MAN WAR DABEI, wenn man rauchte, nicht wie heute, wo man besser zu den Nichtrauchern gehört. Noch trugen lediglich die Männer Hosen und die Frauen Röcke, und geschlechtertrennend war auch das Rauchvergnügen: der Mann mit etwas Wuchtigem, Braunem zwischen den Lippen, die Frau in sanfter Demut als Zweitraucherin.
Vor fünfzig, vor siebzig Jahren war diese Welt noch intakt und unangreifbar. Mit dem Wandel der Gesellschaft jedoch drohen auch die Insignien schweizerischer Männlichkeit in Vergessenheit zu geraten, jedenfalls die beiden populärsten, der Stumpen und die Brissago. Sie leiden nicht nur unter den Attacken der Rauchgegner, sondern auch unter ihrem Image, dem eines biederen Büezerattributs. 22 Jahre sind es her, seit auf einer der letzten grossen Inseratekampagnen des Stumpenherstellers Villiger die Stumpenraucher noch einmal lebendig wurden: als Soldat im Kampfanzug, nach der Kletterpartie neben Seil und Rucksack, auf dem Traktor im Rapsfeld, beim nachbarlichen Tratsch am Gartenzaun. Und darüber die Schlagzeile, die schon damals wie ein frommer Wunsch klang: «Männer rauchen.» Um die alte Ordnung zu befestigen, wurde stets auch eine Frau ins Bild gerückt - die Frau, die rauchende Männer (Männer!) einem nichtrauchenden Waschlappen vorzieht.
63,4 Millionen Stumpen werden hierzulande geraucht - immer weniger. In den Jahren vor dem Zweiten Weltkrieg rühmte sich die Firma Villiger allein eines Umsatzes von 120 Millionen, und sie war beileibe nicht der einzige Stumpenfabrikant. Bei einem jährlichen Rückgang von etwa 3,5 Millionen lässt sich leicht die Prognose stellen, dass im Jahr 2013 der letzte Stumpenraucher seinen Stummel ausdrücken wird.
Die Geschichte des Stumpens beginnt in der Westschweiz, in Vevey, wo um 1850 ein Fabrikant den Entschluss fasste, die durch die Grösse der Tabakblätter bedingten zwanzig Zentimeter langen Rollen am Mund-ende nicht mehr in umständlicher Handarbeit zu verschliessen, sondern zu coupieren und als «bouts» in den Handel zu bringen. Weil diese «bouts» den meisten Rauchern zu lang waren, coupierte er sie auch noch in der Mitte und nannte sie fortan «bouts coupés». In den siebziger Jahren fasste die Rauchwarenindustrie dann auch in der deutschen Schweiz Fuss, vor allem im oberen Wynental und in Rheinfelden. In zahllosen Kleinbetrieben wickelte man Zigarren und die preisgünstigeren «Stumpen» - eine altertümliche Eindeutschung von «bout», die man auch im Wort «Stumpengleis» wiederfindet.
Zu den strengen Bedingungen der schweizerischen Tabakindustrie gehörte nicht zuletzt die Verpackung. Während sogenannte Kopfzigarren stets in Holzkistchen versorgt wurden, hatte man die Stumpen zu zehn Stück zu einem «Bündeli» in ein Papier einzuschlagen. Als Villiger 1937 seinen «Export» in kartonierten Fünferpackungen zu 50 Rappen anbot, rief der Verband die Detaillisten zum Boykott auf, der schliesslich damit endete, dass Villiger zwei Packungen zusammenband. Während der Grenzbesetzung im Zweiten Weltkrieg landete Villiger einen zweiten Coup mit dem «Rio 6». Die kurze Packung war genau auf das Format der Patronentaschen zugeschnitten. Scharf geschossen wurde ohnedies selten, abgewartet und gequalmt weit häufiger.
Leider hatten die Stumpenhersteller den Ehrgeiz, ihr Produkt mehr und mehr den edleren Zigarren anzugleichen. So entstanden die gepressten Stumpen, viereckig wie der «Opal» oder am Mundende verschmälert wie der «Rössli». Damit büssten sie den handwerklichen Charme von ehemals ein und legten die maschinelle Fabrikation bloss. Diese Beinahe-Zigarren haben dem Image des Stumpens ebenfalls geschadet; sie klassifizierten ihn als Zigarre der Sparsamen, wenn nicht der Armen. Zum Glück hat sich die Brissago nie zu solchen Veredelungsmassnahmen verleiten lassen.
