NZZ Folio 03/92 - Thema: Karrieren   Inhaltsverzeichnis

Zwei Alchimisten und Reynolds Coup

Von der Erfindung zum Massengut - Wie der Kugelschreiber Karriere machte.

Von Gerald Sammet

«Unser Schreibzeug arbeitet mit an unseren Gedanken.»

Der Satz des Philosophen Friedrich Nietzsche, beim Anblick der ersten Schreibmaschine notiert, hat sich seine Position im Inventar der Gemeinplätze erobert. Er wurde aufgeschrieben, vervielfältigt, weitergegeben, durch Feuilletons und in die sprachwissenschaftlichen Seminare geschleust. Am Ende wissen es alle: Die Gestalt des Werkzeugs schreibt dem Inhalt vor, wie er beschaffen sein sollte.

Demnach geniesst, was mit dem Gänsekiel erkratzt wurde, einen Bonus, der das Geschriebene zur literarischen Leistung aufwertet. Der Federstrich verrät Charakter, auch dort, wo er sein Zustandekommen einem vom Füllfederhalter bereits mechanisierten Schreibfluss verdankt. Robert Walser, ein Schriftsteller, der die vom menschlichen Sehvermögen gesetzten Grenzen des Lesbaren sprengte, erstritt sich höchstes Ansehen als Souverän in seinen Bleistiftgebieten. Selbst das Typoskript bezeugt, wo die Umstände danach sind, ohne grossen Vorbehalt die Handschrift der Dichter. Von den Verlegern wird für Zettels und andere Träume per Faksimile der Nachweis der Werktreue erbracht.

Der Kugelschreiber dagegen ist ein Kretin. Die Literaten haben seine Dienste übergangen, die Philosophen an ihm vorbeigeredet, Bürovorstehern war er nur Mittel zum Zweck. Einzig die Kulturpessimisten schienen an ihm zeitweise Gefallen zu finden. Sie bestanden darauf, dass nur diejenigen über nennenswerte personale Eigenschaften verfügten, die beim Schreiben auch Tinte verspritzten. Schreibflüssigkeit, von einem Ball aufs Papier gerollt, galt ihnen als der Inbegriff des Gewöhnlichen. Die Erfolgsgeschichte, die auf dieser Neuerung gründete, weckte nur Argwohn. Sie markierte den Abstieg des Schreibenden in die von bewusstloser Reproduktion geprägte Massenkultur.

Dem Vorbehalt, der aufs Grobe zielte, gingen filigrane Ingenieurleistungen voraus. Ungefähr zu der Zeit, als Nietzsche das Schreiben als eine technische Umsetzung menschlichen Denkens identifizierte, präsentierten zwei Amerikaner eine Erfindung, die den Abschied von dem einleiten sollte, was schon Friedrich Schiller abschätzig das «tintenklecksende Säkulum» genannt hatte.

Die Entwürfe fixierten vorerst nur ein Prinzip. John Loud erdachte 1880 einen Druckstift, dessen Schreibkugel von einer Spiralfeder in ihren Lagern stabilisiert wurde. Bei Gebrauch sollte die im Schaft enthaltene Tinte einen Flüssigkeitsfilm auf der Kugelaussenseite erzeugen. Loud wollte Misserfolgen vorbeugen und beschränkte sich in seinem Patentantrag auf den Entwurf für ein Werkzeug, mit dem sich Kisten, Kartonschachteln und Paketoberflächen zuverlässig beschreiben liessen. Die Zuneigung hätte, wäre sie ihnen bekanntgeworden, sicher den Beifall der späteren Kritiker des Kugelschreibers gefunden.

Auch das von einem Mr. Lambert 1891 eingereichte Patent geriet schnell in Vergessenheit. Zwar waren die von Loud und Lambert erdachten mechanischen Lösungen auf den Blaupausen bereits so vorgezeichnet, wie sie später populär werden sollten. Ihre Urheber scheiterten aber an der Chemie. Die herkömmliche Tinte liess sich nicht in eine von ihrer Konsistenz her stabile Schreibflüssigkeit verwandeln. Sie verklebte entweder die Austrittsöffnungen oder verfloss ohne Halt auf dem Papier. Das Schreiben wie auf Rädern, eigentlich eine dem mechanischen 19. Jahrhundert ganz und gar angemessene Innovation, musste einstweilen mit einem Platz in den Aktenregalen der Patentarchive vorliebnehmen.

