NZZ Folio 09/02 - Thema: Märkte   Inhaltsverzeichnis

Heim und Hobby -- Schluss mit weicher Schokolade

© Anna Sommer
Kein Bildtitel
Linktext
Von Joni Müller
ENDLICH GIBT ES ein Auto mit klimatisiertem Handschuhfach. Mehr als hundert Jahre mussten wir darauf warten, Megatonnen zartschmelzender Schokoladen mussten sinnlos dahinschmelzen, Hektoliter von Erfrischungsgetränken wegen nicht mehr erfrischender Temperatur weggeschüttet, ranzige Sandwiches und matschige Lippenstifte mühsam entsorgt werden, bloss weil Generationen von Ingenieuren nicht fähig oder nicht willens waren, klimatisierte Handschuhfächer zu erfinden.

Umso erfreulicher ist es, dass dasselbe revolutionäre Auto sogar in der verstellbaren Mittelarmlehne über ein klimatisiertes Ablagefach verfügt sowie über eine «Flüssigkeitsstandanzeige der integrierten Scheinwerferreinigungsanlage». Nie mehr im entscheidenden Moment nicht sehen und gesehen werden, nur weil die Scheinwerfer mangels Mittel nicht automatisch gereinigt werden konnten. Wie konnten wir bloss so lange ohne!

Es ist wirklich ziemlich erstaunlich, was ein moderner Mittelklassewagen so alles anzubieten hat, wobei leider gar manches Detail dem staunenden Laien unergründlich bleibt. Klar kennen wir ABS, aber was ist EDS, ASR, MSR und ESP? Die «Unterbrechung der Kraftstoffzufuhr bei einem Aufprall» tönt gut und sinnvoll, aber was heisst und soll «Diffusionsbeleuchtung des Interieurs», und was muss man sich unter der «Coming-Home-Funktion» vorstellen? War das denn nicht schon immer eine der zentralen Funktionen des Autos? Rätsel gibt auch der «elektrisch verstell-, beheiz- und anklappbare Aussenspiegel mit Memoryfunktion und Bodenbeleuchtung» auf. Woran erinnert der sich, welchen Boden beleuchtet er und vor allem, warum? Was mit acht Lautsprechern gemeint ist, wissen wir zwar, aber ist das nicht etwas gar viel, wo wir doch zu Hause mit ganzen zwei durchaus ausreichend beschallt werden?

Doch so breit die Palette an Marken und Modellen und Versionen auch ist und so vielfältig die Auswahl an Sonderausstattungen und Extras sein mag: Autos ab Werk bleiben langweilig, denn sie sind so, wie alle sie haben. Deshalb lassen die wahren Individualisten ihr Auto trickreich tunen, machen es für viel Geld tiefer, breiter, bulliger. Wozu, bleibt letztlich unklar, doch die Frage nach dem Sinn greift hier natürlich ebenso ins Leere wie bei den teuren tiefen Autonummern, mit denen gestandene Geschäftsherren ihren Porsche 911 Turbo schmücken.

Denn selbst wer Psychologie schon nach einem Semester ad acta gelegt hat und Altgriechisch nach einer einzigen Lektion, muss zum Schluss kommen, dass Autofahren sehr viel mit Auto und sehr wenig mit Fahren zu tun hat.

Teilen

Für 94 Franken pro Jahr gibt es NZZ Folio auch im Abonnement. Näheres hier.

Urheberrecht gilt auch im Internet: Verlinken erlaubt, Kopieren verboten.