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Liebhaber -- «Ich brauche die frische Luft»
© Axel Martens
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Stefan Aust, 63, im Zwiegespräch mit einem Pferd. Bis 2008 war Aust Chefredaktor von «Spiegel» und des von ihm mitgegründeten «Spiegel TV Magazins». Zuvor arbeitete er für den Norddeutschen Rundfunk, vor allem für das Fernsehmagazin «Panorama». Aust verfasste unter anderem dasverfilmte Standardwerk zur Geschichte der RAF, «Der Baader-Meinhof-Komplex». Er hat eine Fernsehproduktionsfirma in Hamburg. |
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Stefan Aust kennt man als Chefredaktor von «Spiegel» und «Spiegel TV», als Filmemacher und Autor. Nebenbei züchtet er Hannoveraner auf einem Gestüt in Niedersachsen. Ein Besuch.
Von Anja Jardine
Um ein Haar hätte der deutsche Journalismus im Sommer 2009 eine seiner erfolgreichsten und umstrittensten Persönlichkeiten verloren. Stefan Aust war auf einem Halbblüter durch den Wald gesprengt – er sagt, diese Pferde machen locker 60 Kilometer pro Stunde –, da lag plötzlich ein Baum quer. Aust ist «voll koppüber gegangen», das Pferd hinterher und auf ihn drauf. «Das Schöne am Reiten ist ja, dass man sich so sehr konzentrieren muss, dass man an nichts anderes denken kann», sagt Aust. Mit zwei gebrochenen Rippen ritt er nach Hause.
Aust züchtet Hannoveraner, sein Gestüt liegt in Armstorf, einem 650-Seelen-Dorf in Niedersachsen. Es ist ein ehemaliges Forsthaus unter alten Bäumen, drum herum Ställe, Reithalle und Weiden. Drei Mitarbeiter kümmern sich um die 40 Pferde, bilden sie aus, bauen Hafer an, machen Heu im hofeigenen Silo. Austs 12jährige Tochter Emily sattelt gerade ihr Pferd, ein Hund springt herum. Der Kontrast zur Welt im Glasturm des Spiegel-Verlages, 70 Kilometer entfernt in Hamburg, könnte nicht grösser sein.
Nur der ehemalige Chefredaktor persönlich ist wie immer: So wie er «Spiegel TV» mit hochgekrempelten Ärmeln moderiert hat, packt er auch hier mit an. Er legt die Stangen der Hindernisse höher, stellt Planken auf, harkt den Boden, während sein Blick aufmerksam einem jungen Wallach folgt, der einen Springparcours absolviert. Hannoveraner sind Weltklasse im Spring- und Dressursport. Ursprünglich für Landwirtschaft und Militär gezüchtet, wurde die Rasse nach der Mechanisierung auf den Sporttyp umgestellt, durch Vollblüter und Trakehner veredelt. Aust züchtet vor allem Springpferde. «Schön! Sehr schön!» ruft er begeistert. «Wie gut der hinten aufmacht!»
Schnell begreift man, dass er etwas anderes sieht als nur ein braunes Pferd, das anmutig über die Hindernisse setzt. «Survivor ist von einer Garibaldi-Stute! Garibaldi ist der Vater von E. T., dem Weltpferd! Das hat so ziemlich alles gewonnen, was man im Springen gewinnen kann. Ausserdem ist er der Vater von Elvis. Dem Elvis! Olympia-Mannschaftsgold-Gewinner unter Nadine Capellmann.» Austs Handy klingelt, er nimmt ab, flüstert entschuldigend: «Es ist Gregor Gysi.» Er spricht mit Gysi, ohne dass sein Blick von Survivor ablässt, hält kurz die Sprechmuschel zu, ruft: «Lass ihm mehr Zügel», und kaum ist das Gespräch beendet, fährt er im selben Atemzug fort: «Die Vollschwester von Survivors Mutter hat Superfohlen hervorgebracht, Abilaly zum Beispiel, die Stute, die ich an Willi Melliger in die Schweiz verkauft habe und die unter Ulf Plate 2001 den Grossen Preis von Verden geholt hat.»
Einige Pferde stehen noch draussen. Aust möchte hinausfahren zur Koppel, nach ihnen sehen. Auf dem Feld erhebt sich eine Kranichkolonie in den Novemberhimmel. Das Land ist flach und fruchtbar zwischen Weser- und Elbmündung. Geest, Marsch und Moore wechseln sich ab. Aust ist von hier.
Prudenzia und Abendluft
Sein Vater war Landwirt, spannte die Pferde noch vor den Pflug. Dann kam der Trecker, und die Pferde verschwanden vom Hof, bis ein Augenarzt aus Stade sein Pony auf ihre Weide stellte. Aust und seine Geschwister durften es reiten, und als der Vater mal Geld übrighatte, kaufte er drei Stuten. «Nichts Dolles», sagt Aust, aber als «der elterliche Hof den Bach runterging», hat er sie übernommen.
