Ich will schön sein, ich will eine Schönheitskönigin sein, ich will von allen geliebt und bewundert werden. Ich will der Blickfang auf der Strasse sein; ich will nicht Königin der Schönheit sein, sondern der ganzen Welt.
Ich will Marilyn Monroe sein.
Und so jagen wir Frauen dem Unmöglichen hinterher, indem wir zum Friseur laufen, zum Schönheitschirurgen, in die Parfümerien, Schuhgeschäfte und Boutiquen, indem wir Geld verdienen, nur um es auszugeben, unseren Teller wegschieben, uns selbst zum Erbrechen bringen (jede dritte von uns), ein kleiner Ring hier, ein Glitzerkettchen dort - also, liebst du mich, wirklich, jetzt?
Und die Männer, die legen den Kopf schief und sagen: aber ich hab dich doch auch schon vorher geliebt, oder: ich lieb dich sowieso nicht, oder was meinst du mit diesem Wort? Wir sind doch zusammen, oder? Reicht das denn nicht?
Nein, nein, klagen die Frauen und halten sich Samt und Seide an die Haut, wählen zwischen dieser und jener Schattierung, setzen sich in Pose und bewundern ihre zierliche Fessel ( oder auch nicht), starren in Spiegel, frischen ihr Make-up auf, verlängern sich die Wimpern, sortieren Lippenstifte aus (zu orange, zu rosa!), lassen sich die Augenlider liften, überschüssiges Fett absaugen, zupfen sich die Körperhaare einzeln aus - nein, das reicht nicht! Ganz und gar nicht! Also, liebst du mich? Wirklich, jetzt? Liebst du mich am meisten in meinem kleinen Schwarzen oder mit Lederjacke und Strapsen? Na?
Und der Mann gähnt und schläft ein, oder aber er erhebt sich und macht einen Vorstoss, wobei ihn die Vorstellung wohl eher animiert als die Realität. Also, liebst du mich? Ja doch, ich kann es sehen. Verschliesse meine Augen vor den Tatsachen, und ich kann es fühlen. Jetzt wird gleich alles gut.
Und wenn das alles seinen Zweck verfehlt, nun ja, dann weiss sie sich zu schützen, die Frau auf der Suche nach Schönheit, auf der Suche nach wahrer Liebe. Was soll das ganze Getue um Sex? wird sie sagen, den Kopf zurückwerfen, einen krummen Rücken machen, sich das Haar aus dem Gesicht streichen; was hat dich denn darauf gebracht, dass ich das alles für dich täte, du mieser Typ, du Mann! Ich mache mich für andere Frauen hübsch. Das hat nichts mit Männern zu tun. Oder, noch besser, also wenn ich mich schön mache, begehrenswert, dann für mich und für niemand anderen auf der ganzen weiten Welt. Basta!
Dieser Schönheitsmythos, verkünden wir zu unserem Schutz, ist uns von bösen Männern in den Kopf gesetzt worden, von Werbetextern, Vertriebschefs, Redaktoren; die schlagen zurück, spielen mit unseren weiblichen Zweifeln und Unsicherheiten; vermitteln uns das Gefühl von Unzulänglichkeit, füttern uns mit ihren Abbildern von Perfektion. Nimm bloss keine Notiz davon, bleib standhaft - sei natürlich, schau her, so bin ich! Stolz, natürlich, ich selbst! Gib nicht nach, gib dein Geld nicht für die Schönheit aus: geh auf niedrigen Absätzen, nicht auf hohen, sonst stolperst du noch in die Schönheitsfalle, den Schönheitsmythos! Alles, was ich als Frau brauche, ist doch nichts weiter als ein bisschen Selbstvertrauen, ein geschärftes weibliches Bewusstsein; ich bin die, als die ich geboren bin, darauf muss ich stolz sein. Hol die Latzhose raus, wirf die Kosmetika weg. War ich denn nicht sowieso von Anfang an vollkommen? Kernseife und Wasser - einen Spritzer - mehr brauche ich nicht!
