IM VATIKAN GEHÖRT Georges Marie Martin Cottier buchstäblich zur Familie. Seit mehr als acht Jahren weist das Päpstliche Jahrbuch den Schweizer Dominikanerpater als Haustheologen und damit automatisch als Mitglied der «Famiglia Pontificia» aus. Dazu gehören nicht nur die Blutsverwandten des jeweiligen Papstes, sondern auch all jene Menschen, die dem Oberhaupt der Kirche in der täglichen Arbeit näher kommen als andere: Geistliche in gewichtigen Positionen, Laien in repräsentativen. Der päpstliche Haustheologe gehört seit der Einführung des Amtes im frühen 13. Jahrhundert stets dem Predigerorden des heiligen Dominikus an. Das genügte Cottier auch als Begründung für seine Berufung nach Rom - «ich bin nicht neugierig».
Georges Cottier gehört zu den Autoritäten in der Familie, auch wenn es dem bescheidenen, weisshaarigen Mann nie in den Sinn käme, auf die minderen «Angehörigen» herabzuschauen. Um ihn herum tummeln sich noch apostolische Protonotare, Kammerdiener, Thronassistenten, Ehrenprälaten und Edelmänner seiner Heiligkeit, Kaplane und der päpstliche Hausprediger, ein Kapuziner.
«Meine Aufgabe ist es, viele Texte für den Heiligen Vater durchzusehen und ihm theologischen Rat zu geben», sagt Cottier in seiner schlichten Amtswohnung unweit des Staatssekretariats. «Die Reden und Enzykliken muss ich lesen und dann beurteilen.» Das ist viel Arbeit. Eifrige Statistiker haben aus Anlass des 20-Jahr-Regierungsjubiläums von Johannes Paul II. berechnet, dass der Papst in seiner Amtszeit rund 15 Millionen Worte geredet hat. Auch wenn nicht alles geprüft wird, was der spontane Kommunikator spricht - es bleibt genug, was den Schreibtisch des emeritierten Philosophieprofessors aus Genf und Freiburg passieren muss. «Der Papst hält viele Reden», sagt Pater Cottier, «da muss man aufpassen, dass sie untereinander in Einklang stehen.»
Als wäre das nicht genug für einen Pensionisten, ist Pater Cottier noch Generalsekretär der internationalen Theologenkommission; er leitet via Fax und Telefon die Schweizer theologische Zeitschrift «Nova et Vetera», nimmt an den Sitzungen der Glaubenskongregation teil und ist am grössten Zukunftsprojekt des laufenden Pontifikats beteiligt: Er sitzt in der Kommission zur Vorbereitung des «Grossen Jubiläums» im Jahr 2000.
«Als Professor bin ich gewohnt, viel zu lesen», erklärt er sein enormes Arbeitspensum, das manchem Jüngeren zu schaffen machen würde. Die beiden grossen Symposien zur Gewissenserforschung der Kirche hat er vorbereitet, das erste über den christlichen Antijudaismus, das zweite über die Inquisitionen. Im Jahr 2000 steht noch eine Konferenz über die Rezeption des Zweiten Vatikanischen Konzils ins Haus. Und auch der heikle Bekenntnistext der Kirche zum grossen Bussakt am Aschermittwoch des Jahres 2000 wird nicht ungeprüft an ihm vorübergehen.
«Der Krieg gab mir viel zu denken», sagt Cottier auf die Frage nach dem Anfang seines Wegs in der Kirche. Mehr nicht. «Ich rede nicht gerne über persönliche Dinge.» Prägende Dominikaner und eine Tante im weiblichen Zweig des Ordens haben ihn bewogen, sich der Regel des heiligen Dominikus zu unterwerfen. Der Krieg - zuerst der heisse, dann der kalte - gab das erste Studienthema vor, die Auseinandersetzung mit dem Marxismus. «Der Atheismus des jungen Marx» steht als Titel über der Doktorarbeit, ein späteres Buch Pater Cottiers vergleicht «Christliche Hoffnung und marxistische Hoffnung». Wenn seine eigene Kirche heute die Vorbereitungen für das «Grosse Jubiläum» einem «Zentralkomitee» anvertraut, muss er lachen: «Nicht sehr originell, das.»
Die Schweiz, die Schwester, den Bruder sieht der Theologe des Papstes nicht oft. «Ich sollte hier verfügbar sein», sagt er und lässt den Blick über die Bücherwände schweifen. «Wenn ich fertig bin, muss ich das meinem Nachfolger überlassen.» Wann das sein wird, entscheidet der Papst. Doch Cottier wirkt nicht amtsmüde, und die Zahl seiner Lebensjahre scheint ihn selbst zu überraschen: «Wenn man nachrechnet, bin ich praktisch 77! Alt, nicht?»