An der Stelle mischt sich, mit dem Auftritt zweier ungarischer Brüder, eine gewisse Unschärfe in die Kugelschreibergeschichte. György und Lászlo Biró verkörperten eine schöpferische Intelligenz mit bohèmehaften Zügen, die sich nicht um geradlinige Lösungen scherte. Ihr Leben verlief ganz im Takt der zwanziger und dreissiger Jahre: Man dilettierte in der Malerei, als Propagandist des Nützlichen, politischer Debattenredner, Gelegenheitserfinder, Journalist oder Arzt. Die Welt war reif für die Reform. Zu ihren Schauplätzen wurde im Salonwagen gereist, an den Strand der Adria, nach Wien, Budapest, Genf oder Paris.

Lászlo Biró hatte als Offizier im Ersten Weltkrieg gedient und es mit Ideen für einbruchsichere Schlösser, hitzefeste Kacheln, mechanische Waschmaschinen und verbesserte Füllfederhalter sogar zur Mitgliedschaft in der Königlich Ungarischen Akademie der Wissenschaften gebracht. Im Nebenberuf Maler und für einige Zeit Korrektor, versuche er sich später auch als Herausgeber eines Kulturmagazins.

Seine regelmässigen Besuche in Druckereien machten ihn mit der Beschaffenheit der dort verwendeten schnelltrocknenden Farben vertraut. 1938 erhielten er und sein Bruder György ein ungarisches Patent auf einen Kugelschreiber, der noch ganz wie seine tintenklecksenden Vorläufer durch Kolbenhub aufgefüllt werden musste. Anstelle der Tinte wurde jedoch, mit noch längst nicht zufriedenstellenden Ergebnissen, eine der weitaus zähflüssigeren Druckfarben verwendet.

Der Kugelschreiber wurde für die Gebrüder Biró zum lebensrettenden Instrument. Bei einem Ferienaufenthalt in Jugoslawien vor Ausbruch des Zweiten Weltkriegs war Lászlo Biró dem argentinischen Präsidenten August Justo begegnet. Der hatte gleich lebhaftes Interesse an einem der Versuchsobjekte gezeigt, die der Erfinder in der Hotelhalle für das Schreiben von Postkarten benutzte. Leider ist nicht überliefert, ob der staunenswerte Anblick der gut sechzig Zentimeter Länge, die die ersten Prototypen des inzwischen «Biromo» genannten Geräts aufwiesen, bei dieser Zufallsbekanntschaft eine Rolle gespielt hat.

Nach dem Eintritt Ungarns in eine Kriegskoalition an der Seite Hitlers im Jahr 1941 zahlte die Begegnung sich aus. Lászlo und György Biró emigrierten nach Argentinien, wo sie ihre Experimente unter höchstem Patronat fortsetzen konnten. Zwei Jahre verbrachten die transatlantischen Alchimisten in ihrem Labor. Dann stand ihnen eine Schreibpaste auf Ölbasis zur Verfügung, die bestens mit der ausgeklügelten Mechanik des Biromo harmonierte. Bis zur Gründung einer Fabrik für Schreibgeräte war es jetzt nur noch ein winziger Schritt.