Was ist das? Ein Pickel? Noch einer? Schnell, schnell, die Make-up-Grundierung; Schatz, ich hab ein Pfund zugelegt, so kann ich mich draussen nicht sehen lassen! Ich kriege noch einen Nervenzusammenbruch. Die Sonnenbrille, bitte. Ich werde nie, nie wieder Schokolade essen. Ich werde vollkommen sein, und müsste ich dafür auch sterben, magersüchtig werden, das Nullkalorienspiel bis an den Rand des Todes treiben und sogar darüber hinaus. Il faut mourir pour être belle! Oh, Frauen! Oh, Wahnsinn!
Die Männer lassen sich nicht zu solch einem Aufwand bewegen. Sie sind zu vernünftig, um menschliches Sehnen mit sexuellem Begehren zu verwechseln - oder mit sexuellem Begehrtwerden. Wenn es denn am Östrogen liegt, dass Frauen sich lächerlich machen, so liegt es wohl am Testosteron, dass Männer zu stolz sind, um die in der menschlichen Gattung beiderlei Geschlechts verbreitete Eitelkeit offen auszuleben: das Bedürfnis, die Begierde nach Zurschaustellung.
Die Männer lassen sich eben nicht zu der Aussage bewegen: «Ich will schön sein, ich will ein Schönheitskönig sein, ich will Rodolfo Valentino sein. Ich will von allen Frauen auf der Welt geliebt werden.»
Und war er nicht einfach schön, dieser Valentino, sogar noch schöner als der junge Brando? Warum können Männer das nicht anerkennen? Soviel Schönheit und noch nicht einmal schwul! Dunkle glühende Augen, wissbegierig auf eine so erotische Art; der wilde sinnliche Mund, genau die richtige Mischung aus Macho und Gentleman; dieser Valentino, dieser junge Mann aus einem unbekannten Land, tapfer, wahrhaft, grausam; der weisse Ritter auf dem weissen Ross, der Archetyp, berühmt vom Schwarzwald bis zu den Sandwüsten. Ach, all diese Männlichkeit zum Leben erwecken zu können, die Auserwählte zu sein, die Prinzessin für den Prinz. Schönheit zu Schönheit, seine zu ihrer! Ja, das Licht einer solchen Verbindung könnte selbst die Sonne verdunkeln! Ob ich Valentino weibliches Pendant abgeben könnte? Wo ist mein Lidschatten? Ich kann meine Wimperntusche nicht finden! So helft mir doch suchen!
Schönheit ist eine Eigenschaft, die manchen Menschen angeboren ist: Männern wie Frauen; sie tragen sie in sich, unter ihrer Haut. Was für ein schönes Kind, sagen wir, ehrfürchtig angesichts dieser göttlichen Offenbarung, und mit dem Kind wächst auch die Schönheit. Das ist mehr als eine blosse Mischung aus gutem Aussehen, goldenen Locken, grossen Augen mit langen Wimpern; es ist ein Ausschluss von Makeln, eine Gabe, etwas Zusätzliches: dies sind besondere Kinder. Irgendeine Märchenfee muss irgendwo gesagt haben: «Lasst diese hier vollkommen sein», und so geschah es. Solche Menschen, Männer wie Frauen, werden Filmschauspieler, Prominente oder die Geliebten von Prominenten, Mannequins, Popstars, oder - weil die Welt sowohl der Schönheit abhold ist als auch deren Verehrung und weil vieles im Leben auch schiefgehen kann - sie enden womöglich als Kriminelle, als Asoziale, Ausgestossene. Es gibt Männer im Gefängnis, die sehr schön sind - und auch sehr böse.
Schönheit hat mehr mit menschlichem Sehnen zu tun als mit sexuellem Begehren, obwohl sich die Ränder überlappen. Schönheit ist eine Idee, die alle Völker, alle Rassen, alle Altersgruppen miteinander gemein haben, aber ihre Ausdrucksformen sind vielfältig. Eine mittelalterliche Schöne mit geschorener Stirn, Hängebacken und Glubschaugen würde heutzutage im Supermarkt einen ziemlich abstossenden Eindruck machen, doch auf einem Gemälde können wir das Licht der Schönheit durchschimmern seien, weil wir sie durch das Auge des Malers sehen: dieses Licht ist es, was wir erkennen, und nicht das Detail; die Schönheit, die von innen heraus strahlt.
