NZZ Folio 06/93 - Thema: Atomzeitbomben   Inhaltsverzeichnis

Und was tut der Westen?

Überblick über die Hilfsprogramme.

Von Sabyasachi Chakraborty

MIT DEM UNGLÜCK VON TSCHERNOBYL 1986 und der unmittelbar danach von der Internationalen Atomenergieorganisation (IAEO) eingeleiteten Untersuchung über den Hergang und die Gründe des Unfalls hat sich im Westen berechtigtes Unbehagen bis Alarmstimmung über den Zustand und den Betrieb der osteuropäischen Kernkraftwerke breitgemacht. Ein schwerer Atomunfall im Osten kann, wie Tschernobyl gezeigt hat, schädliche Auswirkungen auch bei uns haben.

Der Westen hat erkannt, dass zur Behebung der Sicherheitsdefizite in den Kernkraftwerken des ehemaligen Ostblocks eine schnelle und koordinierte Hilfe vonnöten ist. Inzwischen sind die Schwachstellen der Kernkraftwerke sowjetischer Bauart bekannt; sie sind nicht nur in der Auslegung der Anlagen, der Planung, selber zu finden, sondern auch in den Bereichen Sicherheitsanalysen und -kultur. Nun geht es darum, internationale Hilfe zu koordinieren und Prioritäten zu setzen.

Die internationalen Ergebnisse der Überprüfung der Reaktoren im ehemaligen Ostblock zeigen, dass sich eine Nachrüstung in gewissen Bereichen lohnt. Die wichtigsten sind: Reaktorsteuer- und Schutzsysteme; Brandschutz, etwa für Kabelanlagen; Modernisierung von Überwachungssystemen; Computerunterstützung für das Betriebspersonal in Katastrophenfällen; Diagnosesystem zur Früherkennung von Lecks im Reaktorsystem; Erhöhung der Erdbebensicherheit.

Verschiedene bilaterale und internationale Unterstützungsmassnahmen sind eingeleitet worden: So haben in einem IAEO-Projekt rund 150 Experten aus 20 Ländern den Sicherheitsstand der Reaktoren sowjetischer Bauart analysiert und Vorschläge ausgearbeitet, wie die Sicherheit erhöht werden kann. Die Berichte der IAEO dienen als Grundlage für die finanzielle Unterstützung durch die Europäische Gemeinschaft und andere Geldgeber.

Vor kurzem wurde ein neues Projekt der IAEO und des Uno-Entwicklungsprogramms (UNDP) bekanntgegeben. Danach wird sich ein Fachgremium mit folgenden Themen befassen: gesetzlicher Rahmen für Strahlenschutz und nukleare Sicherheit, Anforderungen an die Organisation von Kontrollorganen, Strahlenschutz des Betriebspersonals, Schutz und Überwachung des Umlands von Kernkraftwerken, Behandlung radioaktiver Abfälle und Notfallschutz.

Von seiten der EG sind die Projekte Tacis (Technische Unterstützung der GUS-Staaten und Georgiens) und Phare (Technische Unterstützung der ehemaligen RGW-Staaten) zu erwähnen. So untersucht etwa eine Expertengruppe im Rahmen von Tacis die Sicherheit von RBMK-Reaktoren am Beispiel des Reaktors von Smolensk.

Weitere Massnahmen beziehen sich auf den Transfer von westlichen Überwachungs- und Kontrollverfahren für Kernanlagen, auf die Hilfe bei der Erarbeitung von Atomgesetzen, auf die Entwicklung und Verbesserung von Genehmigungsverfahren, Betreiberlizenzen, Personalschulung und die Durchführung von gemeinsamen Inspektionen von Kernkraftwerken.

Unter Beteiligung der Wano (World Association of Nuclear Operators) sowie von Experten aus vier EG-Ländern (zum Beispiel der deutschen Gesellschaft für Anlagen- und Reaktorsicherheit, GRS) ist ein Sofortprogramm für die Verbesserung der bulgarischen Reaktoranlage in Kozloduj erarbeitet worden; seit vorigem Jahr sind diese Arbeiten im Gang.

