NZZ Folio 03/09 - Thema: Entscheidungen   Inhaltsverzeichnis

Beschlussunfähig

© Florian Bayer, Berlin
Die Therapie zeigt erste Erfolge: Kürzlich konnte sich Andreas Ehlert dazu entschliessen, einen Brief zu öffnen. Linktext
Andreas Ehlert kann sich nie entscheiden, er leidet unter einer zwanghaften Persönlichkeitsstörung. Die Folgen: Sein Leben liegt in Trümmern.

Von Sabrina Mazzola

Er liegt im Bett, angezogen. Es ist 18 Uhr, und Andreas Ehlert* hat auch heute wieder nichts geschafft. Kurz ausruhen will er sich, denn er ist noch nicht müde. Er will wieder aufstehen, um sich vor dem Einschlafen nicht mit den unerledigten Dingen konfrontieren zu müssen. Aber Ehlert wird auch heute nicht wieder aufstehen und nicht schaffen, was er sich vorgenommen hat. «Ich kann keine Entscheidungen treffen», sagt er.

Ehlert hat keine Freunde, keinen Beruf, keine Partnerschaft und wohnt mit 43 Jahren bei seiner Mutter. Sein Leben ist ein Trümmerhaufen. «Ich habe mir alles im Leben verbaut», sagt er. Er ist gefangen im Kampf mit sich selbst, den er nie gewinnen kann. Er ist psychisch krank. «Herr Ehlert hat eine zwanghafte Persönlichkeitsstörung mit ängstlich-vermeidenden Anteilen», sagt Igor Tominschek, Leiter der Tagklinik Westend für psychosomatische Medizin und Psychotherapie in München. Andreas Ehlert hat extreme Angst vor Fehlentscheidungen, deshalb verzichtet er sicherheitshalber darauf, sich überhaupt zu entscheiden. Ja? Nein? Jein.

An Ehlert fällt sofort seine grosse Brille auf. Die riesige Brille mit Metallrand ist aus dem Jahr 1984, seitdem war er nicht mehr beim Augenarzt. «Der hat damals auf dem Land eine Praxis aufgemacht», klagt Ehlert. Für einen Neuen konnte er sich nicht entscheiden, die Angst, «den Falschen zu erwischen», war zu gross. Seit 25 Jahren trägt er dieselbe Brille, und aus den 1980er Jahren scheint auch Ehlert selbst zu stammen. Er hat lange Haare, trägt ein graues Sweatshirt und erzählt vom selbstgegründeten Internetverein. Er wählt Wörter wie «Internetverein», weil er auf der Zeitachse stehengelieben ist. Ehlert pflegt ausser zu seiner Mutter und seinem Bruder keine Kontakte, die ihn aus seiner fundamental anderen Lebenswirklichkeit holen könnten. Wer von dieser Krankheit betroffen ist, lebt in einer Nische. «Diese Leute laufen, ohne es zu wissen, mit einer gefärbten Brille durch die Welt. Und durch diese Brille betrachtet, sind all ihre Ängste berechtigt», sagt Igor Tominschek.

Ehlert gestikuliert vorsichtig, achtet darauf, nicht zu laut zu sprechen, und ist extrem höflich – er ist oft allein und deshalb unsicher. «Ich hoffe, ich rede nicht zu viel», entschuldigt er sich. «Ich bin kommunikativ und rede gern. Wenn ich doch bloss telefonieren könnte!» Telefonieren ist für ihn fast unmöglich. «Am Telefon werden Ad-hoc-Entscheidungen verlangt, und das kann ich nicht.» So lässt er andere auf den Anrufbeantworter sprechen, kann sich aber nicht entscheiden, zurückzurufen. Auch schriftlich kann er kein Treffen vereinbaren, da er sich für einen Termin entscheiden müsste.

Dass Ehlert so sehr unter seiner Unfähigkeit zu entscheiden leidet, überrascht Wissenschafter nicht. Sie schätzen, dass wir täglich etwa 100 000 Entscheidungen treffen – die meisten unwissentlich. Wir sind oft weit weniger rational, als wir denken. «Wir entscheiden meist intuitiv, weil unser Verhalten von unbewussten Motiven gesteuert wird», sagt Tominschek, der auf die Therapie von Zwangs- und Persönlichkeitsstörungen spezialisiert ist und auch Andreas Ehlert behandelt.

