WIE KEIN ANDERER WEIN markiert der Tignanello für eine ganze Weinregion den Beginn einer neuen Ära. Es war vor bald dreissig Jahren, als Marchese Piero Antinori vom traditionsreichen Weinhandelshaus Antinori beschloss, dass in der Toscana nicht länger nur eher dünne Massenweine erzeugt werden sollten, sondern auch wieder ausdrucksstarke Weine mit Kraft und Lagerpotential. Der darauf erstmals im Jahr 1970 separat gekelterte Tignanello aus der 47 Hektaren grossen gleichnamigen Lage des Weingutes Santa Cristina wurde wie die grossen Bordeaux in Barriques gelagert. Er enthielt indes noch einen geringen Anteil der beim Chianti üblichen weissen Rebsorten Trebbiano und Malvasia.
Mit dem Jahrgang 1971 - dem ersten offiziellen Tignanello - ging Antinori noch einen Schritt weiter und stellte einen Wein her, der nicht mehr den Produktionsvorschriften für Chianti entsprach und demnach als simpler Vino da Tavola verkauft werden musste. Beim nächsten Jahrgang, dem 75er, verwendete man schliesslich keine weissen Traubensorten mehr. Die Qualität und der Erfolg des Tignanello spornte in den achtziger Jahren viele Winzer an, gleichfalls im Barrique ausgebaute Weine als Vino da Tavola zu produzieren. Die Toscana machte nun auch wieder mit Spitzenweinen Furore.
Dass der Tignanello trotz der gewachsenen Konkurrenz noch immer zu den bewährtesten Weinen der Toscana zählt, zeigte sich kürzlich bei einer Vertikaldegustation, an der sämtliche seit 1971 unter dieser Bezeichnung hergestellten Gewächse miteinander verglichen werden konnten. Bei allen Unterschieden und Nuancen von Jahrgang zu Jahrgang ergab sich dabei das Profil eines langlebigen Weins von bemerkenswerter Eigenständigkeit. Der legendäre 71er verströmte ein Bouquet, das an einen alten Bordeaux erinnerte, obwohl dieser Jahrgang keinen Cabernet enthielt. Er präsentierte sich in bemerkenswerter, jedoch deutlich überreifer Form. Der nächste unter dem Tignanello-Etikett verkaufte Jahrgang war der 75er, gleichfalls ein ausgezeichneter, immer noch ziemlich gehaltvoller Wein, von dem lediglich etwa 30 000 Flaschen erzeugt wurden. Auch er sollte spätestens jetzt getrunken werden, allerdings schien er kräftiger und frischer als der 71er. Der leichte, finessenreiche 77er überflügelte den 78er und 79er, die sich trotz den schwierigen Ernten wacker gehalten hatten. Dicht und fast fleischig war der erstaunlich jugendliche 81er, den wir dem markanten 80er und dem ziemlich massiven, rustikalen 82er vorzogen. Als einer der schönsten Weine der Degustation stellte sich der noble, wunderbar ausgewogene 86er heraus, der sogar den berühmten 85er und den würzigen, etwas säurebetonten 83er übertraf. Seit dem Jahrgang 1982 besteht der Tignanello zu etwa vier Fünfteln aus Sangiovese, zu 15 Prozent aus Cabernet-Sauvignon und zu 5 Prozent aus Cabernet-Franc. Das Übergewicht des Sangiovese sorgt für den besonderen Charakter des Tignanello; es ist dies ein Wein, der nicht epigonenhaft irgendwelchen Vorbildern nacheifert, sondern eine eigenständige Kreation, die ihre mediterrane Heimat nicht verleugnet.
Während der Degustation zeigte sich, dass manche Jahrgänge unterschätzt wurden und besser reiften als angenommen. Einige wenige zu Beginn vielversprechende Jahrgänge machten andererseits eine bescheidenere Entwicklung durch als ursprünglich erhofft. So wies der 90er zwar eine gute Konzentration, aber auch Spuren von schneller Reife auf. Dagegen gefiel der leichte, geschmeidige 89er mit seiner distinguierten Zedernnote. Verhalten wirken zurzeit die Jahrgänge 1994 und 1995. Bei beiden gewannen wir den Eindruck, dass der Cabernet deutlich hervortritt (obwohl der Anteil mit 20 Prozent gleich tief wie beim 93er liegt). Exzellent, quasi der Inbegriff eines modernen Toscana-Sangiovese, war der 93er mit einem reichhaltigen, üppigen, noch eichebetonten Bouquet. Am Gaumen besass er Wucht, Länge und die «Süsse» von vollreifen Trauben.