NZZ Folio 12/00 - Thema: Spielzeug   Inhaltsverzeichnis

Feuer frei!

Warum man Kriegsspielzeug nicht verbieten soll.

Von Gisela Wegener-Spöhring

Trommeln, Pfeifen und Gewehr,
Fahn und Säbel und noch mehr,
ja, ein ganzes Kriegesheer
möcht ich gerne haben

So lautet eine in Deutschland bekannte Weihnachtsliedstrophe - Kriegsspielzeug war und ist in den Kinderzimmern eine Realität. Pädagogischer Unmut darüber ist immer wieder geäussert worden, hat daran jedoch kaum etwas geändert. So lehrte etwa der Erzieher Guts Muths Ende des 18. Jahrhunderts: «Knaben spielen oft Dieb, sie verurteilen und hängen, das ist hässlich und roh. Die Jugend spiele nur unschuldig. Kein Spiel enthalte etwas gegen das Gefühl des Edlen und Schönen.»

Das Problem mit dem Kriegsspielzeug ist heute nicht besser gelöst als zu Guts Muths' Zeiten. Schlimmer noch: Es gibt keine Übereinkunft, womit Kinder überhaupt spielen sollen.

Die Pädagogik hat Spielzeug lange Zeit der Beachtung nicht einmal wert gefunden oder dann eine Haltung der Askese («möglichst wenig Spielzeug») oder der Reglementierung («nützliches Spielzeug») eingenommen. Und jedes Jahr zur Weihnachtszeit wird uns bewusst, dass wir mit solchen Devisen bei den Kindern kaum durchkommen werden.

Was also tun? Die teure Plüschgiraffe kaufen, gegen die pädagogisch aber auch gar nichts einzuwenden ist? Oder doch lieber Barbie als Millennium Princess oder jenes duftende Pony, das die Tochter lieben wird? Und für den Sohn das bewährte Legosystem, das die Konstruktionsfähigkeit so fördern soll? Oder halt doch die Power-Ranger-Lost-Galaxy-Armored-Figuren, die über einen Vollkörperpanzer zum Schutz gegen Weltraumaliens verfügen? (Woher meine Kinder bloss diese entsetzlichen Geschlechterstereotype haben - von mir jedenfalls nicht!)

Was soll man von den Beast Wars Ani Mutants mit den abschiessbaren Krallen halten? Ist man mit den positiven Rescue Heroes (Feuerwehrmänner, Taucher, Sanitäter) nicht besser dran? Das Law-and-Order-Playset dient angeblich guten Zwecken, selbst der Bundeswehrpanzer kommt gern mit dem Rotkreuz-Symbol daher. Augenwischerei? Sehr beliebt ist laut dem Arbeitsausschuss Gutes Spielzeug übrigens immer noch die Pistole; nur sieht man sie weniger in Werbeprospekten, weil sie zur Selbstverständlichkeit geworden ist.

Kriegsspielzeug, so eine gängige Definition, besteht aus Miniaturausgaben von Waffen, Kampffiguren und anderen Elementen eines Kriegsszenarios, die für Kinder produziert worden sind. Wie direkt oder abstrakt ein Kriegsspielzeug aktuelle, historisch zurückliegende oder zukünftige Kriegsszenarien abbildet, ist ein weiteres wichtiges Merkmal.

«Eindeutiges» Kriegsspielzeug spiegelt den aktuell möglichen Krieg in direkter Form: mit Imitationen von Pistolen, Maschinengewehren, Panzern. «Uneindeutiges» Kriegsspielzeug reflektiert dagegen den abstrakteren, vergangenen oder zukünftigen Krieg: Zinnsoldaten, Quartettspiele mit militärischen Abbildungen oder die Beast Wars Ani Mutants gehören in diese Kategorie. Aktionsspielzeug ist eine neuere Variante davon. Es ermöglicht zumeist kämpferische Science-Fiction-Spielhandlungen in einer Welt, die strikt in Gut und Böse eingeteilt ist. Klassiker waren die Masters of the Universe mit Heman und Skeletor.

Lernen nun die Kinder in solchem Spiel gewaltsames und aggressives Verhalten gegenüber Menschen und Dingen? Oder reagieren sie sich eher ab, so dass sie sich nach den spielerischen Gewalttaten auf dem fiktiven Schlachtfeld friedlich und freundlich der Realität zuwenden? Die Sache ist komplizierter, als dieses Entweder-Oder suggeriert.

