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NZZ Folio 09/09 - Thema: Der Lehrlingsreport Inhaltsverzeichnis
Wer wohnt da? -- Solo für Rot
© Heinz Unger
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| Im hellen Wohnraum ist ausreichend Platz für Grünes und Getier. |
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Ein zerstreuter Hare-Krishna-Fan? Eine Liebesbriefschreiberin oder Floristin? Wen eine Psychologin und ein Innenarchitekt anhand der Bilder in diesen Räumen vermuten.
Aufgezeichnet von Gudrun Sachse
Die Psychologin
Hier regiert der Wille zur Ästhetik. Das Wohngeschehen ist eine Inszenierung aus ausgesuchten Trouvaillen. Eine wirklich einheitliche Symphonie will sich nicht so recht ergeben: Erlesenes Stückwerk, Alt und Neu prallen aufeinander, alles wirkt etwas hin- und ausgestellt, eine Einrichtung wie ein Orchester von lauter Solisten.
Und trotz üppigem Gebrauch von Rot will es einem nicht recht warm ums Herz werden. Auch das Holzgebälk macht das Ganze nicht behaglicher. Im Wohnraum, wenn es denn einer ist, herrscht eine gewisse Kühle und trotz viel Fläche eine Art Unruhe und Zerstreutheit. Wo soll man mit sich hin? Sich ins Gittersofa setzen und Kunst bestaunen oder vielleicht doch am ehesten mit dem Federvieh parlieren?
Das Auge wandert von Ding zu Ding, aber Menschen lassen sich hier keine entdecken. Vielleicht ist das ganz im Sinne der Bewohnerin. Vielleicht möchte sie hinter dieser ostentativen Einrichtung selber gar nicht gross in Erscheinung treten. Zu sehr ist der Blick auf all die auffälligen Dinge gelenkt, und vor lauter Rot wirkt das Ganze etwas blutleer. Vielleicht ist unsere Bewohnerin eine eifrige Einrichterin, die das ultimative Designlavabo ausfindig macht? Sie umgibt sich gerne mit einer Aura der Verspieltheit, wie das Dekor ums Bett zeigt. Sie lässt zwar in ihr Schlafgemach blicken, verrät damit aber nichts Persönliches, ausser dass sie mit rotem Wecker nicht ganz zeitlos lebt.
Die Privatgemächer werden wie eine Theaterkulisse mit interessantem Bühnenbild präsentiert, die Darsteller aber fehlen. Man weiss nicht so recht, ob das Ganze einer Sie allein gehört oder einem Paar, eindeutig aber wohnen hier sympathische Vögel.
Ingrid Feigl
Der Innenarchitekt
Einst war dies ein altes Haus. Die massive Holzbalkenkonstruktion im Wohnraum erinnert daran – möglich, dass sie von einem Stall oder einer Scheune stammt. Schade, dass von der alten Bausubstanz nicht noch mehr zu sehen ist, denn was davon übrig ist, erscheint als Skulptur. Vermutlich wurde stark um- und neu gebaut. Im besten Fall blieb die Silhouette des Hauses übrig.
Vermutlich wohnt hier eine sehr weibliche und warme Person. Die Bewohnerin wünschte sich grosse und hohe Räume, um die Voliere, viele Pflanzen und weitere Sammelstücke wie Schaufensterpuppen, Kerzenskulpturen und Pferdchen aufstellen zu können. Die vielen Objekte stehen etwas unkoordiniert in diesem hallenartigen Raum.
Stimmungsvoller hingegen ist es im Schlafzimmer und im Bad, wo eine Symphonie in Rot gespielt wird. Wohnt hier eine Liebesbriefschreiberin oder Floristin? Zeugt die Liebe zu dieser Farbe von Frauenpower, oder ist die Bewohnerin Hare-Krishna-Fan? Vom Vorhang über die Bettwäsche bis zum Wecker, alles in Fuchsia, Zinnober oder Orange, selbst die Kerzen im Bad sind rot.
Dass das Zusammenmixen von unterschiedlichen Schattierungen eines Themas, wie besagtem Rot, zu einer gewissen Harmonie führt, zeigt der kleine Glasmosaikstreifen im Bad. Der einzige Bruch ist der transparente Toilettendeckel. Möchte man mit diesem Teil nicht eher verdecken als Durchsicht gewähren?
Wie immer dem sei. Wer so leidenschaftlich wohnt, ist offen für Ungewöhnliches und neugierig auf alles, was da noch kommen möge.
Stefan Zwicky
Esther und Renzo Bomio, Beizer
«Wir zogen vor zwei Jahren ins Grüne, in der Hoffnung, etwas mehr geniessen zu können und weniger arbeiten zu müssen – doch irgendwie ist es dumm gelaufen.
