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Schlagschatten -- Edgar Allan Poe, literarischer Lustmörder
© Angelo Boog
Von Wolf Schneider
Von Furien gehetzt und von Opium zerfressen, starb 1849 in Baltimore der armselige Poet Edgar Allan Poe, 40 Jahre alt. Berühmt wurde er erst nach seinem Tod: als Begründer der Science-Fiction und Vorbild für Jules Verne, als Erfinder der Detektivgeschichte und Leitstern für Alfred Hitchcock und «Sherlock Holmes», für Agatha Christie und Georges Simenon.
Poe war zwei Jahre alt, als seine Mutter sich im gemeinsamen Zimmer wochenlang zu Tode hustete; eine Nacht lang blieb er mit der Leiche allein, und sein Leben lang verfolgte ihn der Anblick ihrer Zähne, die sie in der Totenstarre bleckte. Bei Pflegeeltern wuchs er auf, mit 18 wurde er Berufssoldat, mit 22 wegen Pflichtversäumnisses entlassen.
Im selben Jahr (1831) erschien eine Sammlung seiner Gedichte, zwei Jahre später die erste jener Kurzgeschichten, die ihm nach seinem Tod den Weltruhm eintrugen; damals brachte sie ihm 50 Dollar. 100 Dollar sogar verdiente er später mit dem «Goldkäfer»; darin führte er vor, wie man eine Geheimschrift entziffert, und gegenüber den Lesern erbot er sich, jede Geheimschrift zu knacken, die man ihm zusenden würde. 99 Mal gelang ihm das, einmal nicht. «Ratiocination» hiess das Talent, dessen er sich rühmte: ein seltenes Wort für die äusserste Schärfe im Schlüsseziehen, wie sein Detektiv Auguste Dupin sie demonstriert, um einen Orang-Utan des «Doppelmords in der Rue Morgue» zu überführen, der Mutter aller Kriminalgeschichten.
Nun, immerhin, reichte man Poe in Baltimore auf Parties herum, den schmalen Mann mit dem bleichen Schädel, der in seinen Shortstories immer am Rand des Abgrunds tänzelte und die Gesellschaft mit der hochmütigen Brillanz seiner Rede amüsierte.
Und er plauderte weiter, in einer Prosa «von üppiger Schönheit und düsterer Glut», wie die »Encyclopaedia Britannica» sie nennt: von hysterischen Mördern, teuflischen Rächern, lebendig Begrabenen. In «Berenice» beschliesst der Ich-Erzähler, seine schöne, aber ungeliebte Cousine zu heiraten, erschrickt vor «dem weissen Gespenst ihrer Zähne» (die Mutter!), findet auch keine Ruhe, als Berenice begraben ist, und bricht ihr im Grab alle Zähne aus – aber sie lebt noch, und ihre Schreie gellen durch die Nacht.
Ein literarischer Lustmörder war da am Werk, ein Grossmeister der verblüffenden Volte, oft auch der atemraubenden Dramaturgie: Da zieht sich, in der «Maske des Roten Todes», ein Prinz mit tausend Gästen in sein Schloss zurück, verrammelt es gegen die im Lande wütende Pest und lebt mit den Freunden in Saus und Braus. Bei einem verschwenderisch inszenierten Maskenball irritiert die Gäste eine Gestalt mit einer Totenmaske und einem Leichenmantel: Wie geschmacklos! Doch in einige schleicht sich das Entsetzen, während der seltsame Gast durch die sieben Festsäle schreitet bis in den letzten, der mit schwarzem Samt ausgeschlagen ist. Als dort eine riesige Uhr die Mitternacht einläutet, entlarvt sich die Gestalt als der Rote Tod, «und einer nach dem anderen sinken die Gäste blutüberströmt zu Boden».
Mit 27 heiratete Poe seine Cousine Virginia, die erst 13 war. Sie blieb eine Kindfrau bis zu ihrem Tod elf Jahre später, bleich, scheu, zärtlich und ohne jedes Verständnis für sein Werk. Er berührte sie nie, und seine Armut spürte er doppelt, ihretwegen. Er erniedrigte sich in Bettelbriefen an seinen reichen Pflegevater, mit dem er sich überworfen hatte, und schrieb Kurzgeschichten für den Gegenwert von einem Paar Schuhen. Ihre letzten fünf Jahre lang lag Virginia mit offener Tuberkulose in der Kammer, die sie bewohnten. Er sah sie sterben, wie er seine Mutter hatte sterben sehen. Er lebte noch zwei Jahre und beschleunigte sein Ende mit Opium und mit Alkohol.
Ein Freund griff ihn in einer Kneipe auf, ungewaschen, abgerissen und nur bei halbem Bewusstsein. Im Krankenhaus, von Krämpfen geschüttelt, «wandte er sich an phantastische eingebildete Wesen, die er an den Wänden sah», wie der Arzt berichtete. In einem lichten Augenblick befragt, was man ihm Gutes tun könne, «schrie er auf: Das Beste wäre, ihm eine Kugel in den Kopf zu jagen!» Tags darauf war er tot.
An seinem Grab sagte der Baptistenprediger Rufus Wilmot Griswold, die Nachricht von Poes Tod «wird viele erschrecken, aber nur wenige mit Kummer erfüllen». Derselbe Griswold begann bald darauf, Poes Werke in vier Bänden herauszugeben, mit dem biographischen Hinweis: Der Autor habe sich durch seinen wüsten Lebenswandel die Liebe seines gütigen Pflegevaters verscherzt, seine arme Frau in den Tod getrieben und sei schliesslich in der Gosse geendet.
Der Weltruhm kam aus Frankreich. Charles Baudelaire entdeckte und übersetzte ihn, Jules Verne begann 14 Jahre nach Poes Tod zu schreiben. Poe beeindruckte Dostojewski, Oscar Wilde und Hunderte von Kriminalromanautoren auf allen Kontinenten. Arno Schmidt nannte ihn «einen der Kirchenväter der modernen Literatur». In der Gattung Psychothriller gilt er als Weltmeister bis heute.
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