NZZ Folio 12/07 - Thema: Rätsel   Inhaltsverzeichnis

Von Tieren -- Der Wal, der nicht die Bibel las

© Hans Thewissen/Neoucom Northea...
Das ist das «Missing Link»: Skelett des Ambulocetus natans. Linktext
Für die Anhänger der Schöpfungsgeschichte galt der Wal als Beweis, dass Gott die Welt an sieben Tagen schuf. Doch 1993 wurde ein Skelett gefunden, das diesen Glauben erschütterte.

Von Herbert Cerutti

Als vor 65 Millionen Jahren vermutlich der Aufprall eines Riesenmeteoriten die Erde für etliche Jahre in eine dichte Staubwolke hüllte, ging in der düsteren Kälte ein Grossteil der Pflanzen zugrunde. Und mit dem Verlust des Grünzeugs starben auch die mächtigen Dinosaurier, die zu jener Zeit in grosser Vielfalt das Leben auf dem Land wie im Wasser dominierten.

Die ökologische Katastrophe wurde indes zur Chance für die damals nur ­kleinen und noch wenig spezialisierten ­Säugetiere. Rasch besetzten sie die frei gewordenen Lebensräume und entwickelten sich ihrerseits zu grösseren Wesen. Ein Teil der Säuger entdeckte als neuen Lebensraum das Meer und passte den Körperbau den physikalischen Eigenheiten des Wassers an. So sind die heutigen Meeressäugetiere entstanden: die Wale und Delphine, die Robben und Seekühe. Bewundert man Wale oder Delphine mit ihrem stromlinienförmigen Fischkörper beim scheinbar mühelosen Wasserballett, kann man sich schwer ­vorstellen, dass ihre Vorfahren einst über Land marschiert sein sollen.

Die Erschaffung der Welt innert sieben Tagen, mit pflanzlichen und tierischen Erscheinungsformen, wie wir sie heute kennen, galt lange Zeit als göttliche Wahrheit. Die Entdeckung von Fossilien in Gesteinsschichten und die Erkenntnis, dass es sich dabei um Versteinerungen früherer Pflanzen und Tiere handeln müsse, weckten im 17. und 18.?Jahrhundert aber Zweifel am Bild eines einmaligen Schöpfungsaktes. Nicht nur war manches Fossil von anderen zeitgenössischen Lebensformen stark verschieden, auch tauchten ver­steinerte Meerstiere in Berggebieten weitab der Küste auf.

Anstelle der Idee einer mehr oder weniger unveränderlichen Welt tauchte nun die Möglichkeit eines laufenden biologischen und geologischen Wandels auf. Mit dem Konzept der Evolution – der Entstehung neuer Arten aus früheren Lebensformen durch fortschreitende Anpassung und Optimierung an die Umwelt – lieferten Charles Darwin und Alfred Wallace Mitte des 19.?Jahrhunderts die passende Theorie zu den Beobachtungen.

Trotz immer zahlreicheren Beweisen für die Richtigkeit der Evolutionstheorie hält die Fraktion der Kreationisten bis heute am Glauben an einen göttlichen Schöpfungsakt fest. Wichtiges Argument gegen die Evolutionstheorie sind markante Lücken in den Ketten der Fossilienfunde, die den sukzessiven Übergang von urzeitlichen zu heutigen Tierarten belegen sollen. Solche fehlenden Glieder (Missing Links) sind indes wenig verwunderlich, wenn man bedenkt, dass sich neue Arten in relativ kurzer Zeit und in eng begrenztem Raum entwickeln können, was das Finden der Fossilien von Übergangsformen zum Glücksfall werden lässt.

Wie der Wal seine Beine verlor

Ein Lieblingsthema der Kreationisten war bis vor kurzem der Wal. Paläontologen vermuteten schon seit längerem, der Wal stamme von den Mesonychiden ab, einer urzeitlichen Gruppe schnellfüssiger Säugetiere, die auf dem Land andere Tiere jagten oder an Flussufern Fische fingen. Wie sich dann aber vor 50 Mil­lionen Jahren diese landbewohnenden Räuber zu Meeressäugern wandelten, blieb rätselhaft. Zwar finden sich im heutigen Wal links und rechts von der hinteren Wirbelsäule einige winzige, vollständig in die Muskulatur eingebettete Knochen. Diese als Überreste früherer Hinterbeine zu deuten, galt aber als allzu spekulativ. Noch 1985 argumentierte der Kreationist Alan Haywood: «Den Wal erwähnen die Darwinisten kaum einmal, denn er stellt sie vor eines ihrer unlösbaren Probleme. Sie glauben, der Wal müsse sich irgendwie aus einem gewöhnlichen, land­bewohnenden Tier entwickelt haben, das ins Meer ging und die Beine verloren hat. Ein Landsäugetier, das im Begriff stand, ein Wal zu werden, hätte sich aber weder für das Leben an Land noch für ein Dasein im Meer ­geeignet und hätte keine Überlebens­chancen gehabt.»

Selbst Darwin bereitete das Walrätsel Mühe. So verleitete ihn die Beobachtung, wie ein Bär stundenlang mit geöffnetem Mund im Wasser schwamm und dabei Insekten fing, zur kühnen Vermutung, eine Rasse solcher Bären könnte «von der natürlichen Selektion in Bau und Gewohnheiten stärker dem Wasser angeglichen werden, mit einem immer grösseren Mund, bis schliesslich ein Geschöpf hervorgebracht wird, welches so gewaltig wie ein Wal ist». Das Märchen vom Wal gewordenen Bären trug Darwin Häme und Spott ein. Der Pionier der Evolutionstheorie erkannte zerknirscht, dass sich fehlende Fossilien nicht durch Phantasien ersetzen lassen.

