NZZ Folio 02/08 - Thema: Steuern   Inhaltsverzeichnis

Der Kommissär geht um

Zu Besuch im kantonalen Steueramt Zürich, wo heikle Steuererklärungen im Tresor landen und auch mal ein Vibrator als geschäftsnotwendiger Aufwand deklariert wird.

Von Kurt Brandenberger

«Das Steueramt hat mehr Männer zu
Lügnern gemacht als die Ehe.» Robert Lembke


Er ist der Geist hinter unserem Geld. Man ist ihm noch nie begegnet, kennt weder seinen Namen, noch weiss man, wie er aussieht. Doch man offenbart ihm Jahr für Jahr sein Leben, gewährt ihm Einblick ins ganz Private. Man teilt ihm mit, was man verdient und besitzt, wie und wo man wohnt und mit wem. Man lässt ihn wissen, was die Zahnspange des Sohnes, die Zweitausbildung der Tochter, das künstliche Hüftgelenk der Mutter gekostet hat. Man gibt ihm die Aufwendungen für Alimente, Lebensversicherungen und gemeinnützige Zuwendungen bekannt, weist nach, was man für die Renovation des Dachstockes und den neuen Audi ausgegeben hat, wie sich das Wertschriftenportefeuille zusammensetzt und wie die Performance war. Oft weiss er mehr, viel mehr als der Ehepartner – er, der Unbekannte, der Geist hinter unserem Geld, der Steuerkommissär.

«Jede Steuererklärung erzählt eine Geschichte, eine sehr persönliche Geschichte. Und wir gehen grundsätzlich davon aus, dass die Geschichte stimmt.» Diesen schönen Satz sagt ein Mann, dessen Name und Erscheinung nicht ganz ins Bild passen, das wir uns gemeinhin von einem Steuervogt machen: Angelo Raffaele Visconti. Der Träger dieses Namens aus altem italienischem Adelsgeschlecht ist ein gepflegter, modisch gekleideter Secondo. Der gelernte Elektromonteur und diplomierte Betriebsökonom FH arbeitet seit zehn Jahren auf dem kantonalen Steueramt, unterbrochen von einem zweijährigen Zwischenspiel als Steuerberater bei der UBS.

Der Wechsel von der Privatwirtschaft in den Staatsdienst ist eher der unübliche Weg. Häufiger ist die Gegenrichtung: Firmen, die es mit besonders hartnäckigen und smarten Steuerbeamten zu tun kriegen, holen diese mit einem verlockenden Angebot ins eigene Lager. Visconti wurde bei der UBS das Opfer einer Restrukturierung und kehrte in den Staatsdienst zurück, wo er heute mit grosser Begeisterung von der Arbeit als Steuerkommissär spricht: «Steuererklärungen sind spannend und vielschichtig. Sie zeigen ‹ups› und ‹downs›, zeugen von guten und von schlechten Zeiten. Sie sind wie das Leben selbst.»

Grafik: Die Steuerlandschaft des Kantons Zürich

Angelo Viscontis Arbeitsplatz ist eine auf fünf Stockwerke verteilte Grossraumbürolandschaft. Getrennt durch schalldichte Glaskuben, in denen der Kommissär die Klienten telefonisch auf Ungereimtes aufmerksam macht oder ihnen ins Gewissen redet, reiht sich Schreibtisch an Schreibtisch. 700 Steuerbeamte sind hier an der Arbeit. Kein lautes Wort ist zu hören, selten ein Lachen, auf den langen Gängen herrscht wenig Verkehr. «Wir sind die Treuhänder des Staates, wir haben Einblick in Lebensgeschichten und sind verpflichtet, korrigierend einzugreifen, wo dies notwendig ist», sagt Visconti, «wir sind Buchhalter, Juristen und Treuhänder in einem.»

Domiziliert ist das kantonale Steueramt seit zwei Jahren in einem jener Bürokomplexe in Zürich Altstetten, deren Architektur und Inneneinrichtung nüchterne Eleganz und eine Atmosphäre von Effizienz verströmen. Und Effizienz ist gefragt, bei 330 000 Steuerpflichtigen, die von den kantonalen Kommissären eingeschätzt werden müssen.