Unsere Möglichkeiten und Erfahrungen werden im Gehirn sortiert und bewertet, davon merken wir kaum etwas. Der Hirnforscher Gerhard Roth schätzt, dass wir weniger als 0,1 Prozent von dem mitbekommen, was unser Gehirn tut, der Rest geschieht unbewusst. Deshalb ist die sogenannte Bauchentscheidung nicht zufällig, sondern beruht auf Erfahrungen und evolutionären Prägungen, die unbewusst vorhanden sind. Für gute Urteile brauchen wir weder vollständige Informationen noch unbegrenzte Zeit, sondern können uns in vielen Fällen erfolgreich auf Intuition als «Denkabkürzung» verlassen. «Gute Intuitionen müssen Informationen ignorieren», sagt Gerd Gigerenzer, Direktor des Berliner Max-Planck-Instituts für Bildungsforschung.

Doch Andreas Ehlert will keine Informationen ignorieren, nichts unbewusst geschehen lassen und jede Eventualität ausloten. Aber weil die Welt voller Möglichkeiten und Zufälle ist, kann Ehlert niemals alles voraussehen. Doch nicht nur für ihn, für alle Menschen steigt der Entscheidungsdruck zunehmend, weil die Möglichkeiten vielfältiger sind als vor ein paar Jahrzehnten. Dennoch hat das Krankheitsbild der zwanghaften Persönlichkeitsstörung laut Ein­schätzung Tominscheks nicht zugenommen: «Zwanghafte ­Persönlichkeitsstörungen sind bei 1 bis 6 Prozent der Bevölkerung zu finden, wobei die Zahlen schwanken. Ein Fall wie der von Herrn Ehlert ist noch seltener, da bei ihm das zwanghafte Grübeln so ausgeprägt ist.»

Die Grenze zwischen krankhaftem Verhalten und gelegentlichen Entscheidungsproblemen ist fliessend. Weit­reichende Entscheidungen fallen den meisten Menschen schwer, aber Hilfe benötigt man laut Tominschek, wenn durch das Verhalten des Betroffenen der Leidensdruck entweder im Umfeld oder bei dem Betroffenen selbst sehr gross ist. «Sich entscheiden zu können, ist eine Fähigkeit, die massgeblich von der eigenen Selbstsicherheit und damit von den Sozialisationsbedingungen in der Kindheit abhängt», sagt er. Andreas Ehlert ist 43 und hat das nie gelernt. Der Vater, ein Rechtsanwalt mit eigener Kanzlei, nahm ihm jede Entscheidung ab. «Was mit mir passiert, wurde in der Familie diskutiert. Ich war passiv und durfte meist nur ein Schlusswort sprechen», erinnert sich Ehlert.

Der Vater setzte beim Gymnasium die Versetzung und bei der Bundeswehr die Ausmusterung durch. Als der Vater vor zwanzig Jahren starb, blieb Andreas Ehlert ratlos zurück. «Entscheidungen zu treffen, wurde von Fall zu Fall schwerer, und seit acht Jahren entscheide ich nicht mehr.» Ehlert ist sehr spät aufgefallen, dass er professionelle Hilfe braucht. Vor zwei Jahren las er einen Artikel über Prokrastination – also unverhältnismässiges Aufschieben – und fand sich darin wieder. Teil der Persönlichkeitsstörung und der damit verbundenen Sichtweise ist auch, dass Andreas Ehlert das Ausmass seines Problems nicht erkennen kann. «Man belügt sich ja auch selbst», sagt er. Es muss doch gehen, sich zu entscheiden! Das kann doch nicht so schwer sein! habe er sich immer wieder vorgehalten. Im Kopf ist er aktiv, hat alles hundertmal durchdacht, aber danach handeln kann er nicht.

