Den Weg zu Maurice Wessling geht niemand unbeobachtet. Sobald der Besucher den Amsterdamer Hauptbahnhof verlässt, behält man ihn im Auge. Wenn er den Damrak stadteinwärts läuft, die acht Minuten bis zur alten Börse, wo Maurice Wessling im zweiten Stock hinter einer schwarzen Pressspanwand in seinem Büro hockt. «Es sind an die zwanzig Überwachungskameras», lächelt Wessling. Big Brother passt auf dich auf.
Der 38-jährige Niederländer will es dem grossen Bruder schwermachen. Seit 2000 kämpft er mit Bits of Freedom für «digitale Bürgerrechte». Und seit Juni 2002 in der Europäischen Union mit European Digital Rights (EDRi), einem Zusammenschluss von 14 Hacker clubs und Userverbänden aus elf europäischen Ländern, auch aus der Schweiz. Dabei geht es Wessling um «die gleichen alten Rechte» wie in der realen Welt: Meinungsfreiheit, Bewegungsfreiheit, Postgeheimnis. Um die Rechte an geistigem Eigentum und darum, dass Firmen den Briefkasten nicht mit Werbung verstopfen.
Das Internet hat die Kontrolle vereinfacht. Das Netz gehört zum Alltag, und jeder Klick hinterlässt seine Spur. Firmen wissen, was einer kauft. Zensoren rastern das Netz mit Stichworten. Unendlich sind die Möglichkeiten, eingesammelte Daten zu speichern, per Knopfdruck flitzen sie noch an den entferntesten Ort der Welt, in jede noch so kleine Behörde. «Das Netz ist einfach Technik», sagt Wessling. «Doch Technik ist zu wichtig, als dass man sie Regierungen und Konzernen überlassen kann.» Dabei ist Maurice Wessling kein Hacker. Erst mit 22 kaufte er sich den ersten Computer. Mitte der neunziger Jahre ging er zum Provider XS4All, einer Gründung ehemaliger Hacker, und landete mitten in der Diskussion über Zensur und den freien Zugang zu Informationen. 2000 startete er seine Einmann-Organisation Bits of Freedom.
Wessling setzt auf Recht und Gesetz. Deshalb wagt er sich vor ins Ränkespiel der Politik. Das ewige Lamento in der Netzgemeinschaft über elektronische Freiheitsberaubung hat er satt. Lieber pflegt er seine Kontakte mit Parlamentariern, spricht in den Ausschüssen. In Sachen Spam hat er es leicht. «Die Politiker sind ja selbst genervt davon.» Spam ist einfach. Spam ist sichtbar. Spam stört direkt. Doch wer merkt schon, dass die Telefongesellschaft persönliche Daten hortet, dass politische Internetseiten zensiert und vom Netz genommen werden, dass Firmen ihre Kritiker mit Klagen gängeln, dass Flugdaten von Passagieren jahrelang gespeichert werden, dass Provider die E-Mail-Adressen verhökern? Sorglos offenbaren die Nutzer ihre Identität. «Privatheit ist für viele Leute eine abstrakte Sache», sagt Wessling, «sie kümmern sich erst darum, wenn sie die Nachteile ihrer Offenheit spüren.»
Maurice Wessling ist kein Hardliner. Sollen Polizisten ruhig Daten sammeln, wenn es einem fest umrissenen Zweck dient und der Kontrolle unterliegt. Er ist gegen das Raubkopieren von Filmen und Musik, aber für das Recht auf die Privatkopie. Die Meinungsfreiheit habe Grenzen, etwa bei persönlichen Drohungen. Doch unliebsame Meinungen zu verbieten, bringe überhaupt nichts: «Das Netz ist global, da findet sich immer ein Schlupfloch. Man muss mit gleichen Waffen kämpfen, mit Gegeninformation. Warum also nicht Hitlers ‹Mein Kampf› freigeben? Dann kann jeder lesen, was das für ein Schwachsinn ist.»
Weil die nationale Politik der EU-Staaten in Brüssel bestimmt wird, setzt Wessling jetzt auf Lobbyarbeit im Europäischen Parlament. Über ein Jahr verhandelte er mit nationalen Usergruppen, bis mit European Digital Rights der erste europäische Interessenverband der Internetnutzer seine Arbeit aufnehmen konnte. Es ist schwer, sich Gehör zu verschaffen in Brüssel, wo 15 000 Lobbyisten den Parlamentariern etwas flüstern wollen. Politik- und Industrievertreter sind längst akzeptiert, auch die Umweltschützer und Globalisierungsgegner haben sich ihren Platz erkämpft. Doch digitale Bürgerrechte? Man kann sie nicht sehen, nicht anfassen. Keine abgeholzten Wälder. Keine hungrigen Kinder. «Wir können wenig Aktionen machen», klagt Wessling, «es gibt ja kaum einen Ort, wo etwas sichtbar wird.» Im Mai 2003 verteilten EDRi-Aktivisten an drei europäischen Flughäfen Protestbriefe gegen die unkontrollierte Weitergabe von Passagierdaten an die US-Behörden. Grosse Resonanz hatte die Aktion nicht.
EDRi-Präsident Wessling hofft nun auf den Deutschen Andreas Dietl, der im November das offizielle Lobbybüro in Brüssel bezog. Er soll seine Runden drehen durch die Parlamentarierbüros, Meinung machen. Wichtige Entscheidungen stehen an für Europa: Auskunftspflicht für Internetprovider über ihre Nutzer, die Rechte an Musik und Filmen, die polizeiliche Kontrolle des E-Mail-Verkehrs.
«Ich bin ja», sagt Maurice Wessling, «grundsätzlich Optimist.»
Christian Sywottek ist freier Journalist in Köln.