Und doch marschieren wir ins Kosmetikgeschäft - um eine Gesichtscreme mit Kaviar auszuprobieren, das neueste Vierfrucht-Spezial -, und ich kann sie wirklich nur empfehlen, diese höllisch teuren Tinkturen: irgendetwas zeigt Wirkung, wenn auch vielleicht nur im geistigen Auge, in der Hoffnung, das Licht zu ködern, den Zauber zu bündeln, schön zu werden. Das Geld, das da ausgegeben wird! Nehmen wir eine Frau im Ural, in den Appalachen, tausend Meilen und eine Gebirgskette vom nächsten Kosmetikgeschäft entfernt - und doch, wenn der Handelsreisende heraufgestiegen kommt, dann kommt er mit einem Spiegel. Sie runzelt die Stirn, sie prüft, sie wählt, sie lächelt. Danke! Also, womit kann ich Ihnen dienen? Nach dem Krieg erschienen die Amerikaner in Berlin mit Seidenstrümpfen, Schokolade, Lippenstift. Es gibt schliesslich Prioritäten.
Schönsein geht nicht automatisch Hand in Hand mit Gut- und Glücklichsein. Vielleicht läuft es ja auf ein Entweder-Oder hinaus. Arthur Miller sagt über Marilyn Monroe: «Es ist das Feuer des Geistes, das ihre Schönheit erstrahlen lässt.» Er hatte recht und gleichzeitig unrecht. Ich glaube, es war unser aller Begierde, deren Strahl sie durchdrang, in ihrem Innern auf eine Spiegelwand der Vollkommenheit traf und dieses Bild zu uns zurückwarf. Sie wurde zum Brennpunkt der Begierde - nicht in ihren unwürdigen, verletzenden Aspekten, sondern in ihrer positivsten Bedeutung: der Sehnsucht danach zu erfahren, dass es so etwas wie Vollkommenheit gibt.
Und wenn uns dieser Beweis erbracht wird, dann lächeln wir, fühlen uns wohl, weil wir darin Sicherheit finden, und stellen uns in die Schlange vor dem Kino, um wieder aufs neue zu staunen. Ja, selbst ein paar Pfund zuviel (wie bei Elizabeth Taylor, die von Zeit zu Zeit recht mollig wird) tun dem eigentlich keinen Abbruch! (Was uns allerdings nicht vom Diäthalten abbringen kann.) Und doch, wie unbeliebt ist Schönheit, wieviel Gehässigkeit wird den wenigen entgegengebracht, die sie besitzen. Norma Jean hatte es nicht leicht im Leben und Marilyn Monroe genausowenig. «Ein Sexsymbol wird zu einem Ding; ich hasse es, ein Ding zu sein», sagte sie einmal. Natürlich liess Marilyn Monroe uns an Sex denken; wofür war dieser Körper denn da; aber das war nicht alles. Die platonische Idee trat den Abstieg an, der Finger des Schicksals wurde ausgestreckt; die da drüben, ja du, Norma Jean - und Marilyn Monroe drehte sich um und schwebte hinaus aus den Niederungen unserer Gewöhnlichkeit und war auf einmal die vollkommene Form!