Das sind gut ein Drittel aller Veranlagungen. Zwei Drittel werden direkt von den 171 Zürcher Gemeinden erledigt, vor allem die einfachen Deklarationen. Der gesamte Steuerertrag des Kantons Zürich liegt bei 5289 Millionen Franken – «ein sehr gutes Ergebnis», wie die Finanzdirektion im Geschäftsbericht 2006 schreibt, wobei nicht ausgeführt wird, ob das sehr gute Ergebnis der Aufmerksamkeit der Steuerkommissäre oder der Aufrichtigkeit der Steuerpflichtigen zu verdanken ist.

Bis eine Steuererklärung zur Veranlagung auf Angelo Viscontis Schreibtisch liegt, hat sie einen langen Weg im Haus hinter sich: Bei den Gemeinden abgeholt und per Laster angeliefert, hinter der Rampe erfasst und sortiert, gelangt sie zum Scannen, wo fleissige Frauenhände die zwanzig Millionen Blätter der Steuererklärungen elektronisch speichern. Weiter geht’s in die DAZA, die Zentrale Aktenkanzlei, wo sie vom ReLa, dem elektronischen Register- und Lagerbewirtschaftungssystem, erfasst und klassifiziert (unselbständig Erwerbende, Selbständige, juristische Personen), mit einem gelben oder orangefarbenen «Mantel» oder einem Deckblatt versehen und auf einem mannshohen Rollgestell für den Steuerkommissär bereitgestellt wird.

Anders als beispielsweise in den Kantonen Bern oder Aargau werden im Kanton Zürich erst die Steuererklärungen der natürlichen Personen gescannt. Die Unterlagen der Firmen, oft furchterregend hohe Stapel, befinden sich noch im Zeitalter des Papierkrieges.

Wenn sortiert, erfasst, gestempelt, klassifiziert, gespeichert und gestapelt ist, werden die riesigen Aktenberge «zur Fütterung» freigegeben, wie die Weiterleitung an den Steuerkommissär hausintern genannt wird. Und da liegen sie dann, fein säuberlich aufeinander, die Steuererklärungen und ihre Hilfsblätter, die Abschreibungsaufstellungen und -tabellen, Wertschriften- und Liegenschaftenverzeichnisse, dieses ganze intime Dossier mit den pekuniären Bekenntnissen der Bürger und Bürgerinnen und der kleinen und grossen Firmen. Wie viele Schlaumeiereien und Schummeleien, wie viele kleine und grosse Lügen, wie viele innere Kämpfe um Aufrichtigkeit mögen in diesen Papierstapeln verborgen sein?

Steuerkommissär Visconti holt sich das oberste Dossier vom Stapel. Er öffnet den «Mantel», legt die Blätter vor sich auf den Schreibtisch, greift nach einem spitzen Bleistift, prüft die persönlichen Daten, vergleicht die Einkommens- und Vermögensveränderung zum Vorjahr, überfliegt die Beilageblätter, betrachtet ins Auge springende Abweichungen und Auffälligkeiten und fragt sich, wie plausibel und glaubwürdig der deklarierte Sachverhalt ist.

Auffällige Abweichungen finde man oft bei den Abschreibungen und Rückstellungen sowie bei den persönlichen und geschäftsrelevanten Abzügen. Da gibt es beispielsweise jene selbständigerwerbenden Schlaumeier, die das Abendkleid der Ehefrau oder das Golfweekend in Dubai als Geschäftsspesen in Abzug bringen. Aufgefallen ist dem Steuerkommissär auch jener Schreinermeister, der in seiner Buchhaltung einen «Massage-Vibrator, Länge 19 cm, biegsam» als geschäftsnotwendigen Aufwand deklariert hatte. Oder jener Architekt, der ein «Wasserbett Happy Aqua Nevada, Umrandung schwarz, Fr. 2140.–» in seine Geschäftsbücher eintrug. Oder der Witzbold, der unter der Rubrik «Viehhabe» einen «Wellensittich, sprechend» aufführte.

Zurzeit ist Steuerkommissär Visconti bei der Division Konsum im Einsatz, das heisst, er veranlagt unter anderem Steuererklärungen von Unternehmen des Gast- und Autogewerbes oder von Medienhäusern. In diesem Bereich liegen die «Auffälligkeiten» häufig bei den Abschreibungen und Rückstellungen. «Denn nicht alles, was handelsrechtlich erlaubt ist», sagt Visconti, «ist auch steuerrechtlich gestattet.»

