Als er um 16 Uhr 30 erscheint und sich die Kameras auf ihn richten, ist es still im Studio. Und still hängt er am Kleiderbügel: dunkelblaues Jackett, hellblau gestreiftes Hemd, altrosa Krawatte – der Anzug des Entertainers. Er selber braucht nicht da zu sein. Im Studio 449 der TV-Produktionsgesellschaft Bonito in Köln-Mülheim, wo eineinhalb Stunden später seine Show vor Publikum über die Bühne gehen wird, ist Durchlaufprobe. Der Entertainer soll zur Geltung kommen, die Kleiderfarben müssen stimmen.
Zumal, mitten am Tag, hier jetzt schon Abend ist. Der Himmel hängt voller Leuchten, die allesamt nummeriert sind, und hinter der Fensterfront der Potemkin’schen Fabrik, in der die Techniker hantieren, glimmert unter dem Kulissenfirmament die Skyline einer Metropole, die architektonisch irgendwo zwischen New York und Wanne-Eickel angesiedelt ist, glüht, wie sie das, gäbe es sie wirklich, um 23 Uhr 15 tun würde. Dann nämlich wird die Sendung ausgestrahlt.
Auf dem schwarzen Ledersessel des Entertainers sitzt nun der Mann, der später am Kommandopult zu seiner Linken sitzen und den aufgeweckten Jungen spielen wird. Was man allein schon daran erkennt, dass vor ihm ein Computerbildschirm und hinter ihm der komplette Brockhaus steht. Für Manuel Andrack, Leiter der Redaktion, hat die Late-Night-Show morgens um neun angefangen, zu einer Zeit, da der Entertainer vielleicht noch nicht mal am Frühstücken ist. Erst sehr viel später, am Nachmittag, wird der sich wie jeden Tag von seiner Frau verabschieden mit dem Satz, über den sie sich ein bisschen ärgert und den er aus der Show von Elvis Presley in Las Vegas geborgt hat, wo dem Publikum, wenn die Band noch spielte und der Superstar bereits abgetreten und in seine mit laufendem Motor wartende Limousine gestiegen war, mitgeteilt wurde, um jede Hoffnung auf eine Zugabe zunichte zu machen: «The King has left the building!»
Die Band probt «Jumpin’ Jack Flash», draussen ist Hochsommer, im Studio ist es kalt. Es wird auch nicht wärmer werden, wenn die 250 Besucher, die eine Platzkarte ergattert haben, um 18 Uhr die Stuhlreihen gefüllt haben werden, die, schäbig wie sie sind, noch aus der Zeit vor dem Tonfilm stammen müssen.
Manuel Andrack, der Mann an der Seite des Entertainers, wirkt merkwürdigerweise live grösser als im Fernsehen, ganz im Unterschied zu all den Fernsehmenschen, die, so wie sie einem über den Weg laufen, sofort zu schrumpfen scheinen. Vor einer halben Stunde, um 16 Uhr, hat er sich mit dem Entertainer getroffen, um die Themen der heutigen, der 1111. Sendung zu besprechen. Nicht der Entertainer, nein, er, Andrack, hat sie am Morgen festgelegt in Absprache mit seinem Kollegen Markus Zimmer, dem Redaktor, der für die Witze zuständig ist, die der Entertainer in seinem Monolog machen wird, und dem es obliegt, die Gagschreiber auf Trab zu bringen, die in Bonn, Jena, Münster oder sonstwo in Deutschland sitzen – unbekannte Leute meist, die ihm ihre Geistesblitze per E-Mail senden.
Die Themen, sagt Manuel Andrack, sind in kaum mehr als zehn Minuten abgesprochen, man braucht ja nur die Zeitungen gelesen zu haben. Das Politkarussell dreht, und die Skandale jagen sich, die Welt ist alles, was der Fall ist. Der Rest ist Routine. Er, Andrack, wird wie jedes Mal ein Bier trinken («Bären-Weisse» heute Abend), der Entertainer den Klassenbucheintrag vornehmen («Kanzler greift durch») und damit die Tagesthemen für die Ewigkeit festhalten.
Jetzt erfährt der Entertainer auch, wer diesmal sein Gast sein wird. Eine eigens dafür angestellte, vierköpfige Gästeredaktion hat ihn oder sie ausgewählt und ein sechs- bis achtseitiges Dossier verfasst, wo alles drinsteht über die Person (die manchmal sogar eine Persönlichkeit ist), was der Entertainer wissen muss – Lebenslauf, Interessen, Erfolge; Dinge, worüber der Entertainer sie dann befragt in Gegenwart des Publikums, das ihn schätzt für seinen respektlosen, auf Sachkenntnis gründenden Charme.
Es sind meist Leute aus dem Showbusiness, die er auf den grauen Ledersessel zu seiner Rechten bittet, aus dem einfachen Grund, weil diese es gewohnt sind, frisch von der Leber weg zu plaudern, und nicht den Ehrgeiz haben, bedeutend zu wirken, indem sie sich alles aus der Nase ziehen lassen. Als man den Entertainer einmal fragte, weshalb er lieber mit Stars und Sternchen als mit Historikern oder Essayisten plaudere, die seinem Niveau doch viel eher entsprächen, meinte er nur, Sternchen sähen eben besser aus als Essayisten.