Im Laufe der Geschichte reichte die Palette des Urteils über Kriegsspielzeug von euphorischem Lob (meist in Vorkriegs- und Kriegszeiten) bis zu vehementer Ächtung (meist in Nachkriegszeiten). Fast immer aber war Kriegsspielzeug ein selbstverständlicher Bestandteil im Arsenal der Kinder und - unabhängig von den wechselnden Meinungen der Erwachsenen - stets sehr beliebt. Ich habe dazu viele meiner Studenten befragt, auch viele Lehrer. War das Eis gebrochen, erzählten sie mit strahlenden Augen von den schönen Spielen mit Pistolen, Panzern und Soldaten. Heute sind sie Kriegsdienstverweigerer und brave Bürger. So viel ist also klar: Es ist nicht das Spielzeug, das Militaristen oder Antimilitaristen hervorbringt.

Um die Auswirkungen von Kriegsspielzeug einzuschätzen, möchte ich zunächst an den grossen amerikanischen Spieltheoretiker Brian Sutton-Smith anknüpfen. Er hat stets vor einer Idealisierung des kindlichen Spiels gewarnt - und das Spiel mit Spielzeug ausdrücklich mitgemeint. Spiele können, wie er sagte, «skrupellos, unzuverlässig, täuschend, gefährlich für einen selbst und für andere, obszön und absurd» sein. Dazu komme, dass wir uns «als Erwachsene kaum mit dem Spiel der Kinder arrangieren» könnten, weil dieses «ein mittelalterliches, archaisches Vergnügen» sei.

Spielzeug hilft den Kindern, wie Sutton-Smith in seinem Buch «Toys as Culture» darlegte, Konflikte zu ertragen, die durch widersprüchliche gesellschaftliche und erzieherische Ansprüche entstehen: Gefühlsmässig gebunden und zugleich einsam zu sein, sich an anderen ausrichten zu müssen und zugleich autonom zu sein, müssig sein zu können und zugleich leistungsorientiert, die Rolle des Konsumenten einzunehmen und zugleich die des Lernenden.

Die Möglichkeit, diese Konflikte auszuleben, ist jedoch nicht in der Natur des jeweiligen Spielzeugs begründet. Vielmehr bringt jedes Kind die Fähigkeit mit, die genannten gesellschaftlichen und erzieherischen Ansprüche auszudrücken und zu verändern; das Spielzeug hilft ihm dabei lediglich. In den zwanziger Jahren schrieb Walter Benjamin, es gelte den Irrtum zu überwinden, der «Vorstellungsgehalt eines Spielzeugs bestimme das Spiel des Kindes, da es in Wahrheit sich eher umgekehrt verhält». Das Spiel bestimmt also die Bedeutung des Spielzeugs, nicht umgekehrt.

Ein Spielzeug kann das Erlebnis einer gefühlsmässigen Bindung an eine Sache und zugleich das Erlebnis von Autonomie durch Kontrolle über sie vermitteln; es motiviert zur Anpassung, weil es dazu einlädt, vorgeprägte Schemata und Spielvorschläge aufzugreifen, und es erfüllt Erziehungsansprüche, weil es die Bereitschaft verlangt, seine Anregungspotentiale zu entdecken; Spielzeug deckt Vergnügungsansprüche ab und zugleich Konsumansprüche. Jedes Kind weiss um das Image eines Spielzeugs und wie sein Besitz sich auf seine Stellung im Freundeskreis auswirken könnte. Spiel und Spielzeug sind Teile der kindlichen Spielwelt und Kultur. Die Kinderkultur ist eine Welt jenseits von Pädagogik. Sie ist eigen, widerständisch, aufmüpfig und provokativ. Hier spielen und lernen die Kinder in eigener Regie und Kompetenz.

Spiel kehrt die Machtverhältnisse um, und dazu ist Spielzeug, welcher Art auch immer, nützlich. Vor hundert Jahren waren es Spielzeugpeitschen, in den Sechzigern und Siebzigern die Heulrohre und Klickerkugeln, und heute sind es die Ghostbuster Flitzegeist, Vielfrassgeist und Stielaugengeist. Diese Dinge sollen die Erwachsenen provozieren, je hässlicher und nervender, desto besser. Kriegs- und Aktionsspielzeug ist also nicht per se gefährlich für die Entwicklung des Kindes. Es ist jedoch wichtig, dass sie den deutlichen Kontrast zur Alltagswelt wahren. Die Spielenden müssen das Spielzeug in ihre Verfügungsgewalt nehmen können und kreativ und variabel in ihre Spielwelt integrieren. Spielen ist So-tun-als-ob, ist Transformation.

