MIT FIEBRIGEN AUGEN baut der Mann im Nadelstreifenanzug und mit der schweren Golduhr am Handgelenk seine Türme auf dem grünen Filz. Jetons im Wert von ein paar tausend Dollar hat er gesetzt, und dann heisst es wieder: Faites vos jeux! Die Kugel schiesst in die Rouletteschüssel. Sirrend dreht sie ihre Runden, bis sie schliesslich müde auf die Dreiundzwanzig kullert. Der Croupier sammelt die Jetontürme ein, lässig verteilt er die Gewinne. Der Mann in Nadelstreifen ist auch diesmal leer ausgegangen.
In Moskau wird mit hohen Einsätzen gespielt, nicht nur im «Cristal», dem grössten Spielcasino von Osteuropa, wo die neureichen Russen ihr schnell verdientes Geld noch schneller wieder loswerden. Hoch sind auch die Einsätze, die von ausländischen Geschäftsleuten gefordert werden, die ebenfalls ein bisschen am Moskauer Boom teilhaben wollen.
«Wer in Moskau Erfolg haben will, der muss schon bereit sein, ein paar Millionen zu riskieren», sagt ein Schweizer Banker beim Mittagessen in einem Moskauer In-Lokal, wo eine ukrainische Wurst mit Beilage über dreissig Dollar kostet und eine Flasche Allerweltschampagner das Zehnfache. Der Banker vergleicht das neue Russland mit Deutschland nach dem Weltkrieg, nur gehe diesmal alles sehr viel rascher. Das Spiel ist neu eröffnet, und «in einer solchen Zeit des Neuanfangs», davon ist er überzeugt, «winken bei allen Risiken auch ausserordentliche Gewinnchancen».
Die Aussicht auf schnelles Geld hat bereits zu Zeiten der Perestroika eine Schar Schweizer nach Moskau gelockt, flinke Händler und halbseidene Glücksritter auch, die zum Teil das Feld bereits wieder geräumt haben und sich heute in Moskau besser nicht mehr blicken lassen. Es folgten die multinationalen Konzerne wie ABB, Novartis, Nestlé, die in Moskau eigene Niederlassungen eröffneten, um sich von hier aus den riesigen, noch jungfräulichen russischen Binnenmarkt zu erschliessen. Und mittlerweile wagen mehr und mehr auch mittelständische Firmen aus verschiedensten Branchen den Sprung in den Wilden Osten. Rund 120 Schweizer Firmen sind es bereits, die in Russland einen Sitz, eine Tochtergesellschaft oder zumindest eine Vertretung haben.
Eine davon ist die Lei AG Baumanagement aus Herisau. Der Flaute im Schweizer Baugewerbe überdrüssig geworden, bewarb sich der Appenzeller Roland Lei vor fünf Jahren bei einer österreichischen Generalunternehmung um einen Auftrag beim Bau der Tokobank in Moskau und erhielt den Zuschlag für den Rohbau und die Fassade. Zwei Jahre später sicherte er sich den Auftrag für den Rohbau der Zentralbank Donskaja, und bald darauf übertrug ihm Bürgermeister Luschkow die Bauarbeiten für zwei Fussgängerbrücken über den neuerstellten Autobahnring. Eine dieser Brücken ist eine Holzkonstruktion - eine echte Appenzeller Spezialität, wie Lei stolz betont.
Die Moskauer Niederlassung der Lei Bauunternehmung, die derzeit auf ihren Baustellen über 150 Arbeiter beschäftigt, hat ihren Firmensitz in einer bescheiden renovierten Liegenschaft an der Moskwa. Vor dem Gebäude dröhnt eine Betonaufbereitungsanlage, Lastwagen brausen durch den schmutzigen Schneematsch und hinterlassen schwarze Rauchfahnen. Auch im Büro der Schweizer Bauunternehmung herrscht an diesem Nachmittag ziemlich dicke Luft. Ein Inspektor des Gesundheitsamtes, berichtet ein Mitarbeiter, habe soeben vorbeigeschaut und die hygienischen Bedingungen der Vorratskammer der Kantine moniert. «Eine reine Schikane», wie er findet. «Da will einer einfach wieder Münz sehen.» So wie der Inspektor von der Feuerpolizei, der kürzlich im Haus war und drohte, er werde die Büros schliessen - so lange, bis er hatte, was er wollte: ein neues Funktelefon.