Die GRS hat ausserdem mit dem Moskauer Research and Development Institute of Power Engineering (RDIPE) ein gemeinsames Projekt zur Weiterentwicklung von Sicherheitsanalysen für RBMK-Reaktoren in Angriff genommen. Vorgesehen ist die Lieferung einer Grossrechneranlage an das Moskauer Kurtschatow-Institut, das dortige Nuklearforschungsinstitut. Schweden, um ein weiteres Beispiel zu nennen, hat kürzlich 11 Millionen Dollar bewilligt, um unter anderem im litauischen Kernkraftwerk Ignalina die Reaktorumhüllung zu verbessern. Installiert wird eine fünfte Freisetzungsleitung für die Dampfabfuhr bei einem Leitungsbruch, um die Gefahr des Berstens der Umhüllung zu vermindern. Ferner haben sich Fachleute aus sieben EG-Ländern zusammengetan, um für osteuropäische Betreiber von Reaktoren Ausschreibungsspezifikationen und andere technische Dokumente auszuarbeiten. Indirekt dient auch diese Massnahme der systematischen Verbesserung von Anlagen. Das Programm nennt sich «Twining Programme Engineering Group (E7)».

Eine weitere Gruppe aus verschiedenen EG-Ländern wirkt beim Aufbau von unabhängigen Behörden mit, mit dem Ziel, sie in die Lage zu versetzen, unabhängige Sicherheitsüberprüfungen vorzunehmen. Ausserdem beteiligt sich die Gruppe an der Ausbildung, Schulung und Einweisung von Reaktorpersonal.

Dazu kommt ein Fonds der EG-Kommission von umgerechnet 35 Millionen Franken für Reparaturkosten, die in osteuropäischen Reaktoren anfallen, und für deren Nachrüstung. Alles in allem haben die Projekte der EG den Umfang von umgerechnet 580 Millionen Franken angenommen.

Unterstützungsmassnahmen werden sinnvollerweise international koordiniert. Dafür wurde zu Beginn des Jahres 1992 das sogenannte G-24-Programm erarbeitet. Die 24 OECD-Mitgliedstaaten wollen damit die technischen und organisatorischen Massnahmen abstimmen.

Die fachliche Basis der Aktionen sind Erfahrungen aus verschiedenen bilateralen Projekten. Ein Beispiel dafür ist der Vergleich von Zuverlässigkeits- und Risikoanalysen zwischen den beiden Anlagen Saporoschje mit ihren WWER-Reaktoren und Biblis in der Bundesrepublik Deutschland, an der das Bonner Ministerium für Forschung und Technologie beteiligt ist.

Auch die sogenannten G-7-Staaten (USA, Japan, Deutschland, Frankreich, Grossbritannien, Italien und Kanada) haben einen gemeinsamen Fonds zur Finanzierung der dringendsten Reparaturen und Nachrüstungen an den älteren Kernkraftwerken geschaffen. Insgesamt schätzen die G-7-Staaten den Finanzbedarf für diesen Zweck auf 700 Millionen Dollar. Ende April wurde bei der Europäischen Bank für Wiederaufbau und Entwicklung (EBRD) nun dieser Fonds mit vorläufig rund 200 Millionen Franken eröffnet. Der Schweizer Bundesrat hat beschlossen, sich neben den bilateralen Projekten auch an dem Fonds mit 10 Millionen Franken zu beteiligen. Die Schweiz soll auch in den zuständigen Gremien Einsitz nehmen.

Ein Novum ist die Gründung des Internationalen Wissenschafts- und Technologiezentrums (IWTZ) in Moskau durch die USA, Japan, die EG und die Russische Föderation. Zweck des Zentrums ist die Erarbeitung und Durchführung wissenschaftlicher und technischer Projekte zur friedlichen Nutzung der Kernenergie. Man möchte damit auch bisher im Militärsektor arbeitenden Wissenschaftern und Ingenieuren in der Russischen Föderation neue Tätigkeitsgebiete im zivilen Sektor bieten - etwa im Bereich der Sicherheit kerntechnischer Einrichtungen.

