NZZ Folio 12/08 - Thema: Geschwister   Inhaltsverzeichnis

Was die Wissenschaft über Geschwister weiss

Obwohl schon lange daran geforscht wird, fanden ­Wissenschafter nur wenig Belegbares über die Bedeutung der Geschwisterfolge heraus. Viele der unten aufgeführten Volksweisheiten sind mit Vorsicht zu geniessen.
1. Der Älteste ist immer der Klügste

Erstgeborene Kinder weisen durchschnittlich einen höheren Intelligenzquotienten auf als Spätergeborene. Die Erstgeborenen zeigen vor allem bessere verbale Fähigkeiten als ihre Geschwister. Eine mögliche Erklärung: Väter und Mütter können weniger Zeit pro Kind aufwenden, je mehr Nachwuchs sie haben.

2. Alle Geschwister werden gleich stark von den Eltern geliebt

Viele Eltern haben ein Lieblingskind. In einer amerikanischen Studie bevorzugten 80 Prozent der Mütter ein Kind. Oft nahm es in der Familie eine ähnliche Rolle ein wie die Mutter. In den meisten Fällen war das Lieblingskind ein Mädchen. Väter bevorzugten zumeist ein anderes Kind als die Mutter. Nur selten war das mittlere Kind der Liebling.

3. Der Älteste ist dominant

Der Älteste, so zeigen Untersuchungen, neigt öfter als Spätergeborene zu einer dominanten, ehrgeizigen Haltung. Als Erwachsene verdienen Erstgeborene durchschnittlich mehr als ihre Geschwister.

4. Mittlere («Sandwichkinder») ­bereiten am meisten Probleme

Untersuchungen bestätigen dies nur bedingt. Sie zeigen, dass Sandwichkinder zwar durchschnittlich schlechter in der Schule abschneiden, aber mehr diplomatisches Geschick und Pragmatismus entwickeln als die anderen Geschwister.

5. Das Nesthäkchen wird verwöhnt

Eine Studie kam zu dem Schluss, dass häufig das jüngste Kind das Lieblingskind der Eltern ist. Auf einen späten Vorteil für die jüngsten Geschwister weisen mehrere Studien: Eltern finanzieren ihren jüngsten Kindern mit höherer Wahrscheinlichkeit eine kostspielige Ausbildung. Hin­gegen nimmt man an, dass Eltern das jüngste Geschwisterkind gelassener bzw. weniger aufmerksam erziehen. So belegen Studien, dass jüngere Geschwister häufiger eine lückenhaftere Impfgeschichte aufweisen als die älteren.

6. Einzelkinder sind unsozial

Eltern von Einzelkindern neigen dazu, früher medizinische Hilfe zu suchen als Eltern mit mehreren Kindern. In den ersten Jahren entwickeln sich Einzelkinder schneller, lernen früher sprechen und sind selbstbewusster als Gleichaltrige mit Geschwistern. Studien lassen aber den Schluss zu, dass Einzelkinder sich im späteren Leben nicht deutlich von Kindern mit Geschwistern unterscheiden.

7. Einzelkinder sind intelligenter

Einzelkinder weisen keine so hohe Intelligenz auf wie Kinder aus Zwei- oder Drei-Kind-Familien. Forscher vermuten, dass Geschwister ihr Intelligenzniveau gegenseitig beeinflussen. Das gehe zunächst zulasten der älteren Kinder, weil sie sich an das Niveau ihrer jüngeren Geschwister anpassten. Später fingen die Grossen an, den Kleinen Dinge zu erklären. Dabei strukturierten und formulierten sie ihre Gedanken, wodurch ihre eigene Intelligenz wachse.

8. Je geringer der ­Altersabstand zwischen den Geschwistern, desto besser

Aus Sicht der Geschwister scheinen drei Jahre Unterschied am günstigsten: Die Geschwister sind nah genug beieinander um sich füreinander zu interessieren, und weit genug voneinander entfernt, um sich nicht zu stark zu konkurrenzieren.

9. Geschwister sind sich in ihren Persönlichkeiten ähnlich, weil die gleichen Eltern sie erziehen

Obwohl Geschwister in der gleichen Familie aufwachsen, ist ihre Ähnlichkeit fast ausschliesslich genetisch bedingt. Anders als vermutet, wirkt sich das Leben unter demselben Dach bei jedem Kind anders oder gar nicht auf die Entwicklung der Persönlichkeit aus. Die nicht ver­erbten Persönlichkeitsmerkmale von Erwachsenen könnten auch vom Freundeskreis in der Kindheit herrühren.

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