Die Zwillinge kannten dieses Stück Land in Hünenberg im Kanton Zug vom Ausreiten. Als sie es in einer Zeitschrift zum Verkauf ausgeschrieben sahen, waren sie kaum zu beruhigen. Zwei Monate später gehörte es uns. Auf den 2,5 Hektaren befanden sich das Restaurant Wartstein, ein ehemaliges Bauernhaus und ein Maschinenunterstand, aus dem unser Haus wurde. Der Umbau dauerte anderthalb Jahre. Mehr als Erdboden, ein paar Holzwände und ein wenig Wellblech waren nicht gegeben.
Das Restaurant verpachteten wir. Leider ging der Beizer kurz darauf konkurs. Wir beschlossen, die Beiz selbst zu führen, obwohl keiner von uns aus dem Metier stammt: Ich bin Coiffeuse und Geburtshelferin, mein Mann betreibt in Luzern ein zahntechnisches Labor. Wir bekommen das mit der Beiz ganz gut hin, denke ich, auch wenn wir kaum mehr eine ruhige Minute haben. Am hektischsten ist es im Sommer, dann ist die Gartenwirtschaft prallvoll. Wir arbeiten täglich zwischen 15 und 18 Stunden. Erholung finde ich bei den Pferden und beim Spazieren mit den Hunden. Die brauchen keine Tagesmärsche: Philou und Olaya sind nach einer halben Stunde erledigt.
Mein Mann und ich wohnen mit dem Pyrenäenberghund und dem Bernhardiner im rechten Hausteil. Mischa und Sascha haben mit ihren sechs Katzen und zwei Hunden einen eigenen Hausteil mit Küche und Gartensitzplatz auf der linken Seite. In der Mitte liegt der Stall mit elf Pferden, drei sind zur Pension bei uns.
Die Betten im Wohnzimmer gehören Philou und Olaya. Ich versuchte es mit diversen Korbmodellen, doch keines war ihnen gewachsen. Den Bernhardiner bekam ich von meinen Töchtern zum Geburtstag, damals wog Olaya 17 Kilo, mittlerweile sind es 75. Philou schenkte ich Renzo zur Hochzeit, natürlich nach Rücksprache. Dann haben wir noch Vögel und Shetlandponies.
Für die Inneneinrichtung bin ich verantwortlich, auch fürs viele Rot. Unseren riesigen Esstisch entdeckte ich in einem Schaufenster, als ich einen entlaufenen Hund zu seinem Herrchen zurückbrachte. Dass wir gemeinsam daran sitzen, kommt selten vor. Wir essen in der Beiz. In den zwei Jahren, in denen wir hier wohnen, habe ich wohl noch nie für alle gekocht. Bei uns schaut jeder, dass er über die Runden kommt.
Ein Leben ohne Tiere wäre undenkbar. Ich hatte immer schon Pferde. Leider musste ich sie bei der Scheidung verkaufen. Renzo lernte ich vor zwölf Jahren kennen. Ebenso lange waren wir nicht mehr in den Ferien. Wo ich gerne hin würde? Momentan auf eine Alphütte. So richtig abgeschieden, nur ich mit meinem Mann und unseren Hunden.
Kürzlich haben wir einen Ämtliplan eingeführt, damit jeder mal morgens den Stall machen muss. Wenn ich dran bin, stehe ich um halb sechs Uhr auf. Nach dem Misten dusche ich, frisiere mich und schminke mich. Nur weil man im Grünen lebt, muss man sich nicht gehen lassen, sonst ist der Mann schneller weg, als man denkt. Im Vergleich zu meinen Töchtern bin ich unendlich langsam. Ausmisten dauert bei mir fast zwei Stunden.
Den ersten Heuschnitt macht uns im Frühling ein netter Nachbar. Das Gras genügt nicht, um die Pferde durch den Winter zu bringen, wir kaufen noch zusätzliches ein.
Wenn keine Büro- und Hausarbeit anfällt, muss man sich um die Pferde kümmern oder den Rasen mähen. Heute früh hat mich Saschas Freund Michi gefragt, ob er mähen dürfte – ich zögerte keine Sekunde, ihn machen zu lassen. Unser Daheim ist ein Paradies, das wir leider zu wenig geniessen können. Einen Liegestuhl habe ich mir gar nicht erst angeschafft, da ich den eh nie nutzen könnte.
Es fehlt noch einiges: Lampen, Bilder, und das mittlere Stockwerk ist auch noch nicht fertig eingerichtet. Aber die Engel sind da. Ich sammle Engel. Schon als Kind stibitzte ich in der Kirche Bildchen, auf denen Engel waren. Ich mag nur die mit lieblichem Gesicht. In irgendeiner Form wird es diese Wesen geben.
Ich brauche mindestens fünf Stunden Schlaf, da ich sonst anderntags umkippe. Was ich denke, bevor ich einschlafe? Wenn ich um Mitternacht ins Bett falle, habe ich keine Zeit mehr zu denken, dann schlafe ich bereits.»
Gudrun Sachse ist NZZ-Folio-Redaktorin.
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