NZZ Folio 07/08 - Thema: Dubai   Inhaltsverzeichnis

Wer wohnt da? -- Mit strenger Hand

© Heinz Unger
Im Schlafzimmer lässt das hochgeschlossene Outfit des Teddybären tief blicken. Linktext
Eine alterslose Frau im besten Alter? Ein Elektriker mit dem Herz am rechten Fleck? Wen eine Psychologin und ein Innenarchitekt anhand der Bilder in diesen Räumen vermuten.

Aufgezeichnet von Gudrun Sachse

Die Psychologin

Hier gibt die Hausherrin den Tarif an! Ein hoher Gestaltungswille herrscht hier mit gestrenger Hand. Alles ist sehr ordentlich und gepflegt in bravem Weiss-Beige-Rosé gehalten, bunt wird es vermutlich erst beim Auftritt der Lady in ihren schwarzen Stiefeln: «Kleider machen Leute» – Bärlis hochgeschlossenes Outfit lässt tief blicken …

Trotz Pingu und Co. mutet das Wohngeschehen etwas unpersönlich an. Die Essecke in cleanem Weiss, kulinarisch eher verwaist, die üppige Sitzgruppe mit postmodernem Cheminée-Chic wie direkt aus dem Wohnland importiert – eine Art Musterappartement mit viel Dekoration und käuflichem Schnickschnack, als sollten sich hier nebst Bärli auch Pärli und jeder Mann behaglich und von der Dame des Hauses willkommen fühlen.

Das Schlafgemach mit pompösem Bett verbreitet trotz einigen neckischen Besonderheiten eine Art Hotelflair für kurzweiligen Aufenthalt, in Dauermiete ist allenfalls der Kuscheltierzoo.

Dagegen fast schon geschichtsträchtig erfrischend wirkt die Büroecke mit ältlichem Pult und Computer; dermassen ungestylt würde sich die Bewohnerin ihrem Besuch kaum präsentieren, es sei denn, sie macht grad ganz privat Bürostunde. Diese Wohnung lässt eine planvolle Person vermuten, sie weiss, wo sie was und wie sie es will; zeigt sie sich selber ebenso ausgewählt zurechtgemacht, wie ihre Nippes hindrapiert sind?

Der Anflug von Verworfenheit ist mit fast schon prüder Ordentlichkeit gepaart; Herziges da und dort, die Bettstatt buchhalterisch zweigeteilt, und das Herz am rechten Fleck. Eine alterslose Frau im besten Alter, gezielt verspielt – die Sinnlichkeit dürfte hier eher in der Person als in der Einrichtung zu finden sein. Menschliches Schicksal bleibt bei so viel Dekorchic im Verborgenen.

Ingrid Feigl

Der Innenarchitekt

Im Wohnraum, im Essbereich und im Schlafzimmer herrscht die exakt gleiche Stimmung: hellbeiger Veloursteppich, weisse Lamellenvorhänge, weiss gestrichene Wände und Decken.

Auch räumlich gibt es wenig Abwechslung, keine Nischen, Fassadenrücksprünge oder interessante Übergänge von Raum zu Raum. Selbst das üppig vorgetragene Cheminée, verziert mit einem reliefartigen, hautfarbenen Dreiecksmotiv, kann sich nicht recht behaupten in dieser hellen Wohnwelt, die alles in sich aufsaugt. Das Fehlen von Akzenten, etwa von Bildern oder Bücherregalen an den ­Wänden, wird mit einem auf die ganze Wohnung verteilten Kleintierzoo aus Plüschtieren wettgemacht. Haben sich die Bewohner – oder sind es nur Bewohnerinnen? – etwas Kindliches bewahrt, oder ist in dieser Wohnung das Kuscheln Programm?

Obwohl die drei vorgelegten Fotos den Eindruck einer grossen Wohneinheit suggerieren (vermutlich gehört zur Wohnung auch ein grosser Balkon oder eine Terrasse), ist der Stauraum knapp: Oder weshalb sonst werden im Schlafzimmer Kartonschachteln einfach unters Bett geschoben?

Apropos Bett. Das gebogene Rohr des Bettgestells ist aus Messing, ebenso die aus Pflanzenmotiven gewundene Deckenleuchte und die geometrische Nachttischleuchte. Kalt und warm könnte es einem beim Anblick dieses Materials werden – und vielleicht mag einem auch etwas Röte ins Gesicht steigen, entdeckt man die Kabelbinder an den Messingrohren – wer übt denn da in seiner Freizeit? Ein Elektriker oder der Freund der «Herrin des Hauses»?

Stefan Zwicky


Valentin Landmann, Anwalt, Bernadette Landmann, Treuhänderin

«Wohnen ist für mich sekundär, mein Lebensraum ist meine Arbeit, sind die Menschen, die ich an der Front und vor Gericht treffe. Im Wohnstil gibt meine Frau den Ton an. Bernadette arbeitet auch in der Kanzlei, sie macht Steuererklärungen und Buchhaltungen für Klienten. Wir sind seit fünf Jahren verheiratet.

