NZZ Folio 02/92 - Thema: Kuba   Inhaltsverzeichnis

Vaterland oder Tod

Kuba zwischen José Martí und Fidel Castro.

Von Christoph Mühlemann

Drei Lebensläufe, drei Rebellionen, dreimal Kuba: Vaterland oder Tod. Wiederholung der Geschichte oder immer neuer Anlauf?

José Martí y Pérez wurde am 28. Januar 1853 als Sohn eines spanischen Armeeschneiders aus Valencia und der Tochter eines Tabakpflanzers von den Kanarischen Inseln in Havanna geboren. Poetisches Feuer und politisches Ungestüm - der gestrenge Vater hätte sie gerne zugunsten einer «ehrlichen» Berufslaufbahn des Sohnes unterdrückt. Der weitgereiste Lehrer Mendive, Freigeist, Übersetzer Victor Hugos und Lord Byrons, den spanischen Kolonialbehörden als Befürworter von Reformen suspekt, lenkte den jugendlichen Geist auf einen Weg, der in den Konflikt führte, zur Auflehnung gegen den Vater und, in ihm verkörpert, gegen Spanien. Von 1868 bis 1878 wurde Kuba vom ersten Unabhängigkeitskrieg aufgewühlt, der bereits eine Art Guerillaaufstand war und die Kolonialmacht zur Aufbietung all ihrer Kräfte zwang. Martí nahm teil, schrieb Gedichte, Zeitungsartikel, er prangerte Unterdrückung, Gewalt, Engstirnigkeit der Behörden an, und diese legten ihn schliesslich in Ketten und steckten ihn in einen Kalksteinbruch.

Aber die Herren über Kuba, zunächst spanische Gouverneure, später einheimische Diktatoren, haben von Fall zu Fall auch Anwandlungen von Grossmut. Den jungen Martí deportierten sie ins Mutterland: vielleicht würde er dort etwas lernen, sich eines Besseren besinnen. Der 18jährige Jüngling von der Insel studiert an der Madrider Universität eine Zeitlang die Rechte - und verfasst zuhanden der Politiker und Journalisten der Hauptstadt die Anklageschrift «Der politische Kerker in Kuba» (El presidio político en Cuba, 1871) und kurz darauf «Die spanische Republik angesichts der kubanischen Revolution» (La república española ante la revolución cubana, 1873). Spanien würde sich mit Ruhm bedecken, wenn es seine Kolonie in die Freiheit entliesse, argumentierte der Ankläger, aber Spanien nahm ihn kaum zur Kenntnis.

Nach Abschluss der Studien, 1874 in Zaragoza, ging Martí, wie später noch viele aufbegehrende Kubaner, nach Mexiko, das gerade die Sklaverei abgeschafft, eine Landreform eingeleitet und ein parlamentarisches System eingeführt hatte. Politischer Anschauungsunterricht für den aufmerksamen Kubaner, der dann aber auch mit ansehen musste, wie halbherzige Reformen leichtes Opfer eines skrupellosen Usurpators werden können. Der Machtantritt des Diktators Porfirio Díaz, 1877, war für ihn Grund genug, auf die heimatliche Insel zurückzukehren. Die nach zehn Jahren des Aufruhrs endlich siegreichen Spanier hatten die Zügel etwas gelockert, den Insulanern wenigstens Redefreiheit eingeräumt, und natürlich gerade sie nahm der heimgekehrte Idealist in vollen Zügen wahr. Mit dem Ruf «Cuba libre!» schloss er seine flammenden Reden, bis die Kolonialherren ihn ein zweitesmal nach Spanien abschoben.

