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Wer wohnt da? -- Spidermans Dachgebälk
© Heinz Unger
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| Kabelsalat neben Zutaten für anderen Salat: In einem praktischen Singlehaushalt liegt alles griffbereit. |
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Ein jugendlicher Erwachsener ohne Gäste? Ein schwindelfreier Held? Wen eine Psychologin und ein Innenarchitekt anhand der Bilder in diesen Räumen vermuten.
Von Gudrun Sachse
Die Psychologin
Über 40 Paar Schuhe, alle in gleicher Grösse für nicht zu kleine Männerfüsse, alle im selben sportlich-urbanen Stil und erst noch so schön geordnet: Hier haust ein jugendlicher Erwachsener, Phantasie- und Traumwelt mit Lego-Robotern auf dem Gebälk und Hochbett unter dem Dach, aber dennoch einer mit Bodenhaftung und Ordnungssinn.
Viel unterwegs ist er, mobil mit Zimtsternrucksack, aber auch zu Hause mobil, verkabelt mit Laptop und offener Agenda. Er hat ein gemütliches Daheim mit viel Raum und wenig Stauraum, in Zürich oder näherer Umgebung, etwa die Zeitungslänge von 20 Minuten zum Zentrum entfernt. Ein praktischer Singlehaushalt in einem Männerbiwak, alles griffbereit, in der Küche Zutaten für ein Essen gut verstaut auf knappem Raum, der Tisch mit Kabelsalat nicht nur für Pasta und Salat, sondern multifunktional auch als Büro, die Gewichtshanteln daneben für die handfeste Arbeit am Body – Mann legt Wert auf einen guten Auftritt.
Was im Eingang die Schuhe, sind im Wohnraum die DVD. Üppiges Home-Video-Audio-Entertainment, dominiert vor einem ebensolchen Sofa: hier macht es sich einer allein gemütlich. Die prominent placierte Gitarre ist nicht Wohndekor, Musik hat in seinem Alltag vermutlich einen festen Platz.
Die im Gebälk versteckte Stoffpuppe weist uns den Weg in die Schweizer Hip-Hop-Szene – gehört die Schuhsammlung als Bühnenoutfit dem Mundart-Rapper Bligg? Der Hip-Hop-Untergrund, Musik der Strasse, aufgestiegen ins Dachgebälk einer angenehmen Bleibe, in eine freundliche Wohnung ohne Starallüren?
Ingrid Feigl
Der Innenarchitekt
Um dunkle Dachräume bewohnbar zu machen, bringen Dachflächenfenster etwas Licht ins Innere, Dachuntersichten und Wände werden weiss gestrichen, Charakter geben die roh belassene Dachstuhlkonstruktion und der massive Tannenbretterboden.
Obwohl dieses schützende Dach über dem Kopf, wie bei dem Architekturtypus der Kuppel, im Menschen positive Gefühle auslöst, will es einem in dieser Urhütte nicht so richtig wohl werden. Durch das Fehlen von Farb- und Texturkontrasten wirkt die Wohnung sehr unwirtlich. Ein Teppich unter dem Essplatz oder Farbe für die Giebelwand könnten die Wohnlichkeit verbessern. Gut möglich, dass sich der Bewohner hier aber nur vorübergehend niedergelassen hat. Die gesamte Einrichtung erinnert an konspiratives Wohnen, die Räume wirken anonym, da nur das Allernotwendigste vorhanden ist.
Es deutet nichts darauf hin, dass hier Gäste empfangen und Bücher oder Zeitschriften gelesen werden – weder stehen Fotos auf dem Tisch, noch hängt Kunst an den Wänden. Auch die Einbauküche mit dem später dazugestellten Herd wirkt sehr provisorisch. Ebenso ist das Bett eine lose Matratze, zu der hinaufzukommen nur etwas für Schwindelfreie ist.
Dieser Bewohner setzt lieber andere Schwerpunkte, als sich um die Einrichtung zu kümmern, wie die Gitarre und das Schuhregal zeigen: Gelebt wird für Musik und Sport. Möglich, dass er öfter draussen unterwegs ist. Zurückhaltend am Tag, zu Heldentaten aufgelegt in der Nacht? Einer wie Spiderman?
An den erinnert auch die Maske über der Kugelständerlampe, die einzige Lichtquelle übrigens, die versucht, Stimmung in diesen von der Grundstruktur her spannenden doppelgeschossigen Raum zu bringen.
Stefan Zwicky
Marco Bliggensdorfer, alias «Bligg», Rapper
«Die Schuhe bekomme ich gesponsert, sonst hätte ich nie so viele Paare, ich gehe nicht gerne shoppen, schon gar nicht samstags. Früher konnte ich, wenn die Schlange vor der Umkleidekabine ins Jenseits reichte, T-Shirts rasch hinter einem Regal anprobieren, heute geht das nicht mehr, weil mich die Leute erkennen und anstarren.