«Korruption gehört hier zum Alltag», sagt Kurt Stocker, Kommerzdirektor der Moskauer Niederlassung der Lei AG. «Hier wird jeder von Beamten, Polizisten, Inspektoren so lange schikaniert, bis er schliesslich Schmiergeld zahlt.»
Seit gut zwei Jahren ist Stocker in Moskau stationiert und hat dabei «praktisch jeden Tag eine Überraschung» erlebt. «Auch in Moskau ist das Geld nicht so schnell verdient, wie es vielleicht den Anschein macht», hat der junge Schweizer gelernt. «Wer nicht viel Geduld und einen langen Schnauf mitbringt, der bleibt besser zu Hause.» Gleichwohl hält er die Zukunftsaussichten für günstig. Der Bauboom hat eben erst begonnen, wobei allerdings, wie er einräumt, die Margen angesichts einer wachsenden Konkurrenz von einheimischen Firmen nicht mehr gar so fett seien wie noch vor wenigen Jahren.
Von «Geduld» und einem «langen Schnauf», einer «längerfristigen Perspektive» spricht auch Paul Baumgartner, Vizepräsident von ABB Russland. Vor zehn Jahren eröffnete der schweizerisch-schwedische Elektrokonzern in Moskau eine Niederlassung. Mit dem Ziel, vor Ort für den russischen Markt zu produzieren, wurden dann Schritt für Schritt mit russischen Partnern Joint ventures eingegangen - und es waren nicht immer glückliche Verbindungen, wie Baumgartner offen zugibt. Unterschiedliche Interessen und Erwartungen der Partner führten, wie bei vielen schweizerisch-russischen Joint ventures, zu grossen Schwierigkeiten.
Inzwischen zählt ABB Russland über achtzehn Geschäftseinheiten, die in den Bereichen Energieerzeugung, Energieverteilung und Industrie- und Gebäudetechnik tätig sind. Der Umsatz hat sich seit 1993 verzehnfacht, die Ertragslage jedoch hat die Erwartungen, wie Paul Baumgartner sagt, «noch nicht erfüllt». Die bisherige Bilanz sei keineswegs befriedigend, nicht zuletzt angesichts des enormen Potentials Russlands, das mit seinen veralteten Kraftwerken, Ölraffinerien und petrochemischen Industrieanlagen einen gigantischen Bedarf an Erneuerung und Reparaturarbeiten aufweist - zumindest auf dem Papier.
Aber die Praxis ist anders. «Dieser Markt ist zweifellos einer der schwierigsten», bestätigt Baumgartner, ein erfahrener Mann, der mehr als zwanzig Jahre im Ausland gearbeitet hat. Die Schwierigkeiten beginnen mit der Mentalität der Menschen. Er selbst habe zwei Jahre gebraucht, bis er einigermassen verstand, wie die Menschen in Russland denken - und das lag nicht allein an der Sprache. Gerade im Geschäftsleben musste der Schweizer feststellen, dass das in westlichen Firmen übliche kundenorientierte Denken russischen Mitarbeitern noch völlig fremd ist. «Aus den Zeiten des Sozialismus ist man es gewohnt, Güter zu produzieren und sie dann zu verteilen. Wie man auf den Kunden eingeht, Güter verkauft und Geld verdient, das müssen viele erst lernen.»