Martí hatte Zentralamerika bereist, zwei Jahre in Mexiko gelebt; nächste Station nach Spanien war jetzt Venezuela. Er war nicht nur auf der Suche nach Selbstbestimmung und Unabhängigkeit für Kuba, er wollte als Angehöriger einer der letzten spanischen Kolonialgesellschaften herausfinden, was die Grundlagen für eine gemeinschaftliche Zukunft der noch nicht lange souveränen Gebiete des früheren spanischen Kolonialreiches sein könnten. Konnte ein gemeinsames Erbe auch Garant für Zusammenleben und Zusammenarbeit innerhalb des befreiten Lateinamerika sein? Er sah vor allem die Schwierigkeiten, erkannte, dass in den von Spanien zurückgelassenen unzureichenden Strukturen in Wirtschaft, Politik und Gesellschaft der Keim zum inneren Zerfall lag: Die Konquistadoren und die ihnen folgenden Landnehmer waren gekommen, um Reichtümer zu sammeln, und nicht, um neue Gesellschaftsformen und Gemeinwesen aufzubauen. Die hinterlassenen Dependenzen, die Kapitanate und Vizekönigreiche rivalisierten nach erkämpfter Befreiung vom spanischen Joch weiter untereinander, wie um ihre kolonialen Minderwertigkeitskomplexe zu kompensieren. Für den revolutionären Visionär Martí war dagegen ein eigentlicher Zwang zur Zusammenarbeit, aber auch zum echt demokratischen Schulterschluss der Lateinamerikaner gegeben. Voller Bewunderung sah er von weitem auf die freiheitlichen Traditionen und die wirtschaftliche Dynamik der grossen nordamerikanischen Zivilisation. Lag da nicht das Modell für «sein» Lateinamerika?

Folgerichtig machte sich der politische Wanderer auf in den kalten Norden, nach New York. Während der nächsten sechzehn Jahre stellte er sich, schreibend und organisierend, als Dichter, politischer Redner und Journalist, aber auch als Vorsitzender des kubanischen Revolutionskomitees und sogar als Waffeneinkäufer ganz in den Dienst des Unabhängigkeitskampfes. Er stritt mit spitzer Feder und wachem Geist gegen Spanien, aber sein Feldzug wurde allmählich zu einem Krieg an zwei Fronten. Martí kam auf Grund der Eindrücke, die in den Vereinigten Staaten auf ihn einstürmten, zum Schluss: «Kuba muss frei sein von Spanien und den USA.» In seinen Publikationen häuften sich Bilder und Bezeichnungen Nordamerikas, die zunehmender Irritation und schliesslich der Angst entsprangen: Monstrum, Ungeheuer, Raubtier. Ende der achtziger Jahre war aus dem Bewunderer von Freiheit und Fortschritt ein wütender Verächter der Vereinigten Staaten geworden. Martí hatte den rücksichtslosen Entwicklungsboom der Industrialisierung erlebt, den, wie er sagte, gesellschaftlichen Krieg zwischen Unternehmern und Arbeitern, einen drastischen Materialismus, er sah das soziale Leben zu einem Kampf aller gegen alle entarten. Er, der für Lateinamerika einen «neuen Menschen» gesucht hatte, fand in den USA den «metallisierten Menschen».

Die Frage, die sich die politischen Strategen in der amerikanischen Hauptstadt in der Zeit stellten, als Martí sich in den USA aufhielt, war schon längst nicht mehr, ob sich die Vereinigten Staaten die Insel einverleiben sollten, sondern nur noch, wann und wie das geschehen sollte. Man erinnerte sich der geradezu prophetischen Worte von Staatssekretär John Quincy Adams, der 1823 (im Jahr der Monroe-Doktrin) darüber philosophiert hatte, dass es politische Gravitationsgesetze gebe, die Kuba, einmal befreit von der «widernatürlichen Verbindung» mit Spanien und unfähig, sich selbst zu behaupten, ganz von selbst in den Schoss der USA fallen lassen werden. Besonders beunruhigte Martí die aus dem Staatsdepartement in Washington dringende Diskussion, wie viele Millionen Dollar allenfalls Spanien anzubieten wären, um Kuba zu kaufen (wie früher einmal Louisiana von den Franzosen).

Es musste etwas geschehen, und zwar bald. Im April 1892 gründete Martí mit Gleichgesinnten die Kubanische Revolutionäre Partei. Er wurde ihr Organisator und Propagandist, der in den Vereinigten Staaten, in Zentralamerika und im karibischen Raum unter den kubanischen Auswanderern und Flüchtlingen Aufstandspläne entwickelte. Mit seiner revolutionären Rhetorik riss er sie alle mit, auch wenn bei genauerem Hinhören zu erkennen war, dass kein klares politisches Programm für die Zeit nach der Befreiung vorhanden war. Martí war ein Visionär, kein politischer Praktiker. Sein Denken kreiste um den «neuen Menschen», um eine gerechte Republik für alle, um Agrarreform und Bildung. Dem (spanischen) Katholizismus sollte eine «neue Religion» des Humanismus und des sozialen Friedens entgegengesetzt werden. Das Bild seines «Cuba libre» war geprägt von sozialistischen, aufklärerischen und mystischen Zügen. Vaterland oder Tod.