Initiativen der Wano haben zu Partnerschaften zwischen west- und osteuropäischen Kernkraftwerken geführt. Als generelles Ziel wurde vereinbart, die Sicherheit und die Zuverlässigkeit aller Reaktoren auf der Grundlage eines globalen Erfahrungsaustausches zu erhöhen, unter Ausnützung des umfangreichen und kumulierten Know-how. So wird jedes deutsche Kernkraftwerk sich für eines im Osten, vor allem in der Mitarbeiterschulung, engagieren. Derzeit betreuen deutsche Kernkraftwerkbetreiber auf diese Weise etwa 28 der insgesamt 58 bestehenden osteuropäischen Reaktorblöcke. Wano überprüft weitere Vorschläge zur sicherheitstechnischen Nachrüstung des maroden Reaktors in Kozloduj.

Die EBRD hat kürzlich drei Untersuchungen zum Thema nukleare Sicherheitsausrüstungen in der Russischen Föderation in Auftrag gegeben. Weitere Studien über Prioritäten und Kosten für die Verbesserung der Kernkraftwerke sollen noch folgen.

Und wie sehen solche bilateralen Projekte im einzelnen aus? Zum Beispiel wird das Kernforschungszentrum Karlsruhe demnächst ein erstes Sicherheitsexperiment mit simulierten Brennelementen des sowjetischen Druckwasserreaktors WWER-1000 durchführen. Man will so den Mechanismus eines Reaktorunfalls untersuchen, bei dem keine ausreichende Kühlung mehr vorhanden ist und der Kern deshalb schmilzt. Die Resultate finden dann Eingang in Rechenmodelle zur Beschreibung von Störfällen; daraus wiederum sollen Massnahmen zur Eindämmung möglicher Schäden entwickelt werden. Das ist auch für Deutschland von Interesse, wo ebenfalls Druckwasserreaktoren stehen.

Im Rahmen des Schweizer Osteuropahilfskredits von insgesamt 1,65 Milliarden Franken, den der Bund gesprochen hat, sollen neben der Beteiligung an internationalen Aktionen auch bilaterale Projekte zur Verbesserung der Sicherheit der Kernkraftwerke in Osteuropa und den GUS-Staaten finanziert werden. Auf diese Weise lassen sich vor allem kleinere Projekte in direkter Zusammenarbeit von Fachleuten beider Länder wirksam fördern. Eine Reihe von bilateralen Projektvorschlägen - etwa dreissig - vom Paul-Scherrer-Institut und von Expertenorganisationen sowie aus der Industrie liegen vor. Zurzeit wartet man auf die Zuteilung der Gelder durch den Bund.

Die Nukleare Energieagentur der OECD schliesslich bereitet zusammen mit einem russischen Forschungsinstitut ein grosses internationales Experimentierprogramm (Rasplav) zur Untersuchung der physikalisch-chemischen Wechselwirkungen zwischen Kernschmelze und Reaktordruckgefäss in russischen Reaktoren vor. Das ist das erste west-östliche Forschungsvorhaben dieser Art. Dazu kommen eine Reihe von bilateralen Programmen in fast allen OECD-Ländern. Unterschiedlich sind ihr Umfang und der finanzielle Rahmen.

Sabyasachi Chakraborty ist Kernphysiker und Leiter des Direktionsstabes der HSK (Hauptabteilung für die Sicherheit der Kernanlagen) des Eidg. Verkehrs- und Energiewirtschaftsdepartements. Er ist Vorsitzender der IAEO-Gremien «Beratergruppe über die IAEO-Programme zur nuklearen Sicherheit in Osteuropa und in den GUS-Staaten» und «Lenkungsausschuss für Sicherheit der RBMK-Reaktoren».


Teilen

Für 94 Franken pro Jahr gibt es NZZ Folio auch im Abonnement. Näheres hier.

Urheberrecht gilt auch im Internet: Verlinken erlaubt, Kopieren verboten.