In Kinderkultur und Spielwelt sind aggressive Spiele und solche mit Kriegs- und Aktionsspielzeug völlig normal und alltäglich. Bei unseren Spielbeobachtungen in Kindergärten haben wir Spielszenen wie «Auspeitschen» und «Wir essen ein Kind» beobachtet. Niemand ist dabei zu Schaden gekommen, denn dies waren Spiele, die die beteiligten Kinder in ein intensives, balanciertes und einvernehmliches Spielgeschehen involvierten.

Dass Spiel und Realität zwei verschiedene Dinge sind, wissen Kinder genau, und es scheint, dass eher wir, die Erwachsenen, es sind, die die Ebenen durcheinander bringen. Kinder, die wir zum Thema Kriegsspielzeug befragten, haben uns eindrucksvoll bestätigt, dass sie wissen, wo sie sind, wenn sie spielen. «Man kann in der Phantasie leben», war da zu hören oder: «Ich finde die Schwerelosigkeit im Weltraum viel besser. In der Wohnung kann ich mir das Nasenbein brechen, im Weltraum kann mir nichts passieren.»

Über die Realität des Krieges wussten die Kinder Bescheid: «Ich finde es nicht gut, dass die Menschen sich abschiessen, und wenn sie mit dicken Wunden daliegen, noch ein bisschen leben und doch totgehen.» Das Wissen um die Schrecken des Krieges berührt den Spass am Spiel mit Kriegsspielzeug nicht, weil die Kinder nicht diese Schrecken spielen, sondern eine transformierte Dynamik von Kämpfen, Verstecken und Verfolgen, Zielen und Schiessen, Zerstören und Zusammenkrachen. Dies erleben sie als selbstbestimmtes Tun.

Die Kinder haben auch erzählt, dass die Erwachsenen, die Eltern, Lehrerinnen und Lehrer, mit ihnen nicht über ihre Kriegsängste sprechen, sondern sie damit allein lassen und sich mit einer diffusen Ablehnung von Kriegsspielzeug und aggressiven Spielen begnügen. Hier liegt das Problem des Kriegsspielzeugs, wenn es denn eines gibt: Dass wir zu Wissen und Ängsten der Kinder über den Krieg keinen Standpunkt beziehen. Täten wir das, brauchten wir nicht am Punkt des geringsten Widerstandes, am Kinderspiel, mit Verbot und Versagung anzusetzen und könnten uns stattdessen fragen, was es denn ist, was die Kinder so an Kriegs- und Aktionsspielzeug fasziniert.

Kriegs- und Aktionsspielzeug bietet die Möglichkeit, spannungsreiche innere Realitäten auszudrücken und Konflikte zu inszenieren. Damit kann es auch helfen, diese zu lösen.

Zunächst ist es die perfektionierte Waffentechnik, über die der Spielende verfügt, und die Autorität und Gewaltpotenz suggeriert. In eine ähnliche Richtung zielt die Ästhetisierung von Gewalt, werden die kriegerischen Ereignisse doch sauber und ordentlich dargestellt; hinter dieser Ordnung verschwindet ihre eigentliche Funktion. Solche Ordnungen faszinieren im übrigen nicht nur Kinder. Machtfülle, Aktionskontrolle und Gestaltungsfreiheit sind weitere Punkte: «Spielen heisst Held sein, Dämonen besiegen, kämpfen», hatte schon der französische Spieltheoretiker Château gesagt. Kriegsspielzeug und Superhelden eignen sich dazu hervorragend.

Kinder suchen polare Gefühlswelten mit klaren Gut- und-Böse-Einteilungen, um archetypische Erfahrungen zu thematisieren. Mit Kriegs- und Aktionsspielzeug können einfache Gut-Böse-Strukturen geschaffen werden, die die Spielenden mit Magie und Mythos so verwandeln, dass ihre besondere psychische Situation zum Ausdruck kommen kann. Das Böse kann nicht mit den Kräften des Kindes allein, wohl aber mit Hilfe von Magie in Bann gehalten werden. Das Spiel mit Kriegsspielzeug und Aktionsspielzeug hilft, die «Spannungen zwischen Gut und Böse so abzubilden, dass ihr Kampf ein Märchen bleibt und gefahrlos und beliebig oft neu inszeniert werden kann», wie der Psychologe Christian Büttner sagt.