Für Martí war es der Tod. Nach dreijährigen Vorbereitungen sollte der Befreiungskrieg beginnen. Martí verliess am 31. Januar 1895 New York. In der Dominikanischen Republik traf er sich mit seinen Mitverschwörern. Der Aufstand in Kuba hatte schon begonnen, und ein deutsches Frachtschiff brachte Martí und Máximo Gómez, den militärischen Führer der Rebellen, am 11. April an die Küste des Oriente im Südosten der Insel, wie später Fidel Castro, einen der geistigen Erben Martís und in gewissem Sinne Vollender seines Traumes. Martí fiel am 19. Mai 1895 in einem der ersten Gefechte des zweiten Krieges gegen Spanien. Es blieb ihm erspart, mit ansehen zu müssen, wie der Kampf um die Unabhängigkeit den Kubanern entglitt und vom «Ungeheuer» im Norden, von den USA, übernommen wurde. Spanien musste gehen, die Amerikaner kamen.

Julio Antonio Mella wurde am 25. März 1903 in Havanna geboren und am 10. Januar 1929 in Mexico City von gedungenen Mördern im Dienste des kubanischen Diktators Machado (1925-1933) erschossen. Die Spanier hatten das Leben Martís geschont, Batista dasjenige Castros; der «Schlächter», wie Machado auch genannt wurde, aber verfolgte seine Gegner noch im Ausland. 1898 hatte ein amerikanisches Expeditionskorps innerhalb von sechs Monaten die spanischen Kolonialtruppen geschlagen. Am 10. Dezember 1898 verzichtete Spanien nicht nur auf Kuba, sondern auch auf Puerto Rico, die Philippinen und Guam. Im Gegensatz zu den anderen Inseln wurde Kuba nicht annektiert, aber vollständig amerikanischer Kontrolle unterworfen, was sich auch in der Verfassung des «unabhängigen» Inselstaates ausdrückte. Sie erhielt einen Zusatz, das sogenannte Platt-Amendment, das den USA ein unbeschränktes Interventionsrecht einräumte, wann immer der amerikanische Präsident ein Eingreifen «im Interesse des kubanischen Volkes» für nötig erachtete; zudem erhielten die USA den Marinestützpunkt Guantánamo im Südosten der Insel zugesprochen.

Die ersten Jahre der Unabhängigkeit Kubas spielten sich in politischem Chaos ab, Gewalt und Korruption herrschten; schwache, nur von Amerika gestützte Präsidenten lösten sich ab, amerikanische Truppen besetzten das Land von 1906 bis 1908 und intervenierten auch später - 1925 etablierte sich dann ein starker Mann: Gerardo Machado, der die Insel acht Jahre lang, von den Zuckerbaronen und Washington unterstützt, richtiggehend terrorisierte. Mella wurde für kurze Zeit, aus dem 1925 angetretenen mexikanischen Exil, zum Herausforderer des Diktators, den er verächtlich einen «tropischen Mussolini» nannte. 1923, unter Machados Vorgänger Zayas, hatte er, ganz auf das grosse Vorbild Martí bezogen, den Bund der Universitätsstudenten (Federación de estudiantes universitarios) gegründet und im Kampf um eine Hochschulreform eine umfassende Gesellschaftskritik entworfen. Er glaubte in Fortführung von Martís pädagogischer Arbeit die Kubaner, alle Kubaner, zu «gesellschaftlicher Selbstverwirklichung» und damit zum revolutionären Aufstand führen zu können.

Schon Martí hatte in seiner Analyse der amerikanischen Wirtschaftsentwicklung Einflüsse der Theorie von Karl Marx aufgenommen; Mella nun als einer der Gründer der kommunistischen Partei Kubas (Partido Socialista Popular) plädierte für eine Anpassung der humanistisch-sozialkritischen Ansätze Martís an die neuen Bedingungen, die von der wirtschaftlichen Dominierung Kubas durch amerikanisches Kapital bestimmt waren. Die revolutionären Prinzipien des «Apostels» (die Sakralisierung Martís hat bis heute in Kuba Bestand) müssten «die gegenwärtige revolutionäre Klasse» durchdringen; schon Martí sei ein Freund des Proletariats gewesen und ein Vordenker des «grossen Paradieses des internationalen Sozialismus». Martí konnte sich weder gegen diese kommunistische Ideologisierung seiner Positionen wehren noch gegen die Vereinnahmung durch den Diktator Machado, der dem linksradikalen Widerstand seinerseits mit einer Schrift Martís entgegenzuwirken versuchte; er liess 1926 20 000 Exemplare von Martís 1889 erschienenem Artikel «Verteidigung Kubas» (Vindicación de Cuba) verteilen, um mit dieser vehementen Kampfschrift gegen die Annexionsgelüste der USA eigenen Nationalismus vorzugeben.

