NZZ Folio 06/97 - Thema: Im Herzen Afrikas   Inhaltsverzeichnis

Zum Thema -- Ein neues Afrika?

Von Martin Woker

Im Zollhäuschen von Ruzizi zwischen Ostzaire und Rwanda schreit ein Beamter von Kabilas Rebellenallianz auf die seit Stunden wartenden Marktfrauen ein und jagt sie aus dem engen Raum. Um Verständnis heischend, wendet er sich den beiden verbliebenen Weissen zu, richtet den Blick gen Himmel und seufzt ermattet: «Nègres!»

Alles beim alten? Eben hatte uns der noch vor wenigen Monaten praktisch unbekannte Laurent Désiré Kabila siegessicher erklärt, wie seine Allianz der Zwangsherrschaft Mobutus ein Ende setzen und wie aus den Ruinen Zaires die Demokratische Republik Kongo auferstehen werde. Alles nur Schlagworte? Woher nahm der rundliche Mann im verwaschenen blauen Safari-Anzug und mit Plastic-Sandalen an den nackten Füssen diese Zuversicht? Bereits an Pfingsten schien sich seine kühne Prognose dann zu bewahrheiten. All jene, die im Falle eines militärischen Siegs der Rebellen in Kinshasa ein Blutbad erwartet hatten, bekamen nicht recht. Besteht nach Jahren der negativen Schlagzeilen aus Afrika Anlass zu Hoffnung?

Als im Sommer 1994 gegen zwei Millionen Hutu aus Rwanda flüchteten, setzte eine in ihrem Ausmass beispiellose Hilfsoperation ein. Nach den Berichten über den Genozid in Rwanda war das schlechte Gewissen gross, und die Spendengelder flossen. Dass sich unter den Empfängern diejenigen verbargen, die den Völkermord angezettelt hatten, wollte niemand genau wissen. Die Staatengemeinschaft hatte im rwandischen Konflikt politisch versagt und versuchte nun, wie andernorts auf der Welt, die Scharte mit humanitärer Hilfe auszuwetzen. Niemand aber war bereit, die wirklich Bedürftigen - Frauen, Kinder und Alte - von den bewaffneten Männern zu trennen. Vergangenen Winter eskalierte die Lage, und Zehntausende wurden bis weit nach Zaire hinein versprengt, wo viele während der letzten Monate verhungerten oder umgebracht wurden. Ein Rachefeldzug von rwandischen Soldaten in Kabilas Rebellenallianz? Der neue starke Mann in Zaire wies jegliche Schuld von sich und verwahrte sich mit allen Mitteln gegen internationale Nothilfe. Dafür hat man ihn zu Recht kritisiert. Doch die Schuld am Flüchtlingselend im Herzen Afrikas trägt Kabila nicht allein. Er weiss genau, wer in Rwanda und Burundi versagt hat.


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