Andreas Ehlert war seit fünfzehn Jahren nicht mehr beim Zahnarzt. Als seiner in Pension ging, konnte er sich nicht für einen neuen entscheiden. «Was, wenn es ein schlechter ist?» fragte er sich. Selbst als Zahnstücke abbrachen und er Karies bekam, trieb es ihn nicht zum Zahnarzt. «Kein Schmerz ist stärker als die Angst vor einer falschen Entscheidung. Ich half mir mit Mundspülungen.»

Weil er sich nicht entscheiden kann, musste er seinen Beruf aufgeben. Nun ist er arbeitslos und hat kein Geld. Der Münchner studierte Elektrotechnik, konnte sich aber nur für das Studium entscheiden, weil sein Bruder dieselbe Wahl getroffen und ihm Positives berichtet hatte. Er machte sich als Internetdienstleister selbständig, aber es kam schnell zu Problemen. Ehlert konnte weder mit Kunden telefonieren noch Rechnungen schreiben. Ist die Rechnung korrekt? Was ist, wenn er die Preise zu hoch ansetzt? Wird der Kunde dann verhandeln wollen? Wird er den Auftrag stornieren? Und wird er sein Geschäft schliessen müssen? fragte er sich. Dann lieber keine Rechnung schreiben, dachte er sich, und sein Geschäft ging ein.

Das ist schon zehn Jahre her, doch Ehlert wollte sich seine Niederlage nicht eingestehen. Er machte weiter, als sei nichts gewesen, häufte 60 000 Euro Schulden an. Als schliesslich der Gerichtsvollzieher vor der Tür stand, bekam seine Mutter alles mit. «Ich schämte mich so furchtbar», gesteht er. Mutter und Bruder bezahlten die Schulden. Da er keine Sozialleistungen beziehen will, lebt er noch immer von ihrem Geld. Seine Mutter ist 75 und sorgt sich um den Sohn. «Sie denkt sich: Warum ist das 43-jährige Kind noch nicht selbständig?» Und was ist, wenn die Mutter nicht mehr für ihn sorgen kann?

Deshalb macht Ehlert jetzt eine Intensivtherapie in der Tagklinik Westend in München: täglich mindestens vier Stunden, acht Wochen lang. Dort spricht er in der Gruppentherapie mit anderen Betroffenen und setzt sich in sogenannten Expositionsübungen seinen Ängsten aus und lernt, sie zu überwinden. Nach der Intensivtherapie muss er weiter betreut werden, denn eine Persönlichkeitsstörung ist schwer behandelbar – allenfalls tritt Besserung ein, doch Heilung gibt es nicht.

Der Ingenieur hat eine bescheidene Lebensperspektive. Er möchte einen Job finden, um seine Schulden abzuzahlen. Aber dafür müsste er eine Bewerbung schreiben, und sich dazu zu entschliessen, fällt ihm schwer.

Oft scheitert er schon kurz vor dem Ziel: Die Steuererklärung ausgefüllt, aber nicht abgeschickt, eine Telefonnummer gewählt, aber nicht die Ruftaste gedrückt. «Ich stolpere so leicht über mich», sagt er traurig. Und weil Ehlert Angst vor Ablehnung hat, hatte er noch nie eine Partnerin. Er könne sich nicht entscheiden, eine Frau anzusprechen, denn er habe keine Übung im Umgang mit Frauen. «Ich glaube, ich war noch nie verliebt.»

Doch das mit der «Aufschieberitis» soll nicht so weitergehen. Ehlert ist zuversichtlich, dass er in Zukunft ein paar Entscheidungen treffen kann und eine feste Anstellung bekommt. Er sehnt sich nach einer Partnerschaft, aber die ist für ihn im Moment noch weit weg. «Ich hoffe, erst mal Freundschaften durch das Berufsleben zu finden», sagt er. Und die Therapie zeigt erste Erfolge. «Ich habe jetzt einen Zahnarzttermin. Und neulich habe ich einen Brief geöffnet», sagt er stolz.

*Name der Redaktion bekannt.

Sabrina Mazzola ist freie Journalistin; sie lebt in München.

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