Mella kämpfte weiter, als Studenten- und Arbeiterführer. Das Bildungsniveau der Bevölkerung wollte er heben, vor allem den Analphabetismus bekämpfen. Eine von ihm mitverfasste programmatische Erklärung des Studentenbundes forderte eine egalitäre demokratische Gesellschaft und, das wieder ganz im Sinne Martís, lateinamerikanische Solidarität gegenüber dem nordamerikanischen Wirtschaftsimperium. Machado liess den Unruhestifter 1925 unter dem Vorwurf terroristischer Aktivität ins Gefängnis werfen; aber nach einem zweiwöchigen Hungerstreik kam Mella frei und setzte sich nach Mexiko ab. Er kämpfte dort weiter, mit Wort und Schrift, und plante, wie jeder kubanische Rebell in Mexiko, die geliebte Insel von ihrem Unterdrücker zu befreien. Mit der kommunistischen Partei brach er; sich den stalinistischen Dogmen zu unterwerfen war er in seinem individualistischen Rebellentum trotz aller Affinität zum Marxismus-Leninismus nicht bereit. Die Kommunistische Partei Mexikos verurteilte das Befreiungsunternehmen als «individualistisches Abenteurertum», so wie ihre kubanische Schwesterpartei später Castros Guerillakampf als «bürgerlichen Romantizismus» verurteilen sollte. Machado war ohnehin schneller und liess Mella ermorden.

Fidel Castro Ruz wurde am 13. August 1926 auf der Farm seines Vaters Angel bei Mayari in der damaligen Provinz Oriente geboren. Angel Castro stammte aus Galicien, war mit der spanischen Kolonialarmee nach Kuba gekommen und hatte sich schliesslich auf der Insel niedergelassen, wo er sich mit der Zeit und mit viel Geschick zu einem Grossgrundbesitzer entwickelte. Fidel und seine Brüder verbrachten eine sehr freie, fast ungezügelte Kindheit, was Fidel einmal zur Bemerkung veranlasste, er entstamme nicht der landbesitzenden Oberklasse, sondern sei unter einfachen Leuten aufgewachsen. Das kann stimmen, kann aber auch ein Beitrag zur Legendenbildung sein wie später der Versuch, eine Prägung durch den Marxismus-Leninismus schon in den Universitätsjahren vorzugeben. Fidel erhielt, zunächst in Santiago, dann in Havanna, eine ausgezeichnete Ausbildung an Jesuitenkollegien. 1945 begann er das Studium der Rechte, das er 1950 mit der Promotion zum Doktor der Jurisprudenz abschloss. An der Universität Havanna warf er sich mit vollem Elan in die wilde Studentenpolitik jener Tage. Die sozial heterogene Gruppe von jungen Rebellen, die sich um Castro sammelte, berief sich in ihrem rigorosen Moralismus, mit dem sie Diktatur und Korruption, aber auch das politische Duckmäusertum der bürgerlichen Parteien bekämpfte, zuallererst auf José Martí und Julio Antonio Mella. Marxisten waren weder sie noch ihr charismatischer Führer Castro, der später einmal sagte, er habe «Das Kapital» ohnehin nur bis Seite 370 gelesen. Der einzige Kommunist, der sich der «Bewegung» anschloss, war 1953 Fidels jüngerer Bruder Raúl, ein Mitglied der kommunistischen Jugendbewegung.