In den meisten Fällen sei die Lage klar, und die Korrekturen des Kommissärs würden akzeptiert. Zehn bis fünfzehn Veranlagungen pro Monat gibt er an die Rechtsabteilung weiter: wirtschaftlich besonders bedeutende Dossiers, Sachverhalte, bei denen Visconti bei der Einschätzung nicht auf die gängige Gerichtspraxis zurückgreifen kann, oder Einsprachen und Rechtsmittel, die die Kapazität eines einzelnen Steuerkommissärs sprengen würden.

Es sei ganz wichtig, sich stets vor Augen zu halten, dass die meisten Steuerpflichtigen den gesetzlichen Rahmen zwar ausnützten, aber nicht betrögen, sagt Marina Züger, Leiterin des Bereichs Recht des kantonalen Steueramts. «Und ein Schlaumeier ist jeder – oder er möchte es sein, wenn er die Steuererklärung ausfüllt.» Marina Züger ist eine wache, muntere Frau, die schnell und eloquent spricht und jede Frage mit einem Lächeln quittiert, so, als freue sie sich ungemein, dass sich jemand interessiert für die Arbeit eines Steueramtes. Wie gut das Einvernehmen zwischen Steuerbehörden und Bürgern sei, sagt die Juristin Züger, lasse sich mit Fakten belegen. Auf 871 000 Einschätzungen gebe es keine 20 000 Einsprachen. Lediglich 500 Fälle kämen vor die Rekurskommission, bloss 80 würden an das Verwaltungsgericht weitergezogen und 20 ans Bundesgericht.

Was Angelo Visconti nervt, sind «die Notorischen», jene Steuerpflichtigen, die Jahr für Jahr weder Einkommen noch Vermögen deklarierten und denen man das Gegenteil oft mangels Zeit und Mitteln nicht vollumfänglich nachweisen könne. Oder wenn vermögende Bürger und Bürgerinnen Abzüge geltend machten, «dass sich die Latten biegen». Der Steuerkommissär stecke bei solchen Fällen in einem «Dilemma»: Nicht alles, was wünschbar sei und dem Fiskus dienen würde, sei auch machbar.

Um dieses «Dilemma» zu illustrieren, erläutert Visconti den Fall eines Steuerpflichtigen, dessen Vermögen innerhalb eines Jahres dramatisch zurückging und der auf entsprechende Nachfrage behauptete, er habe das viele Geld beim Glücksspiel im Casino verloren. «Was sollte ich tun? Den Mann beschatten? Im Casino recherchieren? Unmöglich: Erstens sind wir kein Schnüffelstaat, und zweitens fehlte mir schlicht die Zeit, denn ich habe – wie jeder hier im Haus – ein klar definiertes Produktionsziel.»

Das Produktionsziel liegt bei der Veranlagung von Steuerpflichtigen mit Lohnausweis bei zehn bis fünfzehn Dossiers täglich. Sechs interne Inspektoren sorgen dafür, dass Visconti und seine 250 Kollegen Kommissäre das Plansoll einhalten. Beim Inspektorat handelt es sich um eine interne Kontrolle, die unter anderem mit Stichproben von definitiv veranlagten Steuererklärungen nach Fehlern und Abweichungen sucht – und jene Kommissäre auf den Weg des richtigen Masses und der Vernunft zurückführt, die allzu nachsichtig, zu kleinlich oder zu verbissen veranlagen.

Wer wie Angelo Visconti Selbständigerwerbende und juristische Personen prüft, hat sieben Fälle pro Tag zu erledigen; das heisst, er muss sich auf das Wesentliche beschränken, im Zweifelsfall glauben, was ihm vorgelegt wird. Das bedeute, dass ein ambitionierter Steuerbeamter stets ein bisschen unter den strengen Vorgaben und dem Zeitdruck leide. Er wisse jedoch: Fürs Steueramt gebe es kein Aufstocken beim Personal. Die Politik wolle es so. Sie glaube nicht, dass der Mehraufwand für deutlich mehr Leute sich rechne, dass die zusätzlichen Steuereinnahmen höher ausfielen als der Aufwand für zusätzliche Kommissäre.