Die Aufgabe, Mitarbeiter zu rekrutieren, auszubilden, zu motivieren und der Firma zu erhalten, bezeichnet Baumgartner als «eine der grössten Herausforderungen», mit denen er in der täglichen Arbeit konfrontiert ist. Als weitere Klippen nennt er das undurchschaubare Steuersystem, die Rechtsunsicherheit, die Arbeitsgesetzgebung sowie vor allem die mangelnde Liquidität mancher Kunden. Bis zu 80 Prozent der Rechnungen werden nämlich nicht in Rubel oder Dollar beglichen, sondern mit Ware: mit einem Eisenbahnzug voller Benzin, Polyäthylen oder Butter oder mit Autos oder Metallen. Über spezielle Broker, Händler und Agenten muss diese Ware dann weiterverkauft werden, ein oft heikles Geschäft, das über mehrere Stationen läuft und in einem Milieu «mit eigenem Geschäftsgebaren» stattfindet, wie Baumgartner sagt.
Baumgartner deutet damit an, worüber Schweizer Geschäftsleute ganz allgemein nur ungern sprechen: die russische Mafia. Man muss schon etwas nachhaken, aber dann bestätigt praktisch jeder, dass er schon in irgendeiner Form mit der organisierten Kriminalität in Berührung gekommen ist. So ist es üblich, dass jede Firma - notfalls mit massiven Drohungen - praktisch dazu gezwungen wird, sich die Dienste einer privaten «Bewachungsgesellschaft» zuzulegen; die Summe, die für ein solches «Dach» auszulegen ist, macht nicht selten einen zweistelligen Prozentsatz des Gewinns aus. Diese subtile Art der Schutzgeldeinforderung ist indes noch die harmloseste Form von mafioser Erpressung. Weit unangenehmer kann die Sache werden, wenn ein Kunde oder gar der Partner des Joint venture zu Mafiamethoden greift - eine Erfahrung, die David M. Egolf, Generaldirektor der Ladenkette Sadko Arcade, des ältesten schweizerisch-russischen Joint venture, machen musste. An einer Geschäftssitzung wurde Egolf von unbekannten Männern, die sich als Vertreter des Minderheitsaktionärs ausgaben, eröffnet, dass dieser nun die Mehrheit übernehmen wolle, und zwar zu äusserst günstigen Konditionen. Als Egolf nicht einwilligte, wurde er offen bedroht. Diplomatische Interventionen auf höchster Ebene ermöglichten schliesslich einen Wechsel des Minderheitsaktionärs.
Wie in Moskau üblich, ist auch der Sitz der Firma Hilti von ziemlich grimmig dreinblickenden und schwer bewaffneten jungen Männern in schwarzen Uniformen bewacht. «Die Polizei bietet keine Sicherheit, also muss ich halt selbst für meine Sicherheit sorgen», kommentiert Erich Schlögl, Moskauer Generalmanager des liechtensteinischen Befestigungstechnik-Unternehmens, den martialischen Empfang lakonisch. «Das sind die Spielregeln hier, die man nun einmal nicht von einem Tag auf den andern ändern kann.»
Schlögl, selbst ein blonder Hüne, mit dem sich keiner so schnell anlegt, ist seit vier Jahren für Hilti Russland tätig und hat in dieser Zeit ein mittlerweile achtzehn Zentren zählendes Netz von Verkaufsfilialen und Servicestellen für Bohrmaschinen und die anderen Hilti-Produkte aufgebaut. Bewusst verzichtete die Liechtensteiner Firma dabei auf Joint ventures. Hilti operierte von Anfang an mit hundertprozentigen Tochterfirmen, ein Rezept, das sich laut Schlögl bestens bewährt hat. Die jährliche Wachstumsrate beträgt fünfzig Prozent, und die Erträge bezeichnet der Manager als «sehr gut».