Castros politischer Kampf trat von der rhetorischen in die aktive, kombattante Phase, als er seine Genossen 1953 in einen wahnwitzigen Überfall auf die Moncada-Kaserne in Santiago riss. In diesem Jahr feierte man die hundertste Wiederkehr von Martís Geburtstag, und ein Jahr früher hatte Fulgencio Batista, zwischen 1944 und 1948 gewählter Präsident, in einem Staatsstreich die Macht an sich gerissen: Der Moment für eine aufsehenerregende Tat im Geiste des «Apostels» schien gekommen. Im Prozess gegen die wenigen Mitkämpfer, die am 26. Juli 1953 in Santiago nicht ums Leben kamen oder später von Batistas Polizei nicht zu Tode gefoltert wurden, verteidigte Castro sich selbst. «Die Geschichte wird mich freisprechen» - die grosse Rechtfertigungsrede vor Gericht, deren Schlüsselsatz Hitlers Verteidigungsrede von 1924 vor einem Münchner Gericht nachempfunden war, zeigt den jungen Rebellen ganz in der Nachfolge Martís. Der wird als Gewährsmann des revolutionären Handelns herangezogen, allerdings in der ideologisch-gesellschaftskritischen Deutung des anderen Vorbildes, Mellas, auf den auch Castros lehrhaft-pathetischer Redestil zurückgeht. Die nationalistische, bereits antiamerikanisch gefärbte Ideenwelt Martís verbindet sich mit Mellas sozialistischer Allüre des Volkserziehers und Arbeiterkämpfers.

Wenn Fidel Castro aber in dieser seiner wahrscheinlich wichtigsten politischen Rede, die in Kuba auch heute noch wie das Evangelium in immer neuen Auflagen erscheint, im Gegensatz sowohl zu Martí wie auch zu Mella das aufbegehrende Ego deutlich ins Zentrum rückt, stellt er sich einerseits in die lateinamerikanische Caudillo-Tradition, lässt aber auch noch ganz andere Einflüsse erkennen. Um Castros noch lange nach dem Sieg der Revolution merkwürdig gespaltenes Verhältnis zur sowjetischen Zentrale des Marxismus-Leninismus zu verstehen, muss auch seine Bewunderung für den spanischen Faschismus Primo de Riveras und Francos gesehen werden. (Das franquistische Spanien hat bezeichnenderweise die Beziehungen zum «kommunistischen» Kuba nie abgebrochen; Castro und Franco, beide herkunftsmässig Galicier, empfanden über den Atlantik hinweg tiefen Respekt voreinander.)

Was im Plädoyer vor Batistas Richtern erst ansatzweise aufschien, hat die Geschichte der castristischen Revolution paradoxerweise bis ins Festhalten an der marxistisch-leninistischen Doktrin nach dem Zerfall des Sowjetreichs bestätigt: Dem voluntaristischen Machtmenschen Castro ging es weniger um eine bestimmte ideologische Richtung als um Machtgewinn und Machterhaltung. Dass eine antiamerikanische Grundhaltung (mit martianischen Wurzeln) und die zeitgeschichtlichen Umstände des kalten Krieges später den siegreichen Revolutionär statt nach national-sozialistischen nach marxistisch-leninistischen Methoden der Machtverwirklichung greifen liessen, war letztlich ein historischer Zufall.

Dass Castro nach der Amnestierung durch Batista mit seinen wenigen Weggefährten 1955 in Mexiko Exil suchte, war hingegen keineswegs zufällig; er wandelte wieder auf den Spuren Martís und Mellas. Von Mexiko aus stachen ein paar Jahre später die Brüder Castro und der dort zu ihnen gestossene argentinische Arzt Ernesto Che Guevara mit etwa achtzig Mitverschworenen auf der Jacht «Granma» in See. Am 2. Dezember 1956 landete die Gruppe, die von Batistas Militär bereits erwartet und dann auch stark dezimiert wurde, an der Küste des Oriente. Die rund fünfzehn bis zwanzig Überlebenden (die Revolutionsmythologie nennt zwölf neben Castro!) flohen in die Berge, wo sie sich im Laufe der nächsten Monate in ständiger Konfrontation mit der Armee zu einem Guerillakern formierten. Erst als sich Ende 1957 die Truppen Batistas aus der Sierra Maestra zurückzogen, nahm die nomadisierende Wanderbewegung ein Ende; der Aufbau der Rebellenorganisation konnte beginnen.

Die offizielle Legende von den bärtigen Freiheitskämpfern, die sich mit der unterdrückten Bauernbevölkerung verbündeten und schliesslich den Diktator vertrieben, ist aber mit äusserster Vorsicht zu geniessen. Sicher ist, dass der mühselige Kampf in der Sierra Signalwirkung auf die zerstrittene bürgerliche, proletarische und studentische Opposition in den Städten hatte. Doch auch die Mitte 1958 in Caracas vollzogene Verständigung zwischen Guerilla und zivilem Widerstand hätte für sich allein nicht genügt, die Diktatur zu stürzen. Batista schaufelte sich sein Grab selber, indem er die Herausforderung durch die Rebellen mit zunehmendem Terror beantwortete, deshalb die Unterstützung Washingtons und schliesslich das Vertrauen seiner Soldaten verlor: Am 31. Dezember 1958 fiel das morsche Gebäude seiner Herrschaft in sich zusammen, und am 1. Januar 1959 marschierten die ersten Kolonnen der Guerilla in Havanna ein.

