DIE REBLAUS ist ungefähr das letzte, was ein Winzer auf der Arche Noah zugelassen hätte, und doch verdankt der Rioja ihr nicht wenig von seiner Berühmtheit und Verbreitung. Als sie nämlich Ende des letzten Jahrhunderts die Weinberge Frankreichs befiel, machten sich gallische Weinhändler über die Pyrenäen auf, um Ersatz für die dürstende Grande Nation zu beschaffen. Am Oberlauf des Ebro wurden sie fündig, und bald ergoss sich ein stetig wachsender Strom von Rioja auf den französischen und später europäischen Markt, bis die Reblaus auch jenseits des Gebirges ihren Saubannerzug antrat.
Der zeitweilige Segen hatte dem Weingebiet freilich eher geschadet denn genützt. So wurde das bereits im 18. Jahrhundert entstandene Projekt, in Rioja unverschnittene Weine hoher Qualität zu erzeugen, bis auf wenige Ausnahmen begraben und erst in den sechziger Jahren unseres Jahrhunderts wieder angepackt.
Die zur Herstellung der guten Riojas vor allem verwendete Traubensorte, die Tempranillo, gedeiht auf den kalkhaltigen Lehmböden der Rioja Alta und der Rioja Alavesa. Sie liefert die Klasse, die Feinheit und die Würze. Entgegen der weitverbreiteten Meinung, die den Rioja in die Nähe des Bordeaux rückt, ist sie ein Abkömmling des Pinot noir und wurde schon im 11. Jahrhundert von Mönchen aus Cluny in Spanien eingeführt. Den Alkoholgehalt und die Wucht stiftet jedoch die am besten in der etwas wärmeren, schon beinahe mediterranen Rioja Baja gedeihende Garnacha, die, unvermischt vinifiziert, starke, jedoch meist plumpe Weine ergibt.
Zwar werden in Rioja auch beachtliche weisse und Roséweine erzeugt, doch das hispanophile Herz hängt an den roten Reservas und Gran Reservas, die durch langjährige Lagerung im Eichenfass, in 225 Liter fassenden barricas bordelesas, den unvergleichlichen Rioja-Geschmack erworben haben: Vanille verbindet sich da mit Eichenholz, Gewürzen und reifen Früchten zu einem iberischen Göttertrank, der sich zu den Dutzendweinen aus dem gleichen Gebiet verhält wie Paco de Lucia zu einer Flamenco-Darbietung für Touristen.