NZZ Folio 01/94 - Thema: Pleiten   Inhaltsverzeichnis

Carte blanche -- Lob der Grenze

Von Cora Stephan

An den Fall einer der einschneidendsten Grenzen erinnere ich mich noch gut. Auch an die ihn begleitenden entgrenzten Gefühle. Und wie anrührend das war, ihrem langsamen Vergehen zuzuschauen: eben noch Maschinengewehrbewaffnete, aber schon lächelnd. Eben noch Abfertigungshallen, aber schon demoliert. Eben noch eine Unebenheit in der Asphaltdecke, jetzt nicht einmal mehr das. Jetzt überall Come together-Schirme, Grenzenlos gut!-Reklame. Die Grenzen auf. Was sonst?

Das: es gibt Grenzen, die verbinden. Nicht nur in der schrecklichen Wirklichkeit gleich nebenan, wo täglich gewaltsame Grenzrevisionen stattfinden, wo Grenze, wie man im nachhinein erkennen muss, das war, was zusammenhielt. Auch in den friedlichen, zivilisierten Regionen des ausgeruhten Teils Europas macht sich ein Grenzvakuum bemerkbar. Schmerzhaft, wie ich behaupte. Es gibt Grenzen, die ich nicht vermisse. Aber das Erlebnis eines ordentlichen, handfesten Grenzbertritts mit allem Drum und Dran z.B. nach Frankreich- das geht mir ab.

Diese in den letzten Jahrzehnten so friedlichen europäischen Grenzen haben ja keine Gefühle von Eingeschlossenheit vermittelt, von Verbot oder Gefahr, von Bedrohung oder Verlust. Der Grenzbergang mit Pass und gelassenen Uniformierten, die meist sogar freundlich wirkten, hatte vielmehr längst den Charakter eines Rituals gewonnen: des Abschieds, des Willkommens. Ein Ritual, das das Vergnügen begleitete und vermittelte, vom eigenen in ein anderes, ein fremdes Land übergewechselt zu sein, ein Vergüngen, das sich, schipperte man ber den rmelkanal zu den Britischen Inseln, angesichts der White Cliffs of Dover noch immens steigern liess. Die Grenze signalisierte erwünschte Fremdheit- und das Ritual des Grenzübertritts, zusammen mit dem prüfenden Blick des Passbeamten, war eine Art Schnellehrgang in fremden Sitten und Gebräuchen. Und nun: nichts mehr.

Höchstens noch ein bisschen Slalomfahren an verlassenen Grenzerhuschen vorbei, bis zu den Bremsschwellen vor der nchsten Mautstation (ein schwacher Ersatz!). Höchstens noch ein kleines Stauerlebnis vor dem demnächst fertiggestellten Kanaltunnel, eine Barbarei, mit der die britischen Insulaner jahrhundertealte splendid isolation beenden wollen, die aber im Grunde nur das Ende der Gesittetheit, das Ende der Langsamkeit bedeutet- das Ende eines Ritus, der jenem werbenden Verhalten entspricht, das Frauen sich von Männern wnschen. Man nähere sich langsam, mit Bedacht, klaren Absichten und ohne überfallartige Lässigkeit.

Grenzenlos? Dabei erzählen uns die Psychologen schon seit Jahren, dass Kinder Grenzen brauchten- des Anhaltspunktes im Ozeanischen wegen. Dass die symbiotische Entgrenzung von Gefahr sei. Dass Ich-Verlust drohe, wenn niemand mehr Ihren Fahrausweis, bitte sagt- oder so hnlich. Die Suche nach der ultimativen Grenze hat schon den grossen Alexander umgetrieben und die Amerikaner gen Westen gelockt. Was also soll aus der Zivilisation werden, wenn die Grenzen der Welt auf ein bisschen Gedrängel in den Abfertigungshallen der längst ununterscheidbar gewordenen Flughfen zusammenschnurren?

Grenzen verbinden. Bestimmt. Als wir kürzlich unser kleines Hausgrundstck auf dem Land mit einem lichtgrau gestrichenen Holzzaun versahen, standen die sonst eher maulfaulen Männer des Dorfes um uns herum, jeden Knick und jede Rundung fachmännisch kommentierend und die Angelegenheit insgesamt ohne Einschränkung rühmend. Als schliesslich sogar der alte Erwin seinen Vorkriegsbulldog direkt vorm neuen Gartentürchen zum Stillstand brachte, um uns zwischen zwei Hustenanfällen von seinem letzten Krach mit den Behörden zu berichten, wussten wir, dass unser Tun gemeinschaftsbildend war. Grenzen verbinden.


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