NZZ Folio 01/01 - Thema: Wein   Inhaltsverzeichnis

Von Tieren -- Am telepathischen Gummiband

Von Herbert Cerutti

ES IST BEREITS dunkel, wie ich von der Bushaltestelle her in die Dorfstrasse einbiege. Da raschelt es im Gebüsch - mit sanftem Miau hüpft Mitzi, unsere schwarze Katze, vor meine Füsse. Wir begrüssen uns herzlich; gemeinsam spazieren wir die paar Minuten bis zum Haus. Das passiert vielleicht jedes zweite Mal, wenn ich von der Stadt nach Hause komme. Manchmal zeigt sich das Tier erst, wenn ich an seinem Versteck vorbeigegangen bin; manchmal sehe ich auch schon von weitem einen schwarzen Punkt, der sich in meine Richtung bewegt.

Ich gehe nur unregelmässig in die Stadt und komme dann jeweils zu recht verschiedenen Zeiten heim. Wartet Mitzi stundenlang in der Böschung auf mich? Oder kommt sie just zur richtigen Zeit zum Treffpunkt? Woher weiss sie dann aber, wann ich aufkreuzen werde?

Rupert Sheldrake, ein englischer Biologe, interessiert sich seit zwanzig Jahren für solche Fragen. In seinem jüngsten Buch, «Dogs That Know When Their Owners Are Coming Home» (die deutsche Übersetzung hat den Titel «Der siebte Sinn der Tiere»), liefert er umfangreiche Daten sowie eine Hypothese zum Phänomen, dass Tiere mit uns Menschen kommunizieren können, selbst wenn wir ausserhalb der Reichweite ihrer Augen, Ohren und Nase sind.

Über die Medien haben Sheldrake und seine Mitarbeiter Haustierhalter aufgefordert, Verhaltensweisen ihrer Lieblinge, die sie sich nicht erklären können, zu melden. Die Resonanz war überwältigend. Die Forscher haben mittlerweile über 2000 Fälle in der Datenbank, darunter allein 585 von Hunden, die wissen, wann ihr Herrchen oder Frauchen nach Hause kommt. Ein Teil der Fälle lässt sich zwar mit regelmässigen Tagesabläufen erklären. Doch zahlreiche Berichte stammen von Taxifahrern, Soldaten, Journalisten, Hebammen und andern Leuten ohne feste Arbeitszeiten. Deren Angehörige werden vom Hund zuverlässig darüber informiert, dass die Person demnächst nach Hause kommen wird.

Helen Meither fährt täglich ins 25 Kilometer entfernte Liverpool. Je nach Arbeitsschluss nimmt sie den Bus zurück um sechs Uhr oder erst um acht. Die Haltestelle liegt 400 Meter von ihrem Zuhause entfernt, hinter einem Wald. Wenn Helen den frühen Bus erwischt, macht sich ihr Terrier eine Viertelstunde vor Busankunft auf den Weg, um sie abzuholen. Kommt sie mit dem späteren Bus, rührt sich der Hund um sechs nicht vom Fleck und geht erst zwei Stunden später aus dem Haus.

Sheldrakes Paradebeispiel ist der Terriermischling Jaytee aus Manchester. Pamela Smart holte Jaytee als Welpe aus dem Hundeheim und ist ihm eng verbunden. Sie geht unregelmässig aus dem Haus und lässt den Hund während ihrer Abwesenheit jeweils bei ihren Eltern in der Nachbarwohnung. Während die Eltern nicht wissen, wann Pamela heimkommen wird, läuft Jaytee beizeiten zur Terrassentür und wartet.

Sheldrake untersuchte das Verhalten von Jaytee mit gezielten Experimenten und 120 Videoaufnahmen. Zwei synchrone Videosequenzen zeigen zum Beispiel, wie Pamela, vier Stunden nachdem sie das Haus in Begleitung des Experimentators verlassen hat, von diesem aufgefordert wird, sich auf den Heimweg zu machen, und wie Jaytee praktisch im selben Augenblick die Ohren spitzt. Elf Sekunden später begibt sich Pamela zu einem Taxistand - und Jaytee erhebt sich von seinem Stammplatz zu Füssen von Pamelas Mutter und geht zur Terrassentür. Wo er dann brav wartet, bis Frauchen 15 Minuten später vorfährt.

Für die Auswertung unterteilte Sheldrake alle Aufnahmen in Zehnminuten-Phasen und analysierte, wie viele Sekunden Jaytee in jeder Phase von Pamelas Abwesenheit bei der Terrassentür verbrachte. Egal, wie lange sie wegblieb, die Messkurven zeigten stets, dass der Hund sich nur wenige Prozent der Zeit an der Tür aufhielt. Bis zum Zeitpunkt, da Pam sich jeweils auf den Heimweg machte: Dann schnellte das Warten an der Tür für die folgenden zehn Minuten immer auf über 50 Prozent, wobei es keine Rolle spielte, wo Pamela gerade war und wie lange ihre Rückkehr dauerte.

