«MEIN NAME ist Friedrich Pfister, genannt Fritz, und ich wohne im Augenblick hier in der Herberge zur Heimat, in der ich zu essen und ein Dach über dem Kopf habe.
Aufgewachsen bin ich in Zürich, im Giesshübel. Gelernt habe ich Maurer. Mit 22 bin ich nach Australien ausgewandert, das Wetter hat mir hier nicht mehr gepasst. Ich blieb zwölf Jahre, habe an vielen Orten gearbeitet, in den Minen, auf dem Bau, als Lastwagen- und als Taxifahrer.
Warum ich zurückgekommen bin? Immer dieselbe Frage. Warum bin ich wohl zurückgekommen! Eine Frau habe ich kennengelernt! In Melbourne, im Taxi, sie war Schweizerin, Krankenschwester, sagte from Switzerland, als ich sie fragte, where come you from. Sie hatte Heimweh und wollte zurück und sagte: Komm doch auch zurück, was willst Du denn da.
Wir wohnten dann eine Zeitlang zusammen, in Weiningen, und dann ging halt auch das auseinander. Ich raffte nochmals alle meine Kräfte zusammen und schuftete im Akkord auf dem Bau. Den ganzen Tag Stein auf Stein beigen, den ganzen Tag. Und am Abend kommst du heim, und der Rücken tut weh. Ich habe mich dann selbständig gemacht, als Akkordunternehmer, war sogar im Handelsregister eingetragen. Ich bin von einem Bauunternehmer zum anderen gereist, habe gesagt: da, diesen Preis muss ich haben. Ich habe inseriert und nochmals inseriert, aber niemand hat angerufen, gopferteli.
Seit fünf, sechs Jahren habe ich keine Wohnung mehr. Was damals passiert ist? So richtig weiss ich das auch nicht. Ich habe Waffen gesammelt, habe sie schön aufgehängt, habe ihnen schöne Schächteli gemacht. Uralte Waffen. Eines Tages konfiszierte die Polizei alles, irgendwie trugen sie mich aus der Wohnung. Aufgewacht bin ich auf der Hauptwache. Ohne Zigaretten, ohne Geld. Dann Fingerabdrücke, zack, bumm, und ab in die Psychiatrie.
Ich hätte sechs Monate bleiben sollen. Therapie. Alkohol. Aber nach drei Monaten habe ich ihn gezupft, habe gesagt: So nicht, meine Herren. Ich sagte zum Therapeuten: Ich kündige, ich gehe.
Dann zog ich zum Bruder, der hat ein Autolackiergeschäft. Das ging gerade drei, vier Tage gut. Er hatte ein ganzes Gestell voll Wein und sagte: nimm doch eine. Ich sagte: nein. Dann hat es mich aber doch verjagt, und ich nahm eine: päng, ine! dann die zweite: ine!
Zuerst wollte ich nochmals den knallharten Siech spielen, aber es ging bald überhaupt nichts mehr. Ich packte und zog in den Wald. Ich schlief oft auf dem Üetliberg, wo früher die «Annaburg» war und es jetzt einen schönen gedeckten Picknickplatz hat. Von da sieht man über den ganzen Zürichsee, über die ganze Stadt, bis nach Kloten. Dort breitete ich den Schlafsack aus. Im Winter blies es oft Schnee herein. Am Morgen rollte ich den Schlafsack zusammen und bin ihn im Bahnhof Giesshübel an der Heizung trocknen gegangen.
Später schlief ich im Polizeischiessstand im Albisgütli, der hat ein grosses Dach. Die haben mich dort immer in Ruhe gelassen. Nur einmal kam einer mit einem Hund und sagte: ich komme in fünf Minuten wieder, und dann bist du weg. Es hat in Strömen geregnet, und ich packte meine Gitarre und ging. Das hat weh getan: dass die Gitarre nass wurde. Aber es hat ihr zum Glück nichts gemacht.
Dann bekam ich Probleme mit den Beinen und dem Rücken wegen dem Betonboden im Schiessstand. Da bin ich wieder zum Chipsy gegangen, der im Tramhäuschen im Albisgütli hauste, und sagte ihm: du, ich kann nicht mehr draussen liegen. Ich blieb dort. Dann ist Chipsy gestorben, und sie schlossen das Häuschen. Einmal haben sie mich zusammengelesen, mit Nervenlähmung. Die Kälte und der Alkohol, sagten sie. Und Unterernährung. Und ich sagte: aber schauen Sie mal meinen Ranzen an, ich bin doch nicht unterernährt. Sie meinten: was Sie da in sich hineinleeren, ist vitaminmässig nichts wert.
Jetzt bin ich seit etwa drei Wochen wieder in der Herberge zur Heimat. Ich war letztes Jahr schon mal da, für ein paar Monate, dann musste ich einfach wieder use, hinaus. Bei schönem Wetter sitze ich dann am Waldrand, und nachts schlafe ich dort. Wenn du im Freien schläfst, kommt ab und zu eine Polizeistreife mit einer Stablampe und fragt: lebst du noch? und zieht weiter. Die plagen einen nicht. Einmal boten sie mir ein Hüttli an, aber das wollte ich nicht. Ich gehe doch nicht in ein Hüttli.
Hier in der Herberge ist es schön ruhig. Das Essen ist gut, sehr gut sogar. Kein Vitaminmangel. Bei schönem Wetter kann man an die Limmat sitzen, oder man geht ein wenig ans Bellevue, dort sind noch ein paar andere, und es wird ein bisschen dumm geschwatzt, halt so dieses und jenes. Abends trinke ich dort mein Halbeli, natürlich nicht mein erstes. Danach gehe ich heim, meistens, bevor die Türe zugeht, vor halb 12 Uhr. Das ist die Hausordnung.
Ausser der Gitarre besitze ich ein Buch, «Euro Ephemeride 1900-2005» von der Nasa. Da sind alle Daten der planetarischen Stellungen drin, für jeden Tag. Darin lese ich ab und zu. Astrologie sagt alles aus, ich habe sie eine Zeitlang studiert, privat. Am Himmel sieht man vor der Sonne nur die Venus, den Morgenstern. Sie ist näher an der Sonne als die Erde. Das Weltall ist gross, riesengross. Sie haben ja gar keine Ahnung, wie gross.
Nachts ist es hier ruhig. Und wenn es halt einmal nicht ruhig ist, stecke ich mir Watte in die Ohren. So einfach ist das.»