«Irgendwann war da der Gedanke: Eine gute Stute frisst auch nicht mehr als eine schlechte», erzählt Aust und fügt hinzu: «Kaufen Sie nie eine Stute! Dann fragen Sie sich automatisch, was wäre, wenn ich die mit dem oder dem paare…»
Aust kaufte die Stutfohlen Abendluft und Prudenzia. 1974 war das – das Jahr, in dem Helmut Schmidt Bundeskanzler wurde, RAF-Terroristen aus Protest gegen Einzelhaft in Hungerstreik traten, Deutschland unaufhaltsam auf den heissen Herbst zusteuerte. Der Journalist Stefan Aust mittendrin. Prudenzia und Abendluft draussen auf dem Land, eine verlässliche Zuflucht. So sollte es bleiben. Egal, was in den nächsten Jahrzehnten passierte – vom Kalten Krieg bis 9/11 und darüber hinaus, für die Pferde hat Aust immer Zeit gefunden, und sei es nur eine Stunde am Morgen.
Die Hengste kommen herangaloppiert, als Aust aus dem Wagen steigt. Er streicht einem Fuchs über die Nüstern, sagt: «Gucken Sie dem mal in die Augen. Survivor sieht doch viel schlauer aus. Ein Pferd muss intelligent sein. Ein schlaues Pferd bleibt auch mal stehen, das springt nicht über eine zwei Meter hohe Mauer, die es nicht überblicken kann. Ein schlaues Pferd zeigt dir den Vogel und sagt ‹Mach allein!›. Ausserdem muss es ein hübsches Gesicht haben, langbeinig sein, leichtblütig, und der Hals muss gut sitzen. Und es muss einen guten Charakter haben, ich will keinen Gaul, von dem ich runterfalle, weil er bockt.»
Losgelassen schreitender Hengst
Aust kennt jedes seiner Pferde genau. Den Kern seiner Zucht bildet ein Stamm von fünf bis sechs Stuten, die er von unterschiedlichen Hengsten decken lässt. «Ich wähle Springhengste, aber ich achte darauf, dass sie auch einen hohen Dressurindex haben, sie sollen sich gut bewegen können.» Die Auswahl ist jedes Frühjahr ein Ereignis, ein Ritual, auf das sich alle freuen: Die Hengste kehren zurück auf die Deckstationen, wochenlang werden Kataloge gewälzt und Hengstvorführungen besucht. Es herrscht eine fiebrige Stimmung, eine Mischung aus Poker und Wissenschaft, die süchtig machen kann. Allerdings braucht es einen langen Atem, um festzustellen, ob man auf das richtige Pferd gesetzt hat. Erst wenn die Nachkommen zwei, drei Jahre alt sind, zeigt sich, wozu sie taugen. Ob zu Springreiten, Dressur oder Zucht.
Die Körung bedeutet den Ritterschlag zum Zuchthengst. Die jungen Hengste werden einer Kommission vorgeführt, die sie auf Herz und Nieren prüft: Neben Abstammung, Körperbau und Charakter wird «der Schwung der Gangarten» beurteilt. Die Leitlinien für die Veranlagungsprüfung geben akribisch vor, wie der zu sein hat. Im Schritt zum Beispiel ist ein «im klaren, sicheren Viertakt losgelassen schreitender Hengst» gefragt.
«Survivor wurde nicht gekört, dafür hat er zu wenig Hals», sagt Aust. «Aber das heisst noch gar nichts! Er hat alles, was es zum Springen braucht: Manier, Vermögen, Intelligenz, Ruhe.» Und wie er so spricht, liegt in seinen Worten exakt dasselbe Fieber, mit dem Aust junge Reporter charakterisiert, die er schätzt: «Hochtalentiert, neugierig und motiviert bis tief in die Nacht» sollten sie sein. So wie jene verschworene Bande in den Anfängen von «Spiegel TV», die rund um die Uhr das Ende der DDR dokumentierte.
In dem Buch «Deutschland, Deutschland» beschreibt Aust, wie er zwei Tage vor dem Mauerfall, als noch niemand ahnte, was kommen würde, den besten Reporter, den er im Haus finden konnte, nach Ostberlin schickte. «Bleib in der Nähe der Mauer» lautete der vage Auftrag. Der Reporter ist heute Chefredaktor des «Spiegels». Mit Prudenzia hat Aust einen ähnlich sicheren Instinkt bewiesen. Ein paar Generationen später ging aus dieser Linie Argentinia hervor: Die Fuchsstute erzielte auf der Verdener Eliteauktion im Herbst 2007 die bis dahin unerreichte Summe von 400 000 Euro.
Im Stall riecht es nach Heu. Survivor lässt sich unter der Heizlampe sein verschwitztes Fell föhnen. In den Boxen schnauben die amerikanischen Aussenminister: Condoleezza und Collin, Clinton fehlt noch. Aust legt einem Pferd Gamaschen an, ein anderes wird abgesattelt. Wenn eine Geburt anstehe, erzählt Aust, werde im Stall eine Videokamera installiert und die Bilder würden ins Wohnzimmer übertragen. Sobald es losgehe, laufe die ganze Familie in den Stall.
Kann er sich vorstellen, nur noch Pferdezüchter zu sein? «Nein», sagt Aust prompt, «ich möchte auch in der Politik mit rumrühren.» Zurzeit tourt er mit der Verfilmung seines Buches «Der Baader-Meinhof-Komplex» um die Welt. Als er vor kurzem auf der Premiere in New York die Schauspielerin Candice Bergen traf, sagte er zu ihr: «I named a very beautiful horse after you.» Das Gleiche hat er Condoleezza Rice auch schon zugeflüstert.
Anja Jardine ist NZZ-Folio-Redaktorin.
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