Entsprechend optimistisch blickt der Hilti-Mann in die Zukunft. «Der Aufbruch ist spürbar, und die Rahmenbedingungen beginnen sich langsam zu bessern.» Der Hürden, die sich dem Neuling entgegenstellen, sind gleichwohl noch immer viele. Das beginnt mit einem aufwendigen Papierkrieg mit zahllosen Amtsstellen zur Registrierung einer neuen Firma, der ohne «nützliche Abgaben» und Beziehungen kaum in einigermassen nützlicher Frist zu gewinnen ist, und setzt sich fort in einem undurchsichtigen Steuerdschungel, mit widersprüchlichen und schwammigen Gesetzen und Dekreten, die der Willkür eifriger Beamten Tür und Tor öffnen. «Ohne Beziehungen läuft in Russland gar nichts», stellt Schlögl fest. Beziehungen sind nötig, um von der Bürokratie einigermassen in Ruhe gelassen zu werden; Beziehungen - das heisst: Bestechung - sind nötig, damit die Ware am Zoll nicht während Wochen blockiert wird; und Beziehungen oder zumindest eine Empfehlung braucht es schliesslich auch, um das Vertrauen von Kunden zu gewinnen. «Russland kannst du nicht verstehen, Russland musst du fühlen», zitiert Schlögl ein altes russisches Sprichwort. «Allein mit Businessplänen und dem internationalen Managementstil kommt man in Russland nicht weit. Hier herrscht eine andere, eine byzantinische Mentalität.»
Diese andere Mentalität äussert sich nicht zuletzt in einem etwas speziellen Rechtsverständnis und einer Rechtsanwendung, die nicht ganz den westlichen Gepflogenheiten entspricht. «Jeder, der sich auf ein Russlandabenteuer einlässt, sollte sich im klaren sein, dass hier andere Gesetze gelten», rät deshalb der Schweizer Rechtsanwalt Karl A. Eckstein. Muskeln, Geld und politischer Einfluss, sagt der Jurist, seien im Streitfall oft wichtiger als der Buchstabe des Gesetzes. Eigene Regeln gelten aber auch im Geschäftsalltag. So wird zum Beispiel ein Vertrag im besten Fall als Gedächtnisstütze betrachtet; dass mit der Unterschrift eine Transaktion rechtsgültig wurde und nicht einfach zurückgenommen werden kann, ist vielen russischen Geschäftspartnern nicht bewusst. Oft werden auch Verkaufsverträge aufgesetzt, die Objekte betreffen, über die der Verkäufer nicht oder noch nicht verfügt. Nicht Verträge besiegeln somit das Geschäft, sondern erst eine erfolgte Zahlung.
Karl A. Eckstein selbst unterhält in Moskau ein Geschäft, das in der Boomtown zu den sichersten und dennoch einträglichsten gehört: ein Rechtsberatungsbüro, das ausländischen Firmen, die in Russland Geschäftsbeziehungen aufbauen möchten, seine Dienste anbietet. Woche für Woche träfen ein bis zwei Aufträge zur Gründung einer neuen Gesellschaft ein, freut sich Karl Eckstein. Und mehr und mehr zählen zu seinen Kunden nicht nur Ausländer, sondern auch Russen, die ihr Schwarzgeld aus der Schweiz oder aus Liechtenstein über eine Briefkastenfirma diskret in ihre Heimat zurücktransferieren. Eckstein schätzt, dass diese Gelder den Hauptanteil der 1,3 Milliarden Dollar ausmachen, die letztes Jahr aus der Schweiz nach Russland flossen und die Eidgenossenschaft in der Statistik der Auslandsinvestitionen auf den zweiten Platz rücken liess.
Dieser Kapitalrückfluss zeigt Karl Eckstein, dass das Vertrauen der Russen in die eigene Wirtschaft wächst, und wie andere auch ist der Schweizer Anwalt überzeugt, dass Russlands beste Zeit erst begonnen hat. So hat er denn einen schönen Teil seines eigenen Geldes in die prächtige, neoklassizistische Liegenschaft investiert, wo sein dreissig Mitarbeiter starkes Rechtsberatungsbüro sowie die Vertretung der Ciba und eine italienische Gesellschaft ihren Sitz haben. Und so ganz nebenbei hat der rührige Ostschweizer auch noch einen Handel mit automatischen Garagentoren aufgezogen. Zwar gebe es im Handel mit Westprodukten nicht mehr viele Nischen, meint Eckstein, doch wer eine gute Idee habe, der solle das Risiko nicht scheuen. «Wie wäre es zum Beispiel mit St. Galler Bratwürsten, mit Würstchenbuden im Franchising-System?»
Gerade im Nahrungsmittelsektor sieht Eckstein noch viele Möglichkeiten. Wer ist der nächste, der es wagen möchte?