Ursprüngliches - jedenfalls in der Verständigung von Caracas vorgegebenes - Ziel der Revolution war es, nach dem allgemein angestrebten Sturz Batistas die demokratische Verfassung von 1940 wieder einzusetzen; wirtschaftliche Reformen, vor allem im Agrarbereich, und ein Ende des amerikanischen Einflusses auf der Insel standen weiter auf dem Programm. Martí und Mella hätten sich dem angeschlossen. Doch in den stürmischen ersten Jahren der Machtausübung verschoben sich die Prioritäten immer mehr in die Richtung einer sozialistischen Umgestaltung von Institutionen und Gesellschaft. Der sich sofort zuspitzende Konflikt mit den Vereinigten Staaten, die einen Invasionsversuch von Exilkubanern 1961 unterstützten und nach der Nationalisierung amerikanischen Besitzes eine Wirtschaftsblockade über Kuba verhängten, endete damit, dass Castro das ökonomische Überleben seiner Revolution mit der Annahme sowjetischer Hilfe zu sichern suchte. Dass er von seinen neuen Verbündeten in Moskau bei der Beilegung der Raketenkrise 1962 (durch den Abzug der in Kuba installierten Missile) nicht konsultiert wurde, führte anderseits zu einer tiefen Verstimmung; der eigenwillige Revolutionsführer versuchte die zunehmende Abhängigkeit von der Sowjetunion durch Avancen gegenüber Peking auszugleichen. Castros charismatisches Revolutionsverständnis, sein missionarischer Drang, ganz Lateinamerika, vielleicht die ganze Dritte Welt zu revolutionieren und damit für Kuba und sich selbst zwischen den Blöcken eine globale Machtposition zu finden, machten ihn den Dogmatikern in Moskau ohnehin suspekt.

Trotzdem führten vorab wirtschaftliche Zwänge nach 1970 zu einer schrittweisen Institutionalisierung der Revolution nach sowjetischem Muster. Eintritt in die sozialistische Wirtschaftsgemeinschaft 1972, Einsetzung der Kommunistischen Partei als Staatspartei 1975, Verabschiedung einer sozialistischen Verfassung 1976, Ausrichtung der Aussenpolitik auf die Interessen der Sowjetunion - Castro sanktionierte die neue Abhängigkeit auf allen Ebenen. Der «neue Mensch», den schon Martí und dann wieder Guevara zur Krone der revolutionären Schöpfung erklärt hatten, wurde in einen sozialistischen Verteilungs- und leninistischen Kontrollstaat eingesperrt; ansehnlichen sozialen Errungenschaften stehen die wirtschaftliche Dauermisere und das Fehlen freiheitlicher Menschenrechte gegenüber.

In der revolutionären Ikonographie wird noch heute José Martí vor Fidel gestellt, auch wenn der real existierende Sozialismus das Gedankengut des «Apostels» längst aufgefressen hat. Als böse Schlusspointe bleibt die Pervertierung von Martís Maxime «Vaterland oder Tod» zur letzten Durchhalteparole des ergrauten Revolutionärs Castro: «Sozialismus oder Tod». Castro riss seine kleine Insel auf der Suche nach eigener Grösse in die Weltpolitik hinein, und von ihr ist Kuba überrollt worden. So hatten es sich weder Martí noch Mella vorgestellt. Der schon vom «Apostel» verfluchte Caudillismo hat, wenn das auch nichts Neues ist in der Geschichte Lateinamerikas und seiner radikal-idealistischen Tradition, Freiheit und Menschenwürde einer Idee geopfert. Anderseits: Martí wie Mella wurden durch den Tod davon abgehalten, ihre politischen Ideen der Bewährungsprobe in der politischen Praxis aussetzen zu müssen. Erst von Castro wurden - wenn auch in extremster Form - einige ihrer Vorstellungen verwirklicht. Ideengeschichtlich führt ein direkter Weg von Martí über Mella zu Castro. Vaterland oder Tod.

Christoph Mühlemann ist Auslandredaktor der NZZ.


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