Die sogenannte braune Ware musste sich von Beginn dieses Jahrhunderts an gegen die Zigaretten zur Wehr setzen. Während vor dem Ersten Weltkrieg das Zigarettenrauchen noch als Vergnügen der Snobs vom Schlage Oscar Wildes galt, verdrängte es in den Nachkriegsjahren vielerorts Zigarre und Stumpen. Konservative Geister wie Thomas Mann blieben wohl ihrer Havanna treu, doch Avantgardisten wie Pablo Picasso liessen sich gern mit einer Zigarette ablichten, und Zigaretten rauchten insbesondere die vorbildhaft wirkenden Filmstars, selbst die weiblichen. Humphrey Bogart ohne filmisch wirksame Qualmwolken - undenkbar! Der Schweizer Stumpen begab sich derweil schon zu dieser Zeit in die Gefilde, in denen er auch noch in den Inseraten von 1974 auftrat: in die Schicht der Arbeiter und der ländlichen Bevölkerung. Schnappschüsse von der Landi zeigen sie, die aufrechten Eidgenossen mit Hut und Schirm und einem Stumpen oder einer Brissago im Mund.
Noch dramatischer wurde die Lage nach dem Zweiten Weltkrieg, in den sechziger und siebziger Jahren. Zahlreiche kleine Hersteller waren bereits eingegangen; von den sieben Fabrikanten in Rheinfelden hatte ein einziger überlebt, die A. Wuhrmann & Cie. Um 1970 schluckte Villiger die Firma Eichenberger mit ihren Bäumli-Stumpen, und auch die Marken Opal und Weber verloren ihre Selbständigkeit. Lediglich der Wynentaler-Konkurrent Burger Söhne AG vermochte sich mit seinen Rössli-Stumpen und den erfolgreichen Dannemann-Zigarren zu behaupten. Dass beide Firmen immer noch mit Zuwachsraten auftrumpfen können, hängt nicht zuletzt damit zusammen, dass sie durch Zukäufe und Firmenauflösungen den Stumpenmarkt nahezu beherrschen. Es sei wie bei den Würsten, meint ein Hersteller, das Traditionsprodukt Stumpen sei viel zu billig, dabei enthalte es nichts anderes als eine um vieles teurere Zigarre.
Die preiswerte Tabakrolle entsteht inzwischen auf Automaten; Handarbeit ist höchstens noch bei der Verpackung vonnöten. Der preistreibende Faktor Arbeit fällt also kaum mehr ins Gewicht. Rationalisiert wurde indessen auch beim Produkt selbst. Von hochwertigen Zigarren, einer handgemachten Havanna beispielsweise, unterscheiden sich die Stumpen nicht mehr nur durch die beidseitige Öffnung, sondern auch durch das Umblatt, das heute aus Tabakfolie besteht, einem industriell gefertigten Endlosband aus 80 Prozent pulverisiertem Tabak und Verbindungsstoffen. Das Umblatt ist nicht zu verwechseln mit dem Deckblatt. Alle braune Ware setzt sich immer aus drei Arbeitsgängen zusammen: aus dem Rollen der Einlage, des Innenteils, aus dem Umblatt, das diesen losen Teil fürs erste zusammenhält und den Wickel ergibt, und dem Deckblatt, einem rippenarmen Blattstück, das die Zigarre oder den Stumpen präsentabel macht.
Ein einziger Schweizer Stumpen trägt noch den Aufdruck «100% Tabac». Er entstammt der kleinen Rheinfelder Manufaktur A. Wuhrmann & Cie, die ihn noch wickelt wie in alten Zeiten. In den geisterhaft leeren Hallen des alten Fabrikgebäudes, in dem einst 180 Personen arbeiteten, sind noch deren zwanzig am Werk, und trotz einigen maschinellen Hilfen werden die Stumpen, die auch in Hermann Burgers «Brenner» auftreten, weitgehend von Hand gefertigt. Bis vor kurzem wurden diese Hundertprozentigen nur als Bündeli verkauft, in festes weisses Papier eingeschlagen und im Innern durch Papierbänder gestützt. Ein altmodisches Design mit dem Wort «Habana» und dem von einem Wappenschild eingefassten Tabakfass sorgt für die nötigen Nostalgiegefühle. Dem Beispiel anderer folgend, steckt man sie heute aber auch in Kartonschachteln zu fünf Stück.