Erscheint ihm der Inhalt einer Deklaration allzu bunt oder unverschämt, kann Kommissär Visconti bei den hausinternen Steuerrevisoren anklopfen. Diese Truppe rückt aus und nimmt Firmen auseinander: Das heisst, sie prüft Geschäftsbücher auf Herz und Nieren. Bei Verdacht auf Steuerbetrug kreuzen die Revisoren überfallmässig auf, sonst nach vorgängiger Anmeldung. 1500 Revisionen werden jährlich durchgeführt. Auf den ersten Blick eine beeindruckende Zahl. Doch allein ein umfassender Zugriff auf eine Grossbank wie die UBS oder die CS beispielsweise würde das gesamte Revisorenteam mindestens ein Jahr in Anspruch nehmen.

Der Neugierde eines Steuerkommissärs sind kaum Grenzen gesetzt. Angelo Visconti kann nachschauen, was sein Nachbar verdient. Ein Mausklick verrät ihm das Einkommen und das Vermögen von Leuten wie Opernhausdirektor Pereira, Confiseur Sprüngli oder Pop-Ikone Tina Turner. Kurz, er hat zu allen Steuerdaten der im Kanton wohnhaften Bürger und Bürgerinnen Zugang – zu fast allen. Das Steueramt führt nämlich ein sogenanntes Sonderregister, drei speziell gesicherte Aktenschränke in der DAZA, die nur zwei Personen im 700-köpfigen kantonalen Steueramt zugänglich sind. Im Sonderregister liegen die Steuererklärungen von Bundesrat Moritz Leuenberger, von Christoph Blocher und der Zürcher Regierungs- und Stadträte, des Stadtpräsidenten sowie der Mitarbeiter des Steueramtes.

Und wo sind die Daten jener Steuerpflichtigen Zürichs unter Verschluss, die in den Genuss der Steuerpauschale kommen? Beispielsweise die Akte Viktor Vekselberg, russischer Oligarch und Grossaktionär von Sulzer und OC Oerlikon? Die Frage ritzt das Steuergeheimnis. Aber auch in diesem Fall, sagt Amtschef Hug, gelte der Schutz vor Neugier. Klar ist, die Pauschalbesteuerung von Vekselberg ist Politik, heikle Politik. Die Verantwortlichen auf dem Steueramt äussern sich denn auch mit keinem Wort zum reichsten Zürcher, dessen Vermögen von der Wirtschaftszeitschrift «Bilanz» auf 15 Milliarden Franken geschätzt wird. Vielleicht ist es auch besser so, denn rasch kann ein grosser Steuerzahler wie Vekselberg dem Kanton Zürich verloren gehen, wo doch die Steueroase Schwyz so nah ist. Und Kommissär Visconti und seine Kollegen wissen sehr wohl, dass der Satz «Melkt die Kuh nicht zu sehr!» – ein Satz, den sie häufig von Steuerpflichtigen zu hören bekommen, nachdem sie geltend gemachte Abzüge gestrichen haben – nicht immer eine leere Drohung ist. Vor allem nicht, wenn sie von grossen Tieren ausgestossen wird.

Frage an Robert Huber, Chefinspektor und mit bald dreissig Dienstjahren ein Urgestein des Zürcher Steueramts: «Was zeichnet den guten Steuerkommissär aus?» Antwort: «Er muss einen gefestigten Charakter haben, muss hartnäckig und gleichzeitig flexibel sein und dem Steuerpflichtigen gegenüber charmant aggressiv auftreten können.» Huber mag recht haben. Aber wahrscheinlich ist die Sache viel einfacher, sind diese Eigenschaften sekundär, weil nämlich der Steuerkommissär die stärkste Wirkung entfaltet, lange bevor er mit der Arbeit beginnt und am Schreibtisch unsere Steuerdeklaration begutachtet. Denn er steht hinter uns, wenn wir die Steuererklärung ausfüllen. Und spüren wir nicht spätestens bei Seite 3 – beim Kapitel «Abzüge» – seinen Atem im Nacken?

Kurt Brandenberger ist Journalist; er lebt in Zürich.

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