NZZ Folio 10/96 - Thema: Jenseits von Washington   Inhaltsverzeichnis

Zum Thema -- Annahme verweigert

Von Martin Woker

Was in Amerika begann, erreichte früher oder später auch uns. Ob Jukebox, Fast food, Nichtraucherzone oder Schadenersatzmillion, der Weg über den Atlantik war vorgespurt. Für die einen unter uns kam alles Gute aus Washington und Hollywood, Kraft und Energie, um in den Jahrzehnten der Kälte dem Osten die Stirn zu bieten. Die andern blickten nicht minder gebannt in die Neue Welt hinüber, deren zügellose Dynamik von Geld und Macht ihnen zutiefst zuwider war.

Es ist weniger die Auflösung der Grenzen zwischen Ost und West, die uns Amerika plötzlich anders sehen lässt. Vielmehr ist es der Umstand, dass es seit einiger Zeit billiger ist, die Ferien in den USA zu verbringen als in unseren Breitengraden. Nachdem wir nun New Yorks Village, die Route 66, Las Vegas und Kaliforniens Surf-Paradiese abhaken konnten, nach 10 000 Meilen auf dem Freeway die Rückenschmerzen das berauschende Gefühl von on the road verdrängt haben, wissen wir es plötzlich wieder zu schätzen, dass bei uns Kreditkarte und Telefonbeantworter noch fakultativ sind, unsere Stadtzentren leben und Fussgänger nicht Freizeitsportler, sondern ganz gewöhnliche Menschen sind.

Dass die zufälligen Bekanntschaften konstant Switzerland und Sweden durcheinanderbringen, hat uns anfangs belustigt, nach dem hundertstenmal aber langsam geärgert. Doch für die Amerikaner ist eben alles weit weg, eine Reise in den Alten Kontinent teuer. Selbst Washington als Ort der politischen Entscheide liegt ihnen immer ferner. Ihr legendärer Pioniergeist ist verbraucht, die endlosen Weiten sind übernutzt. Viele wählen den Weg nach innen, suchen den Heiligen Geist oder rotten sich in Tarnanzügen zusammen und legen Bomben; Vermögende umgeben ihre Wohnquartiere mit Mauern, die sie vor Mord und Totschlag schützen sollen, in Distanz zum wachsenden Heer der Obdachlosen und illegalen Immigranten. Noch bewegt die Wahl des Präsidenten zwar ihre Gemüter, doch eigentlich wissen alle, dass von da oben kein Segen mehr zu erwarten ist.

Jenseits von Washington sind die Zeichen längst erkannt: Hilf dir selbst, sonst hilft dir keiner. Und das soll nun auch zu uns kommen?

Annahme verweigert!


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