Exakt zu diesem Zeitpunkt, als sich ein kommerzieller Erfolg abzuzeichnen beginnt, schwindet allerdings der Einfluss der Gebrüder Biró. Ihre 1943 gegründete Aktiengesellschaft Eterpen S. A., in die sie als mittellose Flüchtlinge anstelle von Kapital nur ihre argentinischen Patentrechte einbringen konnten, gerät ein Jahr später in die Hände des englischen Kaufmanns Henry George Martin. Dieser Verkaufsspezialist hat einiges von den Schwierigkeiten gehört, die das Schreiben mit der Füllfeder den Bomberbesatzungen der Royal Air Force in grosser Höhe bereitet. Der Kugelschreiber, dessen Geburtsstunde sich seit mittlerweile einem halben Jahrhundert verzögert, wird am Ende als ein Kind des Krieges getauft. Noch im selben Jahr, in dem er die Lizenzrechte der Gebrüder Biró in Argentinien erwirbt, liefert Henry George Martin 30 000 der angeblich in allen Lagen funktionsfähigen Biromos an die britische Luftwaffe aus.

Auf dem zivilen Sektor belebt derweil die Konkurrenz das Geschäft. Die Märkte für das neue Schreibzeug werden in Nordamerika erobert, wo die Firmen Eberhard Faber und Eversharp seit 1944 Lizenzen der Eterpen S. A. halten. In den Anzeigen, die mit dem Portrait einer Tänzerin von Degas für die neue, anstrengungslose Dokumentationstechnik werben, erscheint noch für einige Zeit als Herkunfts- und Qualitätsnachweis der Name Lászlo Biró. Die Teilhabe am Fortschritt hat ihren Preis: Dollar 12.50 werden 1945 für einen Kugelschreiber verlangt.

Eberhard Faber und Eversharp haben es allerdings auf dem US-Markt sogleich mit einem Konkurrenten zu tun, der sich unter nie ganz geklärten Umständen den Rang des eigentlichen Pioniers sichern kann. Dem Industriellen Milton Reynolds gelingt 1945 ein doppelter Coup. Er umgeht die Patentrechte der Brüder Biró mit einem eigenen, unangreifbaren Entwurf und startet eine Marketingkampagne, die vor allem eines bewirkt: Der Preis sinkt auf einen halben Dollar pro Stück. Mehr sind die immer noch unausgereiften, bei jeder Gelegenheit den Dienst verweigernden und Flecken aller Art unterschiedslos auf Papier und Kleidungsstücken verbreitenden Werkzeuge für das schnelle Schreiben vorerst auch nicht wert.

Erst 1954, inzwischen hatte die Firma Papermate in den USA die Marktführerschaft im Kugelschreibergeschäft übernommen, warf Parker seinen ersten Kugelschreiber auf den Markt. Der «Jotter» vermied, anders als alle bisherigen Kugelschreiber, eine einseitige Abnutzung des Kugelbettes - die Mine drehte sich bei jedem Schalten um 90 Grad. 1957 folgte eine weitere Verbesserung: Anstelle der ordinären Stahlkugel verwendete Parker nun eine Kugel aus Wolframkarbid, deren Oberfläche nicht mehr glatt, sondern mit rund 50 000 winzigen Teiloberflächen und Erhebungen versehen war. Der T(extured)-Ball-Jotter wurde zum weltweiten Bestseller mit über siebzehn Millionen verkauften Stück pro Jahr.

Konsequent unterminiert der Kugelschreiber im Verlauf seiner Karriere trotz oder gerade wegen solcher Nachteile, was Traditionalisten unsere Schreibkultur nennen. Am Bankschalter ist das Gerät zunächst nicht zu verwenden, weil es die Flüssigkeit nicht, wie Tinte, ins Papier eindringen lässt, sondern lediglich die Oberfläche benetzt. Es taugt auch nicht für Verträge, amtliche Dokumente, Urkunden und Äusserungen, die für die Nachwelt bestimmt sind. Der Kugelschreiber entwickelt sich, wenn auch meist nur in den Phantasien der Zeitgenossen, zu einem Werkzeug der Manipulation.

Was beim Gebrauch des Kugelschreibers abhanden kommt, ist jene Aura des Authentischen, deren Verlust der Philosoph Walter Benjamin schon beim Anblick der unbegrenzt reproduktionsfähig gewordenen Kunstwerke in unserem Zeitalter beklagt hat. Als Historiker im Originalmanuskript des in den vierziger Jahren geschriebenen Tagebuchs der Anne Frank Passagen entdeckten, die von unbekannter Hand mit einem Kugelschreiber eingefügt worden waren, weckte dies Zweifel an der Glaubwürdigkeit des Zeitdokuments.

