NZZ Folio 09/98 - Thema: Japan   Inhaltsverzeichnis

Sprachlese -- Text vorhanden - Titel gesucht

Von Wolf Schneider

ANGENOMMEN ALSO, Sie wollen die Weltliteratur um einen Roman bereichern, ein Sachbuch, ein Theaterstück - dann kauen Sie vermutlich auf keinem Problem so lange herum wie dem, wie er oder es denn heissen soll. Millionen Titel sind schon dagewesen, mit Hunderttausenden stehen Sie in Konkurrenz, und vorbei sind die Zeiten, da man mit einem so schlichten Etikett wie «Krieg und Frieden» einen Welterfolg erringen konnte.

Etwas mehr darf es heute schon sein: «Die Liebe in den Zeiten der Cholera», zum Beispiel (Gabriel García Márquez) oder «A Woman's Guide to Adultery» von Carol Clewlow, ein Frauenführer zum Ehebruch. Selbst mit einem Theaterstück namens «Shop and Fuck» (Mark Ravenhill), mit «Shoppen und Ficken» kongenial übersetzt, kann man die deutschsprachigen Bühnen erobern. Da Sie, versteht sich, diesen Weg nicht gehen würden, gelten Ihnen die folgenden Empfehlungen.

1. Blosse Namenstitel, obwohl sie scheinbar nichts versprechen, sind als Leseanreiz durchaus bewährt: die Damen «Manon Lescaut», «Anna Karenina», «Effi Briest» und viele andere, die Herren «Don Quijote», «Oliver Twist», «Gösta Berling», «Stiller». Selbst durch den Eigennamen eines Wales - «Moby Dick» - fühlen Leser sich nicht abgestossen.

2. Die Chancen steigen, wenn der Name um eine schillernde Andeutung bereichert wird: «Die Leiden des jungen Werther», «Onkel Toms Hütte», «Mein Name sei Gantenbein»; oder wenn er in rhythmischem Wohlklang vorüberschreitet wie Alphonse Daudets «Tartarin de Tarascon».

3. Wohlklang, gefällige Spielerei mit Worten finden auch abseits der Eigennamen Beifall: «Die Bettlerin vom Pont des Arts» (Wilhelm Hauff), «Dans un mois, dans un an» (Françoise Sagan, Racine zitierend) oder von Michel Leiris das Glockenspiel «Langage Tangage ou Ce que les mots me disent». Der Stabreim ist nicht umzubringen: von «Pride and Prejudice» («Stolz und Vorurteil», Jane Austen) bis zum Bestseller der fünfziger Jahre: «Götter, Gräber und Gelehrte».

4. Nicht mehr empfehlenswert ist eine eher dürftige Aussage wie «Der grüne Heinrich» oder eine fast abstossende wie «Der Mann ohne Eigenschaften». Auch Stifters «Nachsommer» oder Hesses «Glasperlenspiel» versprechen wenig, es sei denn Besinnlichkeit; und die druckt heute keiner mehr.

5. Hüten sollten Sie sich vor den verschnörkelten Titeln früherer Jahrhunderte, wie «Blumen-, Frucht- und Dornenstücke oder Ehestand, Tod und Hochzeit des Armenadvokaten Firmian Stanislaus Siebenkäs im Reichsmarktflecken Kuhschnappel». Jean Paul schrieb das 1797 - und was konnte der Mann für Titel meisseln, wenn er wollte! In eben jenem «Siebenkäs» steht ja die ungeheuerliche «Rede des toten Christus vom Weltgebäude herab, dass kein Gott sei».

6. Ebenfalls zu warnen ist vor dem Versuch, sich aus der entmutigenden Titelflut durch prätentiösen Schwachsinn herauszuheben. «wunde. oidipus» heisst ein Schauspiel von Christof Nel, das vor kurzem tatsächlich aufgeführt worden ist, in Hannover. Einen deutschen Rekord hat 1997 Marianne Fritz aufgestellt, Arm in Arm mit Suhrkamp, Deutschlands angesehenstem Literaturverlag, denn er druckte die fünf (fünf!) Bände: «Naturgemäss I. Entweder Angstschweiss Ohnend Oder Pluralhaft». Die 500 Mark, die das Werklein kostet, sind, naturgemäss II, eine angemessene Busse für den, den der Titel nicht aus der Buchhandlung gescheucht hat.

7. Am weitesten kommen Sie mit klaren Wörtern, wenn es Ihnen nur gelingt, sie mit Stimmung aufzuladen: «Gone with the Wind» oder «Bonjour, Tristesse»; «Wer einmal aus dem Blechnapf frisst» (Hans Fallada) oder «Briefe, die ihn nicht erreichten», Elisabeth von Heykings Welterfolg von 1903: Ihrem fernen Freund schüttet sie ihr Herz aus, postlagernd, aber nie holt er die Briefe ab, denn er ist tot.

8. Empfehlenswert sind der Überraschungseffekt (Robert Jungk: «Die Zukunft hat schon begonnen»), die Provokation (Dostojewski: «Der Idiot», Nietzsche: «Jenseits von Gut und Böse») oder das klare Versprechen von Aufregung und Untergang: «Die letzten Tage von Pompeji».

9. Im Englischen ist es vermutlich leichter, griffige Titel zu formulieren (oder der Ehrgeiz, dies zu tun, ist stärker ausgeprägt). «We now Know», heisst ein Rückblick auf die Wirrnisse des kalten Krieges (J. L. Gaddis). Über den Niedergang des Vereinslebens in Amerika schrieb Robert D. Putnam lakonisch: «Bowling alone», «Allein zum Kegeln». Und ein englischer Literaturkritiker gab seinem Buch über «50 berühmte englische Dichter, auf die wir verzichten könnten» einen Titel, der wie von einer Stahlsaite schwirrt: «50 Famous English Poets We Could Do Without».

10. Wer Glück hat, findet einen Verleger, der seinem Buch durch einen völlig falschen Titel zum Erfolg verhilft: «Und die Bibel hat doch recht», Bestseller vor vierzig Jahren. Inhalt: Die meisten biblischen Wunder lassen sich auf natürliche Weise erklären; für das Wirken eines allmächtigen Gottes bleibt kein Raum. «Und die Bibel hat uns etwas vorgemacht», hatte der Autor sagen wollen - aber hätten das die Tanten ihren Neffen geschenkt?

Also, frisch ans Werk!




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