Auch Politiker sind nicht oft zu Gast bei ihm. Nachdem Schröder als frisch gewählter Bundeskanzler bereits bei Thomas Gottschalk in der Sendung war, wäre er auch gerne zum Entertainer gegangen. Es war seine Entourage, die ihn davon abhielt, damit er nicht als «Spasskanzler» in die Geschichte eingehe. Ausserdem, findet man in Entertainerkreisen, sind Politiker sowieso lustiger, wenn man über sie anstatt mit ihnen lacht.
Und dann gibt es Gäste, die so gut sind, dass der Gastgeber sie wiedersehen möchte, Freunde des Hauses sozusagen, die bald zur grossen Familie der Firma gehören, deren Eigner der Entertainer ist und deren Produkt (Marktanteil 16 Prozent) er dem Fernsehsender SAT.1 verkauft. Nun, nach sieben Jahren, kennt der Entertainer sie alle, die ganze Hundertschaft seiner Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter, und er bezieht sie immer mehr in seine Show ein. Auch darin eifert er seinem Vorbild nach, dem Amerikaner David Letterman, der seine Show schon achtzehn Jahre macht und doch, wie die Fans des Entertainers wissen, dem Schüler nicht das Wasser reichen kann.
Während sich der Entertainer in den eineinhalb Stunden, die ihm bis zum Auftritt bleiben, sammelt, spielt Manuel Andrack routiniert die Show durch. Jeder muss wissen, was wo aufs Tapet kommt und was er zu tun hat, der Bühnenmeister und seine Mannschaft, die Techniker von Bild, Ton und Licht, die Band. Man wird sich in der heutigen Sendung die Website des Bundeskanzleramtes ansehen, die der Entertainer kommentieren wird, sowie eine weitere Website, auf der die Titel verzeichnet sind, die irgendjemand aus irgendeinem Grund – für einen Roman, einen Film – schützen lassen möchte. Es wird ein Vergnügen sein für den Entertainer, sich über Titel wie «Die höhnende Wochenschau», «Stille Nacht in Stalingrad» oder «Wie viel Franz steckt in Rudi?» auszulassen.
Die dritte Website, die Manuel Andrack dann für das Publikum auf seinen Computer lädt, ist die eigene, die des Entertainers und seiner Show, auf der – und das wird eine Premiere werden – ein Internetflohmarkt eingerichtet worden ist, wo Nina beispielsweise Hose und Schuhe, Isabel Handtasche und Badelatschen und Steffi ihren Hanro-Body loswerden möchte, der, wie der Entertainer dann anmerken wird, gewaschen und darum billiger ist. Nur vom Entertainer selbst, der als Schuljunge wegen seiner Neigung, unter die Gürtellinie zu gehen, den Spitznamen «Dirty Harry» trug und im Ruf steht, neurotisch berührungsscheu zu sein, ist nichts im Angebot.
Nun setzt sich eine Mitarbeiterin probehalber auf den Gästesessel und markiert kurz den Gast, die Viva-Moderatorin Jelena, die, wie der Entertainer dann sagen wird, schon drei Monate Fernseherfahrung hat – eine «blutjunge, ungeschändete Kollegin». Und ausserdem tätowiert ist, am ganzen linken Arm und an anderen Körperstellen, die der Entertainer dann aber trotz Nachfrage nicht zu sehen bekommen wird. Was ein bisschen schade ist, ist doch Jelena keineswegs «alt und schlaff», wie sie dereinst, so wird sich der Entertainer jetzt schon väterlich sorgen, einmal sein wird, sondern zwanzig, blond und vorlaut: «Hey – ich hab mein Cover nicht ruiniert!»
Aber das alles wird man erst in der Aufzeichnung erfahren, die insgesamt eine Stunde dauern wird. Die Durchlaufprobe ist viel kürzer. Denn auch der Dialog zwischen dem Entertainer und seinem Famulus wird nicht durchgespielt; die Pflöcke sind ja gesetzt, der Rest ist spontan. Wobei es durchaus vorkommen kann, dass der Entertainer seinen Diener zuvor gebeten hat, ihn zu fragen, was er denn am Wochenende gemacht habe, und mit der Antwort dann bis zur Show wartet, damit der Fragesteller den Überraschten nicht bloss spielen muss. Die Sendung wird ungeschnitten ausgestrahlt, sieht man einmal ab von vielleicht zwei bis drei Minuten, die hie und da gekürzt werden müssen, weil sich einer verplaudert hat und auch weil das «Schöffer’ofer Weizen, das so ’errlich geprickelt ’at in meine Bauchnabel», über die Mattscheibe muss.
