DER KLASSISCHE Sonntagsspaziergang ist jener nach gehabtem Braten und in sonntäglicher Kleidung. Er wird aber in dieser archaischen Form heute viel seltener praktiziert als früher. Weil der Braten dem Brunch gewichen ist und der Sonn- sich vom Feier- zum Freitag gewandelt hat, was Sonntagskleider obsolet werden liess. Doch spaziert wird weiterhin landauf und -ab und was das Zeug hält. Warum, weiss niemand so recht, denn plausible Gründe dafür gibt's keine.
Zum Spaziergang gehört als bestimmendes Merkmal seine Zwecklosigkeit, er ist der Müssiggang par excellence, ist er doch müssig und Gang zugleich. Damit er nicht zur Wanderung verkommt, darf er weder zu lang noch zu anstrengend sein. Ideale Strecken sind, wie ihr Name schon französisch sagt, See- und sonstige Uferpromenaden, da sie keine Steigungen aufweisen. Abertausende von Mannstunden und Fraukilometern werden auf solch einschlägigen Trampelpfaden an jedem schönen Wochenende spaziert, kiloweise Sohlenabrieb abgerieben und endlos Klatsch geklatscht.
Dem Tier dagegen sind Spaziergänge fremd, auf freier Wildbahn frönt keines dem sinnentleerten Flanieren. Nur in Begleitung von Herrchen oder Frauchen pflegen Hundchen zu spazieren. Ähnliches gilt für Kinder zwischen acht und achtzehn, welche in gesunder Pragmatik den Unsinn des Spazierens kristallklar erkennen. Sie lassen sich höchstens durch die Aussicht auf Softice, Hamburger oder andere Naschereien bzw. durch schlichten Zwang zur Teilnahme am Familienspaziergang bewegen.
Doch allen Eltern, die jeden Sonntag mühsam den quengelnden Nachwuchs an der Hand hinter sich herschleifen, ist endlich Trost und Erquickung geworden. Denn mit Inline-Skates kommen die Kinder jetzt sogar freiwillig mit und können bequem und fast lautlos nachgezogen werden. Kieswege und Kopfsteinpflaster sind allerdings zu meiden, sonst gibt's nur wieder neuen Ärger.