NZZ Folio 02/00 - Thema: Im Netz   Inhaltsverzeichnis

Ein Programm geht um die Welt

Portrait eines Shareware-Autors.

Von Urs Bruderer

IN EIN FLUGZEUG steigt er nur noch, wenn ihn die Ferienwünsche seiner Frau und seines achtjährigen Sohnes dazu zwingen. Als beratender Ingenieur für ein Schweizer Unternehmen war Willy Aus der Au bis 1997 in Asien und anderen Erdteilen unterwegs. Dann, mit 52, hatte er genug davon. Seine Spuren hinterlässt er aber immer noch auf der ganzen Welt, nur jetzt in eigener Sache und ohne die Wohnung in Stäfa zu verlassen: Seine Computerprogramme sind auf Tausenden von Festplatten in allen fünf Erdteilen und über 70 Ländern anzutreffen. Wie schafft das einer, der keine Angestellten hat und am liebsten zu Hause bleibt? Indem er seine Produkte als Shareware vertreibt.

Shareware ist gewöhnliche Software, die speziell vertrieben und vermarktet wird. Sie wird im Internet angeboten, jeder kann sie herunterladen und ausprobieren. Eine Meldung bei Programmstart erinnert daran, dass man dem Autor des Programms den Kaufpreis überweisen soll, wenn man es regelmässig benutzt. Unter den Freaks der PC-Urzeit, die das Shareware-Konzept entwickelten, war das Ehrensache. Heute sind Krethi und Plethi im Netz, und die Autoren müssen der Zahlungsmoral nachhelfen. Auch Willy Aus der Au stellte auf der Homepage www.accsoft-ch.com anfangs eine störungsfreie Version seines Buchhaltungsprogramms Account Pro zur Verfügung. Später baute er «nag screens» ein - Störfenster, die Benutzer desto öfter an ihre Zahlungspflicht erinnern, je länger sie das Programm unregistriert benutzen -, und die Registrierungsquote verdreifachte sich.

Die Vorteile des Shareware-Prinzips liegen auf der Hand: Der Kunde kann ein Programm prüfen, bevor er es kauft, und der Autor profitiert, weil der Zwischenhandel wegfällt und die Kosten für Vertrieb und Werbung sehr tief sind. Alles, was Willy Aus der Au für sein Geschäft braucht, ist ein gewöhnlicher PC. Den Serverplatz für die Homepage mietet er für wenig Geld, und die Betreuung der bis heute 3000 registrierten Account-Pro-Benutzer wickelt er per E-Mail und über die private Telefonleitung ab. «Das funktioniert, weil Leute, die Shareware herunterladen, gewitzter sind als andere Computerbenutzer und sich oft selber zu helfen wissen.» Aus der Au spricht aus Erfahrung: Seit er vor drei Jahren die Tätigkeit als beratender Ingenieur aufgegeben hat, arbeitet er zu 60 Prozent als Entwickler bei einem Software-Hersteller im Kanton Zürich. Der vertreibe seine Produkte herkömmlich, und zwei Leute seien voll damit beschäftigt, die 300 Kunden zu betreuen.

«Ich habe früh gemerkt, dass Computer einem viel Mist und langweilige Routinearbeit abnehmen.» Früh, das war in den siebziger Jahren, als er bei seinem damaligen Arbeitgeber Geräte benutzte, die so gross waren wie eine Hundehütte und weniger leisteten als heute ein Taschenrechner. Ende Siebziger kamen die ersten programmierbaren Rechner auf den Markt. Aus der Au kaufte sich einen und brachte sich die Programmiersprache Basic bei. «Es blieb mir nichts anderes übrig. Software gab es keine.»

Er entdeckte im Programmieren eine «unglaublich schöne, kreative Tätigkeit. Die besten Ideen kommen mir weit weg vom Bildschirm, zum Beispiel beim Rasieren.» So viel zur Inspiration. Die Knochenarbeit leistete Aus der Au früher auf Berufsreisen, wenn er abends das klimatisierte Hotelzimmer einer feuchtheissen Bar vorzog. Ursprünglich schrieb er seine Programme nur für sich: Account Pro, um seine Finanzen besser verwalten zu können; und Converter Pro, sein anderes Shareware-Programm, als er die ewige Umrechnerei von Einheiten müde war. Auch dieses Nischenprodukt für Ingenieure verkauft sich jedes Jahr einige hundertmal.

Nur zwei Prozent der weltweit gekauften Software sind Shareware, das grosse Geschäft machen immer noch Microsoft und Co. Aber der Internetboom verbessert die Chancen der Kleinen, gute Shareware-Autoren können von ihren Programmen bereits leben. Das ist auch das Ziel von Aus der Au: seine Programme sollen sich in der Welt so verbreiten, dass er nie mehr um des Geldes willen einen Fuss vor die Tür setzen muss.


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