Von der Infamie abgesehen, mit der unterstellt wurde, das gesamte Tagebuch müsse deswegen als eine zweckdienliche Fälschung eingestuft werden, verraten diese Bedenken etwas darüber, wie wir das Schreiben nicht ausschliesslich von der schreibenden Person her beurteilen. Es geht dabei auch um Charakterzüge, deren Kontur offenbar um so mehr verblasst, je mehr ein Subjekt sich von der als natürlich ausgegebenen Schreibhaltung entfernt. Das dem Kugelschreiber zugrundegelegte Prinzip entlässt die Schreibenden in eine schwer auszulotende Anonymität.

Kein Wunder ist es da, wenn die Pädagogen angesichts solcher Entindividualisierung in den fünfziger Jahren der Schrecken ergreift. Das durchaus gewichtige Argument, das sie vorbringen können, hat mit der der menschlichen Anatomie angemessenen Federführung zu tun. Der Kugelschreiber muss, wenn er sicher genutzt werden soll, von oben in Anschlag gebracht werden. Verkrampfungen der Schreibhand und Druckstellen an den Fingerkuppen sind die Folge. Das Gerät taugt nicht für den längeren Gebrauch, es erschwert die Ausbildung einer persönlichen Handschrift und verleitet dazu, sich auf das Verfertigen kurzer Mitteilungen zu beschränken. An nichts anderes haben seine Erfinder aber wahrscheinlich auch nur gedacht.

Die Kehrseite dieser gravierenden Veränderung unserer Einstellung zum Schreiben wird von den Pädagogen und Kulturkritikern meist übergangen. Ihre Versuche, den Kugelschreiber aus den Klassenzimmern und möglichst ganz aus dem Spektrum der zulässigen Kommunikationsmittel zu entfernen, haben natürlich auch etwas damit zu tun, dass er die Subversion begünstigt. Er taugt als ein Mittel gegen den Zwang, sich auf eine einzige für verbindlich erklärte Äusserungsform zu beschränken. Wer unterschiedliche Formen des Schreibens zulässt, bestätigt, dass es auch unterschiedliche Formen der Wahrnehmung gibt.

Am Ende, so scheint es, haben die subversiven Vorzüge des Kugelschreibers über die Warnungen der Bedenkenträger gesiegt. Die Kulturkritiker, deren Unglück in den meisten Fällen ohnehin darin liegt, dass sie die Abschaffung ihrer Anliegen betreiben, wurden mit garantiert dokumentenechten, dem Füllfederhalter im Design angepassten und leichtgängigen Modellen beschwichtigt. Veränderungen der Fertigungstoleranzen bei der Minenproduktion sorgten dafür, dass sich die Schreibflüssigkeit nicht länger auf Ärmelmanschetten und in den Innentaschen von Anzügen ausbreitete. Mit dem Einfall schliesslich, den Schaft für Werbeaufdrucke zu nutzen, avancierte der Kugelschreiber zum Sammelobjekt.

Die Botschaft, die vom Medium weitergegeben wird, ohne dass noch eine Hand dabei schreibt, taugte natürlich zu weiteren Ausflügen in die Philosophie. Sie handelt davon, wie die Gegenstände irgendwann ihren Zweck zu verfehlen beginnen. Dem 1985 gestorbenen Lászlo Biró hätte dieses Eigenleben der menschlichen Erfindung wahrscheinlich die geringsten Rätsel aufgegeben. Als surrealistischer Maler wusste er, dass die Dinge imstande sind, Spielräume für sich zu gewinnen, die weit über das hinausreichen, was ihre Urheber ihnen vorschreiben wollten.

Gerald Sammet ist freier Journalist und Literaturredaktor bei Radio Bremen.


Teilen

Für 94 Franken pro Jahr gibt es NZZ Folio auch im Abonnement. Näheres hier.

Urheberrecht gilt auch im Internet: Verlinken erlaubt, Kopieren verboten.