1926, in seinem Todesjahr, schrieb Valentino: «Ein Mann sollte über sein Leben bestimmen. Meines bestimmt über mich.» Er starb mit einunddreissig, der arme Valentino. Frauen rauften sich die Haare, einige nahmen sich das Leben; seine Beerdigung war ein nationales Ereignis. Der amerikanische Essayist H. L. Menchen schriebt über ihn: «Er war einer, der Frauen zur Raserei brauchte . . . er hatte Jugend und Ruhm . . . und doch war er unglücklich.» Hätte Valentino seine Schönheit hergegeben im Tausch für zehn zusätzliche Lebensjahre; für zwanzig, dreissig? Hätte Marilyn Monroe sich auf so ein Geschäft eingelassen? Wahrscheinlich nicht. Schönheit vergeht mit den Jahren: so muss es sein. Sie ist eine Eigenschaft, die an Jugend geknüpft ist, die wächst und wächst bis zum Rande der Reife, dort einen Moment lang verharrt - und dann vorüber ist. Gutes Aussehen bleibt: Catherine Deneuve ist berückend, Elisabeth Taylor attraktiv, Joan Collins aufregend; keiner würde sie aus dem Bett stossen, aber schön sind sie nicht. Sie waren es einmal. Heute nicht mehr. Dies ist kein grausames Schicksal - nur die der menschlichen Natur entsprechende Veränderung.
Letztes Frühjahr besuchte ich die Pariser Modeschauen und sah dort fleischgewordene Schönheit, herabgestiegen vom Olymp, in Gestalt der Göttingen des Laufstegs. Das ist keineswegs ironisch gemeint - denn es waren Göttinnen, die den Boden unter ihren Füssen mit Verachtung straften. Wie zart sie sich bewegten, und wie robust, unzerstörbar sie zugleich schienen: unglaublich rank und schlank, mit langen Hälsen, schmalen Hüften, prallen Brüsten. Ihre perfekt geformten Nasenflügel bebten, während sie auf uns herabsahen.
Erstickt doch an eurer Begierde, sagte ihre Körpersprache: ihr werdet uns nie bekommen; wir gehören in den Olymp; nur dort können wir uns jemals paaren. Aber nehmt ruhig unsere abgelegten Kleider; unsere ausrangierten Hüllen. Bedient euch - wir können es uns leisten, nett zu sein. Drück sie nur an eure armen ungestalten Leiber; vielleicht nützen sie sogar ein wenig. Mode ist die Steuer, die wir der Schönheit entrichten: eine reaktionäre Steuer, weil sie noch verschlimmert, was ohnehin die schlimmste Ungerechtigkeit auf der Welt ist - dass manche reizvoll geboren werden und andere unscheinbar und dass wir nur wenig dagegen tun können, ausser unsere Persönlichkeit zu entwickeln. Wer allerdings mit einer wenig brauchbaren Persönlichkeit geboren wurde, wer von Natur aus Miesmacher, Besserwisser, Schwarzseher ist, sollte die eigene Persönlichkeit lieber nicht gross ausbreiten, sondern sich darauf konzentrieren, schlau zu werden - aber das ist den meisten von uns schon zu hoch, und werde ich inzwischen nicht auch älter? Ist das etwa eine Falte unter meinem Auge? Schnell, schnell, das Parfum; mir wird schwarz vor Augen angesichts dieser schreienden Ungerechtigkeit. -
Wie ungerecht, klagen wir, wie ungerecht! Soll ich mein Haar kurz schneiden lassen oder lang tragen? Wäre ich als Blondine ein anderer Mensch? Manchmal denke ich, unser Streben nach Schönheit ist bloss ein Streben nach Gerechtigkeit - der Versuch, Gott an die Kandare zu nehmen, zu sagen: «Das kann ich aber besser als du, Schöpfer! Sieh mal! Nur ein Hauch Rot, ein Tupfer Farbe.»
Ach ich weiss, der Weg zur Hölle ist mit Make-up gepflastert! Der steinige Pfad gen Himmel ist mit Linsen bestreut, mit Ballaststoffen und Mineralwasser; ohne Kohlensäure, bitte.
Und ich muss etwas gestehen. Ich bin auf dem Weg zur Hölle. Als ich in einem Zeitungsartikel die - wenngleich wahnwitzige - Behauptung las, ich sähe aus wie Marilyn Monroe, hatte ich das Gefühl, jetzt könnte ich glücklich sterben. Dabei entging mit durchaus nicht, dass eine Frau kaum - oder zumindest nicht im selben Artikel - akzeptabel aussehen und gleichzeitig als zumindest halbwegs vernünftig gelten kann, aber was macht das schon, was macht das schon?
Fay Weldon ist Schriftstellerin, sie lebt in London.