In Rheinfelden wird nichts eingefärbt oder gemehlt. Um das bekannte Problem der unterschiedlichen Farbe der Deckblätter zu umgehen, schuf man drei Kategorien: B (= bruno), C (= claro) und BC, einen Zwischenton. Geschmacklich sind sie sich freilich alle ähnlich; denn der für das Aroma zuständige Wickel ist ja immer der gleiche. Zu wenig bekannt sind leider die Zigarren, Zigarillos und «Krummen Hunde» (Culebras) dieses Hauses. Sie werden in kleinen Mengen hergestellt und in zahllose Kistchen und Schachteln gefüllt, spezielle Weihnachtssortimente für den Grosspapa eingeschlossen. Die 4 Millionen Stumpen, die pro Jahr verkauft werden und immer mal wieder zwanzig Rappen aufschlagen, haben einen Verkaufswert von 2,5 Millionen Franken, die Händlermarge eingerechnet. Ein saures Geschäft, von dem sich nur knapp leben lässt. Der jüngste Spross der Rheinfelder Stumpendynastie, Thomas Wuhrmann, ist zwar voll Tatendrang; doch ohne eine generelle Zunahme der Stumpenraucher ist ihm schwer zu helfen. Helmut Romé, der Herausgeber der deutschsprachigen Zeitschrift «Cigar», bezeichnet den «Wuhrmann» als den besten aller Stumpen. Von Bundesrat Kaspar Villiger, der sich manchmal stumpenrauchend präsentiert, ist dieses Lob leider und naheliegenderweise nicht zu erwarten. Hinweg fallen auch andere Identifikationsfiguren. Wer will noch rauchend oder gar stumpenrauchend vor die Öffentlichkeit treten? Nur der väterliche Otto Stich stopft sich gelassen hie und da ein Pfeifchen.
Mit Blick auf die USA wird ein Comeback der Zigarre angesagt. In diesem raucherfeindlichen, vor lauter Gesundheitsdenken überschnappenden Land hat sich eine oppositionelle Clique gebildet, die qualmt wie nie zuvor. Oft in verschwiegenen Lokalen, wie sie bisher anderen Lastern vorbehalten waren. Die Hochglanz-Zeitschrift «Cigar Aficionado» sorgt für die nötige Reputation. Es sind allerdings nicht die volkstümlichen Stumpen, mit denen man sich dort begnügt, sondern Glimmstengel der nobleren Art, vorzugsweise kubanische, vom Staat mit einem Importverbot belegte. Prohibition ist ein wunderbares Revitalisierungsmittel.
Mag sein, dass man auch hierzulande wieder etwas häufiger in die Zigarrenkiste greift. Nach einem üppigen Mahl tun dies auch Leute, die sich sonst Nichtraucher nennen und Zigaretten verabscheuen. Dem guten alten Stumpen hilft die Passion der Cohiba- oder Montecristo-Raucher freilich nicht wieder auf die Beine. Für solch simples, nicht sehr differenziertes Rauchen fehlt das Umfeld, die beschauliche Gartenarbeit, die Sonntagswanderung mit Familie und Hund, das Zusammenstehen der Männer nach dem Kirchgang, die Jassrunde im Gartenbeizli, die ganze Welt stressfreier Tätigkeiten, wo der blaue Dunst entweichen kann und kein Rauchgegner nach der Flinte greift. Was nützt es da, wenn ein stumpenrauchender Finanzminister uns vor Augen führt, was er unter Sparsamkeit versteht? Auch das Preiswerte hat seinen Lebenszyklus. Unter dem Gefuchtel der Gesundheitsapostel und der dadurch verursachten Mutlosigkeit wird über kurz oder lang auch der gemütliche, beschränkt schädliche Stumpen verglimmen. Erloschen ist auch bereits seine Widerstandskraft: Beworben wird er nicht mehr - im Gegensatz zu den Zigaretten, die noch nicht klein beigeben und auf den Plakatwänden allgegenwärtig sind.
Am kleinen Kiosk, wo ich meine Wuhrmann hole, führt man sie nur meinetwegen und fischt jeweils das Bündeli aus einer Schublade unten links. Es kostet jetzt sechs sechzig und nicht mehr drei zwanzig wie damals, als ich mich diesen Stumpen verschrieb. Sie begleiten mich durch den Tag; nur abends schmeckt mir eine Havanna noch besser.
Silvio Rizzi, Publizist, lebt in Zürich.