Über die «Gulliver-Situation» haben zuerst die Kinderkultur-Autoren geschrieben: Kleine Plasticfiguren schaffen für das Kind ein «Omnipotenzgefühl», es besitzt die Übersicht und die vollständige Verfügungsgewalt über das Geschehen in einer Liliputanerwelt. Wichtig ist auch, dass man Kleinspielzeug überallhin mitnehmen und immer präsent haben kann. Man hält es beispielsweise während des Schulunterrichtes in der Hand, ohne dass die Lehrerin oder der Lehrer es bemerkt. Viele Kriegsspielwaren sind für Gulliver-Situationen geradezu prädestiniert und reihen sich damit ein in die Ausstattungsgegenstände einer Kinderkultur, die die Kinder gegen die Erwachsenen - und auch gegen die Pädagogik - stärkt und mit Widerstandsmöglichkeiten versieht.

Das kleine und zumeist hässliche Spielzeug ist für Kinder deshalb so attraktiv, weil es zugänglich und verfügbar ist und von Eltern und Lehrern verachtet oder abgelehnt wird. Man kann die Erwachsenen damit ärgern, reizen, provozieren. In den achtziger Jahren ist die besondere Hässlichkeit der Masters of the Universe immer wieder bemerkt worden; die nachfolgenden Turtles und Beast Wars Ani Mutants sind nicht schöner oder geschmackvoller geworden. Weil das heutige Aktionsspielzeug grösser und teurer ist als das Billigspielzeug von einst, fällt die Provokation mehr ins Auge. Und es ist nicht nur die Wildheit der Figuren und Spielszenen, die die Erwachsenen provozieren; es ist mit Sicherheit auch die damit verbundene Machtpose der Kinder.

Kriegs- und Aktionsspielzeug übernimmt in der Kinderkultur wichtige Funktionen. Ist dieser Gedanke akzeptiert, wird es unmöglich, schlechtes Kriegs- und Aktionsspielzeug von gutem und pädagogisch wertvollem Spielzeug zu unterscheiden. Die begehrte, vom Arbeitsausschuss Gutes Spielzeug vergebene «spiel gut»-Plakette ist in erster Linie ein wirksames Markt- und Verkaufsinstrument.

Dennoch plädiere ich nicht dafür, dass Erwachsene sich jeder Meinung enthalten und alles kaufen sollten, was der Markt anbietet - und was sich Kinder folglich, eben weil es angeboten wird, auch wünschen. Vielmehr wird es auch für einen die Kinderkultur respektierenden Erwachsenen Grenzen bezüglich der Vertretbarkeit geben. Zwar ist Spielzeug nicht dazu da, uns Erwachsenen zu gefallen; aber grundsätzlich müssen Erwachsene das im Spielzeug präsentierte Bild der Welt vertreten und verantworten können.

Um die Spielzeugpistole wird es in dieser Auseinandersetzung nicht gehen und auch nicht um den Panzer, wohl aber um detaillierte brutalisierte Szenarien, die in ihrer Ausdrücklichkeit die Transformationskraft des Kindes gefährden. Goethe, so liest man, habe seinem Sohn eine Spielzeugguillotine schenken wollen, und nur die Mutter des Dichters habe dies verhindert. Recht hatte sie!

Heute wird in den USA Death Row Marv verkauft, der auf dem elektrischen Stuhl die Stufe eins überlebt und sich bei Stufe zwei aufbäumt, rotglühende Augen bekommt und schliesslich mit zuckenden Armen zusammensackt. Computerspiele wie Mortal Combat überbieten dies noch; brutale Kampfszenen werden durch die Schändung der gegnerischen Körper potenziert: Köpfe werden vom Rumpf getrennt, Rückgrate herausgezogen und Leiber in Stücke gerissen - begleitet von Schreien, Stöhnen und viel fliessendem Blut.

Wie lösen wir also das neue alte Problem zur Weihnachtszeit? Kaufen wir den Kindern das Spielzeug, das ihnen gefällt - unter Wahrung der Grenzen der Verantwortlichkeit. Diese Grenzen nicht allzu eng auszulegen, sollten wir den Mut haben.

Gisela Wegener-Spöhring ist Professorin für Pädagogik und Didaktik in der Grundschule an der Universität Köln.


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