Seit kurzem stehen neben meinen Schuhen auch Schuhe meiner Freundin. Ich mag es, wenn Frauen viele Schuhe besitzen, überhaupt mag ich Frauenschuhe, man könnte schon fast von Fetischismus reden.
Meine Freundin kommt aus Deutschland. Wir sind seit neun Monaten zusammen, und langsam war es an der Zeit, dass sie einige Kleider in Horgen lässt, damit sie nicht jedes Mal so viel Gepäck mitschleppen muss. Dass ich eine Freundin habe, ist kein Geheimnis. Ich glaube nicht, dass weibliche Fans mir das übelnehmen, und wenn es so wäre, würde mich das nicht interessieren. Ich denke schon, dass sie sich hier wohlfühlt, obwohl die Wohnung ziemlich düster ist. Die Wohnung war eine Scheune, die ein Bekannter von mir für sich umgebaut hat. Als ich vor zwei Jahren einzog, war mir bewusst, dass ich keine zehn Jahre hier bleiben würde, dass bald der Bagger auftaucht, alles abreisst und Wohnblöcke gebaut werden. Ausgesteckt ist bereits. Wäre doch blöd, wenn ich mich da gross eingerichtet hätte.
Aufgewachsen bin ich in bescheidenen Verhältnissen, meine Eltern hatten kein Geld, mich studieren zu lassen, was ich auch nicht gewollt hätte. Um mir einen Sprachaufenthalt in New York finanzieren zu können, arbeitete ich auf dem Bau und verkaufte mein Auto. Das sage ich jetzt nicht, weil das zum Hip-Hop-Image passt, das war einfach so. Meine Eltern sind Proletarier, mein Vater arbeitet als Maler. Bis ich elf Jahre alt war, lebten wir in Schwamendingen, danach sind wir aufs Land nach Hombrechtikon gezogen. Ich habe beides erlebt: Wohnblock und dreiteiliges Bauernhaus.
Wenn man, wie ich, in nur einem Raum lebt und arbeitet, kann das leicht aufs Gemüt schlagen, andererseits ist es cool, weil ich hier meine Musik machen kann und dadurch Geld spare, das ich besser in meine Band investiere. Ich bin ein sparsamer Mensch.
Da ich bereits früh selbständig war, bin ich diszipliniert. Ich trenne beim Waschen nach Farbe und Material, benutze Weichspüler und bügle. Bei den T-Shirts habe ich eine eigene Methode: Wenn man 20 Stück frisch gewaschen übereinanderlegt und von Hand drüberstreicht, plätten die sich durch das Gewicht wie von selbst, dann hänge ich sie auf, damit keine Falten entstehen.
Ich mag es nicht, wenn ich morgens aufwache und meine Wohnung versifft ist. Ordnung zu halten, habe ich während der Lehre als Sanitärinstallateur gelernt, da musste die Werkstatt immer aufgeräumt sein. Ob ich zu Hause nie wilde Parties feiere? Nicht wirklich. Die meisten meiner Freunde wohnen in Zürich, sie sind recht bequem, für die ist es der Event des Jahrhunderts, einmal zu mir nach Horgen zu kommen. Dann koche ich auch: von einem feinen Salat mit Spiessli bis zu Fisch. Aber da ich viel unterwegs bin, ist der Kühlschrank selten voll, weil sonst das Zeug verrottet. Im Schnitt bin ich eine Woche pro Monat weg.
Ideen für meine Texte hole ich mir nicht in Horgen, die nehme ich aus dem Leben, und das ist grösser als dieses Dorf. Meine Kreativität ist ortsunabhängig. Wenn mir unterwegs Songideen einfallen, notiere ich sie mir als SMS, schicke mir eine E-Mail oder nehme eine Voicemessage auf.
Ich game kaum und schaue wenig Fernsehen und wenn, dann DVD. Die Videothek in Horgen kann allein aufgrund meines Konsums existieren. Ich stehe auf Mafia- und Gangstergeschichten und bin ein Riesenfan der ‹Sopranos›. Sobald eine neue Staffel herauskommt, ziehe ich sie mir rein als mein Feierabendgeschenk.
Die Vorhänge habe ich aufgehängt, damit mich die Fussgänger auf dem Gehweg nicht splitternackt durch die Wohnung gehen sehen. Natürlich wäre es viel schöner, wenn ich das Nachtlicht hereinscheinen lassen könnte. Aber meine Wohnung ist nun mal eine provisorische Baracke, die neben der Baustelle steht. Ich fühl mich, so gut es geht, zu Hause. Ehrlich gesagt, finde ich es auch nicht so schlimm bei mir, ich kann mein Zuhause duchaus auch geniessen.»
Aufgezeichnet von Gudrun Sachse
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