Eine ganze Hundertschaft ist es, die im Dienst des Entertainers und seines Auftritts steht, ein Orchester, das zu dirigieren er Manuel Andrack überlässt, der weiss, was gespielt werden muss, damit der Entertainer frei ist zu improvisieren. Licht, Bühne, Bild und Ton, Maske und Kostüm allein schon halten 35 Leute auf Trab, 13 sind für Redaktion, Onlineredaktion und als Autoren im Haus tätig, 20 in Produktion und Empfang, 7 in der Band, 5 für die Zuschauerbetreuung und 10 im Archiv, das Recherchen besorgt, die Show protokolliert, Fotos und Filme, Musikstücke, Töne und Geräusche beschafft. Dazu kommen die Autoren ausser Haus.
Der Entertainer, heisst es, bezahle seine Mitarbeiter gut, gibt ihnen 42 Tage Urlaub im Jahr. Die Firma wird, wenn es weiter so läuft, wie der Entertainer will, zu einem Traditionsunternehmen reifen; die Sendung, die eine eigene Art von «Tagesschau» und darum immer aktuell ist, möchte er bis zum Jahre 2020 durchziehen. Die Rahmen für die Portraits sämtlicher künftigen «Lieblinge des Monats» in der Galerie im Flur der Fabrik sind vorsorglicherweise bereits montiert. Dann, im Jahr 2020, wird der Entertainer dreiundsechzig und das Publikum mit ihm gealtert sein; ein Publikum, das wie er überdurchschnittlich gebildet und gut verdienend ist, wenn auch vielleicht nicht so gut wie er, der sich als «ehrlichen Arbeiter mit leicht übertariflichen Bezügen» qualifiziert.
Lange vor Beginn der Sendung schon strömt das Publikum ins Foyer, wartet an der Bar auf den Einlass ins Studio, sieht sich im Shop mit den Fan-Artikeln um, wo man Bücher, Videos und Spiele des Entertainers kaufen kann. Unlängst, besorgt über die hohen Einschaltquoten, hat er einen Fan-Ausweis ediert, um den Pöbel draussen zu halten; nur wer die paar Dutzend Fachfragen auf der Website richtig zu beantworten weiss, ist würdig, ihn zu bekommen.
Die Show wäre über Monate hinweg ausverkauft, wäre man nicht dazu übergegangen, Platzkarten nur noch für jeweils einen Monat abzugeben. Mit ihrem Erwerb, steht darauf, «wird in die Abbildung der eigenen Person im Fernsehen in Bild und Ton eingewilligt», was sich als haltloses Versprechen erweist, wird doch der Berichterstatter, obzwar fast in vorderster Reihe sitzend – Block links, Reihe 3, Platz 7 –, sich dann am Abend im Fernsehen vergeblich suchen. Dafür ist er wie alle anderen, bevor er das Studio betreten durfte, abgetastet und gefragt worden, ob er sein Handy dabeihabe, was, wenn es während der Show dudelte, für den Entertainer nicht weniger schlimm wäre als der Schuss aus einer Pistole. Man sagt von ihm, dass er keine anderen Entertainer dulde neben sich, weil er, wie er selber sagt, doch der «grösste Entertainer der Zeitgeschichte» sei.
Seine Show ist die Show seiner selbst, nicht des Publikums, und so wird er dann auch, wenn er ein paar Minuten vor Beginn auf der Bühne erscheint, seine Zuschauer darauf hinweisen, dass «die Fluchtwege für sie bedeutungslos» seien und dass sie im Katastrophenfall «einen Teppich bilden sollten für das Team», damit dieses den Raum sicher verlassen kann: «Hasta la vista, Baby!» Doch bevor der Entertainer das sagen wird, kommt der Einheizer, den der Entertainer «Schmittie» nennt, weil er heisst wie er selber, und der für ihn, den irdischen Entertainer, etwa das ist, was der Prediger Billy Graham für den himmlischen – das Maschinengewehr Gottes.
Schmittie pflückt sich einen schlaksigen Jungen aus dem Publikum, der aus irgendeinem deutschen Provinznest den Weg in die Grossstadt Köln zu dieser grössten aller Shows gefunden hat und selbstverständlich Tobias heisst, er reisst Witze über ihn und ihn damit in Stücke, die er dann so charmant wieder zusammenleimt, dass der Junge sich freut über das Video, das er zum Schluss in die Hand gedrückt bekommt und auf dem das alles dokumentiert ist für ihn und die Schadenfrohen zu Hause.
Und dann kommt er in Person auf die Bühne, der Entertainer der Entertainer, steht im Rampenlicht, die Kameras sind auf ihn gerichtet, und es ist ganz und gar nicht mehr still im Studio, wie er – dunkelblaues Jackett, hellblau gestreiftes Hemd, altrosa Krawatte – zum Publikum sagt: «Alles, was hier passiert, ist wahnsinnig lustig, es ist lustig, lustig, lustig, haha, haha, haha!»
Das Publikum lacht, klatscht, schreit, pfeift und johlt, und nun ist plötzlich das, was all die anderen für den Entertainer getan und vorbereitet haben, nichts und er alles: er, der Mann mit dem charakteristischen Griff an die Brille und den Gesichtszügen, die er so oft aus dem Gleis fährt – Mesdames et Messieurs, die ’arald-Schmidt-Show!