Als ich Anfang der 1990er Jahre in diese Wohnung in Zürich zog, war es eine kahle Übernachtungsstätte. Die kühl, sachlich betonten Elemente sind von mir eingebracht, die dekorativen, spielerischen, erotischen sind von Bernadette – und ich mag es, sie ihr zu schenken. Sie trägt gern erotisch Betontes wie die Stiefel. Die Übung zu den Kabelbindern am Bettgestell? Die ist elektrisierend. Die Dinger haben durchaus ihren Sinn, glauben Sie mir.

Meine Frau und ich gehen oft auswärts essen, das ist unsere gemeinsame Mussezeit. Ich geniesse die Kochkunst anderer. Wenn ich mir Zeit nehme, ist das etwas vom Wertvollsten, was ich zu geben habe. Ab und zu beschenke ich meine Umgebung aber auch mit Uhren, soweit ich mir das leisten kann. Bei Uhren entwickle ich eindeutig Suchtsymptome. Uhren symbolisieren, genau wie der kleine silberne Totenkopf an meinem Gürtel, die begrenzte Lebenszeit, rufen in Erinnerung, wie sie uns beherrscht. Vor Gericht trage ich Krawatten mit Uhrenmotiv, da ich dort um die Lebenszeit eines Mandanten kämpfe. Heute habe ich noch eine Schlussbefragung in einem Fall versuchter Tötung. Bei leichteren Sexualdelikten zieren meine Krawatte kleine Schweinchen – denn sind wir im Grunde nicht alle irgendwie Schweinchen? Ich mag Humor und Zynismus. Schwarzer Humor hilft über vieles hinweg.

Meine Kanzlei befindet sich ein Stockwerk unterhalb der Wohnung. Mittags mache ich kein Schläfchen, ich esse auch nicht, sondern gehe ins Schwimmbad. Ich schwimme jeden Tag gemütlich Brust. Danach bin ich wieder einsatzbereit. Eigentlich bin ich ein unsportlicher Mensch, ich liebe Sport mit Wasser­kühlung. Viele Jahre fuhr ich Harley-­Davidson. Nach einer Hüftoperation und Herzproblemen habe ich dieses Hobby vorübergehend zurückgestellt und die Maschine einem Tätowierer verkauft. Ich bin nicht tätowiert. Zwar entwarf ich ein Motiv für mich: einen Totenschädel, der schräg aus einem Paragraphenzeichen hinausblickt, letztlich hatte ich aber wohl zu grossen Respekt vor dem Pieksen.

Meine Kleidung kaufe ich nach dem Anfassen. Ich mag Kaschmir und Leder. Gummi – ein Horrorgedanke – kann ich nicht ertragen. Ich käme nie auf die Idee, für meine Frau oder mich ein Latexkleidungsstück zu kaufen.

Ich habe nichts dagegen, als Milieu­anwalt bezeichnet zu werden, ebensowenig wie ein Arzt etwas dagegen haben könnte, sollte man ihm vorwerfen, Kranke zu behandeln. Die Welt des Milieus ist faszinierend. Bei einem labilen Gleichgewicht führt der kleinste Ausschlag zu einem völligen Kippen in die eine oder andere Richtung.

In der Halb- und Unterwelt ist das Eis ein wenig dünner als in der Oberwelt. In der Unterwelt ist es folgenschwerer, zu versagen. Den Verwaltungsrat, der trotz Verfehlungen noch ein Jahr im Amt bleibt, gibt es in der Unterwelt weniger, entweder ist er angeschossen oder im Gefängnis. Der Versager fällt schneller weg. Es ist aber nicht so, dass in der Oberwelt weniger brutal gekämpft wird. Jemanden wirtschaftlich zu vernichten, ist dieselbe Vernichtung, wie jemandem ein paar Faustschläge zu verpassen.

Ich betrachte mich durchaus als moralischen Menschen, man soll das Wohlbefinden, das Interesse der Menschen beschützen. Natürlich wird das nie ganz gelingen, aber ich vertraue darauf, dass Moral und Ethik weit verbreitet sind.

Meine Kontakte ins Milieu ziehen sich ins Privatleben. Das ist gut so, das möchte ich nicht trennen. Ich gehe mit Freunden aus, die in ganz anderen Sphären leben als ich. Warum sollte ich mich nicht aus meiner Welt hinausbewegen? Das wäre ähnlich, als ob ich mein Schlafzimmer nie verlassen würde.

Menschen werden durch ihre Facetten interessant, sie sind ja keine Kartoffeln. Ich bin neugierig auf diese Facetten. Wenn ich darauf achten würde, was andere an mir stören könnte, hätte ich neunzig Prozent meines Lebens nicht gelebt. Interessanterweise stört sie oft gar nichts, wir aber sind derart verunsichert, dass wir uns selbst entmutigen, so zu leben, wie wir eigentlich wollen.»

Gudrun Sachse ist NZZ-Folio-Redaktorin.



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