicht von der Steuerbehörde kamen: Die Stadt verlangte monatlich 20 000 Dollar für den Bau der Christ-Erlöser-Kirche. Wer nichts in die Opferlade stecken mochte, erhielt Besuch von Beamten, die sich um Sicherheit und Hygiene der Gäste ausserordentliche Sorgen machten.

Die Hälfte ihrer Ausgaben bestreitet die Stadt mit kommerziellen Einnahmen. Indes liegt Moskau auch bei den Steuereingängen vorne. 127 Milliarden neue Rubel (33 Milliarden Franken) flossen 1997 in die Stadtkasse. Das entspricht einem Viertel aller eingetriebenen Steuern in der Russischen Föderation, obwohl die Bevölkerung der Hauptstadt nur sechs Prozent ausmacht. Der ehemalige russische Premierminister und Reformarchitekt Jegor Gaidar wies auf das Missverhältnis hin, das die Stadtbehörden bisher gerne als Beweis ihrer beispiellosen Effizienz anführen.

Den Goldregen verursachen die Hauptsitze der landesweit agierenden Konzerne. Gazprom fördert Gas in Westsibirien, entrichtet den Steuerobolus aber an die Stadt Moskau. Das gleiche gilt für Rostelecom, die das landesweite Telekommunikationssystem unterhält, und die nationale Elektrizitätsgesellschaft. Selbst der Konzern Transneft, dem die Ölpipelines unterstehen, liefert der Kapitale seinen Tribut ab. Die Reihe lässt sich beliebig fortsetzen. Die Maschinenindustrie und Metallverarbeitung, ein klassischer Moskauer Industriezweig, trägt unterdessen nur mehr 0,6 Prozent zum Haushalt bei; ein Fünfzigstel dessen, was der Energiesektor leistet. Damit nicht genug, aus ihren kärglichen Budgets zweigen die Provinzen noch eine Hauptstadtabgabe ab. Moskaus Schatzmeister schöpft aus dem vollen. Er hält das Dreifache dessen in den Händen, was nötig wäre, um die Stadt bestens zu versorgen.

Moskau, warnt Jegor Gaidar, lebt auf Kosten der Provinzen. Versiegt das leichte Geld eines Tages, steht die Hauptstadt vor einer ähnlichen Situation wie einst die UdSSR, die Reformen hinauszögerte, solange der Petrodollar die defizitären Löcher stopfte. Was danach passierte, ist bekannt. Boomtown Moskau?

Soeben meldete das Rathaus ein neues Rekordvorhaben - «40 Millionen Touristen besuchen die Stadt.» Im Jahr 2010. An Träumen herrschte in Moskau nie Mangel.

Klaus-Helge Donath ist Korrespondent der «Weltwoche» und der «Tageszeitung». Er lebt in Moskau.


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