«ICH BIN VOR ein paar Tagen 88-jährig geworden und bin zwäg, sofern ich jeden Tag meine paar Kilometer gehe. Das muss ich, sonst schlafe ich nachts nicht gut und habe Schmerzen im operierten Knie. Im Alter, das sage ich auch immer meinen Bekannten, ist es wichtig, dass man Bewegung hat und eine gewisse Disziplin. Sonst kommt man ganz rasch in einen Schlendrian, und das hat seine Konsequenzen.
Meine Frau ist vor fünf Jahren gestorben. Seither helfe ich mir selber, forcément, das Leben geht weiter. Weil ich schon während ihrer Krankheit vieles gemacht habe, war es keine so grosse Umstellung, als sie nicht mehr da war. Sie hatte Krebs und durfte glücklicherweise bald sterben. Wenn man hilflos zusehen muss, wie jemand leidet, ist es schon eine Gnade, wenn er gehen darf. Wir hatten eine klassische Rollenteilung. Meine Frau war, was heute nicht mehr so üblich ist, der Mittelpunkt der Familie. Wir sind vor 48 Jahren in diese Vierzimmerwohnung gezogen und haben zwei Töchter grossgezogen, die jetzt beide verheiratet sind, eine in der Lenk, eine in Basel. Es gibt auch einen Grosssohn und eine Grosstochter. Ich habe mit allen einen schönen Kontakt.
Als wir herzogen, war hier noch Stadtrand. Seither hat sich die Stadt weiterentwickelt, so ist das halt. Ende der sechziger Jahre wurde beim Bau der Autobahn die Strasse vor dem Haus auf Fensterhöhe angehoben. Wo jetzt das Büchergestell steht, war früher ein Fenster. Das hat man dann zugemacht, das war schon ein Eingriff punkto Helligkeit. Die Wohnung hat einen Sitzplatz und einen Garten, der sieht jetzt im Winter halt etwas strub aus. Aber es ist gemütlich hier, es lässt sich gut leben.
Ich stehe um halb 7 auf. Mit dem Frühstück nehme ich es gemütlich, das ist meine Hauptmahlzeit. Anschliessend lese ich den <Bund> und bringe den Haushalt einigermassen in Ordnung. Ich kann auch bügeln, wenn es nicht gerade Hemden sind, die sind schwierig. Manchmal kommt mir eine liebe Bekannte im Haushalt helfen. Frauen schauen kritischer, und manches mache ich ihr nicht gründlich genug. Meist verbringe ich den Tag dann mit Kommissionen, ich treffe mich mit diesem oder jenem in der Stadt, gehe spazieren, lese: ich lese sehr gern politische Literatur. Kochen tue ich selbst, gekocht habe ich schon immer gern. Das Autofahren habe ich mit 85 aufgegeben, damit, wenn etwas passiert wäre, es nicht geheissen hätte: Der Chlaus hätte halt schon lange aufhören sollen. Man hat hier ja Tram, Bus und Bahn. Das geit guet.
Abends schaue ich <Schweiz aktuell> oder die <Tagesschau>. Im Grossen und Ganzen bringt mir das Programm sonst nicht viel. Ich verstehe ja schon, dass sie Konzessionen an die Jungen machen müssen, aber entweder bringen sie einen Krimi oder irgendein Gequatsch. Die guten Sachen, Konzerte oder dergleichen, kommen immer erst spät. Weil ich aber ein Morgenmensch bin, verschwinde ich am Abend so gegen zehn.
In die Ferien fahre ich nicht mehr oft. Früher sind wir jedes Jahr in die Provence gereist, das war unsere zweite Heimat. Nach dem Tod meiner Frau war ich noch einmal mit dem Schwiegersohn dort, aber es war nicht mehr dasselbe. Man muss, so schwer es einen vielleicht ankommt, einmal sagen können: Fertig Schluss.
Ich habe vieles gemacht im Leben. Ursprünglich habe ich einen Beruf gelernt, den ich gar nicht wollte: Confiseur. Aber jetzt finde ich das schon gut. Ab 1941 war ich in der Sektion Rationierung des Kriegsernährungsamtes tätig, dadurch wurde ich vom Aktivdienst dispensiert. Anfang 1946 wurde ich beauftragt, eine Untersuchung in der Kinderstation des Roten Kreuzes in Adelboden zu leiten. Ich hatte zuvor von gewissen Schwierigkeiten in diesem Heim gehört und beim Roten Kreuz interveniert. 1946 wurde ich zum Leiter der Hospitalisierungsaktion der Schweizerspende berufen. Als 1948 die Leute, erwachsene Tuberkulosekranke, in ihre Länder zurückkehrten, trat ich in die Berner Vertretung der Hermes-Schreibmaschinen ein. Dort blieb ich, bis sie von der Bildfläche verschwand, bis zu meiner Pensionierung.
Ich war auch sonst immer aktiv, habe etwa das Berner Jugendparlament mitbegründet und Unterschriften für die Überdeckung der Autobahn gesammelt. Während des Kriegs war ich Mitglied des Gotthardbundes und organisierte mit Gleichdenkenden verschiedene Aktionen in Bern. Besonders gut erinnere ich mich an die Aufführung von John Steinbecks Stück <Der Mond geht unter>, das wir nach der dritten Aufführung auf Grund einer Intervention der Deutschen Botschaft einstellen mussten.
Was sich seit früher geändert hat? Es ist alles hektischer geworden, der Rhythmus hat sich sehr beschleunigt. <Ich habe keine Zeit> ist zum Standard geworden. Das habe ich für mich nie gelten lassen, für gewisse Sachen hat man immer Zeit. Und das Verständnis von Mensch zu Mensch hat abgenommen. Früher hat man das Alter vielleicht übertrieben geehrt, aber heute wäre man schon manchmal froh, ein Junger würde im Tram jemand Älterem oder Behindertem den Platz überlassen. Wenn man dann aber wieder hört, wie präzis und gescheit die Jungen etwa am Radio oder am Fernsehen reden, dann ist das doch auch wieder erfreulich.
Ich habe gerne etwas Betrieb, in einem netten Kreis reden und Gedanken austauschen finde ich herrlich und belebend. Aber wenn's zu viel ist, dann stresst es mich. Hin und wieder schätze ich es, einfach im Sessel zu sitzen und für mich ein wenig Rückschau zu halten und ein wenig zu spintisieren. Plötzlich kommen da Sachen herauf, an die man gar nie mehr gedacht hat.»