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NZZ Folio 05/09 - Thema: Do it yourself Inhaltsverzeichnis
Duftnote -- Wo tausend Blumen blühen
© Fabienne Boldt
Wohin mit den Proben der Duftstoffe, die in einer Seifenfabrik verwendet werden? Man schüttet sie zusammen – mit erstaunlichem Resultat.
Von Luca Turin
Vor einigen Wochen wurde ich durch das Fabrikgelände von Henkel in Krefeld, einer verschlafenen Kleinstadt nahe Düsseldorf, geführt. Henkel ist der grösste deutsche Seifenproduzent und zeichnet sich vor seinen Konkurrenten dadurch aus, dass dort schon in den 1980ern eine Abteilung für Molekularchemie eingerichtet wurde, die eine eigene Version von Ambroxan herstellte und damit Firmenich die Schau stahl.
Das Gelände in Krefeld besteht aus einer Ansammlung von zumeist hundertjährigen hübschen Backsteingebäuden mit grosszügigen Höfen. Es ist ruhig, hier und da erspäht man einen Menschen, kaum ein Geruch streift die Nase. Der Direktor führte mich durch sein Reich, auf das er zu Recht stolz ist. Er hat über Prozesskontrolle promoviert und direkt danach von Henkel die Chance erhalten, sein Wissen auf Firmenkosten in die Praxis umzusetzen. Das Ergebnis ist beeindruckend: Das ganze Werk schnurrt, wie ich es nirgendwo sonst gesehen habe.
Wir starteten am Anfang, dort, wo die Fässer mit den Duftstoffen angeliefert werden. Getreu dem Grundsatz «Vertrauen ist gut, Kontrolle ist besser» wird aus den unteren Lagen jedes zehnten Fasses eine Probe entnommen und zur Analyse geschickt (manche Lieferanten decken schlechte Rohstoffe mit einer Lage von guter Qualität zu). Der Inhalt der Fässer wird dann in einen der 700 unterschiedlich grossen Bottiche gefüllt und von dort aus in computergesteuerten Mengen, die von einem halben Liter bis zu mehreren Tonnen reichen, zur Herstellung der Duftmischungen abgegeben. Das bedeutet unter anderem: 700 glänzende Stahlrohre, die durch Hallen von der Grösse von Tennisplätzen laufen. Tausende von Ventilen regulieren die Ströme, und Extremwaagen wiegen Badewannen voller Duftstoffe bis auf Bruchteile eines Gramms genau ab. Wann immer wir von einer Halle in die nächste gingen, öffneten sich vor uns riesige Türen mit einer solchen Geschwindigkeit, dass ich mir irgendwie wichtig vorkam.
Man führte mich in eine Halle, deren Temperatur mich an heisse Tage in Java erinnerte; dort werden Harzextrakte gelagert, damit sie zur rechten Zeit in flüssigem Zustand eingespeist werden können. Es war wie ein Tropenhaus im Zoo – als fürchte man, die exotischen Substanzen könnten Heimweh leiden.
Der Prozess läuft erstaunlich fehlerfrei und effizient ab: Der einzige Ausschuss besteht aus jenen Halbliterflaschen, anhand deren die Parfumeure die Komposition überprüfen, weil der automatische Mixer keine kleineren Proben abgeben kann. Was mit den übriggebliebenen Auszügen geschieht? Sie werden in einem grossen Bottich zusammengemixt, dreissig Tonnen pro Jahr, und unter dem ebenso eleganten wie zynischen Namen Millefleurs verkauft. Ich bat um eine Probe, und man reichte mir Duftstreifen, die in die letzten vier Chargen getunkt worden waren. Sie rochen besser als vieles, das absichtlich komponiert wird.
Jede Firma hat ihr eigenes Millefleurs, und jede hat angeblich ihren hauseigenen Stil. Wer das Zeug kauft? Nordafrikanische Seifenhersteller, die 1 Euro 50 pro Kilo dafür zahlen, das heisst weniger als einen Zwanzigstel dessen, was man für das günstigste echte Parfum berappen müsste. Henkel versuchte, den Preis auf 1?Euro 80 anzuheben, fand aber keine Abnehmer mehr. Ist es nicht grossartig, dass ausgerechnet das Parfumerieprodukt, das praktisch nicht reproduzierbar ist und nur in limitierter Menge hergestellt wird, auch am billigsten verkauft wird?
Luca Turin ist Forschungsleiter bei Flexitral Inc.; er lebt in London.
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