NZZ Folio 01/06 - Thema: Statistik   Inhaltsverzeichnis

«Pässe minus Ballverluste»

© Todd Kobrin
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Für US-Sportfans ist Statistik Grundstoff. Todd Kobrin, ehemaliger Kommentator der Basketball-Liga NBA, erklärt die Zahlenwut und warum sich Fussballer davor fürchten.

Von Mikael Krogerus

US-Zeitungen füllen ihren Sportteil mit Tabellen, die jede Bewegung der Spieler in Daten festhalten – was soll das?

Statistik ist im Sport eine Lesehilfe. Wenn ich sage: Spieler XY war gut, dann ist das meine Meinung. Erst durch die Auswertung seiner Spielstatistik kann ich diese Meinung verifizieren. Für den Spieler sind Statistiken ein untrüglicher Spiegel seines Marktwerts, unabhängig von seinem Image. Für den Trainer gibt die Statistik Aufschluss über Stärken und Schwächen seiner eigenen und der gegnerischen Mannschaft, Zahlen verraten ihm zuverlässig: dieser Spieler ist nervenstark, jener ist gefährlich in der ersten Viertelstunde und baut zur Halbzeit ab. Für den Zuschauer schliesslich sind die Statistiken wie Vokabeln einer Fremdsprache, über die er das Spiel lesen lernen kann.

Was sind die wichtigsten Vokabeln im Basketball?

Es gibt fünf Hauptbegriffe: Im Angriff werden Points gezählt und Assists (Vorlagen zu Punkten); in der Abwehr Rebounds (eroberte Abpraller), Blocks (geblockte Würfe) und Steals (vom Gegner eroberte Bälle). Diese Zahlen allein verraten aber nicht zwingend alles über die Spielerqualität. Sie müssen parallel zum Ergebnis der Mannschaft gelesen und im Verhältnis zum Aufwand des Spielers analysiert werden.

Was heisst das?

Oft machen die Stars einer Mannschaft viele Punkte pro Spiel. Aber die Punktzahl muss richtig eingeordnet werden: Wenn ein einzelner Spieler mehr als 40 Prozent der Punkte seiner Mannschaft macht, zeugt das von der Abhängigkeit der Mannschaft von diesem Spieler. Eine Mannschaft mit einer solch unausgeglichenen Point Dispersion (Punktverteilung) ist statistisch gesehen weniger erfolgreich.

An welchen Statistiken erkennen Sie einen guten Spieler?

In der Offensive schaue ich auf die Punkte, die Point Dispersion und die Wurfquote. Punkte müssen im Verhältnis zu den Wurfversuchen gelesen werden, daraus ergibt sich die Wurfquote. Eine gute Quote liegt bei 50 Prozent.

Gibt es grossartige Basketballspieler, die eine schlechte Wurfquote hatten?

Klar, einer der besten Center aller Zeiten, Shaquille O’Neal, war einer der schlechtesten Werfer aller Zeiten von der Freiwurflinie aus. Jahrelang hat «Shaq» mit Psychologen an seinem Freiwurf gearbeitet, ohne die Statis tik verbessern zu können. Die statistisch belegbare Nervenschwäche O’Neals machten sich wiederum die Trainer der gegnerischen Mannschaften zunutze. In den letzten Sekunden eines Spiels wurde immer O’Neal gefoult, im Wissen, dass er nur jeden zweiten Freiwurf verwandeln würde.

Können Sie wirklich allein anhand der Statistiken eines Spielers erkennen, wie gut er ist?

Zu 70, fast 80 Prozent kann ich durch Zahlen ein Gefühl für den Spieler bekommen.

Welche spielerisch wichtigen Eigenschaften können Sie nicht statistisch festhalten?

Vor allem das sogenannte «hustle» ist statistisch schwer darzustellen. Mit «hustle» bezeichnet man das unermüdliche Stören, Rennen, Kämpfen – eine typische Eigenschaft unangenehmer Abwehrspieler. Auch psychosoziale Komponenten wie das Zusammenwirken einzelner Spieler auf dem Platz sind schwer zu berechnen. Viele mythologisierte Begriffe aber kann man in Statistiken übersetzen. «Spielverständnis» etwa erkennt man an einer einfachen Rechnung: erfolgreiche Pässe minus Ballverluste.

Es herrscht Streit zwischen Statistikern und Trainern beim Phänomen der «hot hands» – worum geht es da?

Gefährlich wird es im Basketball immer dann, wenn ein Spieler «einen Lauf» hat und plötzlich aus den unmöglichsten Winkeln trifft. Das kennt jeder Hobbyspieler. Eine solche Phase, in der der Spieler ohne nachzudenken fast mechanisch wirft, nennen wir «hot hands». Um in diese Phase zu gelangen, muss ein Spieler häufig werfen, auch wenn er eine Zeitlang nicht trifft. Das ist eigentlich Unsinn, weil die Wurfquote des Spielers dramatisch abnimmt. Auch sind die «hot hands»-Phasen, in der der Spieler dann am Fliessband trifft, statistisch gesehen selten spielentscheidend. Trotzdem glauben die meisten Trainer an die «hot hands».

Warum wird im Fussball so wenig mit Statistik gearbeitet?

Viele Trainer arbeiten bereits mit statistischen Auswertungen, aber in der Wahrnehmung des Zuschauers gilt die Meinung der Kommentatoren, die den Spielern Noten und Bewertungen geben. Ich halte das für fragwürdig.

Warum?

Fussball ist geprägt von archetypischen Interpretationen wie Führungsanspruch, Kampfgeist, Torriecher – ich würde gern die Zahlen hinter den Floskeln sehen.


Todd Kobrin, 1964 in Florida geboren, studierte an der University of Southern California Journalismus und arbeitete dann für die Los Angeles Lakers. Sieben Jahre lang war er Sportreporter beim US-Sender ESPN. Als Co-Moderator für das Deutsche Sportfernsehen (DSF) erlangte er zwischen 1993 und 2001 Kultstatus und vermittelte deutschen Basketballfans statistisches Grundwissen. Heute arbeitet Todd Kobrin im Online-Gambling für www.888.com.

Mikael Krogerus ist NZZ-Folio-Redaktor.


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