1983 fand der amerikanische Paläontologe Phil Gingerich in 52 Millionen Jahre alten Sedimenten in Pakistan ein erstes Puzzlesteinchen zur Lösung des Walrätsels. Er entdeckte einen versteinerten Schädel, dessen Zähne stark dem Gebiss der landbewohnenden Mesonychiden glichen, während die Lage der Gehörknochen im Schädel jedoch auf einen walartigen Vorläufer, der im seichten Ufer eines Urmeeres gelebt hatte, schliessen liessen.

War dieser Pakicetus ein noch eher schwaches Indiz, wirkten weitere Funde, die Gingerich um 1990 machte, überzeugender. Der Forscher brachte mit Kollegen in Ägypten mehrere hundert Teilskelette von Basilosaurus isis ans Tageslicht, der, anhand der geologischen Fundorte zu schliessen, 5 bis 10 Millionen Jahre nach Pakicetus gelebt haben muss.

Aus den Teilfunden liess sich ein 15 Meter langes Tier rekonstruieren, das bereits einem heutigen Wal recht ähnlich gewesen sein muss. Und das Erbe der ­früheren Hinterbeine war nun deutlich sichtbar: Im hinteren Beckenbereich trug der Urwal Oberschenkel, Schien- und Wadenbein, Kniescheibe, Fussknochen und sogar die Knochen von früheren Zehen. Allerdings waren diese Extremitäten nur wenige Zentimeter gross und deshalb weder zum Schwimmen noch zum Gehen an Land von Nutzen. Der Basilosaurus hatte den Evolutionsschritt vom Land ins Wasser wohl bereits vollzogen und muss als echter Meeressäuger gelten. Das ersehnte Zwischenglied in der Entwicklungskette fehlte also nach wie vor.

Den Durchbruch schaffte 1993 Hans Thewissen, wiederum in Pakistan. Der amerikanische Paläontologe fand in Sedimenten, die 120 Meter über der Fundschicht von Pakicetus lagen und deshalb etwa 3 Millionen Jahre jünger sein mussten, das Skelett einer Walart, die nun eine echte Übergangsform zwischen Landtier und Meeresbewohner war.

Wie man das Missing Link fand

Das Tier wird um die 300 Kilogramm schwer gewesen sein. Kräftige Oberschenkelknochen, Teile von Schien- und Wadenbein, ein Sprungbein sowie geradezu riesige Mittelfuss- und Zehenknochen zeigen, dass das Tier auf grossem Fuss gelebt haben muss. Mit diesen hinteren Extremitäten dürfte das Wesen ähnlich einem Seelöwen über Land gewatschelt und im Wasser tüchtig vorwärts gepaddelt sein. Die etwa gleich grossen und seitlich ausgestreckten Vordergliedmassen werden dem Stabilisieren der Schwimmbewegungen gedient haben.

Thewissen taufte seine Entdeckung Ambulocetus natans (schwimmender Gehwal) – das von den Anhängern der Evolutionslehre seit mehr als einem Jahrhundert gesuchte fehlende Glied zwischen Landsäuger und Wal war gefunden.

Nun fehlte noch eine Erklärung für die den Walen und Delphinen eigene Schwimmtechnik. Während sämtliche Fische die Schwanzflosse senkrecht tragen und den Körper durch seitliches Hin- und Herschwänzeln vorwärts treiben, besitzen alle Waltiere eine waagrechte Schwanzflosse. Dank dieser Anordnung des Antriebsorgans können die Tiere zum Luftholen sehr rasch an die Oberfläche schwimmen oder auf der Jagd nach Beute in tiefes Wasser tauchen.

Diese günstige Lage der Schwanzflosse verdankt der Wal seiner trockenen Vergangenheit. Auf dem Land lebende Säugetiere besitzen oftmals eine sehr flexible Wirbelsäule, die sich beim Rennen wellenförmig auf und ab bewegt und wie eine gespannte Feder die Laufenergie speichert und nützt. So flitzt der jagende Leopard elegant und scheinbar mühelos hinter der Gazelle her.

Analysiert man die Wirbelsäule des Ambulocetus natans, findet man die gleiche Flexibilität wie bei den landbewohnenden Vorfahren. Und die verlängerten Schwanzwirbel zeigen, dass Ambulocetus einen dünnen Schwanz wie an Land lebende Säugetiere gehabt haben muss. So dürfte sich der frühe Wal auch im Wasser wie die Landsäuger mit wellenförmigen Senkrechtbewegungen des Rückens fortbewegt haben. Die spätere Entwicklung einer waagrechten Schwanzflosse als Antrieb war dann die logische Vervollkommnung des vererbten Bewegungsprinzips. Und vom menschengrossen Tümmler bis zum 35 Meter langen Blauwal zeigen die Waltiere auch heute noch eine fast katzenhafte Beweglichkeit.

Das ist das «Missing Link»: Skelett des Ambulocetus natans.

Herbert Cerutti ist Wissenschaftsjournalist; er lebt in Wofhausen.

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