NZZ Folio 03/07 - Thema: Radio   Inhaltsverzeichnis

Digitalradio in der Schweiz

Ende der 1990er wurde DAB lanciert: Radio in digitaler Klangqualität, dessen komprimierte Signale mehr Sender als bisher erlauben. Das hat auch für die Schweizer Radiolandschaft Folgen.

Von Stefan Betschon

In den 1980er Jahren wurde das Radio als Digital Audio Broadcasting (DAB) neu erfunden. Klänge wurden digitalisiert und komprimiert, mehrere Programme in einen Datenstrom integriert. Kein Rauschen mehr und kein Knistern: Ob die Musik vom DAB-Empfänger kommt oder vom CD-Spieler, kann man kaum mehr unterscheiden. Trotz der hohen Klangqualität erfordern DAB-Radiosignale keine zusätzlichen Übertragungskapazitäten. Im Gegenteil: Die Digitalisierung schafft Platz für mehr Sender und neue Programme. Neben Klängen können auch Programminformationen, Hinweise auf zukünftige Sendungen, Staumeldungen und sogar Bilder und Computerprogramme übermittelt werden.

Erarbeitet wurde die DAB-Spezifikation zwischen 1986 und 1994 von Eureka 147, einem Zusammenschluss europäischer Unternehmen und Forschungseinrichtungen. Technisches Herzstück von DAB ist das bei Philips und am Münchner Institut für Rundfunktechnik (IRT) entwickelte Musicam-Verfahren (MP2). Es filtert das, was das menschliche Gehör sowieso nicht hört, aus Audiosignalen heraus, um Platz zu sparen. MP3 ist ein jüngerer Verwandter von Musicam.

Anlässlich der internationalen Funkausstellung in Berlin 1997 wurde DAB offiziell lanciert. In der Schweiz begann die SRG im Herbst 1999 mit der Einführung. Die wichtigsten Programme der SRG wurden bald in allen Landesteilen in digitaler Qualität ausgestrahlt, aber kaum jemand hörte hin. Der Ausbau wurde 2001 gestoppt; Vertreter von Privatradios, die einer forschen Digitalisierung ablehnend gegenüberstanden, brachten Nachrufe auf DAB in Umlauf. Seit 2004 treibt die SRG den Ausbau der DAB-Infrastruktur wieder voran. Gemäss Angaben der SRG leben bereits rund zwei Drittel der Schweizer Bevölkerung in Gebieten, die mit DAB versorgt werden. Je nach Landesgegend sind neun bis elf – öffentlichrechtliche – Sender zu empfangen. Ende März 2006 hatte der Bundesrat den Aufbau einer zweiten Plattform für die Verbreitung von DAB beschlossen, erste private Anbieter von DAB-Programmen könnten bereits im Frühling 2007 eine Konzession erhalten.

Trotzdem gibt es nach wie vor Zweifel, ob DAB den Durchbruch schaffe. Es gibt heute laut SRG von 243 Herstellern 822 Radioempfänger, die den DAB-Spezifikationen gerecht werden. Es gibt in der Schweiz aber auch 51 zumeist kommerziell orientierte Lokalradiosender, und diese haben bisher das Radio sehr viel stärker verändert als die Techniker des IRT. Das Formatradio mit seinem Mix von Hits, Spots, Jingles und gutgelaunten Moderatoren hat neue Hörgewohnheiten geschaffen. Warum sollten sich die Hörer für bessere Klangqualität oder ein grösseres Senderangebot interessieren?

Das World DAB Forum, das seit 1997 die weltweite Einführung von DAB koordiniert, hat im November 2006 beschlossen, die DAB-Spezifikation zu überarbeiten und auf das AAC-Verfahren abzustützen, das eine bessere Audioqualität oder mehr Programme im gleichen Frequenzblock verspricht (DAB+). Die SRG liess aber bereits verlauten, dass sie ihre Programme weiterhin in herkömmlicher DAB-Manier ausstrahlen werde. Das Bakom dagegen hat bei der Ausgestaltung der neuen DAB-Plattform bereits die Möglichkeiten von DAB+ einkalkuliert.

Aussagen von Firmen wie Radioscape und Frontier-Silicon, die das Geschäft mit DAB-Elektronik dominieren, lassen aber vermuten, dass es bald Empfänger geben könnte, die neben DAB auch UKW und DAB+ verarbeiten können.

Stefan Betschon ist . . .

Teilen

Für 94 Franken pro Jahr gibt es NZZ Folio auch im Abonnement. Näheres hier.

Urheberrecht gilt auch im Internet: Verlinken erlaubt, Kopieren verboten.