Sheldrake wollte sich nicht nur auf Leute stützen, die sich freiwillig meldeten. Darum wählte er an vier Orten in England und den USA insgesamt 1200 Haushalte nach einem Zufallsprinzip für eine Befragung aus. In Los Angeles beispielsweise lebten in 35 Prozent der befragten Haushalte Hunde. Bei 61 Prozent dieser Hundehaushalte kündigte das Tier die Heimkehr eines bestimmten Familienmitglieds an. In einem Viertel der Fälle geschah dies länger als zehn Minuten vor der Ankunft - zu einem Zeitpunkt also, wo Geräusche oder Gerüche kaum als Informationsquellen in Frage kommen konnten.

In Sheldrakes Datenbank gibt es auch 359 ungewöhnliche Katzengeschichten. Elisabeth Bienz zog von ihrem elterlichen Heim in der Schweiz nach Paris und musste den geliebten Kater Moudi zurücklassen. Das Tier verschwand kurz darauf und wurde von Elisabeths Eltern nicht mehr gesehen. Die Tochter kam aber alle paar Monate einmal zu Besuch, und da zeigte sich auch jeweils Moudi wieder - wohlgenährt und bei guter Laune. Und als eines Tages der Kater sich zu irren schien und auftauchte, obwohl Elisabeth nicht erwartet wurde, stand die Tochter einige Stunden später unangemeldet vor der Tür.

Sheldrake weiss von mindestens 17 weiteren Tierarten, die die Rückkehr ihrer Bezugsperson im Voraus melden. So gehören der zahme Waldkauz Joggeli einer Zürcher Familie, aber auch Hühner, Gänse, Pferde und Affen zu den offenbar telepathisch begabten Kreaturen. Unter den Vögeln scheinen Papageien besonders talentiert - und sie können ihr Wissen auch noch artikulieren. Die Datensammlung enthält auch Berichte von Menschen, die ihren Tieren telepathisch Befehle übermitteln. Per Denkkraft werden Katzen nach Hause und Zwergschimpansen zur Fütterung gerufen, Hirtenhunde kommandiert.

Und es funktioniert auch in umgekehrter Richtung: In Notlagen rufen Tiere per Telepathie Menschen zu Hilfe, etwa wenn sie eingeschlossen sind oder verletzt wurden. Besonders kräftig wirkt die geistige Fernverbindung, wenn es um Leben und Tod geht: In England zitterte und winselte der Terrier einer Familie genau in jener Stunde, als der Sohn im 10 000 Kilometer entfernten Falkland-Krieg mit der «HMS Coventry» unterging.

Wie soll das alles funktionieren? Der wegen seiner unorthodoxen Ansichten zum Enfant terrible unter den Biologen avancierte Sheldrake glaubt, dass soziale Wesen durch ein dem Gravitationsfeld vergleichbares «morphisches Feld» in Raum und Zeit miteinander verbunden sind. Die Individuen hängen aneinander wie an unsichtbaren Gummibändern. Wächst die Distanz, dehnt sich das Band.

Sheldrake sieht in solchen immateriellen Verbindungen auch die Erklärung für das Schwarmverhalten von Fischen und Vögeln: Zu Hunderten schwimmen oder fliegen diese Tiere Manöver in Bruchteilen von Sekunden - schneller als Nerven und Muskeln Sinnesreize verarbeiten können -, und das, ohne sich dabei in die Quere zu kommen.

Für Sheldrake hat Telepathie nichts mit Magie zu tun. Sie ist für ihn viel eher ein natürliches Ergebnis der Evolution, die ein für soziale Gruppen vorteilhaftes geistiges Antizipieren positiv selektioniert. Dass ein verirrter Wolf sein Rudel genau dann wiederfindet, wenn es gerade ein Festmahl abhält, oder dass eine Kuh 50 Kilometer weit über unbekanntes Land ihrem verkauften Kalb hinterhertrottet, sei ein Ausdruck ganz natürlicher Herdentüchtigkeit. Und weil Hund und Mensch seit Jahrtausenden soziale Banden über die Artengrenze hinweg pflegen, funktioniere der telepathische Kanal eben auch zwischen ihnen.

Sheldrake führt auch Berichte und Experimente von Gedankenübertragung innerhalb der Spezies Homo sapiens an - davon, dass wir noch bevor es klingelt, wissen, wer uns demnächst anrufen wird, bis hin zum starken Gefühl, von hinten angestarrt zu werden, was ursprünglich als Schutz gegen überraschende Angriffe gedient haben könnte. Der moderne Mensch habe die ehemals existenziell wichtigen telepathischen Fähigkeiten verkümmern lassen, seit er sie wegen überbordender elektronischer Telekommunikation nicht mehr brauche. Doch die Buschmänner in der Kalahari, so Sheldrake, teilten sich noch heute routinemässig über Dutzende von Kilometern hinweg ihre Gedanken mit.


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